Kyle Ganns „Solitaire“ und die Inversion der „Neuen Musik“

Gann, der Schlingel, verbindet hier Fahrstuhlmusik mit Mikrotonalität und erzeugt so – mit rein musikalischen Mitteln – eine sehr wirkungsvolle und nachhaltige Wahrnehmungsirritation. Man könnte von einer musikalischen Doppelbelichtung sprechen, bei der stets beide Ausgangsbilder zu sehen sind – aber sie haben offenbar partout keine Lust, zu einem erlösenden dritten Bild zu verschmelzen.

Das kann man schrecklich nervig finden, oder sehr amüsant, oder … aber hört doch bitte selbst:


Kyle Gann ist nicht nur Komponist, sondern auch Musikpublizist im umfassendsten Sinn (also Kritiker, Theoretiker, Historiker, Journalist und Wissenschaftler), was man seinen Kompositionsnotizen anmerkt: Sie sind oft unheimlich ausführlich, ihre Lektüre dauert manchmal länger als das Anhören der Komposition, um die es geht.

Auch zu „Solitaire“ aus dem Jahr 2009 hat er natürlich einiges zu sagen. Hier zwei markante Schnipsel:

I have sometimes thought of myself as the anti-John Zorn. He tried to make everything as fast and discontinuous and disconcerting as possible, and I sometimes try to make everything sound as normal as possible – EXCEPT THAT … And that except that is the piece. […] [„Solitaire“ is] … the opposite of what I think of new music as a genre generally represents: crazy stuff that doesn’t even strike the uninitiated as music, but whose elements are quickly recognized and understood by aficionados.

Es passt ganz gut zu meiner Hörerfahrung, wie Gann hier seine eigene Komposition charakterisiert: Die Fremdheit dieser Musik kommt – sozusagen – von einer „anderen Seite“. Und ganz merkwürdigerweise nimmt diese Fremdheit sogar mit der Zeit noch zu, weil der letztlich beruhigende Gewöhnungseffekt, der beim wiederholten Hören selbst „radikalster“ Neuer Musik  (z. B. „freier“ Geräuschmusik) irgendwann eintritt, hier schlicht ausbleibt.

Aber warum nur (keine rhetorische Frage)?

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Kyle Ganns „Solitaire“ und die Inversion der „Neuen Musik“

„Was kompliziert ist, ist kulturell wertvoll!“

Beim Stöbern und Stochern durch das Blog des 59-jährigen texanischen Komponisten und Musikologen Kyle Gann stieß ich eben auf zwei (1, 2) autobiografische Artikel aus dem Juni 2010, die einige recht ungemütliche Wahrheiten zum Verhältnis von Kunstmusik und Institution enthalten.

Gann war einer der ganz wenigen Musikwissenschaftler, die die Minimal music (einschließlich ihrer manchmal schamhaft kleingeredeten Wurzeln in der Conceptual art) von Anfang an als Kunstmusik intellektuell ernst genommen haben. Zu seinen Favoriten zählen u. a. Laurie Anderson, Philip Glass, Meredith Monk und La Monte Young. Als Musikkritiker war er alles andere als erfolglos (u. a. hatte er in den 1980er- und 1990er-Jahren eine wöchentliche Kolumne in der Village Voice) – was ihn jedoch umtreibt, ist die relative Folgenlosigkeit seines jahrzehntelangen Engagements für die Minimal music in den akademischen Institutionen. Also räsoniert er ein bisschen, warum das so sein könnte:

The sciences … thrive in this environment, and they’re the backbone of the institution. Those professors are in their element, and live honest lives. Knowing them is a constant revelation. The artists, on the other hand, are at a permanent disadvantage. The most creative of them cannot present their work with the kind of empirical verifiability that translates as prestige going up the ladder – except by winning awards administrated by other universities. And those who aim for and achieve any kind of popular or commercial success virtually negate the explicit aims of the institution.

Etwas forciert, aber im Kern plausibel, konstatiert Gann hier nichts Geringeres als eine Art genereller Unverträglichkeit von non-akademisch arbeitendem Kunstmusiker bzw. Komponisten und Institution. Denn mit minimalistischer, experimenteller (bzw., möchte ich hinzufügen: neu-konzeptualistischer) oder gar popmusikalisch inspirierter Kunstmusik ist nun mal grundsätzlich kein Staat zu machen. Diese Musik mag noch so erfolgreich sein, ihr soziokultureller Einfluss gar Legende – der left academia ist und bleibt’s wurscht, denn:

Wealthy people keep the college system alive, and they do not do so disinterestedly. They want, in return on their investment, a kind of cultural prestige, and a kind that cannot be supported by any rabble-rousing populism among the faculty. Arcane, difficult-to-follow academic work feeds that prestige. Sure, you can write about Laurie Anderson in that milieu – but only if you do so in jargon that talks about “postmodern modes of discourse” and “transgendering,” that makes it abstract and difficult to understand and therefore respectable – which means nonthreatening.

Ersetzt man die „wealthy people“ durch „öffentlich-rechtliche Gremien“, scheint mir diese Diagnose im Großen und Ganzen auch auf hiesige Verhältnisse ganz gut übertragbar: Statt selbstlos Wissen zu erwerben und auch zu vermitteln, häuft die institutionalisierte Musikologie auch hierzulande gerne lediglich kulturelle Ressourcen an. Sie strebt lieber nach (kulturellem) Prestige und Status, statt so nüchtern wie möglich zu analysieren, was (musikalisch) ist bzw. war und darüber dann auch so verständlich wie möglich zu schreiben – was ja ihre eigentliche (und zudem jedem Steuerzahler leicht zu vermittelnde) Aufgabe wäre.

Eine komplizierte, am besten dann auch noch aufwändige, am allerbesten zusätzlich noch teure Machart von Kunstmusik scheint am besten zur hermetischen Welt der left academia zu „passen“. Pop, Konzeptualismus, Minimalismus – das macht nichts her, das „kann jeder“, das ist einfach nicht kompliziert genug herzustellen.

If I wrote difficult-to-read books with titles like «Hexachordal Invariance in the Late Music of Roger Sessions», academia would consider me one of the Serious Guys, and I could write my own ticket at some university – but I’m not going to do that. Analysis of «4’33″»? Robert Ashley? Player pianos? Give me a break.

Doch ein Zusammenhang zwischen der formalen Kompliziertheit einer Musik und ihrem (irgendwann einmal entstehenden) soziokulturellen Wert konnte bisher nicht nachgewiesen werden – aus einem einfachen Grund: Es gibt ihn nicht (Wenn es ihn gäbe, wäre die Verfertigung von „relevanter“ Musik erlernbar – was aber ganz offenbar nicht der Fall ist.)

Die Banalität dieser Erkenntnis ist mir bewusst. Warum habe ich dann aber – wie Kyle Gann – trotzdem ständig das Bedürfnis, ästhetisch integere Pop/Konzept/Minimal-Musik (wir reden hier nicht von Musik-Konzepten, die neo-konservativ bzw. reaktionär daherkommen) intellektuell verteidigen zu müssen?

Ganz offenbar, weil doch die überwiegende Mehrheit der institutionalisierten Akademiker weiterhin davon überzeugt ist, der kulturelle Wert eines Musikstücks bemesse sich an seiner formalen Kompliziertheit.

Trist.

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„Was kompliziert ist, ist kulturell wertvoll!“

Lachenmann und die Zombies

Die us-amerikanische Komponistin Mara Gibson besuchte 1998 die Darmstädter Ferienkurse, um bei Helmut Lachenmann etwas über Neue Musik zu lernen. Vor einigen Tagen erinnerte Sie sich im Blog NewMusicBox an diese Zeit:

Lachenmann vehemently told us (particularly the Americans, a.k.a. the “zombies”) to forget everything we had learned up to that point. He encouraged us to develop our own material independently of our teachers. He explained that we are part of a “North American syndrome” that potentially results in work without any “real artistic provocation, just frustrating and boring.”

In Kyle Gann’s Blog PostClassic wird nun seit gestern lebhaft darüber diskutiert (beteiligt sind u. a. John Luther Adams und Samuel Vriezen), wie Lachenmann das damals wohl „gemeint“ habe.

Lachenmann und die Zombies