Lokale Kulturpolitik macht müde und traurig, Dramolett

Die Dialoge dieses Dramoletts beruhen auf einer wahren Begebenheit in einer süddeutschen Mittelstadt im Jahre 2012. Alle Personen existieren wirklich. Es handelt sich jedoch nicht um ein Protokoll. Alle Sätze sind frei erfunden, wenn auch dem realen Gespräch nachempfunden.

Lokale Kulturpolitik macht müde und traurig

Dramolett

Personen:
LKP Lokaler Kulturpolitiker
FB Festival-Berater
EK E-Komponist
VJS Vetreter der jugendlichen Subkultur
HH Hip-Hopper
ESS Erfolgreicher selbständiger Schauspieler
A-LKP Assistentin des lokalen Kulturpolitikers

Hoch über der Stadt. Alle sind außer Atem vom mühsamen Aufstieg

LKP mit sanfter Entschlossenheit … wollte ich mich heute hier mit Ihnen treffen, weil man die Kulturpolitik nicht Menschen überlassen sollte, die von Kultur keine Ahnung haben! Sehen Sie, ich bin ja der erste auf diesem Posten mit kulturellem Hintergrund. Vorher: alles Juristen! Mein Gott, jetzt sind wir endlich einmal unter uns, sozusagen. lächelt milde solidarisch Jetzt erzählen Sie doch mal, wie es ihnen so ergeht als freie Kulturschaffende!

VJS leicht rotzig Es ist schon lustig: Erst gibt uns die Stadt mit großem Trara diesen Preis, dann wollen wir mal ein Konzert veranstalten, und jetzt gibt’s ewig Probleme mit dem Ordnungsamt wegen dem Getränkeausschank. Ich mein, hallo, da braucht man sich halt nicht wundern, wenn die Leute nach dem Studium gleich wieder weggehen aus dieser schönen Stadt.

LKP eilfertig Name des Sachbearbeiters im Ordnungsam …?

VJS herausplatzend… Müller

LKP leidend Ja, das ist wirklich fürchterlich, es quält mich seit Jahren: Meine Abteilung fördert die Künstler durch Preise und Auszeichnungen, dann gehen Sie selbstbewusst eine Tür weiter im Rathaus in die nächste Abteilung wegen irgend einer Genehmigung und werden so schlecht behandelt wie immer. blickt bekümmert Sollte es wirklich nicht klappen mit der Schanklizenz, dann schreiben Sie mir doch mal eine E-Mail … gut, ich brauche halt immer ein paar Tage, bis ich antworte …

Allgemeines Schweigen.

LKP sanft auffordernd Jürgen, jetzt erzähl du doch mal!

ESS etwas ratlos Also ich habe keine Probleme. Läuft alles super!

EK giftig Tschüss!

ESS lässt sich nicht irritieren Nach meiner Erfahrung kann man sich auf die Zusagen und Versprechen öffentlicher Stellen eben überhaupt nicht verlassen! Erst seitdem ich meine Performances mit Partnern aus der Privatwirtschaft organisiere, läuft die Sache reell. Na gut, wenn dann die Hütte nicht voll wird, bleib ich halt mit 9.000 Euro Schulden sitzen …

EK hakt ein Ok, das funktioniert vielleicht bei dir, weil du Sachen machst, die sich an ein breites Publikum richten, aber mit meinen Sachen, Improvisierte Musik und so, geht das nun mal nicht!

HH nickt Genau!

Allgemeines Schweigen.

FB initiativ Wir würden unserem hoch erfolgreichen popkulturellen Event gerne auch mehr äh … Kontur verleihen, interessantere Bands einladen etc. Vielleicht könnten wir sogar dazu übergehen, den Bands Gagen zu zahlen, hehe, das ginge aber selbstverständlich nur durch entsprechende Fördergelder der Stadt!

LKP leicht angewidert Soso. Aber Sie machen doch eine Menge Umsatz mit dem Getränkeausschank … ?

FB schnell … der komplett für die Organisation draufgeht natürlich!

Allgemeines Schweigen.

FB erneut initiativ Da muss ich mal eine lustige Anekdote erzählen. Letztens fragte ich eine Band aus Frankreich, die bei uns umsonst aufgetreten ist, ob denn das Gegenteil auch mal möglich wäre: Auftritt einer deutschen Band bei denen für umsonst. Da haben die ganz erschrocken abgewehrt: So was sei in Frankreich illegal! Ist doch witzig, oder?

LKP resigniert Ja, die französische Kulturpolitik … da wird der Künstler einfach mehr geschätzt. Hierzulande hingegen …

EK zornig Wenn wir schon beim lustigen Anekdotenerzählen sind: Bei der letzten freien Theaterproduktion, zu der ich die Musik komponieren durfte, blieben die gesamten Einkünfte beim Plakatgestalter und beim Bühnentechniker hängen. Ich bekam gar nichts und …

LKP unterbrechend … nun gut, in dieser Szene sind die Probleme aber auch oft hausgemacht!

EK verstummt, verblüfft

LKP fährt fort … sehen Sie, wenn ein Verein oder eine Organisation ankommt, kann die Politik eben ganz anders reagieren, als wenn einzelne Künstler um Förderung nachsuchen. Da sind wir dann mit unserer Geduld sehr schnell am Ende. Das ist eben schwer vermittelbar im Stadtrat!

EK schweigt ratlos

Allgemeines Schweigen.

A-LKP schenkt Wasser und Wein nach, lächelt aufmunternd

LKP dem FB zugewandt Sehen Sie, als ich vor einigen Jahren in dieses Amt kam, hatte ich die strukturellen Probleme ihres Festivals schon ganz genau so analysiert, wie Sie es jetzt sagen, also ich meine, zu viel Masse, keine Kontur, keine Kante und so, nur, das gebe ich zu, habe ich mich damals nicht getraut, das auszusprechen.

Allgemeines Schweigen.

LKP immer müder werdend Ich wollte halt damals nicht als arrogant darstehen, man gilt ja immer gleich als arrogant hier, wenn man etwas verändern will, zumal wenn man, wie ich, einen kulturellen Hintergrund hat und fast ausschließlich von Leuten umgeben ist, die der Kultur nicht besonders nahestehen, mit denen man sich über nichts unterhalten kann!

Allgemeines Schweigen.

EK initiativ Brauchen wir eigentlich überhaupt noch lokale Kulturpolitik im Zeitalter der Neuen Medien, Internet und so? Also als Künstler orientiere ich mich doch eher global an den Leuten, die so was Ähnliches machen wie ich, den lokalen Hip-Hopper, Entschuldigung jetzt, brauche ich doch gar nicht dafür. Eigentlich ist es mir auch egal, wie der klarkommt … äh sorry, das klingt jetzt hart …

HH unsicher Passt schon.

LKP sehr leise, sehr müde Ja, das ist es doch, ich bewege mich täglich in so vielen kleinen Welten, in diesen geschlossenen Mikrokosmen, und im Großen und Ganzen ändert sich aber nichts, da ist diese verdammte allgemeine Behäbigkeit – ich dachte jetzt eigentlich, wenn ich die Leute mal hier zusammenbringe, dann ändert sich vielleicht was … die Atmosphäre … ich weiß ja auch nicht.

Allgemeines Schweigen.

LKP gibt sich einen leichten Ruck Ja, dann danke ich Ihnen für den interessanten Gedankenaustausch, vielleicht können wir das ja bei Gelegenheit mal fortsetzen, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend … es ist jetzt noch jede Menge Brot und Käse übrig, wenn jemand was mitnehmen will, nur zu …

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Lokale Kulturpolitik macht müde und traurig, Dramolett