Bacchuszimmer 3 (Lieberose), 2018


Schloss Lieberose

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Bacchuszimmer 3 (Lieberose), 2018

Sonntags im Schloss

Also in Cottbus, also in Lieberose, also besuchen wir mal diese Kunstausstellung im Lieberoser Schloss (Bild 1), im Rahmen der schon recht bejahrten Veranstaltungsreihe Rohkunstbau, stand ursprünglich mal für Kunst im Rohbau, obwohl das Lieberoser Schloss natürlich kein solcher ist, sondern eher ein Ab-Bau, ein Rest-Bau, eine Ruine.

Der Kurator heißt Mark Gisbourne und hat sich routiniert Mühe gegeben. Aber es ist schon so, dass die Räumlichkeiten & ihre Inszenierung mindestens genauso interessant sind wie die ausgestellten Artefakte.

Das Lieberoser Schloss ist nämlich auf vermutlich typische DDR-Weise heruntergekommen & verludert. Bis auf ein paar bizarre Stuckdecken (Bild 2) ist es leergeräumt und in den DDR-Farben Schweinchenrosa und Pastellgrün ausgemalt.  Der Putz blättert malerisch, gelegentlich liegt auch noch der über-markante Geruch nach DDR-Estrich („Stasimief“) in der Luft, was in mir eine mäßig starke Sehnsucht nach frühen Nach-Wende-Jahren in der Cottbuser Carl-von-Ossietzky-Straße wachruft (siehe auch Ralf Schusters Roman „Medialismus“ in diesem Blog).

Es ist ein fantastischer sonniger Sonntag und meine Aufnahmefähigkeit für die Spinnereien, Absonderlichkeiten & Weinerlichkeiten zeitgenössischer Kunst ist so mittel.

Als Erstes wandere ich in eine Installation der Polin Zofia Kulik mit Hunderten von ausgedruckten Filmstills, die zu einer gewaltigen Bilderwand konstelliert sind, auf die von oben rechts ein ausgestopfter Starenvogel (Rabe? Krähe?) intelligent und neugierig herabglotzt („From Siberia to Cyberia“). Aus den Bildern werde ich nicht schlau, teilweise sind es Filmstills aus Fritz Langs „Metropolis“, teilweise sehr viele sehr ähnliche headshots eines greisen, intellektuell wirkenden Herrn, der offenbar gerade interviewt wird.

Ich wende mich ratlos dem Flachbildschirm vorne links im Raum zu und erfahre, dass der greise Herr wohl ein polnischer Architekt (?) sein muss, der über die Schönheit eines ziemlich gewöhnlich aussehenden, bereits zu drei Vierteln verfallenen Sportstadiums in Warschau parliert, wo sich „Himmel und Erde begegnen“, was in einer Großstadt sehr selten sei. – Nun ja, nicht falsch, aber warum?

Ein Großteil des Videos besteht aus wacklig (bewusst dilettantisch?) abgefilmten Ansichten populärer katholischer polnischer Glaubensstätten, also Wallfahrtsorten, Marienandachtsstätten etc. Meistens natürlich ästhetisch vollkommen gruselig (zumindest nach den global verabredeten Maßstäben der klassischen Moderne), es hat was von „Feldforschung im eigenen Land.“

Komplett zusammenhangslos anders der nächste Raum („Spaltenraum und Strahlenriss“) von Britta und Ron Helbig aka GODsDOGs. Ultraschrill gephotoshoppte Printouts von Bäumen, Sträuchern, Ranken und sich darin jeweils verlierenden Kleinkindern, die auch noch von hinten beleuchtet sind (Bild 3). Der Bildträger ist lichtdurchlässig, also hängen die Printouts (Gemälde?) magisch transluzent an bzw. vor den maroden Schlosswänden, was mich gleich bewundernd den Mund öffnen lässt. Der Höhepunkt, ich sage es lieber gleich, von „Mind the Gap!“, so der Name der Ausstellung. Hingen die zugrundeliegenden Fotos unbearbeitet und etwas kleiner einfach so an der Wand, sie wären zwar schön anzuschauen, aber auch ausgesprochen gewöhnlich. So zeitgemäß aufgemotzt allerdings, in schon schmerzhaft bunten Kirmesfarben, machen sie gewaltig was her.

Im Raum dahinter werde ich gleich wieder nüchtern: Esoterik, wohin das Auge auch blickt. Esoterik heißt ja stets, dass alles, was man sieht, etwas anderes bedeutet, als es den Augenschein hat. Der Esoteriker / die Esoterikerin lässt jedoch stets sehr sorgsam im Unklaren, um was es sich dabei handeln könnte. Also wird, notgedrungen, die Einbildungskraft des Rezipienten erforderlich, um die Leerstellen zu füllen. Hier allerdings werden meine Gedanken in eine ungünstige Richtung geleitet, weswegen ich mir auch den Namen des Künstlers oder der Künstlerin gleich gar nicht merken wollte*: Alles riecht nach New Age-Religiosität, Steinchenpfade am Boden (Traumpfade der Aborigines?), im offenbar in situ gedrehten Video drücken sich schwarze Supermodels in ethnischer Gewandung gegenseitig Kaurimuscheln in die Hände, dazu ertönt heiser und monoton ein Meditationsglöcklein aus einem Lautsprecher (Bild 4). Ich verliere gleich die Lust.

Schon besser die Zynismen des Letten Roman Korovin, der sich gleich viel weniger Mühe gegeben hat (demonstrativ?), er hat sein kleines, helles Räumchen sparsam mit postkartengroßen Fotos von Obst und Gemüse in merkwürdigen Positionen möbliert und dazu jeweils in Deutsch und Englisch passende oder unpassende Beschreibungen direkt an die Wände geschrieben. „Kaspar loves Daigu“ heißt das Ganze und auch hier gibt es jede Menge die Fantasie herausfordernde semantische Leerstellen, die mich jedoch in eine von Sarkasmus grundierte Heiterkeit versetzen.

Zum Abschluss ein weiteres Werk von Frau Kulik, das mich mit ihr wieder versöhnt. Sie ist zu Gast bei ihrer Mutter oder Oma, jedenfalls einer alten, ländlich-sittlich gewandeten Dame, die sie beim Garten umgraben und Ähnlichem vom Klofenster aus mit ihrer Videokamera abfilmt („Filming from the bathroom window“). Dann wieder sind wunderschöne Abendhimmel-Aufnahmen mit Nadelbaum-Silhouetten im Vordergrund zu sehen. Aus dem Off teilt uns die Künstlerin mit, wenn dass das Bild gleich dunkler werde, liege das daran, dass sie die Blende gewechselt habe. Ist doch interessant. – Für mich macht diese Video-Miniatur den gewaltigen gap deutlich, der sich zwischen den Generationen heute noch lebender Menschen aufgetan hat: Hier auf dem Land aufgewachsene mehr oder minder alte Menschen, die immer noch so leben wie im 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert, erdverbunden, schollennah, naturverwachsen, ortsfest, provinziell etc., dort mehr oder minder junge Menschen, die komplett im Digitalen zuhause sind und eben mehr über Blendenöffnungen von Videokameras wissen als über die richtige Pflanzzeit für Winterkartoffeln. Dieser gap, so sinniere ich, ist nicht mehr zu schließen und bewirkt, dass wir unsere Eltern und / oder Großeltern nur liebevoll, aber entfremdet abfilmen können wie Elstern im Baum.


* Fairerweise sei er hier nachgetragen: Kate McMillan. Der Titel der Arbeit lautet „Instructions for Another Future“
Sonntags im Schloss