Luc Ferrari macht einen Film über Cecil Taylor (1968)

Die Machart der Dokumentation zeigt sich deutlichst von der damals grassierenden Nouvelle Vague beeinflusst (Text-Inserts, Kolorierungen). Taylor sieht sehr gut aus (Die Sonnenbrille, die leicht erratische Diktion und der coole, betont intellektuelle Existenzialisten-Habitus – schwarzer Rolli, qualmende Kippe – machen ihn geradezu zu einer afroamerikanischen Variante des damaligen Hip-Regisseurs Jean-Luc Godard.), ist ebenso unsicher wie von namenloser Arroganz, die Musik ist erstaunlich frisch und un-abgenutzt (Warum eigentlich? Vieles aus dem Jahr 1968 kann man nun doch wirklich nicht mehr hören.).

Seine Äußerungen sind ebenso enigmatisch wie er charismatisch ist. Zwei seiner Gedanken zum Thema musikalische Improvisation, die ich buchstäblich herausgehört habe, seien der/dem WeltsichtleserIn nicht vorenthalten:

The problem with written music is that it divides the energies of creativity. In other words, while my mind may be divided looking at a note, my mind is instead involved with – hearing that note, playing that note – combining the action, making one thing of action.

(@22’50“)

Improvisation is thought informed by passion conditioned by knowledge.

(@39’50“, sinngemäß)

Auffällig, wie Taylors Mitmusiker Jimmy Lyons (Saxofon), Alan Silva (Bass) und Andrew Cyrille (Schlagzeug) sich letztendlich einfach folgsam um ihn scharen, von demokratischer Kollektivimprovisation kann hier wohl kaum die Rede sein, Taylor gibt die Impulse, die anderen folgen und funktionieren, was mitunter nahezu „fremdgesteuert“ wirkt. Ihr Respekt scheint  gelegentlich sogar in eine mit Ängstlichkeit gemischte Ehrfurcht umzuschlagen.

Luc Ferrari macht einen Film über Cecil Taylor (1968)

„Die Audiokünste nach der digitalen Revolution“: Radio-Interview mit Harry Lehmann

Harry Lehmann (*1965)
H. Lehmann (*1965)

Das Interview wurde erstmals am 19. Juli 2013 im Rahmen der Reihe hör!spiel!art.mix auf Bayern 2 Radio ausgestrahlt.

Zur Seite der Sendung geht’s hier, von dort kann der ca. 55-minütige Beitrag gestreamt werden.

Hier kann man das Ganze als hochauflösendes MP3 herunterladen (224 kBit/s, 88 MB).

Das Interview zeigt Harry Lehmann in gelockerter, aber konzentrierter Stimmung, der Interviewer Norbert Lang ist sehr gut vorbereitet und lässt seinem Gast viel Raum. Wer keine Zeit oder keine Muße hat, sich durch Lehmanns Musikphilosophie zu kämpfen (die allerdings soo umfangreich bzw. schwer verständlich auch nicht ist), bekommt hier eine kompakte, gut verständliche Einführung in Lehmanns Thesen aus erster Hand. Man kann sich natürlich auch in meine fortlaufenden Gedanken zu Lehmanns Musikphilosophie hier auf diesem Blog vertiefen.

Besonders freue ich mich, dass das Werk Luc Ferraris mittlerweile einen nicht unwichtigen Platz in Harrys Theorie eingenommen hat. Ferraris 21-minütiges Hörstück „Presque rien ou Le lever du jour au bord de la mer“ von 1970 wird als ein frühes Beispiel relationaler Musik ausdrücklich gewürdigt. Mehr zu Ferrari auf diesem Blog gibt’s hier.

„Die Audiokünste nach der digitalen Revolution“: Radio-Interview mit Harry Lehmann

Je suis un Ferrarista!

Luc Ferrari (1929 - 2005)
Luc Ferrari (1929 – 2005)

I was a kid during the Second World War and even before that my parents had one of the first radio sets, and there was Radio London. I can still remember those four timpani strokes, and then that mishmash of voices scrambled by electronic devices, through which you could hear those surrealistic messages, like cadavres exquis!

Immer fliegen die Klangobjekte herum, immer so unaufgeräumt, aber doch alles andere als chaotisch, nie weiß ich, wo ich wirklich bin, wo oben ist, wo unten, aber es ist kein Mobile, wo alles an feinen, genau austarierten Fäden hängt, wo ich so ungefähr weiß, was auf mich zukommt – nein: alles bleibt offen, unausrechenbar. Dennoch entsteht nie der Eindruck des Zufälligen, bloß Aufgehäuften.

Darmstadt was in ruins. […] Terrifying. But there were some smashing girls! You had to choose between serialism and girls. I chose girls.

Luc Ferrari ist vielleicht am Besten als musikalischer Surrealist zu bezeichnen. Warum? Der Surrealismus (etwa im Sinne René Magrittes) belässt die dargestellten Objekte, wie sie sind, setzt sie aber in ein, hm, ungewohntes Verhältnis zueinander. Welchen Regeln dieses „ungewohnt“ folgt, bleibt dann jeweils dem Geschmack des einzelnen Künstlers überlassen.

Messiaen was inspiring when discussing other people’s music, and he was unbearable when he talked about his own! (Laughs) He kept going on about the birds, and I couldn’t care less about birds, and then it was colours, these chords which were mixtures of colours, and it all seemed so incredibly naïve to me. And the Lord God, Jesus and Mary and all that came up again and again in what he said, and I was completely atheist. Bugged the hell out of me.

Ferraris Geschmack war der eines exzessiv verspielten Kindes: er probierte alles, aber auch wirklich alles aus, nahm es komplett auseinander und setzte es dann wieder verkehrt zusammen.

I started collecting sounds without any preconceived notions other than a desire to insert into musical discourse a sound that basically didn’t belong there.

Ich habe mich durch das über 10-stündige „L’œuvre électronique“ durchgehört! Hier meine Favoriten in chronologischer Reihenfolge der Entstehung:

  • Visage V (1959, 10’40“) – Musique concrète in höchster Vollendung: schroff, virtuos, selbstbezüglich
  • Presque rien ou Le lever du jour au bord de la mer (1970, 20’51“) – Field recordings des morgendlichen Erwachens in einem kroatischen Fischerdorf, die zu einer vermeintlich „authentischen“ Klangerzählung kondensiert wurden
  • Presque rien n°2 „Ainsi continue la nuit dans ma tête multiple“ (1977, 21’39“) – mein Favorit unter den Favoriten: field recording einer nächtlichen insektenkundlichen Exkursion mit dem Ehepaar Ferrari, angereichert durch elektronische und instrumentale Klänge
  • Archives génétiquement modifiées (2000, 24’50“) – obsessiv-repetitive Klangcollage von suggestiver Eindringlichkeit
  • Les Arythmiques (2003, 40’15“) – Ferraris idiosynkratische Montage idiosynkratischer Klangpartikel generiert akusmatische Hochspannung

I think it’s good to have a really strong concept – and then to forget it.

[Die Ferrari-Zitate entstammen sämtlich dem Interview, das Dan Warburton am 22. Juli 1998 mit dem Komponisten führte. Es ist hier in voller Länge nachzulesen.]

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