Marktfähige Verfügungsgewalt und die intangible bubble

Der Kulturwissenschaftler M. Seemann (*1977)
Kulturwissenschaftler Michael Seemann, der LeserIn der Weltsicht seit 6 Jahren ein Begriff, hat seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (kurz: Soziodigitalisierung) einen gehörigen Tick weiterentwickelt. Ging es bisher hauptsächlich um die Beschreibung und Analyse neuer globaler Spielregeln nach dem digitalen Kontrollverlust, rückt nun die Ökonomie ins Zentrum seines Interesses. In der Folge möchte ich die zentralen Gedanken seines Essays Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, den er am 10. Juni auf seinem Blog publizierte, in eigenen Worten zusammenfassen und zuspitzen. Dabei haben sich vier Abschnitte ergeben:

1 Plattformen als Wächter des Eigentums
2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens
3 Fortschritt ohne Wachstum
4 Der Hauptwiderspruch

Vor allem die Aussagen der Abschnitte drei und vier sind nur implizit in Seemanns Text enthalten. Es handelt sich bei diesem Artikel also nicht um eine neutrale Zusammenfassung seiner Gedanken, sondern um eine subjektiv akzentuierte Lektüre.

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1 Plattformen als Wächter des Eigentums

Seemann vertritt die These, dass Plattformen wie Facebook, iTunes, Google oder YouTube mehr und mehr Funktionen übernehmen, die bisher ausschließlich Staaten vorbehalten waren – nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Eigendynamik der Soziodigitalisierung sie dazu zwinge.

Ausgehend von Heinsohn/Steigers bekannter Wirtschaftstheorie, die Grundbedingung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kapitalismus sei die Garantie von Eigentum, konstatiert Seemann, mit der Soziodigitalisierung hätten mehr und mehr der o. g. Plattformen ebendiese Garantie vom Staat übernommen.

Bereits 1980 litt die damalige Phonowirtschaft unter heftigen Kontrollverlustängsten (historischer Hintergrund).

Sein Beispiel hierfür: Nach der ersten Welle der Digitalisierung vor ca. 20 Jahren hatten internetbasierte „wilde“ Musiktauschbörsen wie Napster dem traditionellen Geschäftsmodell der Musikindustrie mehr oder minder den Garaus gemacht. Das gute alte Urheberrecht war aufgrund eines neuen technologischen Bypasses schlicht nicht mehr so ohne Weiteres durchsetzbar. Die staatlichen Gegenmaßnahmen der folgenden Jahre wie etwa die Kriminalisierung der AkteurInnen als Raubkopierer oder der Erlass neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht, Reform des Urheberrechts) konnten diesen epochalen Dammbruch nur teilweise reparieren.

Auftritt Steve Jobs als (weißer oder schwarzer, je nach Standpunkt) Ritter: Mit iTunes erschuf er ein Amalgam aus dem herkömmlichen Verkauf materieller Güter und dem neuartigen flow immaterieller Daten, das die grundstürzlerische Subersivität der verlustfreien digitalen Kopierbarkeit (Alles! Für alle! Überall! Jederzeit! Kostenlos! Legal! Für immer!) nachhaltig einhegen sollte.

Das Streaming-Modell und das damit eng zusammenhängende Digital Rights Management (DRM), auf dem heute bsp.weise Spotify, Netflix oder MagentaTV beruhen, ist lediglich eine Weiterentwicklung dieser Idee, die das dräuende Ende kapitalistischer Wertschöpfung tatsächlich erst mal verhindern konnte. Die Musikindustrie verdiente durch den kostenpflichtigen Download von mp3-Dateien wieder Geld, musste es aber nun mit den Plattformen teilen, die dadurch zu Globalen Playern aufstiegen.

Heute sind iTunes, Amazon, Netflix, etc., aber mittlerweile auch Firmen wie Uber oder Airbnb, die mit Musik nichts zu tun haben, nichts anderes als Dienstleister, die in der Lage sind, Eigentumsgarantien trotz Soziodigitalisierung global durchzusetzen. Dabei haben sie im Unterschied zu analogwirtschaftlichen Unternehmen unabhängig von ihren enormen Umsätzen eine Tendenz zur Immaterialität. Sie kommen, stellt Seemann fest, nicht nur mit erschreckend wenigen MitarbeiterInnen, sondern auch mit erschreckend wenig Anlagevermögen aus:

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungs-Dienstleister, besitzt keine Immobilien.

Der Staat ist zwar weiterhin die rechtliche Quelle von Eigentum, durchsetzen könnte er dessen Garantie in der digitalen Sphäre ohne Hilfe der weitgehend unsichtbaren Plattformen allerdings in weiten Teilen nicht mehr. 1  Denn die besitzen in diesem Zusammenhang das, was Seemann „marktfähige Verfügungsgewalt“ 2  nennt. Und das gilt selbst dann, wenn die Plattform gar nichts verkauft:

Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie.

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2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens

Ein weiterer erhellender Begriff in Seemanns Essay ist die intangible bubble. Damit ist die Tatsache gemeint, dass es globale Konzerne wie Microsoft oder Adobe immer noch schaffen, Software, die durch die unermüdlichen Anstrengungen der Open Source-Bewegung seit Jahr und Tag kostenlos zum Download zur Verfügung steht, zu marginalisieren, um stattdessen die eigenen Varianten für teuer Geld zu verhökern. Produkte und damit Know-how, das eigentlich allen gehören sollte, wird so privatisiert und ohne echte Not verteuert:

Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet … , weil sie künstlich am Spill-Over gehindert werden, der im Digitalen … der Naturzustand jeder Information ist. […] Ein wesentlicher Teil des digitalen Wachstums der letzten Jahre ist einzig und allein durch das Aufbauen von größeren und besseren Kontrollstrukturen erwirtschaftet worden.

Platzt die intangible bubble aber dann doch irgendwann mal und das geballte digitale Wissen schwappt über, dürfte es für die Software-Riesen zunehmend schwieriger werden, noch mit irgendwas Digitalem Geld zu verdienen. Alles wesentliche Know-how wäre dann ja in öffentlicher Hand bzw. gemeinfrei oder zumindest staatlicher Kontrolle unterstellt.

Seemann ist zwar optimistisch, dass die restriktiven Strategien dieser Konzerne demnächst an ihr Ende kommen und Microsoft dann bsp.weise Word und Excel kostenlos ins Netz stellt. Bis dahin aber gilt…

In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum, dass … Menschen unnötigerweise mehr bezahlt haben, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten.

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3 Fortschritt ohne Wachstum

Konservative ÖkonomInnen und die FDP lehren seit jeher „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut!“ Anders gesagt, Transaktionswachstum gleich Wirtschaftswachstum, bzw. je mehr Transaktionen stattfinden, desto stärker wächst die Wirtschaft.

Der weltweite Aufstieg der Wikipedia lässt sich in einer solchen Metrik nur als ökonomisches Desaster ausdrücken, denn der papierbasierten Lexikon-Industrie dürfte damit global weitgehend der Garaus gemacht worden sein. Ich kann das jetzt nicht in Zahlen beweisen, bin mir aber sicher, dass noch nie so viele Menschen so einfachen Zugang zu lexikalisch organisiertem Wissen hatten. Nur dass der eben keine Transaktionen im Sinne der Ökonomie beinhaltet. Oder möchte jemand seinen 24-bändigen Brockhaus zum einmaligen Vorzugspreis von XXXX.- DM wiederhaben, in dem X% aller Artikel nach einem Jahr Makulatur sind?

Nun gilt die Wikipedia aber bei allen Menschen, die nicht in der papierbasierten Lexikon-Industrie gearbeitet haben, also ca. 99.98% der Weltbevölkerung, als bedeutender zivilisatorischer Fortschritt und nicht als volkswirtschaftlicher Flurschaden. Und, liebe FPD, stimmt das etwa nicht?

Oder kann es etwa sein, dass in diesem Fall globaler zivilisatorischer Fortschritt mit ökonomischem Minuswachstum einherging? Seemann fasst diese durchaus explosive Gemengelage lapidar so zusammen:

Digitale Innovation spart mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich erschafft …

Soziodigitalisierung und Kapitalismus gehören unterschiedlichen Galaxien an, die sich lediglich manchmal an den Rändern berührt haben. In ihrem Inneren aber kreisten sie stets und kreisen sie weiter um Zentren, die kaum etwas gemein haben. Richtig verstanden, kann Soziodigitalisierung Fortschritt ohne (ökonomisches) Wachstum bedeuten.

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4 Der Hauptwiderspruch

Der Kapitalismus entstand, um die natürliche Knappheit materieller Güter und Dienstleistungen in einer bestimmten Form zu organisieren (eine Alternative hierzu war der real exisierende Sozialismus). Der digitale Kapitalismus versucht nun mehr oder minder krampfhaft, diese Organisationsform auch angesichts der natürlichen Unerschöpflichkeit immaterieller Daten und Dienstleistungen beizubehalten. Und genau deswegen kommt er uns oft so komisch, so antiquiert und so unangemessen vor.

Es wäre missverständlich, zu sagen, dass die Soziodigitalisierung einen ökonomischen Paradigmawechsel herbeigeführt hat und die Einsichten von Marx, Keynes und Hayek nicht mehr gelten. Ist es nicht eher so, dass in einer Sphäre beliebig verfügbarer verlustfreier Kopien die Hauptursache, warum der Mensch überhaupt ökonomisch zu denken gezwungen war, entfällt: die Knappheit von Gütern?

Es gibt einen oftmals zugedeckten Hauptwiderspruch zwischen der Unerschöpflichkeit digitaler Daten und der Erschöpfbarkeit materieller Güter, der nur einhegbar, aber nicht auflösbar ist. Mit der Erfindung von iTunes haben Steve Jobs und seine ErbInnen im Geiste in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas anderes getan, als zu versuchen, diese Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.

Es war ein Rückzugsgefecht gegen die Geister, die sie selbst gerufen hatten.


 

1 Das gilt nicht für die VR China, wo der Staat das Urheberrecht nur dort zu schützen scheint, wo es ihm in den Kram passt.

 

2 Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit „marktförmige Verfügungsgewalt“?
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Michael Seemann über digitalen Tribalismus

Quer zu den etablierten Parteien haben sich gewissermaßen politische Stämme gebildet, die sich gegenseitig nicht mehr als Interessenvertreter unterschiedlicher Milieus und somit als politische Gegner sehen, sondern als Feinde der eigenen Identität.

Michael Seemann: „Die Geschichte der Digitalisierung in fünf Phasen“ | ctrl-verlust.net 2019-03-03

Der digitale Kapitalismus verknappt künstlich, was eigentlich im Überfluss da ist

Der geschätzte Kulturwissenschaftler Seemann, LeserInnen der Weltsicht seit Jahren vertraut (für eine Übersicht einfach auf das Schlagwort unter dem Artikel klicken), fasst hier mal in 20 Minuten zusammen, wie es dem digitalen Kapitalismus gelang (& gelingt), eine Ur-Eigenschaft des Digitalen, nämlich die Möglichkeit, verlustfreie Kopien in beliebiger Größenordnung herzustellen, betriebswirtschaftlich so einzuhegen, dass bsp.weise mit Musikkonserven wieder Geld verdient werden kann (Spotify etc.):

Gentrifizierung, soziokulturell

Guter, ursprünglich für die Jungle World geschriebener, aber dort abgelehnter, Artikel von Michael Seemann über „kulturelle Gentrifizierung“. – „Soziokulturelle Gentrifizierung“ wäre noch präziser, wie ich finde, da es hier nicht bzw. nicht nur um Kultur im engeren Sinn, also KunstMusikFilmLiteraturetc. geht, sondern um eine gesellschaftliche Segregation (Marxisten würden es „Klassenkampf“ nennen), die in den letzten paar Jahrzehnten still, leise, nachhaltig und vermutlich irreversibel stattgefunden hat und uns noch viel, Vorsicht Ironie, Freude bereiten wird: Das als Folge der Soziodigitalisierung neu entstandende globalliberale Establishment (Globalliberale) wird allmählich zum Mainstream bürgerlicher Existenz hierzulande, was viele bisher soziokulturell unauffällige Angehörige der Mittelschicht zu patriotischen Wutbürgern (Wutpatrioten) hat mutieren lassen.

Keine wirklich neue Erkenntnis, meint man zunächst. Aber Seemann macht klar, wie verblüffend die Fronten heute verlaufen: Im globalliberalen Block steht Angela Merkel neben Sascha Lobo und Carolin Emcke, im wutpatriotischen Block Horst Seehofer neben Henryk M. Broder und Akif Pirinçci* (Merkel und Seehofer stehen bei Seemann, der Rest ist mir eingefallen). Beide Formationen berufen sich auf „bürgerliche Werte“, picken sich aber jeweils die ihnen genehmen aus diesem breiten Sortiment heraus. Als Faustregel gilt: Die Globalliberalen sind in erster Linie Weltbürger mit fließendem Englisch, die Wutpatrioten Nationalbürger ohne fließendes und mitunter sogar ganz ohne Englisch. Erschrocken stellen sie fest…

… dass uns [Globalliberalen, S.H.] ihre Welt zu klein geworden ist, dass wir uns moralisch überlegen fühlen und dass wir nach Größerem streben. Vor allem merken sie, dass wir dabei erfolgreich sind, dass wir auf diesem Weg die Standards definieren, die nach und nach auch an sie selbst angelegt werden. Ökologische, antirassistische, antisexistische Standards. Politisch korrekte Standards eben. Und die Standards, die dabei entwertet und verdrängt werden, kamen mal aus dem Bürgertum, aus einer Zeit, als sie noch das Sagen hatten.

Das Problem ist nur, dass die Globalliberalen – zu denen ich selber zähle, da beisst die Maus kein Faden ab – zwar vieles wollen, aber eines ganz sicher nicht: sich als „Block“ oder auch nur überhaupt als zusammengehörig verstehen. Schließlich sind wir uns einig darin, eingefleischte IndividualistInnen zu sein, oder? Aber:

So wie …** [Duisburg und Dortmund, S.H.] sich als grundverschiedene Städte begreifen und der Berliner nur „Ruhrpott“ sieht, sehen die besorgten Bürger in uns eine homogene Gruppe. Wir sind das nicht gewohnt, weil es unserer Binnenwahrnehmung widerspricht. Aber das spielt keine Rolle, denn wir werden von rechtsaußen so wahrgenommen.

Sehr richtig. Und ist es nicht so, dass sich die einstmals so abgrundtief anmutenden kulturellen Gegnerschaften, also z. B. hier Stadttheater, dort Autonomes Kulturzentrum, hier Philharmonisches Orchester, dort Punkband, hier Underground-Literatur, dort Thomas-Mann-Nachfolge, in den letzten Jahrzehnten oft schlicht in Wohlgefallen aufgelöst haben? Was ja keineswegs was Schlimmes ist, sondern ein Zeichen soziokultureller Lebendigkeit. Oder doch ein Zeichen des Niedergangs, weil wirklich neue Ideen und Konzepte aus der Mitte der Szene ausgeblieben sind bzw. ausbleiben?

Ich kann mir gut vorstellen, dass für einen in der Wolle gefärbten Wutpatrioten Karlheinz Stockhausen und Carl Orff für dieselbe Mannschaft spielen. Oder Mahnkopf und Eggert, Daniel Richter und Neo Rauch, Dietmar Dath und Helmut Krausser, Habermas und Luhmann etc. Dass da gehörig differenziert werden kann und muss, geht ihm gerade mal am Wutarsch vorbei. Was für ihn all diese Kulturschaffenden eint, ist deren Ansicht, dass es wichtigere Werte gibt als Nibelungentreue zum deutschen Volk, bzw. zu den eigenen Wurzeln (Globalliberale würden natürlich tribe oder community statt Volk sagen, und roots statt Wurzeln).

Der Wutpatriot zieht tatsächlich die Gesellschaft dumpfer, verrohter und bildungsferner, aber biodeutscher Skinheads der wacher, kultivierter und bildungsnaher MigrationshintergründlerInnen vor, so der Rechtsintellektuelle Götz Kubitschek sinngemäß in seinem Briefwechsel mit dem Globalliberalen Armin Nassehi. Nicht weil er selber dumpf, verroht und bildungsfern wäre, sondern weil die Skins zu seinem tribe gehören und ihre roots im Grunde kennen, während der Migrationshintergründler elaboriert auf seiner Patchwork-Identität herumreitet, die ihn aber, meinen die Wutpatrioten, zu allem und nichts verpflichte, weshalb ihm eben grundsätzlich nicht zu trauen sei. Vermutlich meint Frauke Petry sowas, wenn sie „völkisch“ als neutrales Adjektiv verstanden wissen will.

Dass „völkisch“ ein frei konstruierter und konstruierbarer Begriff ist, sei am Rande erwähnt. Ist bsp.weise Fatih Akin ein deutscher oder ein türkischer Regisseur, Marlene Dietrich eine US-amerikanische oder eine deutsche Schauspielerin, Albert Einstein ein US-amerikanischer oder ein deutscher Physiker, Klarenz Barlow ein deutscher, holländischer, US-amerikanischer oder am Ende doch ein indischer Komponist, Beate Zschäpe eine rumänische oder eine deutsche Terroristin, Navid Kermani ein deutscher oder ein iranischer Schriftsteller, Jasmin Gerat eine deutsche oder eine türkische Schauspielerin, Ludwig Wittgenstein ein englischer oder ein österreichischer Philosoph usw. usf.? „Völkisch“ würde nur funktionieren, wenn man ein Analogon zu den Nürnberger Rassegesetzen einführen würde. Was ich der AfD durchaus zutrauen würde, hätte sie denn die Macht und die Gelegenheit dazu.

Dass es hierzulande bereits seit vielen Jahren Konvertiten unter den einstmals linksliberalen Intellektuellen gibt, liegt auf der Hand: Peter Sloterdijk*** wäre zu nennen, Rüdiger Safranski*** gehört mittlerweile auch dazu. Harald Welzer hat sich wohl noch nicht so recht entschieden – aber da bin ich evtl. nicht auf dem neuesten Stand. Wir werden sehen. Wie gesagt, wird noch lustig. So oder so.


* Und, by the way, Bernd Stromberg.
** Hier stehen bei Seemann „Köln und Düsseldorf“. Beide Städte gehören aber definitv nicht zum Ruhrpott, sondern zum Rheinland.
*** Die Nachnamen dieser Herren deuten leider auf eine fremdvölkische Abstammung hin. Wird man ja wohl noch sagen dürfen.

 

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Michael Seemann über Eigentum, den Staat und die Plattformen

seemann3_EDITIn diesem faszinierenden Text arbeitet der Berliner Netztheoretiker heraus, welche nicht-kapitalistischen Züge der Plattformökonomie es sind, die eine Transformation der kapitalistischen Weltordnung bewirken könnten bzw. unter der Hand bereits bewirkt haben. Dabei scheut er nicht dafür zurück, eine Alternative zur Marx’schen Arbeitswerttheorie sowie zur Grenznutzentheorie der klassischen Schule vorzuschlagen:

Der Preis einer Sache wird von demjenigen festgelegt der Verfügungsgewalt über die Sache hat.

Ich kann nicht behaupten, Seemanns Gedanken, ganz zu schweigen von ihren Implikationen, komplett verstanden zu haben bin, aber der Überzeugung, dass er auf dem richtigen Weg in Richtung eines großräumigen Gedankenmodells (=Theorie) der Gegenwart ist.

Michael Seemann über Vernetzung und Moral

So hat sich die Auffassung etabliert, das Nichtnutzen von [Internet-]Diensten sei ein ethisches Distinktionsmerkmal so wie „bio“ kaufen. Dass sie [damit] sich und ihren Freunden schaden und jedem, der mit ihnen in Kontakt kommen will, wird schulterzuckend hingenommen, weil Individualismus, (Daten-)Souveränität und (informationelle) Selbstbestimmung als ungleich höhere Werte gelten. Es ist ein bisschen so wie mit dem Brexit.[…] Ein Vorteil, den jemand anderes hat, ist automatisch mein Nachteil. Dass der gemeinsame Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln, der die EU ausmacht, allen daran Teilnehmenden Vorteile bringt, geht nicht wirklich zusammen mit einer individualistischen Logik.

Michael Seemann: „Geburtstagseinladungen, Brexit und die positive Filtersouveränität“, Blog-Artikel vom 13. Juli 2016

Seemann über das IoT (Internet of Things)

Sehr gut lesbarer und auch metaphorisch gelungener Essay des geschätzten Berliner Netztheoretikers Michael Seemann zum Thema „Internet der Dinge“, über das seit Jahren geredet wird, ohne dass der Lebensalltag der meisten Menschen davon merklich berührt würde. Das wird nicht so bleiben, sagt Seemann. Und weiter:

Apple, Google und vielleicht bald auch Facebook werden bald nicht mehr auf Menschen angewiesen sein, wenn es darum geht, die Netzwerkeffekte am Laufen zu halten. Der Kampf wird nicht mehr um die Vormachtstellung bei menschlichen Akteuren gehen, sondern um die Frage, wer die Armee der Leblosen befehligt, die viel, viel größer sein wird als die kleine Gruppe von Menschen und ihren Geräten, die das heutige Internet ausmachen.