Lenne Tristano improvisiert über „Imagination“ (1965)

Der bereits im Kindesalter erblindete Lennie Tristano ist sicherlich derjenige unter meinen drei großen ImprovPiano-Idolen – die beiden anderen sind Bill Evans und Cecil Taylor -, über den am wenigsten bekannt ist, der am wenigsten gehört und (vermutlich) verstanden und geschätzt wird.

Kein Wunder, machte er es doch auch der geneigten Hörerin nicht gerade einfach, wie obenstehender Konzertausschnitt, der ausgerechnet im Kopenhagener Vergnügungspark Tivoli entstand, eindrucksvoll belegt: Keine Ansagen, kaum Mimik, dafür aber massenhaft abstrakte, sperrige und vor harmonischer Komplexität berstende Akkordkaskaden – mehr gibt’s nicht*.

Jimmy Van Heusens Song „Imagination“, über den Tristano hier improvisiert, ist – ich habe ihn Dutzende Male gespielt – ein eher leichtfüßiger Schlager aus dem Jahr 1940. Tristano macht aus ihm eine düstere, existenzialistische Erzählung, er viviseziert das harmlose Lied geradezu und treibt ihm dabei gezielt jegliche Leichtigkeit aus. Ich werde unwillkürlich an Jean-Paul Sartres depressionistischen Roman „Der Ekel“ aus dem Jahr 1938 erinnert, in dem ja auch ein Song – allerdings ein anderer – eine wichtige Rolle spielt.

Dennoch verlässt Tristano die Barpiano-Tradition nicht wirklich in Richtung „freier“ Kunstmusik, steht aber sozusagen ständig ganz kurz davor. Das ist verdammt anstrengend zu hören, denn auch wer „Imagination“ gut kennt, verliert hier gelegentlich die Orientierung. Oder ist es am Ende der Pianist, der sich in seinem selbstgeschaffenen Labyrinth verirrt? Nun, ich habe Tristano stets so verstanden, dass er Orientierungsverlust und Entfremdung mit musikalischen Mitteln darstellen wollte. Seine Spielhaltung ist kühl, aber nicht kalt, kontrolliert, aber nicht kalkuliert.

Tristanos Musik vermittelt wohl genau aus diesem Grund keinerlei „Gemütlichkeit“ – ein stärkerer emotionaler Kontrast etwa zu Fats Wallers oder Oscar Petersons Spiel ist kaum denkbar -, sie zwingt den Hörer stattdessen geradezu, sich auf sie zu konzentrieren. Kein Wunder, dass die Publikumserfolge des Pianisten stets sehr überschaubar blieben. Er entsprach (und entspricht bis heute) in keinster Weise dem Klischeebild des Jazzmusikers, der gefälligst im Schweiße seines Angesichts seine ekstatische Arbeit zu verrichten hat und sowieso ständig bedröhnt, d.h. eigentlich immer ein bisschen unzurechnungsfähig ist.

Vermutlich war das Jazzpublikum der 1940er-Jahre von Tristanos „Neuer Sachlichkeit“ eher abgestoßen, denn seine Musik vermittelt in meinen Ohren stets auch folgende Botschaft: „Hört her, ich hab‘ da was Neues, sehr Spezielles gefunden. Ich freue mich, wenn es euch anspricht und gefällt, aber ich bin auf euren Applaus nicht angewiesen. Was auch geschieht, ich sing mein Lied.“

So gesehen bekommt Tristanos oft brüchiges, tastendes und komplett idionsynkratisches Spiel einen Zug ins Aberwitzige, Genialische – und genau so haben ihn wohl seine wenigen Fans, viele davon selber Jazzmusiker, damals auch gesehen: als eine Art Stefan George des Jazz, der wie dieser von seinen Getreuen bedingungslose Gefolgschaft verlangte. Im Gegenzug wurde man in Arkana der Improvisation eingeweiht, die nirgendwo anders zu haben waren. Man verehrte Tristano – oder man ignorierte ihn, tertium non datur.

Die Musiker Warne Marsh, Connie Crothers und Lee Konitz unterwarfen sich zumindest zeitweise vollständig Tristanos ästhetischem Stalinismus und ich sehe mich außerstande, zu beurteilen, ob ihnen das nun künstlerisch gut getan hat oder nicht. Jedenfalls machte allein der Altsaxofonist Konitz eine bis heute andauernde Karriere, während die Pianistin Crothers und der Tenorsaxofonist Marsh lebenslang Geheimtipps blieben, Marsh in jedem Fall zu Unrecht, über Crothers habe ich mir noch keine Meinung gebildet.

Die Mainstream-Musikologie führt Tristano als „Begründer“ des Cool Jazz, was richtig und falsch zugleich ist. Zweifellos war vor allem sein Schüler Konitz ein wichtiger Protagonist dieser Strömung (und ohne Tristano kein Konitz), aber Tristanos Personalstil erinnert mitunter doch eher an Thelonious Monks‘ erratische Klänge als an die gepflegte Ästhetik des Miles Davis der 1950er-Jahre, von Chet Baker, Gerry Mulligan, Stan Getz oder gar George Shearing ganz zu schweigen. Seinen Stil kann man vielleicht am besten als „analytisch dehydrierten Bebop“ bezeichnen.

Auch altersmäßig gehört Tristano eher der Generation Bebop an – er ist sogar etwas älter als Charlie Parker -, die in den tristen 1940er-Jahren ihr künstlerisches Coming Out hatte. Mit letzterem unterhielt er musikalischen Kontakt, der Fotograf Herman Leonard hat das im Jahr 1949 in mittlerweise ikonisch gewordenen Fotos dokumentiert, z. B. diesem hier:

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Billy Bauer (g), Lennie Tristano (p), Eddie Safranski (b) und Charlie Parker (as) beim Proben, New York 1949. Quelle: hermanleonard.com

Der Bekanntheitsgrad der abgebildeten Musiker variiert dramatisch, Parker gehört ja praktisch zum musikalischen Weltkulturerbe, während der Name Lennie Tristano bis heute nur wenigen geläufig sein dürfte. Von dem Gitarristen Billy Bauer, auch ein Tristano-Adept, und dem Bassisten Eddie Safranski fange ich lieber gar nicht erst an … Komischerweise sind mir keine Tonaufnahmen dieser Band bekannt. Bitte melden, wenn jemand was weiß.

Was ich an Tristanos Musik liebe, ist ihre innere Unabhängigkeit, ihr Bestreben, die Dinge möglichst präzise auszudrücken, ihre Virilität – ich empfinde sein Spiel als „männlich“, weil es so phallisch-linear ist, andere mögen freilich genau diese Qualität öde finden – und nicht zuletzt ihr knochentrockener, reichlich versteckter Humor, der sich stets mit einem Schuss Sentimentalität paart. Sie hat mir um 1990 herum entscheidend dabei geholfen, mich dem Jazz zu nähern, ohne meine dem Post-Punk entsprungene „neusachliche“ Anti-Hippie-Haltung aufgeben zu müssen.

Und so muss es sein. Thanks, Lennie.


* Um so starker überrascht die zärtliche Passage ab ca. 2’23“.

 

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Lenne Tristano improvisiert über „Imagination“ (1965)