Anatol Stefanowitsch über Sprachgebrauch im Internet

Vortrag vom 6. Mai 2014:

Etwas später gab Stefanowitsch Philip Banse das folgende Interview, in dem er – für meine Begriffe – seine Message sogar noch besser rüber brachte:

Hier geht’s zum Sprachlog, das Stefanowitsch zusammen mit anderen LinguistInnen betreibt.

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Anatol Stefanowitsch über Sprachgebrauch im Internet

Quantitative Analyse qualitativer Strukturen

Der Linguist Joachim Scharloth (TU Dresden) erzählt im untenstehenden Video ein bisschen darüber, wie Rechner eigentlich Sprache, äh, „analysieren“ können bzw. wie dies ein selbstverständliches Tool von Geheimdiensten beim Abscannen des WWW ist. Das Hauptproblem dabei ist ja, dass Algorithmen kein Bewusstsein haben. Es gibt, soweit mir bekannt, keinen Algorithmus, der lügen (also bewusst die Unwahrheit sagen) oder sich ironisch (also das Gegenteil von dem meinen, was gesagt wird) äußern kann. Selbst schlichte Mehrdeutigkeiten sind unmöglich (Emotionen dagegen lassen sich ganz gut simulieren). Ironische Wendungen (dem Leser der Weltsicht dürften sie bestens vertraut sein) erzeugen bei quantitativer Analyse also durchweg false positives.

Scharloth weiß das alles natürlich – umso verquerer erscheint es ihm, in wie hohem Maß sich (nach seinem Kenntnisstand) Geheimdienste offenbar auf diese quantitative Analyse qualitativer Strukturen verlassen, um „Gefährder“ im Netz ausfindig zu machen. Das hat durchaus komische Züge, was vor allem in der Langfassung seines Vortrags (siehe Link unten) weidlich zur Unterhaltung des Publikums beitrug.

Im eigentlichen Sinn „lustig“ ist das Thema aber nicht – als literarisch versierter Mitteleuropäer muss ich natürlich an Kafkas „Prozess“ und Orwells „1984“ denken. Andererseits: Warum eigentlich? Sind reflexhafte Assoziationen denn automatisch auch richtig?

Die ausführliche Fassung von Scharloths Vortrag, der am 27. Dezember des vergangenen Jahres gehalten wurde, ist hier zu sehen. Der Vortrag dauert 30 Minuten, der Rest ist Diskussion.

Quantitative Analyse qualitativer Strukturen

Pofallas stiller Sieg

Ebenso nüchtern wie vernichtend analysiert der Bamberger Linguistik-Professor Martin Haase im untenstehenden Video die legendäre „NSA-Presseerklärung“ des damaligen Kanzleramtsleiters Ronald Pofalla aus dem August des vergangenen Jahres.

Überraschenderweise stellt Haase fest, Pofalla habe die Aussage „Ich erkläre die NSA-Affäre hiermit für beendet.“ niemals gemacht, seine Formulierung hätte vielmehr gelautet, dass alle gegen die beteiligten Geheimdienste erhobenen Vorwürfe nun „vom Tisch“ seien. Pofalla habe, so Haase, mit dieser reichlich unscharfen Wendung aber listenreich und absichtsvoll Presse und öffentlicher Meinung eine verbale Steilvorlage geliefert, um das Thema im damals bevorstehenden Bundestagswahlkampf klein zu halten, ohne als Meinungsdiktator dazustehen.

Pofallas Strategie, so Haase, sei voll aufgegangen. Die NSA-Affäre war kein großes Thema der Bundestagswahl, Angela Merkel wurde wiedergewählt. Die anschließend kübelweise über Pofalla ausgegossene Häme, so möchte ich hinzufügen, verschleiert also eigentlich eher den durchschlagenden Erfolg von dessen Öffentlichkeitsarbeit, als dass sie irgendeine „Protestwirkung“ gehabt hätte.

Haase mutmaßt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass im August 2013 noch komplett unbekannt gewesen sein sollte, dass das Mobiltelefon der Kanzlerin ebenfalls abgehört wurde. Dies sei aber, wiederum, erst nach der (gewonnenen) Bundestagswahl skandalisiert worden – durch Merkel selbst.

Haase konstatiert nicht ohne Bewunderung, Pofalla habe es, ohne sich mit einer platten Lüge zu belasten, dennoch mit rein sprachlichen Mitteln geschafft, die öffentliche Meinung eine (entscheidende!) Weile lang in seinem Sinne zu beeinflussen.

Und das, sage ich, muss ihm erst mal einer nachmachen. Guter Mann, der Pofalla. Vielleicht sollte ihn die Piratenparei als Öffentlichkeitsarbeiter verpflichten. Ist aber jetzt nur mal so ne Idee.

Pofallas stiller Sieg