Wie Arsch auf Eimer

Wie ist diese Dissipationsmöglichkeit in den Individuen strukturell realisiert? Daß verkapselte Strukturen [Definition siehe unten, S.H.] und erste Prä-Modelle [s. u., S.H.] um so wirksamer zur Geltung kommen, je einfacher die Modellwelt [s. u., S.H.] des Organismus ist, wurde gesagt. Am unmittelbarsten wirkt in dieser Hinsicht die Musik, die entsprechend häufig den jeweiligen „Geruch“ innerhalb einer Subkultur bereitstellt. Nehme ich meine Entwicklung als Beispiel, so war dieser „Geruch“ ab dem Alter von etwa sechzehn Jahren die populärere Musik von Außenseitern (in bezug auf mein Herkunftsmilieu). Die Vorbilder in diesem Genre zeichneten sich durch eine Rebellenpose aus, die mich anzog. Der musikalische Aspekt selbst scheint im Rückblick weniger wichtig gewesen zu sein als die Identifikation mit dem Außenseitertum plus Zugehörigkeit zur Subkultur. Die Musik selbst ist bei nüchterner Betrachtung durch einfache, fast immer doppelmetrische Rhythmen charakterisiert, welche von Prä-Modellen akzeptiert werden können, die bereits in der frühen Kindheit durch Kinderlieder erlernt werden. Elementarer noch wirkt das für dieses Genre typische Verzerren der Gitarrenakkorde: Diese Klänge können unsere verkapselten Strukturen nicht weiter „parsen“. Allein schon deswegen können sie nicht durch Modelle strukturiert werden und bewirken daher kleine Orientierungsverluste. Die auf Konzerten dieser Bands eingesetzten Beleuchtungstechniken sowie die Lautstärke der Musik sorgen zusätzlich für ausreichend autonom hergestellte Aspektverluste, so daß die affektive Wirkung gesichert war.

Thomas Raab: Nachbrenner Zur Evolution und Funktion des Spektakels (2006), S. 142 f.

Begriffsdefinitionen nach Raab S. 89 f.:

  • Verkapselte Strukturen“ adaptieren sich weder an ihre Umwelt, noch ist ihre Funktion durch Zugriff von genetisch jüngeren Strukturen … beeinflußbar. Sie sind strukturell statisch. Typischerweise handelt es sich um Rückenmarksreflexe sowie die untersten Stufen der sensorischen Verarbeitung, die physikalische Impulse (z. B. Lichtteilchen) in bereits strukturierte Sinnesoberflächen transformieren. Trotz ihrer Statik und ihres phylogenetischen Alters sind sie in Notfällen die zum Überleben des Organismus notwendigsten Strukturen.
  • Prä-Modelle [sind] … durch phylogenetische Selektion im Organismus bloß „angelegte“ Strukturen, die daher „Erlernen“ durch aktive, „spielerische“ Einübung erfordern. Im Gegensatz zu verkapselten Strukturen sind sie dynamisch, d. h. sie passen sich im Zuge ihres Gebrauchs immer genauer an die Umwelt an … In ihrer Genese fußen sie auf der Strukturierung von Reflexen. Sowohl „verkapselte“ Strukturen als auch Prä-Modelle rechnen sensorische Inputs ohne Intervention von Modellen in motorische Outputs um.
  • Innere Modelle sind Strukturen, die durch Lernen im Zuge der Interaktion des Organismus mit der Umwelt ontogenetisch gebildet wurden. Sie sind „dynamisch“, da sie sich im Zuge der Interaktionen mit der Umwelt permanent weiterentwickeln können. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie im Gegensatz zu verkapselten Strukturen und Prä-Modellen Zeichenketten auf einem internen Schirm unmittelbar generieren und durch Modellkonstruktion immer „feiner“ strukturiert werden können. Der Schirm ist eine Sammelbezeichnung für die Output-Vorrichtungen aller gerade aktualisierten Strukturen; durch ihn können intern generierte Zeichenketten anderen Strukturen zugänglich gemacht werden. Um Zeichenketten auf dem Schirm zu generieren, müssen die generierenden Modelle von der Sensomotorik abgekoppelt sein.
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Wie Arsch auf Eimer

Metal – Trost und Revolte

Cover einer populären Metal-CD. Quelle: Amazon.com (94 Rezensionen. Durchschnittliche Bewertung: 3,5 von 5)
Cover einer populären Metal-CD. Quelle: Amazon.com (94 Rezensionen. Durchschnittliche Bewertung: 3,5 von 5)

Wo man geht und steht, nichts als Metal. Im Bus natürlich, aus allen jugendlichen Kopfhörern. Letztens sogar aus dem Gettoblaster eines Wohnungslosen. Im Jugendzentrum sowieso, seit Jahren. Monokultur (beliebig herausgegriffen): „Border of Insanity“, „African Corpse“, „Dying Source“, „Left for Dead“. Dann natürlich: Wacken. Die jährliche „Death Parade“ der Metal-FreundInnen. Hier eine Auswahl der Bandnamen für 2012, die mir spontan am Prägnantesten erschienen: „Coroner“, „Cradle of Filth“, „Dark Funeral“, „Endstille“. Überhaupt die Namen. Scheinbar geht das so: Ist die Fantasie erst einmal auf ein ganz schmales Segment von Möglichkeiten eingeschränkt (Tod muss vorkommen, Gewalt, Blut und Apokalypse), scheinen die Einfälle nur so zu sprudeln.

Als Musik ist mir Metal wurscht. Bin kein Fachmann und habe es über AC/DC und Henry Rollins nie hinausgebracht. Aber als soziokulturelles Phänomen scheint mir die Metal-Kultur doch sehr betrachtenswert. Also, Metalheads, die ihr diesen Artikel lest, erzählt mir bitte nicht, dass ich nichts von eurer Musik verstehe, denn das weiß ich selbst. Ich darf mich aber doch trotzdem in allgemeiner Form, als Bürger einer pluralistischen Gesellschaft, zur, hm, „Allgegenwart“ ist wohl übertrieben, aber, sagen wir mal, „unterschwelligen Präsenz“ der Metal-Kultur im bundesrepublikanischen Alltag 2011 äußern, oder? Darf ich das? – Danke.

Meinem nicht metal-spezialisiertem Ohr fällt zunächst der musikalische Extremismus des Metal auf. Rasende, gerade noch spielbare Tempi, brutale Dominanz einer heruntergestimmten, stark verzerrten E-Gitarre. Dazu gruseliger Kehlkopfgesang. Die Harmonik spielt sich oft im Sekund-, d. h. auf das kleinstmögliche Intervall reduzierten Bereich ab. Das allgemeine Klangbild ist extrem komprimiert, will sagen, Dynamik spielt, vorsichtig gesagt, eine untergeordnete Rolle. Der Eindruck unerträglicher Lautstärke dominiert. Seltsamerweise stellt sich dieser auch ein, wenn die Metal-Musik nur ganz leise aus dem MP3-Player nebenan herüberwispert. Muss wohl an der durchdringenden Prägnanz des Metalsounds liegen. Oft wird diese allgemeine musikalische Charakteristik dann auch noch durch studiotechnische Raffinessen weiter zugespitzt, so dass sich der Gesamtklang, zumindest für meine Begriffe, dem Weißen Rauschen nähert.

Sehe ich mir die Ikonografie des Metal an, so fällt mir als Erstes ihre Farbarmut auf. Schwarz dominiert, logo. Dazu ein klein wenig rot. Blutrot, klaro. Weiterhin gelegentlich Farben, die in der Natur nicht vorkommen. Ein Metal-Bandlogo in Lindgrün und Sonnenblumengelb ist mir noch nicht untergekommen.

Dann natürlich die Typografie. Ich assoziiere spontan: Frakturschrift, Runenschrift, jedenfalls vage „Nordisches“, „Germanisches“, auch „Keltisches“. Die (vermutlich gewollte) ästhetische Unschärfe dieser Typografie lässt keine präzisere Beschreibung zu.

An erkennbaren Objekten tauchen auf: Totenköpfe, Tierschädel (bevorzugt von Ziegenböcken), Zombies (oft mit herunterhängenden Fleischfetzen und offenliegenden inneren Organen), von extremem Schmerz gepeinigte Gesichter (gern auch mit permanent in den Körper gebohrten Folterwerkzeugen, die wohl unerträglichen Dauerschmerz symbolisieren sollen).

Schließlich, last not least, traditionelle religiöse Symbole, vor allem das Christenkreuz in der traditionellen Variante und selbstverständlich auch in der „satanisch“ verkehrten, auf den Kopf gestellten. Auch ein Hostienkelch ist mir schon begegnet. Einige Figuren können mit ein wenig Fantasie als „Engel“ identifiziert werden.

Religion spielt also im Metal-Weltbild eine nicht unwichtige Rolle. Ein gewichtiger Unterschied zu allen anderen Subkulturen, die mir bisher begegneten (Gothic ausgenommen). Techno war säkular und hedonistisch, Punk anarchistisch und nihilistisch. Die Hippies umarmten zwar die Welt, aber sicherlich nicht den Katholizismus. Ihr Religionsbedürfnis war exotistisch, esoterisch und utopistisch. Die Rock ’n‘ Roller der 1950er Jahre schließlich wollten einfach ein bisschen Spaß haben, gut aussehen und unspießig sein. Mit Religion hatten sie gar nichts am Hut.

Nun kommen mir die Metalheads, denen ich täglich auf der Straße begegne, jedoch so gar nicht wie Anhänger der „Generation Benedikt“ vor. Aber auch nicht wie „Satanisten“ (By the way: Wie sieht eigentlich ein Satanist aus? Trägt er die Knochen unschuldiger Jungfrauen um den Hals, die er persönlich dem Belphegor opferte?). Es scheinen mir eher Menschen zu sein, die mit der Religion zumindest im Dialog sind, wenn nicht sogar mit einer Art von (christlichem!) Glauben liebäugeln. Deswegen hier meine steile These: Metal stellt eine jugendkulturelle Krypto-Religion dar, die sinnsuchenden Menschen auf paradoxe Weise gleichzeitig Trost und Revolte anbietet. Die Metalheads von heute sind demzufolge die Kirchgänger von morgen.

Denn warum braucht der „Sinnsucher“ Trost? Weil ihm die Welt „unerlöst“ erscheint, also je nach Gusto moralisch verrottet, ökologisch irreversibel beschädigt bzw. atomar verseucht, vom Kapitalismus versklavt, von brutalen Egoisten beherrscht etc. Alles Bilder, die in der Metal-Ikonografie ihren festen Platz haben. Ähnliche Diagnosen des Weltzustandes, wenn auch deutlich milder formuliert, hören wir ständig vom Papst. Also sind sich Metalheads und der Heilige Stuhl schon mal einig, was die „Analyse“ der Gegenwart betrifft: Die Welt ist ein Jammertal und steht immer kurz vor der Apokalypse (Benedikt) bzw. hat sie bereits hinter sich (Metal).

Nur zieht die katholische Kirche natürlich hieraus andere Schlüsse als der gemeine Metalhead (falls es diesen überhaupt geben sollte, denn die Szene ist ja nach meinem bescheidenen Kenntnisstand geradezu bizarr fragmentiert, ja „fraktalisiert“. Es werden praktisch stündlich neue Metal-Subgenres erfunden, man grenzt sich, innerhalb der Szene, geradezu fanatisch voneinander ab. Es gibt beispielsweise Black Metal, Death Metal, Glam Metal, Power Metal, Thrash Metal, Speed Metal, Doom Metal, Progressive Metal, Gothic Metal, Industrial Metal, Nu Metal, Folk Metal, Grindcore, Metalcore, Pagan Metal, Symphonic Metal und Viking Metal, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen, hehe). Der Papst sieht natürlich die Hingabe an Jesus Christus als Lösung aller Weltprobleme an, der Metalhead jedoch, hierin ganz weltlich, begnügt sich mit Konzertbesuchen in Wacken, dem Erwerb von Tonträgern bzw. dem Download von Musikdateien, dem Tragen von schwarzen T-Shirts mit den einschlägigen Bandlogos und – sehr wichtig! – der sachlich-fachlich geführten und natürlich prinzipiell unabschließbaren Diskussion mit anderen Metalheads, welche Spielart von Metal denn nun die „wahre“ sei, hierin nicht unverwandt der mittelalterlichen Debatte scholastischer Philosophen, wieviele Engel denn auf eine Nadelspitze passten.

Aus der einstmals „subversiven“ Krypto-Religion wird so erst ein fanatischer Jugendkult, schließlich irgendwann ein exzentrischer Lifestyle, der dann, am Ende, still, leise und ein wenig traurig, im Mainstream versickert.

Ergänzung 2011-10-23: Dominik Irtenkauf fasst in diesem Text Bestrebungen zusammen, speziell dem „satanistischen“ Black Metal ein theoretisches Gesicht zu geben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Metal – Trost und Revolte