„Medialismus“, Roman: 38. Kapitel

Ralf SchusterAm nächsten Tag saß ich verschlafen in meinem Büro und zum Glück wollte niemand etwas von mir. Ein eigenes Büro zu haben, war für mich neu, zugleich beruhigend und komfortabel. Die Konsolidierung meines Arbeitslebens wirkte sich besonders an jenen Tagen wohltuend aus, an denen ich die Exzesse des Vorabends ausbaden musste, und so freute ich mich an der Gewissheit, bezahlt zu werden, auch wenn ich dösend im Zimmer saß und darauf spekulierte, nicht gestört zu werden.

In der Tat störte mich an jenem Tag niemand. Die meisten Studenten waren bei der Party gewesen. Auch wenn es vielleicht ratsam gewesen wäre, sich um die laufenden Projekte des Studiums zu kümmern, schliefen sie vermutlich. Für mich gab es außer einigen banalen Untertitelungen eines englischsprachigen Interviewfilms nichts zu tun. Da nichts Konkretes dagegen sprach, die Sache vor mir her zu schieben, auf morgen, übermorgen oder die folgende Woche, machte ich keinen Finger krumm.

Als das Telefon klingelte, überlegte ich, ob ich überhaupt ran gehen sollte, denn es war durchaus denkbar, dass sich eine anspruchsvolle Aufgabe ankündigte, deren Bewältigung mich in meinem verkaterten Zustand überfordern könnte. Aber es war noch schlimmer, es war Achim, der nach monatelangem Schweigen dringend mit mir reden musste. Die Telefonnummer hatte er wohl von Martin erfahren. Es ging ihm, wie kaum anders zu erwarten, um Marianne, denn die habe nun ihr unsägliches Theaterstück, das auf seiner Mitarbeit beruhe, inzwischen fertig. Ein schreckliches Machwerk, das zu seinem Entsetzen sogar aufgeführt werde, natürlich im Südwesten der Republik. Dort, wo die Menschen Arbeitslosigkeit nur aus den Nachrichten kennen würden, habe das Stück inzwischen Premiere gefeiert. Das Scheißstück von der blöden Marianne, der alles wurstegal sei, nur ihr Geschreibe nicht, aber er habe sich den Dreck angeschaut, obwohl es ihm schwer gefallen sei, es bis zum Ende auszuhalten, und es gebe, da seine Versuche gescheitert seien, mit der Theaterleitung den Eklat auf diplomatische Weise zu vermeiden, indem das Stück vom Spielplan genommen werde, leider nur noch die Möglichkeit, eine Klage anzustrengen, also eine einstweilige Verfügung zu veranlassen, die eine weitere Aufführung verhindere.

Das sei doch Wahnsinn sagte ich, aber Achim widersprach mir. Das sei kein Wahnsinn, das sei notwendig und ich müsse ihm bestätigen, dass die Idee zu dem Stück von ihm stamme, ich sei doch dabei gewesen, mehrmals, und habe sehen können, dass Frau Wursthorn sich seines Materials bedient habe, um ihren gequirlten Mist daraus zusammenzubrauen, was somit nicht nur ein moralisches, sondern auch ein urheberrechtliches Vergehen sei. Ihr Problem, sagte ich, oder vielmehr: euer Problem. Sogleich wurde ich von schier endlosen Tiraden der Polemik über Marianne, über ihr Theaterstück und über das bornierte Theater, das sich erdreistet habe, das Machwerk aufzuführen, überrollt. Mir brummte der Kopf. Der hysterische Achim, der die Weltverschwörung herbeiredete, war auf nüchternen Magen unerträglich. Ich hatte ja bereits Wochen zuvor meinen Unwillen, den Vermittler zu spielen, nur allzu deutlich gespürt. Deshalb versuchte ich, seine Argumentation abzuwürgen und sagte ihm, dass er spinnen würde.

Zwischendurch steckte die Sekretärin des Professors ihren Kopf durch die Tür und hatte irgendein Anliegen. Gerade jetzt. Ich konnte durch eine Geste der Kenntnisnahme einen Aufschub erwirken und sie zog sich wieder zurück, würde aber sicher im Lauf der nächsten Minuten nochmals auftauchen, so gut kannte ich sie inzwischen. Achim solle alles mit Marianne klären und mich aus der Sache draußen lassen, erklärte ich und versuchte, dabei möglichst bestimmt zu klingen. Trotzdem musste ich es mehrmals wiederholen. Als er es endlich verstanden zu haben schien, bekam ich den Vorwurf zu hören, dass ich ein mutloser Drückeberger sei, der sich in die Kunst flüchte, um dort Stellvertreterkriege zu führen, aber für eine Kontroverse im echten Leben zu feige sei. Dann knallte er den Hörer hin.

Anstatt feige hätte ich lieber harmoniebedürftig gehört. Dafür könnte man auch friedliebend sagen, oder schlicht und einfach friedlich. Friedlich ist eine positive Charaktereigenschaft, sagte ich mir, daran gibt es nichts auszusetzen. Leider hatte Achim nicht friedlich gesagt, sondern etwas ganz anderes, und das ging mir tagelang durch den Kopf. Vergeblich wartete ich darauf, dass sich der Gedanke an Achims Vorwürfe verflüchtigte. Stattdessen wurde es immer schlimmer, vermutlich, weil nun auch noch Tinas Rückkehr nahte. Obwohl es immer noch keine konkreten Hinweise gab, verdichtete sich die Vorahnung einer bösen Überraschung und bildete zusammen mit meinem Grübeln über Achims Vorwürfe eine lähmende Gedankenschleife.

Tina hatte mir nochmals eine Postkarte mit ihrer Ankunftszeit geschickt, die sehr liebenswürdig formuliert war. Ich spielte mit dem Gedanken, am Samstag mit dem Zug direkt aus der Provinz zum Flughafen zu fahren, doch dann verwarf ich diesen Plan und setzte mich bereits am Freitagnachmittag in den Zug, damit ich Tinas Wohnung aufräumen und putzen konnte und vielleicht auch, um darüber nachdenken, was in den Kühlschrank gehörte, um ihr die Rückkehr zu verschönern. Als ich die Wohnung betrat, befremdete mich der Gedanke, dass ich nur noch eine Nacht lang der Hausherr war, danach nur noch Gast. Merkwürdig schwankend zwischen Befürchtungen und Freude registrierte ich, dass der Gummibaum gleich zwei Blätter abgeworfen hatte, aber im Großen und Ganzen gut im Saft stand. Wie nicht anders zu erwarten, blinkte der Anrufbeantworter. Dass einige Nachrichten von Achim stammten, wunderte mich nicht. Sie waren allerdings längst überholt und stammten aus der Zeit, als er meine neue Bürotelefonnummer noch nicht wusste. Es folgten Nachrichten von Marianne. Sie sei erschüttert über Achim und bat mich, sie zurückzurufen, dringend. Es gab insgesamt drei Nachrichten von ihr, wobei sie zweimal die Nummer hinterlegte, unter der ich sie erreichen könne. Keine Berliner Nummer, auch sie schien irgendwo in der Provinz zu stecken. Ich versuchte es und tatsächlich ging sie ans Telefon.

Ob Achim mich schon erreicht habe, wollte sie wissen. Ich bestätigte. Dann sei mir ja klar, was los sei, da brauche sie gar nichts zu erzählen, und sie zweifle daran, ob es irgendetwas helfen würde, wenn ich jetzt versuchte, Achim zu besänftigen. Ob Achim mir auch erzählt habe, dass er inzwischen Hausverbot im Theater habe, wo ihr Stück gespielt werde, da er die Besucher mit Flugblättern gegen sie aufzuhetzen versuche. Sind Arbeitslose Arschficker? sei die Schlagzeile seines Pamphlets, das er als Fotokopie inzwischen nicht mehr im Theater verteilen dürfe, aber das könne ihn in seinem missionarischen Eifer nicht aufhalten, er verteile es jetzt eben auf der Straße vor dem Theater. Dabei habe er selbst in Spiel gebracht, dass die Mitglieder der ABM-Maßnahme in der Mittagspause über Analverkehr diskutierten, und nun, da seine Vorschläge umgesetzt seien, behaupte er dreist, hier handle es sich um die Diskreditierung einer sozialen Gruppe, eine Beleidigung für alle Arbeitslosen des ganzen Landes. Mit solchen haarsträubenden Thesen habe er erst die Theaterdirektion belästigt und jetzt seien die Passanten und Theaterbesucher auch nicht mehr vor seinen verbalen Attacken sicher. Also ein richtiger Skandal, der zum Glück nur im kleinen Theater einer kleinen süddeutschen Stadt seine kleinen Kreise ziehe, doch es habe sie ziemlich aus der Bahn geworfen.

Aber ich kann da nichts machen, sagte ich, ihr müsst euch einigen, oder soll ich Händchen halten? Wem denn bitte? Achim doch wohl nicht! Marianne fiel mir erregt ins Wort. Vielleicht musst du ihm eine reinhauen, sie könne das nicht, sie sei eine Frau, sagte sie und ich erkannte keinerlei Ironie in ihrer Stimme. Achim habe sie auf offener Straße beschimpft, das sei kein Spaß gewesen, das wolle sie nach Möglichkeit in Zukunft vermeiden. Es sei reiner Zufall gewesen, dass sie sich an einer völlig beliebigen U-Bahnstation, die weder besonders nah an Achims Wohnung noch an ihren bevorzugten Aufenthaltsorten lag, begegnet seien und Achim sie auf dem Bahnsteig als Demagogin, Sexistin und Lügnerin angefeindet habe, natürlich mit lauter Stimme, so dass alle Umstehenden groß geschaut hätten. Es sei eine unglaublich peinliche Situation gewesen. Zum Glück sei Achim in die U-Bahn eingestiegen und weggefahren, während sie am Bahnsteig zurückgeblieben und dann aus Panik versehentlich in die andere Richtung gefahren sei, was letztendlich dazu geführt habe, dass sie die Stadt mit der Ringbahn fast vollständig umkreist habe, um schließlich mit Stunden Verspätung an ihr Ziel zu kommen.

Vielleicht solle sie ihren Namen ändern und eine neue Identität annehmen, sagte sie, um aus dieser Scheiße herauszukommen, denn ich sei ja offensichtlich keine Hilfe. Nein, das bin ich nicht, warf ich mit einem Anflug von Trotz ein, denn ihre Aufforderung, ihr zu helfen, verdarb mir die Stimmung. Ich erinnerte mich daran, welche Geheimniskrämerei sie und Achim damals gemacht hatten, und wie sie versucht hatten, mich aus der ganzen Geschichte raus zu halten. Darum erklärte ich ihr kurz und mit demonstrativer Sachlichkeit, dass ich nicht gedenke, als Zeuge für Achims angestrebte Prozesse zu dienen und mich ansonsten freue, wieder von den beiden zu hören, wenn sie sich versöhnt hätten. Das, quietschte Marianne, werde nicht passieren. Mir egal. Schönen Abend. Ich musste die Vorbereitungen für Tinas Rückkehr hinter mich bringen, ging noch mal auf die Straße, um mir einen Wein zu besorgen, den ich trank, während ich aufräumte und putzte, ein bisschen Staub wischen, Fegen, dann noch mehr Staub wischen. Ich wunderte mich, wo der ganze Staub herkam.

Aber ich dachte die ganz Zeit an Marianne, nicht an Tina. Und an Achim. Obwohl sein Anruf in meinem neuen Büro schon einige Tage zurück lag, waren seine absurden Anschuldigungen durch seine Anrufbeantworternachrichten und das Telefonat mit Marianne nun machtvoll ins Bewusstsein zurückgekehrt. Sollte ich ihm vielleicht doch eine runterhauen? Ich empfand es als Frechheit vom ihm, dass er mich als feige bezeichnet hatte, dabei war es seine Unbeherrschtheit, die ihm diese Schwierigkeiten eingebracht hatte, dieses mangelnde Vermögen, sich selbst einzuschätzen, dieses über die Stränge schlagen, als sei er ein testosterongetriebener enttäuschter Liebhaber. Tina hatte gesagt, daran erinnerte ich mich leider allzu deutlich, ich solle ihm helfen, und jetzt, da sie zurückkehrte, war die Lage erst so richtig beschissen.

Inzwischen hatte ich keinerlei Anhaltspunkte darüber, wie Achim sein sonstiges Leben gestaltete. Wenn er sich weiterhin als Arbeitsloser und Gelegenheitsarbeiter durchschlug, wäre es für ihn zweifellos ein teures Vergnügen, einen Prozess anzustrengen, zumal es hier nur darum ging, sein Vergeltungsbedürfnis zu befriedigen. Vielleicht konnte er sich das gar nicht leisten? Bei dem Gedanken, dass Achim aus rein materiellen Gründen im Zaum gehalten werden könnte, empfand ich keinerlei Bedauern und bedauerte auch nicht, dass mir dieses Bedauern fehlte. Ich bedauerte auch Marianne nicht und versuchte herauszufinden, was ich überhaupt empfand. Wenn mich etwas berührte, dann war es das Beleidigtsein darüber, dass sie mich erst übergangen hatten und jetzt beschimpften, weil ich meine Solidarität verweigerte. Andererseits amüsierte mich das Schmierentheater und ich lachte in mich hinein, wie Achim seinen Ruf als Provokateur zu immer neuen Höhepunkten trieb. Aber trotz des Unterhaltungswertes hatte er die Grenze des guten Geschmacks nun weit überschritten und angesichts der Peinlichkeit seines irren Benehmens war es höchste Zeit, sich von ihm zu distanzieren.

Dieser Gedanke war mir zum ersten Mal durch den Kopf gegangen, als sich Marianne beschwert hatte, dass Achim sie mit seinen ständig neuen Drehbuchideen belästige. Inzwischen hatte ich meinen Lebensschwerpunkt in die Provinz verlegt und war gerade dabei, meine letzte Nacht in der eigenen Wohnung in Berlin zu verbringen. Meine ohnehin schwach gewordene Beziehung zu Achim konnte ich ganz einfach abstreifen, ich brauchte bloß NICHTS zu tun. Das dachte ich in unzähligen Variationen, während ich die Küche putzte und das Geschirr so sortierte, wie es Tina haben wollte. Alles abstreifen, alles zurücklassen, alles neu machen, alles was vorher war, glaubte ich plötzlich nicht mehr zu brauchen. Ich schüttete den letzten Rest aus der Weinflasche in mein schon wieder leeres Glas. Endlose Runden aus Essen, Trinken, Onanieren und anderen Samenergüssen dienten mir dazu, mich in ein Selbstbedauern hineinzusteigern, mit dem ich mich über die Unsicherheit hinwegtrösten wollte, die mir Tina bereitete.

Aber dann schlief ich gut und tief, brachte am nächsten Morgen die vielen leeren Weinflaschen in den Altglascontainer und fuhr zum Flughafen. Dort verlief alles wie in einem billigen Familienfilm: Wir umarmten uns, küssten uns, freuten uns, hatten uns viel zu erzählen, fuhren mit dem Taxi quer durch die sonnige Frühlingsstadt, Tina schaute verträumt aus dem Fenster, ich auf ihre braungebrannte Haut, auf die wirren Strähnen ihrer nun blondierten Haare, die sie länger trug als zuvor. Sie lachte ständig und die einzige auffällige Abweichung von ihrem üblichen Verhalten war die Tatsache, dass sie das Taxi nicht bezahlte, die letzten australischen Dollar waren ausgegeben und deutsches Geld habe sie sowieso nicht, sagte sie lachend. Sie müsse sich jetzt dringend von Luft und Liebe ernähren, ausgiebig. Für sie als Jetlag-Gequälte sei das Bett die einzige Rettung und ich solle mich als Rettungshelfer betätigen. Von Müdigkeit konnte bei ihr nicht die Rede sein, sie war überaktiv und schöner denn je.

Es dauerte bis zum späten Nachmittag, bis wir das Bett wieder verließen. Dann kochte ich und sie führte einige Telefonate. Beim Essen rückte sie mit Hintergründen heraus, die sie mir bisher immer verheimlicht hatte. Der Onkel, dessen 16-mm-Kamera in meinen Besitz übergegangen war, hatte ihr damals neben seiner fototechnischen Gerätesammlung eine nicht unerhebliche Summe an Geld vererbt. Dieses Geld, das wegen testamentarischer Formalitäten erst nach ihrer Indienreise bei ihr angekommen sei, habe die letzten Jahre dazu gedient, dass Tina sorgenfrei leben konnte. Mit voller Absicht habe sie sich damals dazu entschlossen, das Geld einfach auszugeben, keine Rücklagen durch fragwürdige Kapitalanlagen zu bilden oder Zeit durch Nebenjobs zu verschwenden. Sie habe einfach von der Substanz gelebt und diese Substanz sei nun weg, Australien habe den Rest aufgezehrt, ihr Konto, das fünf Jahre lang ununterbrochen im Plus gewesen sei, sei jetzt ordentlich überzogen. Nun beginne für sie der Ernst des Lebens. Mein neuer banaler Job an der Provinzuni passe dazu ganz gut, sowas brauche sie auch. Am besten sofort. Aber erst müsse sie noch die Masterarbeit für ihr Studium schreiben. Umgehend und schnell, ohne Motivationsprobleme, ohne Verzögerungen, ohne Beziehungskrisen und ohne sexuelle Durststrecke, wie sie gerade eine hinter sich habe. Verstanden? fragte sie und ich sagte ja. Also los.


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„Medialismus“, Roman: 37. Kapitel

Ralf SchusterNoch bevor Tina aus Australien zurückkehrte, begann in der Provinzstadt mein Angestelltenverhältnis. Von Berlin aus brauchte man dorthin ungefähr eineinhalb Stunden mit dem Zug, was mir viel zu viel war, um täglich hin und her zu fahren, ganz abgesehen davon, dass mir Berlin zu dem Zeitpunkt zum Hals raushing. Ich fand erst einmal eine Einzimmerwohnung zur Untermiete, die recht günstig war, weil der Hauptmieter auch noch Kram drin stehen hatte und in drei Monaten zurückkehren wollte.

An der Universität gab es mehrere kleine Räume und einen großen Keller für mich, oder vielmehr für die Studenten, denn ich war zu ihrer Betreuung da. Meine Aufgabe im Videolabor, wie das mit Computern, elektronischen Geräten und DDR-Filmtechnik überfüllte Kabuff genannt wurde, bestand offiziell darin, die Architekturstudenten medientechnologisch zu unterstützen, praktisch gesehen half ich ihnen beim Stressabbau in der hysterischen Zeit kurz vor der Abgabe. Meist ging es darum, Architekturmodelle zu fotografieren und zwar schnell, so schnell wie möglich. Dafür gab es nicht nur eine, sondern sogar drei Diskettenkameras. Unter meiner Obhut konnten diese von Studenten benutzt oder ausgeliehen werden und alle Studenten waren damals scharf darauf, das im richtigen Moment, also dann, wenn ihr Architekturmodell fertig gebastelt war, auch zu tun. Ich selbst bekam die Kameras deshalb in den heißen Phasen des Semesters kaum zu Gesicht. Sobald eine zurückgebracht wurde, lauerte schon der Nächste, um sie mir aus den Händen zu reißen. Es gab damals noch andere digitale Fotoapparate, auch bei mir, aber die erforderten jeweils eine bestimmte Software, um die Bilder von der Kamera auf den Computer zu laden. Selbst das Brennen einer lausigen CD war damals noch eine Angelegenheit, die nicht jeder konnte. Nur Diskettenlaufwerke gab es an jedem Rechner und deshalb war die Diskettenkamera die einzige mir damals bekannte Kamera, die nicht nur problemlos funktionierte, sondern es funktionierte genauso problemlos, ihre Bilder zu übertragen: von der Kamera auf den Rechner oder von einem Rechner zum anderen.

Der Diskettenkamerahype war ein Triumph der Problemlosigkeit über die Qualität. Erst nachdem sich ganz kurz danach USB-Anschlüsse durchgesetzt hatten, verlor die Diskette an Bedeutung und die Diskettenkameras verschwanden ziemlich schnell im Keller. Diejenigen, die bei der immer wieder aufflammenden Diskussion zum Thema „analog gegen digital“ mit der Bildqualität argumentierten, lästerten natürlich darüber, dass die Diskettenkamera eine zu geringe Auflösung habe und ich fragte dann immer, was denn genug sei. Da gab es keine klaren Antworten, aber viele Bedenken. Die neuen Technologien mussten sich daran messen, was die vorhandene Technik leisten konnte, was aber ein unfairer Vergleich war, denn meist wurde hochwertige Spezialtechnologie mit schnelllebiger Unterhaltungselektronik verglichen. Kein Wunder, dass es die digitale Unterhaltungselektronik bei den Fachleuten schwer hatte. Auch meine Freunde und ich brachen damals immer wieder eine Lanze für die alte, vom Aussterben bedrohte Analogtechnik. Wir meinten das ernst. Unsere emotionale Zuneigung zu den Geräten war echt. Ehrfürchtig betastete ich die russische 35-mm-Filmkamera, die ich im Keller des Videolabors in einer monströsen Transportkiste fand. Ebenso hatte ich ein paar Jahre vorher gestaunt, als ich am Filmschnittplatz zum ersten Mal die Magnetbandspuren zwischen all den Zahnrädern sich hindurchschlängeln sah. Ich empfand es immer wieder als einen magischen Moment, eine Filmdose zu öffnen und einen richtigen Film herauszuholen, selbst wenn es keine Unterscheidung zwischen richtig und falsch mehr gab. Auch der digitale Film ist ein richtiger Film, inzwischen sogar der bessere, nur berühren kann man ihn nicht, deshalb braucht er keine Dosen.

Historisch gesehen war es eine Periode technischer Entwicklung, die insgesamt ungefähr vierzig Jahre dauern sollte, von der ich zwanzig miterlebt und dabei gehofft hatte, ich könnte an meinen alten technologischen Vorlieben festhalten und mich der Entwicklung in den Weg stellen. All dies stellte sich aber letztlich als Wunschdenken und Lippenbekenntnis heraus, denn opportunistisch wie ich war, sprang ich gleichzeitig auf den fahrenden Zug, der sich später als der einzige herausstellen würde. Es zeigte sich, dass die IT-Technik sich viele andere Technologien einverleibte, die Diskettenkamera war da nur ein Vorbote. War die Information, also die Aufnahme, erst einmal DRIN im Gerät, dann wanderte sie in den Computer und blieb dort. Mit der Diskettenkamera gab erstmals der Heimcomputer die Technologie vor, und später, also heute, wurde das der Standard: Spezialtechnik für Spezialisten, extrem flexible Mainstreamtechnik für alle anderen und mischen lässt sich das auch noch. Daraus ergibt sich der beeindruckende Status quo der Jetztzeit: Mit Smartphone und Laptop steht eine komplette Produktionskette für Film, Foto und Audio bereit und über das Internet wird auch noch die weltweite Distribution der so erstellten Medienprodukte abgedeckt. Das ist beachtlich. Natürlich gibt es qualitative Schwachstellen, die sich aber durch Spezialtechnik ausmerzen lassen. Wem das nicht genügt und auch die restlichen Produktions- und Verarbeitungsschritte verbessern möchte, braucht noch mehr Spezialtechnik, und wer dann High-End-Qualität erreichen will, hat wieder genauso große Kisten und Koffer zu schleppen wie zu Zeiten des 35-mm-Films.

Als ich an die Provinzuni kam, war es noch nicht so weit und die Verwendung der Diskettenkamera ein ironischer Vorgriff auf die technische Entwicklung. Qualitativ war die Diskettenkamera aber eine einzige große Schwachstelle über den ganzen Produktionsablauf hinweg. Es begann mit einem miserablen Bild, das nichts hatte, was einen ernsthaften Bildgestalter hätte befriedigen können: Wenig Auflösung und damit keine richtige Schärfe, farbstichige Bilder und Blockartefakte, die aus der viel zu starken Komprimierung resultierten. Als wäre das nicht schlimm genug, durfte keine Aufnahmeeinstellung länger als 15 Sekunden dauern, denn mehr passte nicht auf die Diskette. Zu guter Letzt war auch der Ton blechern und wurde über ein eingebautes Mikrofon mit Kugelcharakteristik aufgenommen. Ein externes Mikro konnte nicht angeschlossen werden. Es war, als hätten wir das Filmemachen plötzlich neu erfunden, stünden wieder ganz am Anfang wüssten nicht, ob unser Film ein Gruß aus der Zukunft oder aus der Vergangenheit sein sollte. Zur Gegenwart schien er nicht zu gehören.

Auch meinen Umzug in die Provinz empfand ich als Zeitsprung, hinein in die Geborgenheit einer regelmäßigen Bezahlung und umgeben von Studenten, die jede Menge Flausen im Kopf hatten. Martin rief mich bei der Arbeit an, um mir mitzuteilen, dass er überhaupt keine Zeit für unser Filmprojekt habe. Jede Menge Aufträge für seine Firma und eine anspruchsvolle neue Freundin, bei der es sich allerdings nicht um die Bankangestellte unseres gemeinsamen Abends handle. Während ich telefonierte, hantierten direkt neben mir einige eifrige Studenten mit einer speziellen Endoskopkamera an ihrem Architekturmodell herum. Zwei von ihnen trugen einen zerzausten Punkhaarschnitt, der eine blondiert, der andere geschwärzt. Die beiden bemühten sich ständig um abschätzige Kommentare, um zu vertuschen, dass sie im im Grunde zielstrebig und ehrgeizig waren.

Dass ich einen Film drehen wollte, hatte sich schon vorher herumgesprochen, dass ich gerade mit den konkreten Vorbereitungen beginnen wollte, erfuhren sie durch das Telefonat, das in ihrer Anwesenheit geführt wurde. Spontan erklärten sie ihre Bereitschaft, mitzumachen, wenn es TRASH sei und das konnte ich garantieren, denn genau aus diesem Grund hatte ich beschlossen, die Diskettenkamera zu verwenden. Sowohl der blondierte als auch der schwarz gefärbte Architekturpunk hatten jeweils eine Studentin im Auge, die aus annäherungstrategischen Gründen dringend mitmachen müsste und bestimmt auch mitmachen würde. Ich spekulierte darauf, dass auch Tina ihre Rückkehr umgehend dazu nutzen würde, mich in der Provinz zu besuchen, um als Schauspielerin dabei zu sein. Da die Studenten mir ihr Wohngemeinschaftshaus als Drehort anboten, nahm das Projekt ganz schnell konkrete Formen an. Es war gerade Dienstag, am Mittwoch würde dort eine Party stattfinden. Das sei die richtige Gelegenheit, alle diejenigen kennenzulernen, die als Helfer und Helfershelfer für den Film in Frage kämen, sagte der blondierte Architekturpunk und ich hatte sowieso nichts Besseres zu tun.

Mühsam vertrödelte ich am Mittwoch nach Feierabend die Zeit. Obwohl ich mir viel Mühe gab und erst nach zehn Uhr abends an der angegebenen Adresse auftauchte, herrschte dort noch entspannte Ruhe. Es standen schon einige Leute herum, die den Eindruck erwecken wollten, als seien sie noch gar nicht richtig da. Ansonsten waren sie alle jung und die meisten studierten Architektur, was mit sich brachte, dass sie ganz heiß darauf waren, der Party eine extravagante Note zu geben. Damals waren es Relikte aus der DDR, die hoch im Kurs standen, blinkende Ampelmännchen, Lampen aus verfallenen Industrieanlagen oder große und kleine Schilder, die von ideologisch veralteten Institutionen kündeten. Ein Mosaik mit dem Händedruckemblem des FDGB diente als Tischplatte, war jedoch kaum zu erkennen, weil Flaschen und Gläser einen Großteil der Fläche bedeckten.

Der blondierte Architekturpunk, der Karsten hieß und mich eingeladen hatte, tauchte plötzlich neben mir auf, um mir eine Bierflasche in die Hand zu drücken. Die Räume im Erdgeschoss gehörten zum gemeinschaftlich genutzten Teil des Hauses, es gab dort ein Badezimmer mit einer Wanne für alle und zwei weitere Räume, die die Funktion des Wohnzimmers erfüllen sollten. Da könnten wir dann auch mal eine Filmvorführung veranstalten, meinte Karsten, am besten die Premiere. Ich sagte wenig, um mich noch nicht festzulegen. Das Haus als Filmschauplatz zu nutzen, war ein verlockendes Angebot. Je länger ich dort blieb, desto besser gefiel mir alles, bis ich kaum noch Zweifel verspürte. Auch Karsten steigerte sich während unseres Gesprächs in eine sich selbst verstärkende Euphorie hinein, die eine Menge Vorschläge für den Film hervorbrachte, mir also die Arbeit abnahm. Die Frauen müssten sich auf der „Liegewiese“ räkeln, sagte er, die Liegewiese wiederum sei eine Installation des schwarzhaarigen Architekturpunks, der damit eine akustische Verkopplung der Partygäste mit einer Metaebene ermögliche und diese Metaebene bezeichnete er als leise Stimme der Geschlechtlichkeit. Für den Film sei die akustische Komponente sicher nutzlos, aber was durchaus wichtig sei, sei das Bewusstsein, dass die unsere Gesellschaft bisher dominierende Sexualmoral durch die digitale Vernetzung im Wandel begriffen sei. Ich verstand nicht, was er meinte, bis ich es mir selbst auf der Liegewiese bequem machte.

Sie bestand aus einem etwa kniehohen Kubus, der aus billigen Schaumgummimatratzen gestapelt und mit einem großen Betttuch überzogen war, inmitten eines ansonsten leeren Raumes. Aus dem Inneren der Liegewiese drangen Wortfetzen zu mir, die ich erst verstand, als ich das Ohr auf die Fläche drückte. Weibliche Stimmen flüsterten Obszönitäten: Ich bin Maria aus Teterow und brauche ein paar dicke Schwänze, die mich vollspritzen. Hallo, wer sucht eine vollbusige Blase-Blondine? Mein Name ist Angelika, ich brauche es dringend, wer macht es mir hart? Schwänze interessieren mich nur, wenn sie in mir stecken, egal in welchem Loch.

Angeblich alles aus Telefonhotlines, sagte der blondierte Architekturpunk, der es aber nicht selbst aufgenommen habe, es sei sein schwarzhaariger Freund und WG-Kumpan gewesen, der dazu unter einem Vorwand das gute Richtmikrofon aus meinem Videolabor ausgeliehen hatte. Die Telefonsexrecherche und die darauffolgende Telefonsexaufnahme hatten für eine deftige Rechnung gesorgt. Eine Zahlungsaufforderung über dreihundert Mark sei Karsten, auf dessen Namen der Anschluss angemeldet war, völlig unerwartet ins Haus geflattert. Sein Mitbewohner musste zugeben, dass er an einigen einsamen Abenden diese neuartige Kommunikationstechnologie ausprobiert, aber sich nicht einfach nur der Selbstbefriedigung hingegeben, sondern, darauf aufbauend, künstlerisch die Initiative ergriffen hätte: zunächst das gute Mikro besorgen, dann eine Aufnahme mit dem MiniDisk-Rekorder durchführen, schneiden und zu guter Letzt aus dem Studentenwohnheim einen Stapel ausgemusterter Matratzen holen, an denen bestimmt bereits der eine oder andere Tropfen Sperma klebte.

So sei die Liegewiese als temporäres Kunstwerk für den Partyabend entstanden und nun drangen aus ihrem Inneren dezent vulgärerotische Avancen als Endlosschleife nach draußen. Mit gefiel das sehr gut. Im Laufe des Abends legte ich mich immer wieder hin, um zu lauschen. Aber zunächst unterhielt ich mich ausgiebig mit dem blondierten Architekturpunk, der alle männlichen Studenten zu kennen schien und so tat, als wisse er, auf welche Frau jeder von ihnen gerade scharf war. Für meinen Film sollten sich dann möglichst viele von diesen Frauen, zumindest aber die, auf die er und sein Kumpel es abgesehen hatten, auf der Liegewiese räkeln. Als Parallelmontage sollten junge Männer bei ihren Junge-Männer-Ritualen zu sehen sein: auf der Hantelbank, bei einer exotischen oder auch banalen Sportart, beim Autofahren. Der Letzte und Intellektuellste solle dabei gezeigt werden, wie er das größte und schönste Architekturmodell aller Zeiten baue.

Die Auswahl der Sportarten und des Autos bot viel Diskussionsstoff. Jeder vertrat eine andere Meinung. Alle vorbeikommenden Frauen sollten eine Stellungnahme darüber abgeben, was sie am meisten beeindruckte, damit uns Datenmaterial für eine demoskopische Analyse zur Verfügung stand. Das war völlig unwissenschaftlich und keineswegs repräsentativ, machte aber viel Spaß. Ich selbst war strikt gegen den amerikanischen Straßenkreuzer, der von vielen Befragten genannt wurde. Zu klischeebelastet, aber eine Spießerlimousine erschien uns auch zu uncool. Karsten wollte ein Cabrio, wobei im Bekanntenkreis nur ein banales Golf Cabrio vorhanden war, also engte sich im Lauf des Abends die Auswahl auf einen roten Käfer und einen rostigen 80er-Jahre Mercedes 200 ein, bei den Sportarten lief es auf Capoeira, Baseball und Windsurfen hinaus. Die Diskussion verflachte nach einigen Bieren, aber das Thema funktionierte die ganze Nacht hindurch als Vorwand, jeden und jede anzusprechen.

So geriet ich an den Kommunikationstechnologieexperten. Er kam mit suchendem Blick in die Gemeinschaftswohnung und setzte sich auf die Liegewiese. Dann schaute er sich um, verschwand wieder und kehrte mit einer Bierflasche zurück. Wir gerieten ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er neben mir einer der wenigen anwesenden Nicht-Studenten war. Er sei, so wie ich, erst einige Wochen zuvor an die Provinzuni gekommen. Sein Diplom als Elektrotechniker habe er in Süddeutschland gemacht und nun lebe er tatsächlich in der Provinzstadt, da der keine Ambitionen verspüre, von Berlin aus zu pendeln. Zwangsläufig kamen wir auf das Top-Thema des Abends zu sprechen, wobei er immer wieder den amerikanischen Straßenkreuzer forderte und behauptete, dass dies doch die einzige Motivation sein könne, überhaupt ein Auto ins Spiel zu bringen. Meine Abneigung gegen alle Ikonen und Symbole des Hollywoodkinos wollte er nicht gelten lassen, weil ich doch meine Filme sowieso nicht dort drehen würde. Das war ein Argument, zu dem mir leider nichts mehr einfiel. Sein eigener Opel Kadett kam in seiner braven Banalität als Filmauto auch nicht in Frage. Trotz meines Ansatzes, die Szenerie durch minderwertige Bildqualität zu unterhöhlen, hatte diese Karre sogar als ironisches Prestigeobjekt zu wenig Potential.

Dass wir mit der Diskettenkamera drehen wollten, nahm der Kommunikationstechnologieexperte emotionslos zur Kenntnis, obwohl, oder gerade weil er mir einiges an Wissen über digitale Technologie voraushatte. Die Datenrate sei eben etwas niedrig, das habe Konsequenzen, aber egal, die Entwicklung sei im Gange, was heute noch nicht gehe, gehe morgen, oder übermorgen, aufhaltbar sei das nicht. Die Videotechnik mit ihren Unzulänglichkeiten habe ja nur eine Steigbügelhalterfunktion eingenommen und werde im Lauf der Zeit in der digitalen Informationstechnik aufgehen. Noch sei die Informationstechnik eine lahme Krücke, wer wolle schon mit einem Auto fahren, das sich langsamer als Schrittgeschwindigkeit fortbewege, da könne man ja gleich laufen. Der notwendige Geschwindigkeitszuwachs sei ein anspruchsvolles technisches Problem, aber die Lösungen schon unterwegs. Der alte chemische Film, der habe es ja ganz einfach gehabt, das sei wie Stempeln gewesen, einmal den Stempel aufs Papier geknallt, schon sei das ganze Bild gespeichert gewesen, also technisch habe das ja bedeutet, dass das Licht aus der Optik für eine lächerliche Fünfzigstelsekunde aufs Negativ gefallen sei und alle chemischen Moleküle hätten sofort und gleichzeitig reagiert.

Die arme Digitaltechnik hingegen, die müsse seriell arbeiten, das sei, wie wenn man das vollgeschriebene Blatt Papier nicht kopiere, sondern abschreibe, ich solle mir doch mal vorstellen, 25 Seiten pro Sekunde abzutippen, da würden die Finger ganz schön flott fliegen, aber erschwerend käme ja hinzu, dass die Seiten ziemlich groß seien, nämlich jede 140 Quadratmeter, wenn man die Auflösung eines High-Definition-Bildes zugrunde lege. Geschwindigkeit sei zwar keine Hexerei, aber da werde die technologische Umsetzung durchaus anspruchsvoll, denn die Diskettenkamera schaffe ja gerademal ein Zehntelpromille des erforderlichen Datendurchsatzes, weil die Laufwerke grundsätzlich so langsam seien. Da helfe dann eben nur noch Komprimierung. Weil die Reaktionäre unter den Technologen aber alle argumentativen Geschütze aufführen, um an ihrer dem Untergang geweihten, total redundanten Analogtechnik festzuhalten, sei Komprimierung umstritten.

Der Kommunikationstechnologieexperte verfiel jetzt in einen Erkläreifer, der mir in meiner Partystimmung etwas zu weit ging. Konzentrieren konnte ich mich auch nicht, denn es legte sich gerade eine eindrucksvolle dunkelhaarige Studentin mit orientalischen Gesichtszügen auf die Liegewiese. Bestimmt war sie durch eines der vielen internationalen Austauschprogramme in die ruinöse Hälfte der deutschen Provinz geraten. Sie verstand kaum Deutsch und als ich ihr übersetzen wollte, was die leisen Stimmen sagten, die zwischen den Matratzen flüsterten, schaute sie mich zunehmend entsetzt an. Schließlich verschwand sie, was für mich der Anlass war, einen Streifzug durch das Haus zu unternehmen.

Es war eine alte Bude, die innen und außen dringend mal einen neuen Anstrich brauchte. Ein Stockwerk weiter oben hatte man eine Wohnung leergeräumt, die als Tanzfläche diente. Elektronische Mainstream-Musik mit lasziven weiblichen Gesangselementen bumberte vor sich hin. Die Gäste drängten sich dicht aneinander, so dass ich für mich keinen Platz fand und noch weiter nach oben stieg. Im Treppenhaus schlängelte ich mich zwischen verschiedenen Grüppchen hindurch, die auf den Stufen entweder tiefsinnige Gespräche führten, rauchten oder beides gleichzeitig. Bei den Wohnungen handelte es sich um Zweizimmerappartements, in denen viele Zimmertüren abgesperrt waren, andere standen offen und dort befanden sich weitere trinkende Menschen. Die wenigsten kannte ich, aber einige glaubte ich schon gesehen zu haben.

Schließlich traf ich auf eine blonde Studentin, die bereits ihre Mitarbeit im Film zugesagt hatte. Sie mixte für alle Vorbeikommenden einen sehr wirksamen Drink aus allerlei Schnäpsen, von dem sie behauptete, es sei ein polnisches Geheimrezept. Ich war gerade der einzige, der an ihrer Theke stehenblieb. Deshalb gab es für mich eine besonders wirksame Mischung und sie erzählte mir von ihrem goldenen Plastikminirock, der bestimmt perfekt für den Film sei und außerdem habe sie weiße Plateaustiefel. Eifrig bekräftigte ich, wie gut das in den Film passe. Wir unterhielten uns, bis mein Drink leer war, so dass es sich lohnte, mir noch einen zweiten einschenken zu lassen, mit dem ich dann die Treppe wieder hinunterstieg. Dann schaute ich wieder zur Liegewiese, später auch auf die Tanzfläche und noch später kehrte ich zur Theke im dritten Stock zurück und bekam noch einen ihrer hochkonzentrierten Drinks.

Ab und zu überfiel mich die Erinnerung, dass es Mittwoch war. Um neun Uhr hatte ich im Büro zu erscheinen. Aber das brachte mich nicht aus der Ruhe. Ich kam plötzlich zu der Erkenntnis, dass die Party ja auch zu meiner Einarbeitung in den neuen Arbeitsplatz gehörte. Schließlich musste ich die Studenten kennenlernen, um sie zu verstehen, und wenn ich sie verstünde, könnte ich ihnen besser helfen. Diese Hilfe war die eigentliche Aufgabe meines neuen Jobs. In dem Bewusstsein, dass ich kein gewöhnlicher Partygast war, sondern soziale Recherche zur Optimierung meiner Serviceleistungen im Dienste der Universität betrieb, verbrachte ich deshalb gutgelaunt noch weitere Stunden zwischen den tanzenden Studenten.


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„Medialismus“, Roman: 36. Kapitel

Ralf SchusertAchims Vorwurf, ich sei ein Opportunist, empfand ich als Frechheit, aber obwohl ich mir ausgiebig Gedanken machte, wollte ich mit ihm darüber auf keinen Fall diskutieren. Mit Marianne schon eher, zumal es mich interessierte, ob es Neuigkeiten über ihr Zerwürfnis gab. Nach einigen Tagen schaute ich vormittags bei ihr vorbei, doch es öffnete niemand. An Achims ramponiertem Briefkasten prangte in großen, roten Buchstaben die Aufforderung: Hier keine Post für Wursthorn einwerfen, unbekannt verzogen. Diese totale Ablehnung passte zu Achim. Es sah also ganz danach aus, als sei der Streit noch nicht geschlichtet und Marianne aus der Wohnung verschwunden. Ob sie auch aus Berlin verschwunden war, konnte ich nicht herausfinden, denn alle ihre Telefonnummern blieben stumm. Das Bedürfnis, zwischen ihr und Achim als Vermittler aufzutreten, verspürte ich in keiner Weise.

Weitere turbulente Drehtage folgten, nebenbei arbeitete ich an einem Trickfilm, in dem der Berliner Fernsehturm eine Rolle spielte. Die Idee war ebenso trivial wie morbid und diesmal gab ich mir keine unnötige Mühe, was die grafische Umsetzung anging. Mir reichten einige kopierte Fotos des Turms, einfache Skizzen und ein paar Formeln. Es ging um die Frage, wie lange es dauern würde, bis alle dreieinhalb Millionen Berlinbewohner, sofern es ihnen in den Sinn käme, kollektiv Suizid zu begehen, vom Fernsehturm hinuntergesprungen wären. Vielleicht deutete sich in der makabren Filmidee bereits meine aufkeimende Berlinverdrossenheit an. Meine Rechnung beruhte auf einigen Annahmen und Näherungen, aber vor allem auf der Erkenntnis, dass wohl vor allem die Transportkapazität der Fernsehturmlifte der geschwindigkeitsbestimmende Faktor des Prozesses sein würde. Meine lange vernachlässigten Ingenieursqualifikationen traten zutage und ich errechnete, dass das Ganze auf jeden Fall mehr als 68 Tage in Anspruch nehmen würde. Anschließend berechnete ich noch die Größe des Leichenhaufens am Fuß des Fernsehturms und mögliche Alternativen. Die Hauptdarstellerin des digitalen Spielfilms sprach den erklärenden Text mit ihrer schönen Stimme während einer Drehpause ein und so ergab es sich, dass ich mit sehr wenig Aufwand meinen bis dahin erfolgreichsten Animationsfilm sehr rasch fertig bekam, denn durch einen glücklichen Zufall gelang es mir, ihn im Fernsehen unterzubringen, später sollte er auf einer DVD mit anderen Filmen über Berlin erscheinen.

Als der Herbst begann, widerlich und verregnet, ließen die Dreharbeiten am digitalen Spielfilm ein Ende erahnen. Alle redeten tagelang vom gefürchteten Berliner Winter, was in seiner kollektiven Hysterie viel schlimmer war als das Wetter an sich. Gleichzeitig trafen in unregelmäßigen Abständen Postkarten von sonnendurchfluteten australischen Stränden bei mir ein und hielten mich erfolgreich davon ab, mich an andere Frauen ranzuschmeißen. Ansonsten verursachten die Postkarten eher Neid, als dass sie Trost gespendet hätten. Der Gummibaum ließ noch einige Blätter zu Boden fallen und ich ergatterte ab und zu interessante Kamerajobs, die mir wenig Spaß machten, obwohl sie gar nicht so schlecht bezahlt waren. Je näher der Jahreswechsel kam, desto verunsicherter fühlte ich mich. Vor allem, als die Postkarte mit dem Hai, der gerade eine Blondine fressen will, eintraf und Tina darauf verkündete, dass genau jetzt ihr Geld alle sei, aber sie auf jeden Fall noch bis zum März bleiben wolle, um sich den deutschen Winter zu ersparen und mir die Gelegenheit zu geben, noch ein bisschen ihre Wohnung zu bewohnen. Ihr Rückflug sei für den 25. gebucht, einem Samstag.

Am Ende der Nachricht wies sie explizit darauf hin, dass sie mich liebe. Das las sich gut, stimmte mich allerdings misstrauisch. Ich hatte keinen Anlass für Verdächtigungen, steigerte mich aber dennoch in die Wahnidee hinein, dass sie das nur schreibe, um mich in Sicherheit zu wiegen. In Verbindung mit meiner aktuell unklaren Berufsperspektive, ganz zu schweigen von der Wohnungssuche, die sowohl lustlos als auch unergiebig war, sah ich mich einmal mehr als Spielball widriger Umstände. Eigentlich zweifelte ich ja weniger an Tinas Treue als an der Notwendigkeit, ihre Wohnung zu verlassen, aber es gab da ein Restrisiko: Was wäre, wenn sie doch mit einem neuen Freund zurückkäme? Ulrich und Henry hatten sich zur gleichen Zeit plötzlich dazu entschlossen, jeweils eine Einzimmerwohnung zu beziehen, Ulrich in Charlottenburg, Henry in Mitte. Beide hüllten sich über den Grund dieser Entscheidung in Schweigen, aber der Rückweg in die WG war versperrt. Blieb nur die Flucht nach vorne, in die ostdeutsche Provinz.

Das ist auch eine Lösung, sagte ich zur allgemeinen Überraschung meiner Mitmenschen. Irgendwann hatte ich mich auf die Stellenanzeige einer der kleinen, jungen Universitäten in den neuen Bundesländern beworben. Daraufhin luden sie mich tatsächlich zu einem Bewerbungsgespräch ein und hatten dann monatelang nichts von sich hören lassen. Als ich schon längst nicht mehr damit rechnete, traf plötzlich ein Brief ein, dass ich den Job haben könnte. Eine unbedeutende Stelle mit zuverlässiger Bezahlung. Die brauchten dort jemanden, der sich um Video, Fotografie und alle anderen medialen Möglichkeiten kümmern sollte, unter den Bedingungen des öffentlichen Dienstes.

Ulrich meinte, das sei ja noch schlimmer als Charlottenburg und Henry argumentierte genauso blödsinnig. Er sagte, ich müsse ja nicht unbedingt in Mitte wohnen, so wie er, aber in die Provinz abzuhauen, das sei sehr uncool. Er wusste, dass ich nicht uncool sein wollte. Aber ich war es. Dass ich dazu fähig war, mit verschiedenen Kurzzeitjobs genügend Geld zum Überleben zusammenzukratzen, hatte ich bewiesen. Und jetzt, da sich eine Alternative bot, erschien mir mein Berliner Arbeitsalltag sowieso überhaupt nicht mehr cool, sondern anstrengend, unergiebig und total überbewertet. Martin war einer der wenigen, der mich darin bestärkte, in die Provinz zu gehen. Oder war es seine Angst, ich könnte wieder versuchen, bei ihm zu wohnen, falls Tina mich nach ihrer Rückkehr vor die Tür setzen würde?

Ich verbrachte einen Abend mit ihm in der Kunstakademie, irgendwelche tollen Klangskulpturen mussten bestaunt werden. Martin erzählte, dass einer seiner Studienkollegen von der digitalen Akademie ein Projekt an einer Provinzuni durchgeführt habe. Dort sei diesem eine Disketten-Kamera in die Hände gefallen, ein merkwürdiges Ding, das Fotos direkt auf eine 3,5-Zoll-Diskette schreibe. Martin hatte sich in den Kopf gesetzt, damit einen Film zu drehen, und ich solle den Job annehmen, wenn es diese Kamera dort an der Uni gebe. Wenn es sie nicht gebe, dann solle ich sie kaufen, möglichst schnell, denn das Ding sei sehr praktisch, aber voraussichtlich schon bald veraltet.

Martin verzichtete auf eine Vertiefung der technischen Details, weil er unter den vielen staunenden und lauschenden Gästen des Klangkunstfestivals eine Frau entdeckt hatte, die er offensichtlich unbedingt ansprechen wollte. So eine Lange, Dünne, die sehr kulturbeflissen wirkte und sich in Begleitung einer etwas dicklichen Rothaarigen befand. Wenn die Unternehmung erfolgreich sein sollte, dann müsste ich mitmachen, zumindest am Anfang. Die dünne Blondine stellte sich jedoch als ziemlich spröde und humorlos heraus, während die kleine Rothaarige total auf mich abfuhr. Leider fand ich sie nicht richtig hübsch. Der übliche Berliner Kultur-Chic, elegant im schwarzen Kleidchen und hübsche, dunkelrote Lippen, aber verglichen mit den ausgewogenen Proportionen von Tina fiel mir, wenn ich ihr in die Augen schaute, immer wieder das wenig schmeichelhafte Wort Pfannkuchengesicht ein. Allerdings wanderte mein Blick allzu oft weiter nach unten und fand dort ausreichend Nahrung, um meine Gedanken dann doch in eine quälende Ambivalenz hineinzumanövrieren.

Martin verwickelte die beiden Frauen ziemlich geschickt in ein lockeres Gespräch, wobei er sich wie nebenbei als erfolgreicher Geschäftsführer seiner Internetkonzeptions- und -realisierungsfirma darstellte, die zu diesem Zeitpunkt in Wahrheit nicht mehr war als eine ambitionierte Klitsche. Andererseits brachte er über meine kuriosen Filmprojekte künstlerischen Anspruch ins Spiel. Von der Diskettenkamera wollten wir jetzt beide nicht mehr reden, sondern lieber gleich über völlig veraltete Technik, Oldtimerromantik der Medientechnologie, die Nummer mit dem 16-mm-Film kam immer gut an, wir durften sie schließlich nicht überfordern. Unsere Mischung aus Kreativität, Nonkonformismus und Geschäftstüchtigkeit sollte genügen, um erst einmal herauszufinden, auf welches dieser drei Wettbewerbsangebote die Frauen anspringen würden. Ansonsten Sekt spendieren, ohne allzu aufdringlich zu wirken.

In der Tat ließen sie sich dazu bewegen, mit uns im Taxi zu einer Bar zu fahren, die Martin als Geheimtipp pries. Ihr Vorteil bestand aber vor allem darin, dass Martin im Nachbarhaus wohnte und er später, mit oder ohne Blondine, zu Fuß nach Hause gehen könnte. Im Taxi verriet die Blondine, dass sie in der Bank arbeite, während die Rothaarige in irgendeiner Umweltbehörde gegen die Anfeindungen diverser Chemieunternehmen zu kämpfen hätte. Das beeindruckte mich, aber sie wollte nichts von ihrer Arbeit erzählen. Unter dem Einfluss weiterer Drinks geriet ich immer weiter in den Bann ihrer üppigen Oberweite, die sich mir, vor allem wenn sie sich zu mir beugte, um zu wiederholen, was ich wegen des hohen Lärmpegels in der vollen Bar nicht verstanden hatte, unter dem enganliegenden Stoff ihres Kleides prall entgegenstreckte. Als sie aufs Klo ging, folgte ich ihr. Da ich mit dem Pinkeln schneller fertig war, erwischte ich sie, als sie aus der Damentoilette heraus in den Toilettenvorraum trat.

Ich schaute mir die Plakate an, die in beeindruckend großer Anzahl in mehreren Schichten übereinander die Wände vollständig bedeckten. Tatsächlich fand ich sogar drei Plakate meiner Filmvorführungen, zwei davon waren nur als kleiner Ausschnitt einer bereits überklebten Schicht zu erkennen. Diese wuchernden Plakatwände, die ja auch eine Art Archiv aktueller kultureller Ereignisse waren und die es damals in fast allen Toilettenvorräumen gab, liebte ich. Speziell dann natürlich, wenn auch ich einen Beitrag dazu geleistet hatte, wobei es vermutlich Martin gewesen war, der dafür gesorgt hatte, dass die Plakate in seiner Nachbarschaftskneipe aufgehängt wurden. Stolz wies ich die Rothaarige auf meine fotokopierten kulturellen Duftmarken hin und konnte es nicht lassen, ihr dabei an den Hintern zu fassen. Das war wohl genau das, was sie nicht wollte, oder noch nicht, oder nicht im Toilettenvorraum. Sie schob meine Hand weg, deutete auf das Plakat einer Tangotanzveranstaltung und berichtete mir, dass sie dort gewesen sei und es sei ja so schön gewesen.

Für Tango interessierte ich mich nun überhaupt nicht, schlimmer noch: Ich konnte Leute, die sich für Tango interessierten, nicht leiden, schon gar nicht, wenn als Alternative die Betrachtung eines meiner Filmplakate zur Verfügung stand. Ohne weiteren Meinungsaustausch gingen wir zurück an den Tisch, wo Martin mit der Blondine erfolgreich zu flirten schien. Das hätte mich ermuntern können, stattdessen fühlte ich mich mit einem Mal völlig entmutigt, die Luft war raus. Mir fiel nichts mehr ein, obwohl die Rothaarige mich immer wieder groß anschaute. So quälte ich mich mit Smalltalk und versuchte dann nochmals eine Berührung,  indem ich meine Hand auf ihrem Bein platzierte. Da küsste sie mich ganz energisch auf den Mund und erklärte anschließend, sie verabscheue One-Night-Stands. Also litt sie offenbar ebenfalls unter ambivalenten Gefühlen.

Sie nahm mich mit auf die Straße, um dort mit mir zu knutschen, ging dann zurück und unterhielt sich mit ihrer Freundin, während ich an der Bar Getränke holte. Den Sekt, den ich ihr hinstellte, verschüttete sie, vielleicht sogar mit Absicht. Dann lachte sie plötzlich ohne erkennbaren Grund laut auf und beschloss von einer auf die andere Sekunde, sich ein Taxi zu nehmen, ich solle mich nicht bemühen, sie nach draußen zu bringen, sie kenne den Weg. Als ich ihr dennoch folgte, fiel sie mir wieder um den Hals, küsste mich leidenschaftlich, wollte wissen, ob ich sie liebe und weil ich mit meiner Antwort länger als drei Sekunden zögerte, beschimpfte sie mich, ich sei so, wie alle anderen Schwanzmenschen auch, triebgesteuert und rücksichtslos. Sie scheuchte mich davon, ich solle wieder rein gehen. Als ich über die Schwelle trat, hörte ich ein seufzendes Klagen und glaubte zu verstehen, wie sie sich halblaut darüber beschwerte, dass ich ja tatsächlich mache, was sie von mir verlange.

In diesem Moment nahm ich endgültig Abstand von dem Gedanken, ich könnte mit dieser sprunghaften Frau intim werden. Martin und die Blondine waren allerdings inzwischen verschwunden und deshalb trank ich an der Bar allein einen Whiskey. Dabei versuchte ich möglichst emotionslos zu wirken, während mir die Vorwürfe der Rothaarigen weiter  in den Ohren klangen. Am nächsten Tag schrieb ich gleich nach dem Aufstehen einen knappen Brief an die Personalstelle der Provinzuni, um mitzuteilen, dass sie mit mir rechnen konnten. Zum angegebenen Termin würde ich die Stelle antreten.


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„Medialismus“, Roman: 35. Kapitel

Ralf SchusertDie Prognose der Schauspielerin stimmte nur teilweise. Zwar zeigte sie sich wie angekündigt am nächsten Morgen sehr kooperativ gegenüber dem großen Regisseur, aber in Bezug auf den Zeitplan lag sie ziemlich falsch. Die restlichen Dreharbeiten dauerten nicht einen Monat, sondern es vergingen drei, und trotzdem waren wir immer noch nicht ganz fertig. Aber der Hauptdarsteller hatte tatsächlich in Köln eine langfristige Rolle in einer Krankenhausserie bekommen, was künstlerisch zweifellos noch fragwürdiger war als unser Projekt, aber optimale Bedingungen bot, um die Familie zu ernähren. Eddi sollte erstmal beim Abschlussfilm eines überambitionierten Regiestudenten Kamera machen, vierzehn Drehtage ohne Pause und dann noch ein Wochenende auf der Zugspitze. Auch andere Personen des Teams hatten zu dem Zeitpunkt schon neue Verpflichtungen.

Die restlichen zwei bis drei Drehtage sollten kurzfristig an Sonntagen eingeschoben werden, darauf hatten sich alle geeinigt. Um das Projekt nicht zu kippen, erklärten wir uns auch bereit, auf die uns tariflich zustehenden Sonntagszuschläge zu verzichten. Bei mir würde es immer passen, ich hatte keine Verpflichtungen, das war der große Mist. Zuvor hatte ich einige gutbezahlte Jobangebote ausgeschlagen, aus Rücksicht auf den großen Regisseur.

Aber zunächst durfte ich am Mittwoch beim Poetry Slam in der angeblich extrem coolen und total angesagten Bar mitmachen. Die Bar lag in Schöneberg, und dieser Stadtteil rutschte damals auf dem Trendbarometer gerade in den Keller. Trotzdem war der Typ an der Bar, von dem ich zunächst nicht wusste, ob es sich um den Besitzer handelte oder nur um einen von diesen selbstgefälligen Cocktailschwenkern, extrem arrogant und fand unzählige Gründe, weshalb unser Poetry Slam die Leute davon abhalten könnte, Getränke zu bestellen. Dass ich einen Projektor in den Gastraum stellen wollte, bezeichnete er als ungemütlich und faselte dann auch noch was Kritisches von wegen Elektrosmog. Es wunderte mich nicht, dass er keinen Plan hatte, wie er einzelne Lampen ausschalten konnte, um das Licht für die Filmvorführung zu dämpfen. Wie nicht anders zu erwarten, wollte er das Licht gar nicht ausschalten, sondern am liebsten gar nichts mit uns zu tun haben.

Der Moderator war schon ganz verzweifelt, dass die Backstage-Stimmung in seiner neuen, tollen Location durch so einen zickigen Barkeeper versaut wurde. Und dann sollten wir auch schon um neun anfangen, denn, so der Barkeeper, um elf müssten wir fertig sein, um elf sei die Bude voll mit Gästen, die Cocktails wollten, da habe Schluss zu sein mit der Poetry, damit sein ultracooler Acid Jazz laufen könne. Bei so viel Anteilnahme verflog die Vorfreude, und es machte mir überhaupt keinen Spaß, die Technik hinzustellen und zu verkabeln.

Die anderen Slammer, die erst später eintrafen, weil sie weder einen Projektor schleppen noch aufbauen mussten, waren unverschämt gut gelaunt und bekamen von den vielen Vorbehalten des Barkeepers gar nichts mehr ab. Stattdessen kümmerte sich plötzlich eine vorlaute Thekenschlampe um uns, die das genaue Gegenteil von ihrem Kollegen war. Sie sagte, es sei toll, dass endlich mal was los sei in dem langweiligen Schuppen und wir sollten nicht zu früh anfangen. Dass es eine Filmprojektion gab, fand sie prima. Dieser Stimmungsumschwung war zwar gut für unsere Motivation, das Publikum kam aber trotzdem nur sehr zögerlich. Erst trudelten ein paar dubiose Gestalten ein, denen weder Interesse an Poetry, noch an ultracoolem Acid Jazz anzumerken war, dann zwei Pärchen, die sich nur unterhalten wollten und schließlich doch noch ungefähr zehn Gäste, die tatsächlich wegen unserer literarischen Darbietungen gekommen zu sein schienen. Denen gefiel es dann aber so gut, dass wir problemlos bis Mitternacht vortragen konnten, zumal die 23-Uhr-Cocktail-Trinker ausblieben, obwohl sie angeblich sonst immer da seien.

So entpuppte sich die Ankündigung der üppigen Gage als Wunschdenken und es blieb nur eine Möglichkeit, das Aufwand-Nutzen-Verhältnis des Abends zu verbessern: sich unter der liebevollen Betreuung der Thekenschlampe gemeinsam mit einem der anderen Poetry Slammer volllaufen zu lassen. Er fand meinen Film gut und ich seinen Text. Ich hatte zum Film einige übersteigerte apokalyptische Visionen vorgelesen, er eine minimalistische Percussion auf Bierflaschen und Gläsern hingelegt, die nicht nur zu seinen Pointen über das Herumhängen in Bars passte, sondern auch dazu, wie wir gemeinsam am Tresen saßen und mit der Thekenschlampe Witze rissen.

Allerdings war ich schließlich so betrunken, dass ich meinen Filmprojektor nicht bis nach Hause bekam. Irgendwo ließ ich ihn einfach stehen. Ich konnte mich vage erinnern, dass ich tatsächlich in irgendeiner U-Bahnstation laut mit dem Projektor geredet und ihm vorgeworfen hatte, er sei viel zu schwer und eine aussterbende Technologie, deshalb lange es mir endgültig, ihn herumzuschleppen. Gekostet habe er mich auch nichts, was ein weiteres Indiz für seine Nutzlosigkeit sei. Deshalb werde er jetzt sofort entsorgt, und mit diesen Worten verabschiedete ich mich von diesem bewährten Produkt der tschechischen optischen Industrie, das lange Zeit in einer Ecke des Hinterhofprogrammkinos verstaubt war, bis es mir der Hinterhofprogrammkinodirektor geschenkt hatte. Nun war der Projektor weg und der größte Teil der Rückfahrt verschwand in einer tiefen Gedächtnislücke.

Am folgenden Tag spielte ich mit dem Gedanken, einige U-Bahnstationen oder gar das Fundbüro aufzusuchen, aber ich war zu schwach und ließ mich wieder ins Bett fallen. Dass ich den Projektor leichtfertig im Vollrausch zurückgelassen hatte, bescherte mir nun selbstquälerische Fragen, was das alles denn mit mir und meiner wahren Mitte zu tun haben könnte. Beim Tragen hing dieser scheißschwere Projektor an mir wie die Eisenkugel am Sträfling, aber war das nicht die notwendige Masse zur Stabilisierung meines Standpunktes? Welcher Standpunkt überhaupt? Und der Stapel von Filmdosen in meinem Arbeitszimmerregal, war das mein ICH? Vom Lokalfernsehen über die Seifenoper bis zum Neurosenregisseur hatte ich meine wertvolle Energie für einen Spottpreis hergegeben, und mir schien, als sei die dabei verpufft, im großen Rauschen des medialen Universums verschwunden. Sollte ich mich nicht glücklich schätzen, in Form des scheißschweren Projektors und der Filmdosen mit den Filmen, den Negativen und den Tonmischungen etwas zu haben, was ich sowohl anfassen konnte und das trotzdem von der kosmischen Leichtigkeit eines künstlerischen Werkes durchdrungen war? Das durch die ausreichende Masse an mir klebte und gleichzeitig als kreative Idee das Universum füllte? Oder war dieses Bedürfnis, ETWAS anfassen zu wollen, nur ein Verhaltensmuster, das ich mir schleunigst abgewöhnen sollte, wenn ich in meiner Branche mit der technischen Entwicklung Schritt halten wollte? In den wenigen Jahren, während denen ich dabei war, hatte sich schon so vieles umgekrempelt und alles wurde ständig fortentwickelt, schlichtweg unglaublich und beeindruckend! Nein, es war vermutlich nur eine romantische Vergangenheitsverklärung, wenn ich dachte, der scheißschwere Projektor könne mir Stabilität verleihen. Nochmals versuchte ich aufzustehen, schwankte in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Kniete dann im Klo vor der Schüssel und versuchte vergebens, mich zu übergeben. Den anderen Projektor aus dem Gehöft von Tinas Opa, fiel mir schließlich ein, hatte ich ja auch noch, deshalb schmiss ich mich wieder ins Bett und verließ es erst am Abend.

Es folgten einige Tage Dreharbeiten mit dem großen Regisseur, jeweils mit zusätzlichen Schauspielern, was zur Beruhigung der Gemüter beitrug und ohne emotionale Verwerfungen über die Bühne ging. Als ich wieder einen Tag frei hatte, putzte ich halbherzig die Wohnung, las schwermütig ein trockenes Blatt des Gummibaums vom Boden auf und bevor ich anfing, in der Küche mit dem Schrubber Unheil zu stiften, ging ich lieber spazieren. Ich lenkte den Schritt in die Richtung von Achims Wohnung, aß unterwegs einen Döner und trotz bemühter Langsamkeit war es erst halb vier, als ich ankam. Ich klingelte und wurde eingelassen.

Die Wohnungstür war angelehnt, drinnen in der Wohnung herrschte Stille, nicht das übliche Klackern der Tastatur. Marianne war allein, saß zurückgelehnt vor ihrem Laptop und ließ die Arme merkwürdig lasch nach unten hängen. Eine Haltung, die ich an ihr noch nie gesehen hatte. Als ich mit einem fragenden Hallo um die Ecke bog, schien sie Erleichterung zu verspüren, atmete tief aus und meinte, jetzt sei sie beruhigt, dass ich es sei und nicht Achim. Ob Achim keinen Schlüssel habe? fragte ich. Doch, den habe er, allerdings sei er derzeit völlig unberechenbar.

Eben, kaum zehn Minuten zuvor, habe er die Tür, auf deren Schwelle ich gerade stünde, zugeknallt, von außen laut zugeknallt und damit den Streit beendet, in dessen Verlauf er ihr die Freundschaft gekündigt habe. Sie habe während der letzten Tage gemerkt, wie Achim eine ganz allmählich zunehmende Skepsis entwickelt habe. Zunächst bezog sich diese Skepsis nur auf einen Running Gag, der direkt mit ihm zu tun hatte: Jede Szene ihres Theaterstücks beginne damit, dass der Protagonist seinen Kollegen erkläre, er habe eine neue Anfangsszene für sein großartiges Drehbuch. Zunächst habe Achim diese Anspielung lustig gefunden, schließlich ging es um seine ABM-Erfahrungen. Erfahrungen, die er Marianne aus freien Stücken anvertraut hatte. Die übelsten Schoten und Zoten seien ihm am Anfang noch nicht schockierend genug gewesen, um die Sinnlosigkeit der Angelegenheit sowie die Borniertheit ihrer behördlichen Durchführung zu entlarven.

Aber all die Anekdoten, die er lieferte, so Marianne, seien lediglich Schildbürgerstreiche der Teilnehmer gewesen und das habe sich schließlich auch in ihrer Bearbeitung niedergeschlagen, sie sei ja nicht der Bund der Steuerzahler, sondern eine Schriftstellerin und müsse mit dem Material arbeiten, das er ihr anbiete. Da sei Achim wohl im Laufe der letzten Tage aufgegangen, dass er mit seiner schonungslosen Offenheit seinen Kollegen keinen Dienst erwiesen habe, sondern dass sie in die Pfanne gehauen würden, nicht von ihm, aber von Marianne.

In Achims Augen, wie könne es auch anders sein, sei Marianne schuld daran, dass die Angelegenheit aus dem Ruder laufe, sie hätte seine Schilderungen falsch interpretiert. In den Tagen zuvor seien es nur skeptische Zwischenfragen und zynische Bemerkungen gewesen, aber dann sei es plötzlich aus ihm herausgeplatzt, er habe ihr vorgeworfen, sie mache sich über die Arbeitslosen lustig und gebe sie der Lächerlichkeit preis. Was sie aus seinen Schilderungen gemacht habe, sei eine Perversion seiner ursprünglichen Absichten und ein Schlag in das Gesicht derer, die sowieso von der Gesellschaft um die Würde einer sinnhaften sozialen Position beschissen würden. Achim hätte Marianne vorgeworfen, dass ihr Text mit voller Absicht genau das Gegenteil von dem aussage, was er habe ausdrücken wollen.

Mariannes Rechtfertigungsversuche hätten ihn noch weiter in Rage gebracht, bis er sich schließlich von ihrem gemeinsamen Projekt distanziert, oder sie vielmehr angeschrien habe, dass sie sein großes Thema doch gefälligst verschonen solle, sie könne sich ihre reaktionären und sexistischen Phantasien, ihr schmieriges Geschreibe einrahmen oder in den Häcksler stopfen, er jedenfalls wolle nichts mehr damit zu tun haben. Damit basta, Türzuknallen und das wäre es gewesen. Sie habe ihn noch nie so aufgebracht gesehen, obwohl er sich ja oft in Erregung rede. Nach ihrer Einschätzung werde er sich nicht einfach wieder beruhigen. Darüber hinaus sei fraglich, ob er sein Urteil zu ihrem Theaterstück jemals revidieren werde.

Da gab ich ihr Recht, Achims Sturheit sei bekannt und unerschütterlich. Also müsse SIE nachgeben. Da schaute sie mich an, als hätte ich ihr gesagt, sie solle sich aus dem Fenster stürzen. Das gehe nicht, meinte sie mit spürbarer Ergriffenheit, sie habe es doch geschrieben und ich überlegte, ob dieses Argument überhaupt eine Berechtigung hatte. Ich bekomme dafür das Stipendium, ich muss das Stück abgeben, ich bin davon überzeugt, ich will das nicht ändern, ich muss das fertig machen. So wie es ist.

Es reizte mich, Marianne zu widersprechen, da mir die Ichbezogenheit ihrer Begründung nicht gefiel. Auch wenn ich überhaupt nicht einschätzen konnte, ob das Stück, wie Achim behauptet hatte, wirklich moralisch fragwürdig war. Vermutlich war seine Begründung ebenfalls total ichbezogen. Er hatte sich in der letzten Zeit ideologisch immer weiter von Marianne und mir entfernt, aber nicht, wie mir schien, weil er sich bewegt hatte, sondern weil er stehengeblieben war. War Achim nun ein Muster an Standhaftigkeit oder an Verbohrtheit? Während wir uns anpassten und das als Flexibilität und Wandlungsfähigkeit bezeichneten. So flexibel, das bei Nichterreichen des Ziels der aktuelle Aufenthaltsort zum Ziel erklärt wird. Ich erinnerte mich daran, dass mir noch vor Kurzem in meinen delirant-verkaterten Gedanken der scheißschwere Projektor als Standpunkt erschienen war und ich glaubte, eben jetzt sein Gewicht am Arm zu fühlen, dieses Gezerre, ihn durch lange U-Bahnverbindungsgänge zu schleppen. Ich versuchte, diese Gedankengänge, die meiner eigenen ichbezogenen Argumentation entsprungen waren, zu verscheuchen. Marianne schaute mich schweigend an. Ob wir spazierengehen sollten, fragte ich.

Sie nickte und wir durchquerten mehrmals die Hasenheide, ohne viel zu reden. Schließlich fragte ich sie doch nach den Gründen für ihre Geheimniskrämerei mir gegenüber. Erst tat sie so, als wisse sie nicht, was ich meine. Aber das stimmte nicht, das war mir klar. Ich bohrte weiter, bis sie zugab, dass Achim mich als Opportunisten bezeichnet habe und es ihm durchaus bewusst sei, wie wenig ich ihn ernst nähme. Dass ihn auch die anderen nicht erst nähmen und dass ihn diese Anbiederei an Wichtigtuer wie den großen Regisseur und Typen wie Schleimspur-Eddi nerven würden, überhaupt sei es ihm zuwider, wie sich all die liberal-alternativen Geistesmenschen in ihrer vermeintlichen Künstlerselbstverwirklichung gegeneinander ausspielen ließen. Was sie davon halte, fragte ich und Marianne gab zu, dass sie Achims Einschätzung nicht völlig verkehrt fand. Auch wenn jetzt das gegenseitige Vertrauen im Eimer sei, immerhin habe sie auf seine Meinung so viel gegeben, dass sie das Theaterstück gemeinsam mit ihm begonnen habe, so ganz könne sie sich seiner Gedankenwelt nicht entziehen. Immerhin sei er sehr konsequent.

Ich fragte mich wehleidig, ob sie damit andeuten wollte, dass nun auch das Vertrauen zwischen ihr und mir im Eimer sei. Aber ich unterdrückte die Bemerkung und fragte stattdessen, wie sie unter den veränderten Bedingungen weitermachen wolle. Darauf, sagte Marianne, wisse sie beim besten Willen erst einmal keine Antwort.


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„Medialismus“, Roman: 34. Kapitel

Ralf SchusertDienstag erlebten wir einen großartigen Sonnenuntergang irgendwo am Müggelsee. Rosa Schäfchenwolken vor einem sanften blauen Himmel und am Horizont rote Schlieren, zwischen denen immer wieder die Sonne hervorblitzte. Das passte ganz gut zur Handlung, denn die beiden Hauptrollen sollten sich gerade auf romantische Weise näherkommen.

Aber dieser Sonnenuntergang sei zuviel, sagte der große Regisseur, dieser Sonnenuntergang würde passen, wenn wir schon am Ende des Films angekommen wären. So ein romantisches Zwischenhoch in der Mitte des Filmes aber müsse flach gehalten werden.

Bin ich denn richtig verliebt in ihn? fragte die Schauspielerin, aber der Regisseur gab ihr keine klare Antwort, sondern fragte zurück, was für sie ein geeigneter Anlass wäre, den Schalter umzulegen. Welchen Schalter? fragte sie verwirrt. Den Schalter zwischen Verliebtsein und Nichtverliebtsein, oder gäbe es so etwas bei ihr nicht? Die Schauspielerin wollte anscheinend der Diskussion aus dem Weg gehen und meinte recht patzig, dass sie sowohl das Verliebt-, als auch das Nichtverliebtsein spielen könne.

Da kam der Regisseur wieder mit einem seiner Standardsätze. Er wünsche sich, dass sie das nicht spiele, sondern empfinde. Sie sei aber leider Schauspielerin und nicht Schau-Empfinderin, warf die Schauspielerin dem Regisseur ziemlich grob und trotzig an den Kopf. Da begann er wieder mit seiner Vorstellung von unserem gemeinsamen kreativen Ansatz, er könne ihr zwar genau sagen, was sie zu tun habe, aber genau das wolle er ja nicht, ihm gehe es doch darum, den Personen des Drehbuchs näher zu kommen, als das durch das Überstülpen einer komplett durchkonstruierten Rolle möglich sei. Meiner Meinung nach klang das sehr konstruktiv, aber die Schauspielerin war an dem Tag nicht gut auf den Regisseur zu sprechen, das merkte man, allerdings wusste ich nicht, wieso. Auch der Schauspieler für die männliche Hauptrolle schaute immer nur griesgrämig in den Sonnenuntergang und sagte gar nichts.

Dann sollte es plötzlich losgehen, wir müssen uns beeilen, rief der Regisseur, die Sonne geht weg, alle auf Anfang. Beide Schauspieler verschwanden hinter einem Schuppen, weil das ihre Anfangsposition war, und der Regisseur griff sich die Kamera, die unter dem harten Gegenlicht des Sonnenuntergangs die Kontraste allerdings nicht so wiedergab, wie er es erwartet hätte. Mehrmals korrigierte er gemeinsam mit Eddi die Blende, bis die beiden sich endlich einigen konnten, wie hell das Bild sein sollte. Gleichzeitig hatte ich den Kopfhörer schon aufgesetzt, um einsatzbereit zu sein. Deshalb hörte ich über die Funkmikrofone, wie der Schauspieler hinter dem Schuppen anfing, mit der Schauspielerin zu tuscheln. Der Regisseur gehe ihm auf die Nerven, dieses permanente Pendeln zwischen Anbiederung und Bevormundung sei das Letzte, das halte er nicht mehr lange aus. Die Schauspielerin flüsterte, dass sie vor lauter Ärger keine Ahnung mehr habe, ob sie nun verliebt spielen solle oder nicht.

Währenddessen wurde die Klappe von der Regieassistenz geschlagen, die Tonaufzeichnung lief also und die Schauspieler kamen auf Kommando hinter dem Schuppen hervor. Sie lieferten einen ziemlich unambitionierten Dialog über ihre Befindlichkeit beim Anblick des Sonnenunterganges, bis der Regisseur Stopp rief und ausgesprochen sachlich erklärte, dass er die Schauspielleistung beider Darsteller in dieser Einstellung als eine große Scheiße einstufen würde, das könne man nicht mit ihm machen. So lasch, wie die Schauspieler agiert hätten, grenze das an Arbeitsverweigerung. Aber er habe es nicht nötig, sich mit ihnen zu streiten, das würden wir morgen Abend noch mal machen und dann richtig und mit einem Sonnenuntergang, der hoffentlich weniger pathetisch sein werde.

Ich schreckte aus meiner Teilnahmslosigkeit auf, denn bisher sollte mittwochs nur vormittags gedreht werden, was mir prima in den Kram passte, da ich ja abends zum Poetry Slam wollte. Dem Schauspieler ging es ähnlich. Er fuhr aus der Haut, man habe ihm zugesichert, dass er am Mittwoch nach Köln fliegen könne und das werde er auch tun, egal, was der Regisseur sich jetzt an spontanem Ringelpiez einfallen lasse, er habe da ein Vorsprechen für eine richtige Rolle, in einem richtigen Film, die auch richtig bezahlt werde, was er dringend brauche, weil dieses pseudointellektuelle Kindergarten-Liebesdrama ja hoffentlich bald ein Ende finde und er von der Schauspielerei leben müsse, was bei unserer Produktion nicht möglich sei.

Der Regisseur wurde auch etwas lauter, aber ich hatte das Gefühl, die Vorwürfe trafen ihn nicht richtig, weil er das alles schon wusste und mit Absicht provoziert hatte. So einfach sei es ja auch nicht, dass jeder gehen könne, wann er wolle, und natürlich habe er dem Schauspieler zugesagt, dass er mittwochs frei haben könne, aber nur unter dem Vorbehalt, dass an den anderen Tagen der Drehplan eingehalten werde. Das sei ja wohl nicht der Fall.

Was für ein Drehplan? grunzte der Schauspieler, es gehe doch sowieso immer nur nach den Tageslaunen des Regisseurs. Der Regisseur blieb cool und sagte, na los, dann geht ihr jetzt hinter den Schuppen und spielt die Szene mit verkürztem Dialog, die Schauspielerin solle nur sagen, dass sie am Wochenende zu ihrer Mutter aufs Land fahre und deshalb keine Zeit habe, und der Wessi fügt dann dieser Aussage ein arrogantes „In die Provinz?“ hinzu, das Ganze im Gegenlicht an der Kamera vorbei, kapiert?

Ich atmete auf und hörte auch das Aufatmen der Schauspieler im Kopfhörer. Sie verschwanden gleich hinter ihrem Schuppen, wo sie beide sofort erneut flüsternd über den Regisseur abkotzten. Wiederum war die Klappe schon geschlagen, aber wir mussten noch ein paar Sekunden warten, bis das Geräusch eines davonfahrenden Mopeds verschwunden war. Mein DAT-Rekorder lief die ganze Zeit und nahm das Geschimpfe der Schauspieler auf. Arrogantes Arschloch und blöde Sau, sagten sie ganz deutlich und meinten zweifellos den Regisseur, aber ich konnte die Aufnahme nicht ausschalten, weil sonst die Synchronität zum Teufel gegangen wäre. Vermutlich würde der Regisseur es erst Monate später am Schnittplatz hören, denn die Tonaufzeichnungen überprüfte ausschließlich ich selbst, und nur in Stichproben. Der Regisseur sichtete gemeinsam mit Eddi die Videobänder, auf denen der Ton des Kameramikros zu hören war, da würde er nichts von dem vertraulichen Geflüster in den Funkmikrofonen hören. Im letzten Licht des Sonnenuntergangs machten wir dann zwei Takes mit dem verkürzten Dialog und mir schien es, als hätte der Regisseur mit der Streiterei nur die Zeit überbrücken wollen, bis das Licht des Sonnenuntergangs seinen Vorstellungen entsprach. Aber die Schauspieler waren inzwischen so genervt, dass sie sich weigerten, mit dem Regisseur gemeinsam im gleichen Auto zu fahren und deshalb saß auf der Rückfahrt die Schauspielerin bei mir.

Seit Monaten verbrachten wir viel Zeit gemeinsam an den Drehorten und hatten trotzdem immer nur über Banalitäten geredet, über die Tonangel, die ich ihr so oft über den Kopf hielt, oder das Funkmikrofon, das ich in ihrem Jackenkragen versteckte. Unser Standarddialog begann mit meiner Frage, in welche Richtung sie reden würde, und seit einigen Wochen gab sie sich keine Mühe mehr, mir darauf zu antworten, sondern meinte zunehmend ironisch, dass das nur der Regisseur wisse. Ansonsten hatten wir uns bisher nichts zu sagen gehabt. Stillschweigend bewunderte ich sie, weil sie eine sanfte, aber trotzdem volle Stimme hatte. Wenn ich sie in dem guten Kopfhörer hörte, als sei sie ganz nah, bereitete mir das ein unmittelbares akustisches Vergnügen. Vermutlich war sie gut zehn Jahre älter als ich. Gern hätte ich sie gefragt, was sie sonst noch für Filme gemacht hatte, aber das erschien mir unhöflich, schließlich sollte ich das eigentlich wissen.

Überhaupt machte sie mich nervös, als ich allein mit ihr im Auto saß, dabei war sie wegen des Streits mit dem Regisseur selbst gerade sehr angreifbar, wie sie dann auch ganz unerwartet erzählte. Wir Techniker hätten es doch immer viel leichter, weil wir ja nur die technischen Probleme lösen müssten, die einfacher seien als die persönlichen. Und Probleme mit Leuten wie dem großen Regisseur seien vorprogrammiert, aber das wisse man erst hinterher. Sie sei auch gar nicht scharf darauf gewesen, mitzuspielen, aber es habe sich eben ergeben, und jetzt müsse sie sich da durchquälen. Dem männlichen Hauptdarsteller gehe es allerdings noch schlechter als ihr. Der müsse seine arbeitslose Freundin und zwei Kinder durchfüttern, während sie selbst keine finanziellen Probleme habe, grundsätzlich nicht. Trotzdem sei das ziemlich belastend, wenn man nach einem Drittel der Drehzeit merke, dass eigentlich nichts zusammenpasse, dass der Regisseur ihre Art zu schauspielern nicht zu würdigen wisse, dass sie inzwischen weder den Schauspieler noch seine Rolle inspirierend finde, was ihr dann das Spielen des Verliebtseins erschwere und der Schauspieler habe auch schon gemerkt, dass in dem Team alles auseinanderstrebe und deshalb dieser Film auf keinen Fall ein Sprungbrett für seine Karriere sein werde.

Explizit habe der Regisseur den Schauspielern eigentlich eine Mitgestaltung ihrer Rollen zugesagt, was aber in der Praxis an allerlei Reibereien und Meinungsverschiedenheiten permanent scheitere, und dadurch sei den niedrigen Gagen die Legitimation entzogen. Von diesen unliebsamen Gegebenheiten entmutigt, kreisten die Gedanken des Hauptdarstellers nur darum, wie er an Nachfolgeprojekte rankommen und damit seine Haushaltskasse sanieren könne. Also alles ziemlich verkorkst, aber nun müsse man eben ein paar Wochen durchstehen, und da sei mit noch einigen Streitereien zu rechnen. Mit meiner Tonangel hingegen könne ich mir ein konfliktfreies Territorium abstecken.

Ob sie denn im Auto rauchen dürfe, fragte sie mich, was reine Höflichkeit war, denn der überquellende Aschenbecher war nicht zu übersehen. Sie hatte allerdings keine Zigaretten. Vermutlich war sie eine von diesen reinen Stressraucherinnen, denn bisher hatte ich sie nicht rauchen sehen. Es dauerte einige rote Ampeln lang, bis ich während der Fahrt eine Zigarette gedreht hatte und ihr anbieten konnte. Die nahm sie, steckte sie in den Mund, spielte mit dem Feuerzeug und warf sie dann plötzlich unangezündet aus dem Fenster. Sie werde jetzt doch nicht rauchen! Bloß, weil der Regisseur so ein frustrierter Neurotiker sei, brauche sie sich nicht auch frustrieren lassen und einen Rückfall in die Nikotinabhängigkeit riskieren. Lieber Alkohol, da sei der Entzug sowieso erst noch in Planung.

So schleppend, wie sich der Verkehr durch die überlasteten Einfallstraßen quälte, würden wir noch mindestens eine halbe Stunde bis ins Büro brauchen, und ich sagte der Schauspielerin, dass diese halbe Stunde durch Büchsenbier auch für mich deutlich an Lebensqualität gewinnen könne. An einer Tankstelle hielten wir an, sie holte vier kleine Dosen, also nicht nur eine Sparration, und eine davon war schon für mich geöffnet. Als ich mich wieder in die vierspurige Straße einfädelte, merkte ich, wie die Schauspielerin an irgendetwas herumfummelte. Dann zündete sie sich eine Zigarette an und warf eine frische Schachtel F6 auf die Ablage. Konsequent inkonsequent, sagte sie, aber bisher sei sie damit immer gut durchgekommen, im Osten und im Westen.

Auf den großen Regisseur! Auf dass er sich mit unserem Filmprojekt ausgiebig befriedige. Dabei hielt sie mir ihre Büchse hin, um mit mir anzustoßen. Mit der anderen Hand hielt sie sehr cool die Zigarette. Ein Großteil des Tabaks verglimmte von alleine, denn während sie weiterredete, nahm sie nur einzelne Züge. Diese selbstverliebte Art des großen Regisseurs beim Inszenieren kenne sie ja schon, meist vom Theater. Beim Film gehe das normalerweise nicht, weil da irgendwo ein Produzent sitze, der zwar einerseits an sein Geld, aber eben andererseits auch an die Zuschauer denke. Denn von denen möchte er sein Geld ja letztendlich zurückbekommen. Produzenten seien erklärte Feinde der Regisseurs-Onanie. Das heiße dann aber nicht, dass da immer was Tolles bei rauskomme, das gehe ja auch oft genug schief und gefalle dann niemandem.

Ich ließ mir von ihr eine Zigarette anzünden und nahm einen großen Schluck Bier. Die Schauspielerin hatte, wie ich es bei anderen Schauspielerinnen auch schon feststellen konnte, stets einen kleinen, feinsinnigen Schuss Erotik in ihren Gesten und in der Betonung ihrer Worte, ganz zu schweigen von ihrer Stimme und der anzüglichen Art, mit der sie die Arbeit des großen Regisseurs runtermachte. Das gefiel mir alles sehr gut, so gut, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte.

Aber auch das störte nicht weiter, denn sie redete genug: Der Regisseur habe natürlich längst bemerkt, dass es nicht so laufe, wie er es sich erhofft habe, aber was soll er machen? Inzwischen seien alle so gereizt, dass sie bei jeder Kleinigkeit überreagierten. Das werde so ein Hickhack bleiben, wo jeder aus Böswilligkeit dem anderen nichts gönne, jede Bevormundung werde mit einer Widerspenstigkeit quittiert, jede missliebige Äußerung mit einer Retourkutsche und wenn jemand sich die Blöße gebe und Entgegenkommen signalisiere, werde es ausgenutzt. Wenn schließlich irgendwann die Premiere stattfinde, werden aber alle sagen, dass es ein tolles, ein supertolles Team gewesen sei.

Du übertreibst, sagte ich, und sie gab mir Recht. Das sei alles Polemik, aber sie sei gerade in der Laune, die Polemik als Wahrheit zu sehen, ihre Wahrheit, die sie sich jetzt zum Feierabend gönne, so wie der Regisseur sich seine, und er habe auch noch den Anspruch, diese durch den Film zu manifestieren. Theater, Film, Fernsehen, und dann auch noch die Werbung, alles Tummelplätze für unterschiedliche Wahrheiten, manchmal mit riesigem Aufwand inszeniert, um der jeweiligen Wahrheit Gewicht und Glaubwürdigkeit zu verleihen, die Wahrheit ihrer kleinen Feierabendpolemik sei dagegen banal und harmlos, aber sie habe keine Lust, die echte Wahrheit zu entschlüsseln, denn dazu müsse sie Verständnis für den armen großen Regisseur aufbringen, schließlich wolle der auch nur einen guten Film machen, aber habe sich eben in den Schauspielern vergriffen, deshalb werde man eben nicht, wie erhofft, einen gemeinsamen Nenner finden, und nun sei es ihr gemeinsames Problem, mit dem sie sich gegenseitig auf den Nerven rumtrampelten.

Morgen früh gehe sie wieder total objektiv an die Sache ran, dann werde die nächste Szene in den Kasten gesteckt, gedreht oder digital hineingesaugt. Das machen wir dann noch einen Monat lang, bis wir fertig sind. Danach suche ich mir den nächsten neurotischen Regisseur, der gerade eine mittelalte, mittelerfolgreiche Schauspielerin mit Mittelscheitel braucht. Ich schaute sie an. Du hast doch gar keinen Mittelscheitel, sagte ich, was ein Einwand war, den sie vermutlich herausfordern wollte. Sie könne sich ja einen Mittelscheitel machen, dann sehe sie wirklich aus wie die typische, widerspenstige Ostlerin, die der Regisseur sowieso schon in ihr entdeckt habe, sie könne sich aber auch blondieren, dann sei sie im Nu eine West-Tussi vom Ku’damm. Sie mache ja sowieso alles Mögliche, um den dämlichen Ideen der Regisseure, Filmemacher und Casting-Agenten gerecht zu werden. Außerdem sei sie gar nicht mittelberühmt, sondern ziemlich bedeutungslos. Nur mittelalt, das stimme. Ich habe es mit meiner Tonangel wirklich viel einfacher.


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„Medialismus“, Roman: 33. Kapitel

Ralf SchusertMeine eigenen Projekte legte ich erst einmal auf Eis und wollte es mir gut gehen lassen, was aber in vielerlei Hinsicht nicht richtig klappte, weil Tina inzwischen zwanzigtausend Kilometer entfernt war.

Ich versuchte, mich mit anderen Genüssen bei Laune zu halten, vor allem mit Whiskey, was damals gut funktionierte und die Zeit schnell vergehen ließ. Als schmerzlich empfand ich den Gedanken an Tina nur, wenn wieder eines der Blätter vom Gummibaum gefallen war. Dann überfiel mich eine plötzliche Melancholie, die allerdings nicht lange anhielt. Ab und zu betrank ich mich mit der Regieassistenz, vor allem dann, wenn wir nach der anstrengenden Arbeit dringend Entspannung zu brauchen glaubten.

An einem der freien Tage besuchte ich Achim, um mich nach seiner Lage zu erkundigen. Da musste ich feststellen, dass er schon wieder ganz in seine ABM-Maßnahmen-Hysterie verfallen war. Vom großen Regisseur wollte er nichts hören, wie der Film voranging, interessierte ihn nicht. Nach seinem unrühmlichen Abgang verstand ich das. Trotzdem hatte ich mir erhofft, dass er einen mitfühlender Zuhörer abgeben würde, da er die verquere Gruppendynamik kannte und vielleicht Freude daran hatte, wenn ich über den zwanghaften großen Regisseur und den eifrigen Eddi lästerte. Aber dem war nicht so.

Trotzdem besuchte ich ihn eine Woche später nochmals, da mir niemand besseres einfiel. Da saß unerwartet Marianne bei ihm im Schlafzimmer und tippte auf einen kleinen, aber ungemein klobigen Laptop ein. Es sei sehr passend, dass ich gerade hereinschneie, sagte sie, der richtige Zeitpunkt, um einen gemeinsamen Kaffee zu trinken. Während sie mir erklärte, dass Achim es tatsächlich geschafft habe, das für ihre Unterbringung gedachte Stipendiengeld in Bargeld zu verwandeln und sie nun dabei sei, Achims Schilderungen der ABM-Maßnahmen in ein Theaterstück zu verwandeln, quälte ich mich in Gedanken mit der Frage, warum die beiden so eine Geheimnistuerei um ihr Projekt machten. Marianne hätte sich längst bei mir melden können. In seiner Geschwätzigkeit hatte Achim immer wieder unbeabsichtigte Andeutungen fallen lassen, aber nie etwas verraten. Stattdessen war er meinen Fragen ungeschickt ausgewichen.

Achim schlafe zurzeit auswärts in einer WG, sagte mir Marianne, bei Kollegen aus seiner ABM-Maßnahme. Aber es seien tägliche Besprechungen zwischen ihr und ihm vorgesehen, um am Text zu arbeiten, oder vielmehr arbeite sie am Text und Achim versorge sie mit Informationen und Hintergrundwissen. Sollte ich sie fragen, seit wann sie sich schon in der Stadt aufhielt? Dass sie mich nicht darüber auf dem Laufenden hielt, wenn sie sich hier einquartierte, enttäuschte mich. Aber ich ließ mir nichts anmerken.

Die Schilderungen von Achims Berufsleben, das ja nur ein vermeintliches sei, eine Simulation, hätten sie beeindruckt, aber weder im positiven noch im negativen Sinn, sondern in ihrer Beispielhaftigkeit für die Entfremdung, die nicht nur symptomatisch für so eine ABM-Maßnahme sei, sondern für weite Bereiche des modernen Arbeitslebens.

Kannte Marianne eigentlich irgendein modernes Arbeitsleben? fragte ich mich. Außer ihrem eigenen, das ja nur darin bestand, zu schreiben und somit ein untypisches war. Woher nahm sie also ihre Weisheiten über Entfremdung und Werteverlust?

Sie behauptete, dass der Zwang zu einer nutzlosen und nur vorgetäuschten Arbeit, wie er ihr von Achim geschildert worden sei, einer Entwertung der Arbeitskraft gleichkomme, ein Prozess, der die Psyche der Betroffenen beeinträchtige.

Dem konnte man kaum widersprechen, diese Aussage war banal. Alles beeinträchtigt die Psyche, sagte ich, auch meine Tätigkeit als Tonmann hätte sich inzwischen als sehr belastend herausgestellt. Das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen, aber es kam einfach aus mir heraus und verhinderte, dass ich mich in kleinlichen Vorwürfen erging, an denen Marianne unschwer hätte erkennen können, dass ich beleidigt war. Der große Regisseur habe uns mit leeren Versprechungen eingefangen, uns versprochen, die digitale Aufnahmetechnologie ermögliche eine kollektive Kreativität, was aber gar nicht stimme, es sei immer nur der große Regisseur selbst, der alle Entscheidungen treffe. Insofern habe sich die Digitalität als Mogelpackung erwiesen.

Das sei ein falscher Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, widersprach Marianne. So wie sie Achims Schilderung der Dreharbeiten verstanden habe, sei es völlig egal, ob die Kamera digital oder analog arbeite, es gehe einfach darum, dass sie billig sei. Und dass nicht nur die Technik billig sei, sondern auch die Leute, die damit arbeiteten, speziell der Klappenschläger.

Da musste ich Marianne Recht geben, warf aber ein, dass diese Verbilligung, sei sie nun technischer oder personeller Natur, mit einem Qualitätsverfall verbunden sei. Schon während dich das sagte, erschien mir mein Argument fragwürdig, aber es ergab sich wohl aus dem Gefühl heraus, dass ich mich vom großen Regisseur als billiges Tonangelhaltepersonal verheizt fühlte.

Marianne schlug mit ihrer Antwort genau in diese Kerbe: Dass ich selbst doch genau immer diese Lücke gesucht habe, also Rahmenbedingungen, unter denen der persönliche künstlerische Ausdruck über die technologischen und kommerziellen Rahmenbedingungen triumphiere – und nun würde ich das glatte Gegenteil behaupten! Denn wenn ich eine Verbilligung der Technik kritisch sähe, dann sei das ein Bekenntnis zur klassischen Künstler-Zweiklassengesellschaft: die einen hätten Zugang zu den Produktionsmitteln, die anderen nicht.

Weil ich Marianne leider erneut Recht geben musste, gelang mir nur noch ein kleiner, unwichtiger Einwand, indem ich darauf hinwies, dass die Bildauflösung unserer Kamera nicht einmal die einer analogen Videokamera erreiche, trotzdem stünden alle, die damit arbeiteten, wie hypnotisiert im Bann des Zauberwortes Digitalität. Damals war es in der tat so, dass die digitale Technik im Videobereich noch weit hinter den klassischen, aber teuren Analoglösungen hinterherhinkte. Erst zehn Jahre später ging es der verstaubten Filmtechnik so richtig an den Kragen und sie erlebte die gleiche Umwälzung, die die Audiotechnik bereits hinter sich hatte.

Die Diskussion zwischen Marianne und mir wurde unterbrochen, weil Achim nach Hause kam, oder sollte ich sagen: zu Besuch? Er brachte Kuchen und Gebäck mit und sollte eigentlich von seinen aktuellen Erlebnissen aus dem ABM-Alltag berichten. Durch meine Anwesenheit und die vorherige Diskussion ergab es sich aber, dass wir stattdessen erst einmal über meine Arbeit beim digitalen Spielfilm redeten. Diesmal tat Achim sehr interessiert und hatte einiges beizutragen, um Marianne den Eindruck zu vermitteln, dass er inmitten der strebsamen Zweit- und Drittliga-Filmkarrieristen, die sich dort versammelt hätten, fehl am Platz gewesen sei.

Als meine Kaffeetasse leer war, ließ Marianne Bemerkungen fallen, die mich zum Aufbrechen motivieren sollten. Sie müsse dringend weiter am Text arbeiten und zwar gemeinsam mit Achim, der noch seinen täglichen Rapport abzuliefern habe. Ich nahm das zur Kenntnis und leitete die Verabschiedung ein. Mein Versuch, mit den beiden eine Verabredung für das folgende Wochenende zu vereinbaren, erwies sich als schwierig, weil ich selbst noch nicht wusste, ob und wann ich zu arbeiten hatte und die beiden auch noch in einige ungeklärte Terminfindungsprozesse verwickelt waren. Immerhin meinte Marianne, bei der täglichen 16-Uhr-Kaffeepause störe ich nie, da könne ich an allen Wochentagen ohne Anmeldung vorbeikommen, und diese pauschale Einladung hellte meine getrübte Laune auf.

Als ich das Haus verließ, schien die tiefstehende Abendsonne warm und angenehm. Am liebsten hätte ich mich gleich in ein Straßencafé gesetzt, um ein Bier zu trinken. Die eine Szenekneipe, die bei Achim um die Ecke lag, hatte allerdings noch nicht geöffnet, die andere lag im Schatten. Also nahm ich erst einmal die U-Bahn und fuhr so, dass zwischen der Station, an der ich ausstieg und Tinas Wohnung ein schöner Biergarten lag. Allerdings sank die Sonne zu schnell. Genau in dem Moment, als mir die Bedienung das Bier auf dem Tisch stellte, verschwand sie hinter dem Schornstein der gegenüberliegenden Häuserzeile. Schon beim ersten Schluck fröstelte es mich. Ich hätte gleich nach Hause gehen sollen, sagte ich mir, obwohl ich keine Idee hatte, was ich an dem angefangenen Abend allein mit mir anfangen sollte. Außer müßigen Gedanken über Marianne nachzugehen und mich zu langweilen. In dem Biergarten langweilte ich mich nicht nur, ich fror auch noch.

Aber dann, als mein Bier fast leer war, kam tatsächlich einer der Moderatoren der Poetry Slams vorbei, sah mich und freute sich offensichtlich. Er sprach mich gleich an, denn er wollte am nächsten Mittwoch in einer neuen Bar eine neue Performancereihe eröffnen, und ich sei genau der Richtige, den er jetzt noch brauche, zumal ein anderer Performer, den ich noch nie leiden konnte, unerwartet auf eine Festgage bestand, und die könne er, der Moderator, nicht garantieren. Er hoffe aber auf üppige Einnahmen, weil die Bar ganz gut im Geschäft sei. Er habe schon längst vorgehabt, mich wegen der Teilnahme am Slam zu fragen, allerdings bisher versäumt, es tatsächlich zu tun. Besonders gut würde es ihm gefallen, wenn ich tatsächlich Filmprojektion mit Poetry verbinden würde. Das mache ja keiner außer mir, und das sei wirklich cool.

Er brauchte mich gar nicht zu überzeugen, ich war sowieso scharf darauf, aufzutreten, es gab nur das Problem, dass wir an diesem Mittwoch einen Drehtag hatten und niemand wusste, was der große Regisseur da aufnehmen wollte und wie lange es dauern würde, bis er alle seine Vorstellungen in digitale Videobilder umgesetzt hätte. Die Performance sollte erst um zehn Uhr abends losgehen. Wenn ich erst nach der Pause aufträte, wäre es ausreichend, um elf einzutreffen, wobei vorher die Frage geklärt werden musste, wann und wie der Projektor aufgebaut werden sollte. Ich wusste, dass mir diese Aktion eventuell eine Menge Stress und Scherereien einbringen würde, aber ich konnte nicht nein sagen, weil es mir ein Bedürfnis war, mitzumachen. Ich verabschiedete mich vom Moderator, um nach Hause zu gehen, denn jetzt wusste ich, wie ich den Abend verbringen wollte. Ich würde den Text für Mittwoch überarbeiten und proben.


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„Medialismus“, Roman: 32. Kapitel

ralfcschusterDas Gute an unserem digitalen Filmprojekt war die Terminplanung. Wir drehten zunächst nie länger als drei Tage hintereinander. Dann mussten erst wieder Vorbereitungen für die nächsten Aufnahmen getroffen werden. Drehorte besichtigen, Drehgenehmigungen beantragen, Requisiten besorgen, Technikprobleme lösen oder konzeptionelle Besprechungen zwischen dem Regisseur und den Hauptdarstellern. Beim großen Film machte man das anders, da wurde vorher alles durchorganisiert und dann von unglaublich vielen Leuten möglichst schnell runtergerissen. Aber der große Regisseur verzichtete auf die vielen Leute und wollte vieles selbst machen, weil er Spaß dran hatte. Wenn er sich nicht gerade in seinem manchmal beängstigenden Perfektionismus verlor, gefiel mir das.

Nach zwei Tagen im Treppenhaus, im Lift und im Flur musste die Wohnung eingerichtet werden. Ich sollte ursprünglich nur vormittags dabei sein, um das Mobiliar und die Requisiten hochzutragen, aber ich half auch beim Einräumen, wurde dann zu einem Trödler geschickt, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Als ich zurückkehrte, entwickelte der Regisseur mit den Schauspielern die Inszenierung und es herrschte eine wunderbare, entspannte Stimmung. Manchmal schnitt Eddi eine Probe mit. Da konnten wir sehen, wie die Requisite wirkte und wo noch Sachen fehlten. Die Wohnbaugenossenschaft hatte uns die Wohnung für einen Monat zur Verfügung gestellt, kostenlos. Beim Einrichten und bei der Probe kam mir das komfortabel vor, aber beim Drehen merkte ich, dass zwei Wohnungen nötig gewesen wären. Denn wir drehten in allen Zimmern, aber es wurde ja immer eines für das Team und die Technik gebraucht, damit dort die Maskenbildnerin ihre Sachen aufbauen konnte und wir unsere Technikkoffer mit den unzähligen Ladegeräten. Ganz zu schweigen von den Kaffeetassen.

Natürlich war es Achim, der immer wieder seine Kaffeetasse dort stehen ließ, wo sie auf keinen Fall stehen durfte: im Set, also dem Bereich, der im Bild zu sehen war. Manchmal, aber nicht immer, gelang es mir, unauffällig seine Tasse zu entfernen. Der Regisseur konnte beim Anblick von unerwünschten Gegenständen im Set ziemlich grantig werden, was Achim gar nicht zu stören schien, während es mir die Stimmung versaute. Ich hatte Achim mitgebracht, deshalb hoffte ich, er würde sich professionell verhalten. Vergeblich. Er war nur an den Drehtagen, nicht an den Vorbereitungstagen mit dabei, und das sollte auch so sein, weil er nebenbei Geld verdienen musste. Vom ABM-Projekt wurde er für das Praktikum beim Film beurlaubt, obwohl es ja nicht so richtig in sein Qualifikationsspektrum passe, wie der Sachbearbeiter beim Arbeitsamt sich angeblich ausgedrückt habe. Alles, was der Sachbearbeiter zum besten gab, war laut Achim realitätsfremd und unangemessen, die Handlungsempfehlungen nutzlos, wenn nicht gar schikanös. Ich wollte mir seine unangemessenen Beschwerden gar nicht anhören, aber es kam immer wieder aus ihm heraus.

Es sei denn, er redete von seinem bösen Vermieter, der ja angeblich aus der Besetzerszene stammte und inzwischen selbst auf unglaubliche Weise zum Nutznießer der schiefliegenden Eigentumsverhältnisse geworden sei. Dabei gehe es um die Frage, ob Achim einen Untermieter einquartieren dürfe, der das Schlafzimmer als Arbeitsraum miete, aber weil Achim die Miete vom Arbeitsamt in voller Höhe erstattet haben wolle, brauche er die Miete schwarz, während der potentielle Mieter eine Quittung verlange, und die auch noch mit ausgewiesener Mehrwertsteuer. Das sollte der Vermieter irgendwie arrangieren, ohne selbst einen Nutzen davon zu haben. Obwohl laut Mietvertrag sowieso keine Untermieter erlaubt waren, ließ Achim sich nicht davon abbringen, dass ihm sein Vermieter aus purer Boshaftigkeit den erhofften Nebenverdient vermiesen wollte, denn dieser weigerte sich, bei der Sache mitzuspielen. Dem kann das doch egal sein, ob bei mir jemand im Schlafzimmer sitzt und Texte schreibt, sagte Achim, während er aus dem Auto stieg und haute dann wie zur Bekräftigung die Beifahrertür zu. Jetzt kapierte ich, um was, oder vielmehr, um wen es ging. Marianne würde nach Berlin kommen, weil sie wieder ein Stipendium bekam, und einen Teil dieses Geldes, das nur für Sachmittel, Mieten oder Reisekosten ausgegeben werden durfte, wollte Achim durch die Geldwaschanlage schicken. Nachvollziehbar, aber ziemlich aussichtslos.

Wir mussten erst einmal die Technik ausladen, denn wir kamen gerade vom Dreh im Elfgeschosser zurück. Achim redete auf mich ein,  als sei ich der Mann von der Stipendiumsvergabestelle: Das sei doch völlig unnütz und an der gutgemeinten Zielsetzung vorbei, wenn Marianne das Geld, dass sie dringend zum Leben brauche, für nutzlose Reisen ausgebe. Warum hat sie sich für ein Stipendium beworben, das aus Reisekosten besteht? Blöde Frage, meinte Achim, er habe einfach alle Stipendien beantragt, das sei doch klar. Ich fummelte mit dem Schlüssel herum, um das Büro aufzuschließen. Ach so, Achim hatte die Anträge geschrieben. Das habe er mir doch schon mal erzählt, dass er das tue und es sei sehr ökonomisch, wenn man für andere Leute Anträge schreibe, eine bewährte Methode. Diese Methode solle ich auch mal probieren. Ob denn Marianne für ihn schreiben würde, fragte ich, aber Achim verneinte. Marianne schreibe aber am Theaterstück, sie schreibe ja sowieso fast immer. Ihr eigenes Zeug. Die Bürotür hatte ich endlich offen und nahm den Lichtkoffer wieder in die Hand, trug ihn in die Fabriketage. Wir brauchten das doch gar nicht mehr, diese Kultursubventionen, meinte Achim, ich sei schon voll drin im Business und er schlage sich irgendwie durch. Aber ich hielte doch nur die doofe Tonangel, und er schlage die Klappe, beides undankbare Aufgaben. Von wegen, das sei wichtig und beachtlich, hältst du einmal die Tonangel, werde es woanders bestimmt auch klappen, und dann angelst du und angelst, bis du durch den Sucher gucken darfst, so wie Eddi.

Eddi kam gerade zur Tür rein, er hatte die Kameratasche umhängen und schob ein paar weitere Transportkisten auf der Sackkarre vor sich her, unter anderem noch unseren Koffer mit den vielen Ladegeräten für die Akkus. Die mussten alle ans Netz. Darum kümmerte ich mich, während Eddi die Kassetten mit dem Rohmaterial überprüfte und zu den anderen Kassetten legte. Erst danach reagierte er auf Achims Bemerkung und fragte, was er gemeint habe. Achim war aber gedanklich schon ganz woanders, er hatte nämlich festgestellt, dass die Kreide alle war, seine Klappenkreide. Da wäre doch eine ganze Packung dagewesen, sagte Eddi. Ja, das sei wohl richtig, aber weil die Kreide so oft breche, sei dieser Vorrat ganz schön schnell zusammengeschrumpft, und es sei schon zehn Uhr abends, am nächsten Morgen würden wir um acht in den Volkspark Friedrichshain fahren, um dort zu drehen. Wo soll ich die Kreide hernehmen, jetzt haben wir den Salat, sagte Achim und ich merkte, wie ihn das klammheimlich erheiterte. Eddi blieb wie immer total ernst. Achim hätte mal vorher sagen sollen, dass die Kreide zu Ende gehe, es käme in so einem kleinen Team drauf an, dass sich jeder verantwortungsvoll um seine Aufgaben kümmere. Eine längere Nachtruhe wäre aber auch nicht schlecht, um der Misere zu begegnen, erwiderte Achim, der inzwischen wusste, dass es vorgeschrieben war, mindestens elf Stunden Pause zwischen Arbeitsende und dem nächsten Arbeitsbeginn zu bekommen. Darüber setzte sich der Regisseur häufig hinweg, weil er meinte, wir arbeiteten nicht in der Behörde, sondern hätten einen Kulturauftrag, der an den Stand der Sonne gekoppelt sei.

Da müssen doch noch ein paar Stummel irgendwo rumliegen, bemerkte Eddi etwas genervt, woraufhin Achim plötzlich in Ironie verfiel und uns mit tiefsinnigen Weisheiten über Stummel zu unterhalten versuchte. Er habe schon immer Stummel gehasst, denn es gebe kein schlimmeres Sinnbild für einen selbstquälerischen Menschen. Jemand, der sich die Finger verbiege, um so einen Stummel bis zum letzten Atemzug aufzubrauchen, sei es nun Kreide, einen Bleistift oder auch eine Zigarette, dieses Stummelgeschummel, -gekritzel und -gespeichel empfinde er als beklemmend und es sei alles andere als eine gute Voraussetzung für ihn, um schöpferisch tätig zu werden. Und das habe der große Regisseur ja wortwörtlich zum Team gesagt, damals, am Abend vor dem ersten Drehtag, dass man sich freikämpfen müsse, um an den Punkt zu kommen, der einem Kreativität ermögliche. Deshalb habe er, Achim, jeden Stummel sofort weggeworfen, und es seien sehr viele gewesen, weil ihm die Kreide so oft zerbrochen sei. Das habe aber seinen Grund, denn man habe anstatt der banalen Tafelkreide die feine Künstlerkreide gekauft.

Eddi, der Achim bisher immer nur als leicht desorientierten Klappenschläger erlebt hatte, war sichtlich verwirrt über diese weitreichenden Ausführungen oder vielmehr Ausreden und wusste gar nicht, was er sagen sollte, während ich in mich hineinschmunzelte. Ohne Kreide geht’s aber nicht, stellte er schließlich fest, dann packte er seine Umhängetasche, und bevor er verschwand, stellte er mir noch die verantwortungsbewusste Frage, ob ich den Schlüssel hätte und zuschließen würde, was ich ihm mit ernstem Gesicht zusicherte. Ich will nicht so werden wie Eddi, sagte Achim, nachdem der verschwunden war.

Das wirst du auch nicht, sagte ich ihm und am nächsten Morgen zeigte sich auch sogleich der eklatante Unterschied zwischen den beiden. Eddi war superpünktlich und Achim kam zu spät. Verabredet waren wir um halb acht, Autos beladen. Das konnten wir unauffällig ohne Achim machen. Der Requisiteur, die Aufnahmeleiterin und die Maskenbildnerin fuhren meist bei Eddi mit, die Regieassistenz und die zwei Hauptdarsteller mit dem Regisseur. Schließlich waren alle bereit, nur Achim fehlte. Ich sollte auf ihn warten, während die anderen vorausfuhren. Damals waren Handys noch Mangelware. Der Regisseur hatte ein riesiges Autotelefon in seinem alten Benz, Eddi war ansonsten der einzige im Team, der schon ein Handy benutzte. Bei Achim war damit noch lange nicht zu rechnen. Also hatte ich keine Chance, herauszufinden, ob er gerade zur Haustür herauskam, oder schon in der U-Bahn saß. Ihm hätte ich auch zugetraut, dass er noch im Bett lag, aber seine Festnetznummer hatten wir schon nach fünf Minuten Wartezeit vom Büro aus vergeblich angewählt.

So saß ich unruhig im Auto, das abfahrbereit auf dem Hof stand. Doch bevor ich richtig nervös werden konnte, bog Achim schnellen Schrittes um die Ecke. Es sei die dumme Kreide gewesen, sagte er, die sei schuld daran, dass er zu spät gekommen sei. Pflichtbewusst und engagiert sei er frühmorgens in die Schule neben der U-Bahnstation geschlichen, um Tafelkreide zu klauen, was auch gelungen sei, doch beim Rausgehen habe ihn ein Lehrer angesprochen, was er auf dem Gelände zu suchen habe, und anstatt schnell irgendetwas zusammenzulügen, habe Achim herumgestottert, und es sei ein zweiter Lehrer aufgetaucht, der auch noch seinen Erziehungswillen an Achim habe abarbeiten wollen, so dass es zu einer lästigen Verzögerung gekommen sei.

Als Achim zu mir ins Auto stieg, waren die anderen offensichtlich noch nicht weit gekommen, denn letztendlich trafen wir alle gleichzeitig am Volkspark Friedrichshain ein. Es sollte gedreht werden, wie der Wessi dort spazierengeht und die Künstlerin aus dem elften Stock trifft. Es ergibt sich ein kurzer Dialog, dann trennen sie sich. Durch Zufall, oder zumindest sollte es nach Zufall aussehen, kreuzt sich ihr Weg anschließend noch einige Male. Dummerweise auch mit dem des Klappenschlägers Achim. Dass die Klappe geschlagen wird, damit man problemlos die Synchronität zwischen der Tonaufnahme und dem Bildmaterial herstellen kann, hatte Achim, als ich es ihm erklären wollte, angeblich schon gewusst. Dass er die Klappe dort schlagen muss, wo man sie gut im Bild erkennen kann, versteht sich eigentlich von selbst. Dass er mitsamt seiner Klappe dieses Bild anschließend möglichst schnell verlassen sollte, ist ebenfalls so banal, dass kein Mensch auf die Idee käme, dass erklären zu müssen.

Dabei können ein bisschen elementare Geometrie und gesunder Menschenverstand helfen, den kürzesten Weg zu finden. Um es genau zu sagen: Man geht entlang der Lotrechten vom Standort auf den näher gelegenen Schenkel des durch die Kamera vorgegebenen Bildwinkels zu. Diese Erklärung versteht natürlich keiner, zumal bei den inzwischen vorherrschenden Zoom-Objektiven nicht so leicht erkennbar ist, wo die Schenkel des Bildwinkels liegen. Ich hatte es Achim oft gesagt, er solle auf die Kamera zugehen und seitlich aus dem Bild heraustreten, aber er versuchte immer, mit seiner Klappe nach hinten zu verschwinden, vielleicht aus seiner latenten Abneigung gegenüber dem großen Regisseur heraus, der ja auch die Kamera führte. Weil sich das Bild nach hinten aufweitet oder der Kameramann schwenken könnte, ist der Weg nach hinten weiter und das Risiko, ins Bild zu kommen, größer.

An dem Tag, als wir im Volkspark Friedrichshain drehten, machte er es wieder falsch, obwohl er durch seine Unpünktlichkeit sowieso schon negativ aufgefallen war. Es gab eine, wie der große Regisseur betonte, für die dramatische Entwicklung des Films bedeutsame Einstellung, in der die beiden Schauspieler sich unterhalten und dabei auf die Kamera zukommen. Wie üblich war nicht genau festgelegt, wie der Dialog sich entwickelt, sie sollten improvisieren. Es hatte schon gleich vormittags einen Streit zwischen der Schauspielerin und dem Regisseur gegeben, weil dieser sie als typisch widerspenstige Ostlerin bezeichnet hatte, dann, einige Takes später, war plötzlich der Schauspieler beleidigt, wobei ich gar nicht mitbekam, woran es lag, aber diese Streitereien wegen Nichtigkeiten häuften sich. Wenn der Regisseur seine Schauspieler nicht anmeckern wollte, um eine Eskalation zu vermeiden, richteten sich seine zynischen Bemerkungen an die Regieassistenz.

Auf diese Weise war die Stimmung an jenem Tag im Park schon sehr weit abgesackt, die Zeit unproduktiv vergangen und dann näherte sich auch noch eine große Wolke. Deshalb waren alle scharf drauf, dass die Einstellung endlich klappt. Zwölf Takes hatten wir schon, beim dreizehnten ergab sich ein wirklich sehr schönes Wechselspiel zwischen den Schauspielern und der Kamera, aber weil der Schauspieler einen Schritt weiter nach vorne kam als im vorhergehenden Versuch, schwenkte der große Regisseur, der ja auch Kameramann war, ebenfalls etwas weiter und da stand plötzlich Achim mit seiner Klappe neben einer Blumenrabatte im Bild. Achim wollte zurückweichen, dabei stolperte er über die Einfriedung und lag dann zwischen den Blumen. Das war großartiger Slapstick, über den aber niemand lachen konnte. Beim nächsten Take schob sich die Wolke während des Dialogs vor die Sonne und wir mussten fast eine halbe Stunde warten. Später, beim Sichten des Materials, entdeckte Eddi, dass Achim bereits in einer anderen Szene hinter einem Busch erkennbar war.

Da lief das Fass über, der große Regisseur hatte die Schnauze voll. So einen Trottel könne man sich nicht leisten, auch wenn er nichts koste, diese Blödheit, das ginge zu weit. Nach den Aufnahmen im Park gab es ein paar freie Tage. Bevor die Arbeit weiterging, bekam Achim einen Anruf von der Produzentin, dass er beim nächsten Drehtag nicht gebraucht werde. Das war es dann mit Achims Klappenschlägerkarriere. Ich regte mich darüber auf, dass der Regisseur so kumpelhaft daherkam, nichts bezahlte, aber dann kein Verständnis für einen Mangel an Erfahrung beim ungelernten Personal hatte. Andererseits war es gar kein Mangel an Erfahrung, sondern Achims Sorglosigkeit und die fehlende Bereitschaft, sich etwas erklären zu lassen. Eigentlich erleichterte mich sein Rausschmiss, weil Achim mit seiner Unberechenbarkeit ein permanentes Risiko darstellte. Andererseits fand ich es ohne ihn zunächst langweilig.

Aber auch die Regieassistentin hatte inzwischen die Lust daran verloren, den Regisseur jeden Morgen zu küssen und dann mit ihm und den Schauspielern auf dem Weg zum Drehort herumzustreiten und kam deshalb unter irgendwelchen Vorwänden immer öfter zu mir ins Auto, wo wir ungestört lästern konnten. Küsschen vom Regisseur bekam sie trotzdem, entweder vor der Abfahrt oder bei der Ankunft. Wir waren ja von Anfang an darauf getrimmt worden, ganz herzlich zueinander zu sein, zur Begrüßung immer gleich Umarmungen und Küsschen für die Frauen. Der Regisseur wollte das Team als eine Familie sehen, oder als Freundeskreis, aber das waren wir nicht. Vielleicht hätten wir es werden können, wenn man es nicht permanent stillschweigend gefordert hätte. Uns quälte die Zwanghaftigkeit des Regisseurs und  seine Rücksichtslosigkeit, mit der er es als selbstverständlich voraussetzte, dass wir Tag und Nacht für den Film da sein sollten, egal wie viel Stunden wir schon hinter uns hatten. Auch meine Stimmung war sehr labil und sackte manchmal in totale Lustlosigkeit ab. Der Anteil der freien Tage wurde immer geringer, die Arbeitszeit pro Tag immer länger. Beachtlich, wie viel Ausdauer und Geduld der große Regisseur hatte. Vielleicht war das seine herausragende Charaktereigenschaft, mit der er sich im harten Wettbewerb der kreativen Geister hatte profilieren können. Vielleicht war ich selbst zu lasch und nicht belastbar genug, denn ich ertappte mich immer öfter bei dem Gedanken, dass ich das einfach nur durchstehen wollte, egal wie. Aber das Projekt zog sich hin wie ein gigantischer, ausgelutschter Kaugummi.


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