Greif über Popmusik als Gefühlsspeicher

… [this] section of the book* … tries to ask … why it is that certain veins of popular music — post-punk, hip-hop — have managed to keep alive for people genuinely important feelings, emotions, memories, which you just can’t utter elsewhere in the general culture. But it has done so, often, on the basis of forms which, precisely because they are forms of youth or because the lyrics are kind of stupid in the nature of great lyrics, or because they only fully function when you’re hearing the music at the same time, can’t really be brought out into the light of everyday public discourse.

Daniel Cohen Interview with Mark Greif (The White Review 2017-04)

Mark Greif?


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Greif über Popmusik als Gefühlsspeicher

Öffentlichkeit? Welche Öffentlichkeit?

greif_markMark Greif, Mit-Herausgeber des US-amerikanischen Magazins n+1, kommt in einem aktuellen Artikel für chronicle.com zu folgendem Schluss:

Something has gone wrong in our collective idea of the „public.“

Ich wurde neugierig und  fragte mich bei der Gelegenheit ganz unschuldig „Für wen schreibe ich eigentlich? Wer ist ‚meine‘ Öffentlichkeit?“ und schließlich, schon weniger unschuldig, „Welche Maßstäbe lege ich eigentlich an meine imaginäre Leserin an? Was will ich von ihm? Ihn erziehen? Oder doch nur unterhalten? Oder vielleicht gar, äh, ‚verstören‘?“

Greif blickt in die Geschichte und erinnert an das mittlerweile eingestellte Magazin Partisan Review, welches vor allem in den 1940er- und 1950er-Jahren Maßstäbe für den linksintellektuellen Diskurs in den USA gesetzt habe (Autoren waren u. a. Clement Greenberg, Hannah Arendt, Lionel Trilling und solche Kaliber). Dergleichen, so Greif, gebe es ja heutzutage nicht mehr (offenbar rechnet er sein eigenes Magazin nicht in diese Liga). Grund dafür sei aber sicherlich kein Mangel an Geist, Intellektuelle gebe es mehr als genug, aber, so Greif, sie begriffen sich ganz offenbar nicht als öffentlich („public intellectuals“). Warum das so ist, dafür macht Greif zwei Ursachen aus: die „Universitätisierung“ („universitization“) der intellektuellen Klasse sowie deren verzerrtes Bild von Öffentlichkeit.

Bei der Gründung von n+1 vor ca. 10 Jahren, berichtet Greif, seien er und seine Co-Herausgeber der „naiven“ Meinung gewesen, es würden sich schon genügend unzufriedene junge Uni-Professoren als Autoren finden. Dem sei aber nicht so gewesen – bis heute nicht. Die besten Artikel  – bzw. überhaupt Artikel – seien dagegen von fortgeschrittenen Studenten („graduate students“) verfasst worden. Wenn ein junger Uni-Professor dann doch mal was beitragen wollte, sei oft Folgendes passiert:

When these brilliant people contemplated writing for the „public,“ it seemed they merrily left difficulty at home, leapt into colloquial language with both feet, added unnatural (and frankly unfunny) jokes, talked about TV, took on a tone chummy and unctuous.

Lionel Trilling Sitting in ChairGreif lastet dieses Versagen allerdings konstruktiverweise nicht tiefgreifenden kollektiven Charaktermängeln der Jung-Professoren an (er ist ja selber einer), sondern ihrer Verunsicherung darüber, für wen sie denn eigentlich schrieben, wenn sie sich schon mal außerhalb ihres akademischen Käfigs betätigen dürften. Die „brillanten“ Jung-Akademiker hatten ganz offenbar kein klares Bild mehr vom Bildungsstand ihrer potentiellen LeserIn, sie „schwammen“ und wussten nicht, auf welcher „Ebene“ sie denn nun eigentlich schreiben sollen. Sollten sie schreiben wie in ihren Fachjournalen? Dann bestand Gefahr, weder verstanden noch gelesen zu werden. Also biederten sie sich lieber einem dubiosen Bild von „Öffentlichkeit“ an – und es wurde peinlich und un-authentisch.

Diesen Autoren ist ganz offenbar eine „mittlere Artikulationsebene“ abhanden gekommen, die den Autoren der Partisan Review 1955 noch selbstverständlich war:

My sense of the true writing of the „public intellectuals“ of the Partisan Review era is that it was always addressed just slightly over the head of an imagined public — at a height where they must reach up to grasp it. But the writing seemed, also, always just slightly above the Partisan Review writers themselves. They, the intellectuals, had stretched themselves to attention, gone up on tiptoe, balancing, to become worthy of the more thoughtful, more electric tenor of intellect they wanted to join. They, too, were of „the public,“ but a public that wanted to be better, and higher.

Es gibt zweifellos eine „spezifische Artikulationsebene“, also wissenschaftliche Fachzeitschriften mit sehr wenigen LeserInnen, bei denen man von relativ homogenem, aber hochspezialisiertem Hintergrundwissen ausgehen kann – und es gibt natürlich eine „allgemeine Artikulationsebene“, das sind Massenkommunikationsmedien wie Focus oder der Spiegel, die über sehr viele LeserInnen mit heterogenem, aber fraktal gestreutem Hintergrundwissen verfügen – beide systemrelevant, keine Frage.

Die „mittlere Artikulationsebene“, also Publikationen für wenige LeserInnen mit heterogenem, aber reichhaltigem Hintergrundwissen, scheint mir aber ebenso systemrelevant zu sein, schließlich vermittelt sie zwischen spezifischer und allgemeiner Ebene. Und genau hier sehe ich die Weltsicht positioniert. Oder, wie ich in meinen Permanently Unasked Questions einst schrieb:

Q: Warum schreibst du ständig über Sachen, die keine Sau interessieren? – A: Weil sie mich interessieren!

Die Formulierung „Das interessiert keine Sau.“ „ginge“ in einer „seriösen“ wissenschaftlichen Publikation gar nicht, Artikel über Mikrotonale Musik oder den Neuen Konzeptualismus wiederum würden vom Spiegel höchstwahrscheinlich als „die Öffentlickeit nicht interessierend“ kategorisch abgelehnt. Schon sind wir bei Notwendigkeit einer „mittleren Artikulationsebene“ angelangt, q. e. d.

Und so rufe ich – mit Greif – den desorientierten Jung-Akademikern zu:

Public intellect is most valuable if you don’t accept the construction of the public handed to us by current media. Intellectuals: You — we — are the public.

Öffentlichkeit? Welche Öffentlichkeit?