„Postmoderne“ – Janusköpfigkeit eines Begriffs

Marci Shore, eine junge Osteuropahistorikerin an der Yale University, publizierte jüngst einen sehr klar argumentierenden Artikel, der darlegt, warum der Alternative Facts-Zynismus Trumps und vor allem Putins durchaus als (unbeabsichtigte) Folge des einst anti-totalitär und aufklärerisch gemeinten Projekts „Postmoderne“ verstanden werden kann.

Dabei nimmt sie – im Gegensatz etwa zu Jordan B. Peterson – die philosophischen Urheber des postmodernen Denkens Jacques Derrida und Jean-François Lyotard gegen ihre skrupellosen „Erben“ in Schutz:

Derrida himself believed in hospitality, in friendship, in forgiveness. He was not a moral nihilist. Yet today, ideas that originated in the critical sensibility of the Left have been reconfigured as weapons of the Right. The philosophy Derrida conceived as an embracing of responsibility has been appropriated as an abdication of responsibility.

Die basale philosophische Operation des postmodernen Wissens – oder soll man sagen, seine ideologische Grundlage? – formuliert Shore ganz kurz und bündig so…

The postmodern world begins when we move from epistemological uncertainty to ontological uncertainty.

…und führt weiter aus:

If modernity was the attempt to replace God, postmodernity began when we gave up on replacing God, when we accepted that there was neither a God nor a viable surrogate.

So ist es letztlich nur konsequent, dass…

[…] both American capitalism and post-Soviet oligarchy employ the same public relations specialists catering to gangsters with political ambitions.

Im Prinzip war mir die Verwandtschaft von Postmoderne und Public Relation klar, aber Shore bringt diese nicht vollkommen triviale Sachlage besser und verständlicher auf den Punkt, als ich es jemals irgendwo anders gelesen habe. Danke.

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„Postmoderne“ – Janusköpfigkeit eines Begriffs