Nichts, was von Bedeutung wäre

Und dann fragte ich mich, was können »wir armen Menschen-Schweine« (Clausi-Mausi) gegen das Übel Determination tun? Wir, die Bewohner des therapeutischen Jahrhunderts, sind einfallslos wie Ameisen, die lieber ein Leben lang Grashalme schleppen, statt in der Sonne zu liegen, Camus zu lesen, Gainsbourg zu hören, sich die Eier zu kratzen.

Dieses Zitat erfasst die weltanschauliche Quintessenz von Billers nach Die Tochter erst zweitem, dafür aber überaus voluminösem Roman „Biografie“, der im vergangenen Jahr erschien, ganz gut: trans-sarkastische bzw. trans-zynische Abgeklärtheit, eine Art kompletter Ausgebranntheit der Seele, nicht unähnlich der Haltung einiger Houellebecq-Protagonisten, nur (natürlich) mit ausgeprägt jüdischem Kolorit (bzw. der Biller’schen Variante davon).

Der ganz auf Krawall gebürstete Hass-Biller der 1980er-Jahre lebt immer noch, jedoch ist er lediglich „älter geworden, aber nicht reifer“, wie der Protagonist von „Biografie“ mal über sich selbst sagt. Und so verheißt der Romantitel auch mehr an Selbstreflexion, als das Buch dann wirklich einlösen kann. Denn immer noch begnügt sich der Protagonist damit, seinen ätzenden Spot flächendeckend über die Welt auszuschütten und schont dabei weder Nicht-Juden (ist zu erwarten), noch Juden (ist auch zu erwarten, wenn man Biller kennt), noch sich selbst (siehe oben).

Dennoch habe ich durchgehalten, denn Biller bleibt der glänzende Stilist, der er immer war. Seine Inhalte sind ein wenig verschlissen, seine literarisches Können ist es nicht. Die Metaphern sind fast immer witzig, überraschend und intelligent, der Satzbau angenehm und die kunstvolle Nachahmung diverser Jargons, Dia- und Soziolekte sorgt für zusätzliche Abwechslung.

Hätte Biller nun auch noch etwas zu erzählen, das über die mal schonungslose, mal larmoyante Schilderung seiner neurotischen Befindlichkeiten hinausgeht – er würde rasch zu einem der anerkanntesten deutschsprachigen AutorInnen der Gegenwart avancieren. So aber bleibt nach der Lektüre von „Biografie“ – die sich in meinem Fall geradezu endlos, sprich über Monate, hinzog – eine gewisse Leere zurück, die nicht unähnlich der Leere ist, die ich nach der Lektüre von Wallaces „Unendlichem Spaß“ empfand.

Wir rennen einmal, zweimal, dreimal die Woche zu unserem untherapierbaren Therapeuten, machen ihn, als hätten wir nicht genug komplizierte Beziehungen, zu unserer Seelengeisel und wundern uns, dass trotzdem nichts besser wird – außer dass wir nach einem Jahr in treatment dem Kindheitsleid nicht mal mehr metaphysische Bedeutung abgewinnen können. Dann stehen wir an einem herrlichen Sommermorgen am Grabmal des unbekannten Missbrauchsopfers, das wir selbst sind, und fühlen nichts, was von Bedeutung wäre…

Es ist dies keine „leere Leere“, sondern eine qualifizierte, spezifische, zeittypische Leere, die besser „Entleerung“ genannt werden sollte. Das Schlagwort vom „erschöpften Ich“ fällt mir ein, aber was soll das in Billers Fall genau heißen?

Nun, vielleicht so: Der Protagonist des Romans sieht sich als Moralist und Aufklärer, der auch „seine Leute“ (d. h. nach 1945 in Deutschland lebende Juden) nicht schont und gerne als „Gauner“ und „Verräter“ abkanzelt. Zu Beginn von Billers Karriere war eine solche Haltung neu, aufregend, unerhört und verschaffte ihm ausreichend Anerkennung bei der postmodernen Linken (also z. B. mir damals) und mehr als ausreichende, d. h. umsatzfördernde Ablehnung in allen anderen Milieus (vgl. auch Reich-Ranickis Diktum „Mit dieser Art von Literatur möchte ich mich lieber nicht beschäftigen.“, das stolz auf dem Umschlag eines frühen Biller-Bücher prangte). Im Jahr 2017 jedoch wird aus Provokation Affirmation rechtpopulistischer bzw. rechtsradikaler Gemeinplätze („Der Jude ist an allem Schuld.“) – und das ist dann plötzlich das Gegenteil von cool.

Das weiß Biller natürlich auch, weshalb seine weiterhin geäußerte (maskierte) Kritik an Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis (?) und vielen anderen „Nachkriegsjuden“, die ich namentlich gar nicht kenne, in „Biografie“ eher einen Nebenkriegsschauplatz darstellt. Auch das Verhältnis des Protagonisten zu Frauen spielt zwar eine gewichtige Rolle, ist aber lange nicht so prominent wie in Billers höchstrichterlich verbotener Erzählung „Esra“.

Stattdessen schiebt sich das Thema Männerfreundschaft auf subtile Weise nach vorne: Die einzige Person, von der der Protagonist über die vielen Seiten des Buchs fast stets mit Zärtlichkeit spricht, ist „Noah“, ein ADHS-geplagter Millionenerbe, dem es selbst durch Inszenierung seines eigenen Todes nicht gelingt, seiner haßgeliebten „Jüdischkeit“ zu entkommen.

So rabiat unsympathisch der Rest des Romanpersonals trotz aller Verdienste dargestellt wird, so allesverzeihend zärtlich kommt „Noah“ mit all seinen durchaus fragwürdigen Kapriolen in den Augen des Ich-Erzählers davon. Aber so ist das eben bei Biller: Trotz fraglos vorhandener enormer literarischer Differenzierungsfähigkeiten tendiert er zur Schwarzweißmalerei.

Exakt dieser Widerspruch macht das Lesen seiner Texte dann aber auch wieder interessant, wenn auch überaus anstrengend, weswegen die Lektüre von „Biografie“ nur der literarisch geübten und leidensfähigen Leserin hiermit ausdrücklich empfohlen sei.

[Beide Zitate aus: Maxim Biller: „Biografie“, 2016 (Viertes Buch, viertes Kapitel)]

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Nichts, was von Bedeutung wäre