Seemann und von Webel über die Lage der Dinge

Zwei kultivierte und intelligente mitteljunge Männer können sich tatsächlich dreieinhalb Stunden am Stück via Skype unterhalten (der eine in Berlin, der andere in San Francisco) und es will und will einfach nicht langweilig werden. Vielleicht ist die Menschheit doch nicht verloren:

http://wir.muessenreden.de/2015/07/31/wmr96-die-birthday-ausgabe/

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Seemann über die Rückseite der Digitalisierung

Das Internet ist für die einen das perfekte Tool der Aufklärung, für die anderen der perfekte Ort, sich ungestört in einen faktenbefreiten Diskurs über die eigenen Glaubenssätze zurückzuziehen. Und es gibt niemanden mehr, der sie dafür sanktionieren könnte.

Michael Seemann: „Die Impfgegner und die Krise der Institutionen„, Blogartikel vom 01.03.2015

Was tun? (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“ 2)

Wenn wir auf die Verlierer der Umwälzungen hören, stellen wir die Einzelschicksale einiger weniger Privilegierter über das Gemeinwohl der Gesellschaft. Wir opfern die Chancen der Digitalisierung einer Vergangenheit, die wir sowieso nicht wieder zurückholen können.

(M. Seemann, „Das Neue Spiel„, S. 159)

Aus dieser Bemerkung spricht eine gewisse Härte, zudem dürfte manchem im Einzelfall nicht so recht klar sein, wie sich exakt das „Gemeinwohl der Gesellschaft“ denn nun definiert – und ob am Ende der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes diesem dient und somit klaglos, gar freudig zu begrüßen wäre. Aber ich verliere mich in Sarkasmen.

Wahr bleibt, dass sich Seemann um die massiven sozialen Kollateralschäden der Digitalisierung in seinem Buch nicht herumdrückt, aber, und das ist Thema des zweiten Teils dieser Rezension, der „Ausweg“, den er skizziert, vermag nicht so richtig zu überzeugen (Wobei ich dem Autor  zugute halten muss, dass er – so lese ich das – durchblicken lässt, dass ihm das genauso geht). „Das Neue Spiel“ ist – so gesehen – ein Dokument der Ratlosigkeit, die sich – man verzeihe mir eben mal kurz die Psychologisierung – dadurch vor dem Sturz in die Verzweiflung bewahrt, dass sie sich selbst so klar wie möglich artikuliert.

Seemanns „Ausweg“ heißt – ebenso simpel wie verblüffend – Post-Privacy, die er mit Talebs Theorem der Antifragilität theoretisch unterfüttert:

Wir können nicht vorhersehen, was mit Informationen geschieht; wir können nicht mit dem Kontrollverlust planen. Aber wir können unser Leben, unsere Geschäftsmodelle und unsere Gesellschaft so verändern, dass sie auf den Kontrollverlust nicht mehr fragil reagieren.

(M. Seemann, a. a. O., S. 164)

Ich habe keine Ahnung, ob Seemann hier etwas praktisch Unmögliches postuliert, logisch unmöglich ist ein Leben ohne Privatsphäre natürlich nicht. Intuitiv regt sich dennoch im Autor dieser Zeilen eine ganze Welt von Widerstand gegen ein solches Lebensmodell.

Wessen soziale Handlungen transparent und unverborgen ablaufen, der muss – logischerweise – keine Angst vor „Enthüllungen“ haben. Transparentes Handeln sagt aber noch nichts über die moralische Natur desselben aus. Man müsste demnach auch verwerfliche Dinge transparent und unverborgen tun, um – nach Seemann – seine „Antifragilität“ zu bewahren (außer, Seemann forderte uns alle auf, heilig zu werden und künftighin alles Böse zu unterlassen – was er aber an keiner Stelle des Buches tut).

Das Problem ist, dass Seemann Talebs Begriff, den dieser nach meinem Kenntnisstand stets nur in ökonomischen bzw. evolutionsbiologischen Zusammenhängen verwendet wissen will, ins Individuum verlagert – wie anders soll man seine Formulierung „Wir können unser Leben so verändern, dass es auf den Kontrollverlust nicht mehr fragil reagiert“ verstehen? Das Individuum bürdet sich dadurch aber eine enorme moralische Last auf: Wenn es nicht zur Heiligen werden kann (und diese Option dürfte, wie gesagt, den Wenigsten wirklich offenstehen), wird es zum Märtyrer: Es steht „nackt im Wind“; bewundert, aber sich selbst freiwillig vehement benachteiligend in einer Welt, die zweifellos alles versuchen wird, um exakt jene systemrelevanten Geheimniskrämereien (siehe Teil 1 dieser Rezension) aufrechtzuerhalten, gegen die der Post-Privatist wacker, aber einsam zu Felde zieht.

Das kann – für den Post-Privatisten – tragisch ausgehen.

Irgendwie scheint das Seemann auch zu spüren, denn er stellt dem post-privaten Lebensstil eine zweite antifragile Strategie zur Seite: die Filtersouveränität. Diese kommt in zwei Geschmacksrichtungen daher:

Positive Filtersouveränität wäre das Recht, alle Quellen mit eigenen Querys auswerten zu dürfen. Negative Filtersouveränität wäre, Datenquellen mit eigenen Filtern ausselektieren zu dürfen.

(M. Seemann, a. a. O., S. 185)

Inwieweit sich diese Strategie von der guten alten Ignoranz unterscheidet (deren digitale Variante 2011 von Eli Pariser als „Filterblase“ enttarnt wurde), ist mir wiederum nicht wirklich klar. Seemann führt aus:

Die einzige antifragile Strategie, sich gegen Hass und Streit im Internet abzuschirmen, ist die negative Filtersouveränität, und sie sollte eine zunehmend praktische Bedeutung gewinnen.

(M. Seemann, a. a. O., S. 216)

Konkret heißt das:

In Zukunft müssen wir uns darauf verlassen können, dass wir uns mit allem und jedem verbinden und alles und jeden nach eigenen Kriterien wirksam ausblenden können.

(M. Seemann, a. a. O., S. 228)

Seemann legt hier nichts anderes als Grundzüge einer Diskursethik für das Internet vor, derer es zweifellos dringend bedarf und um die sich – soweit mir bekannt – die akademische Philosophie (von der Theologie ganz zu schweigen) bisher herumdrückt, um sich stattdessen lieber in populistischen Kulturpessimismen zu verlieren (und gleichzeitig natürlich „das Internet“ als Propadandamaschine zu nutzen versucht – verlogener geht’s kaum).

Wie genau haben wir uns also Seemanns antifragiles Individuum vorzustellen?

Nun, es ist zweifellos einsam – aber auf ganz andere Art und Weise als, sagen wir mal, der „öffentlich arbeitende Intellektuelle“ aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts (de Beauvoir, Foucault), da es nie weiß, wer gerade sein Verbündeter ist, wer sein Gegner: Der Troll von gestern mag der buddy von morgen sein, der Geschmacksnachbar von heute der hater von morgen. Während die klassischen modernen Intellektuellen noch relativ klar existentielle Grundfragen bzw. übergreifende gesellschaftliche Dispositive definieren konnten, mit denen bzw. gegen die es sich langfristig arbeiten ließ, stehen dem antifragilen Individuum keinerlei derartig „unwankende“ (Wittgenstein) Grundlagen mehr zur Verfügung. Es muss sich vielmehr ständig im nie abreißenden Strom der Koalitionsmöglichkeiten vor dem „Verlorengehen“ schützen. Es ist – wie ein Verfolgter im Ego-Shooter – ständig im Verteidigungsmodus („negative Filtersouveränität“ kann ich mir nur defensiv vorstellen), indem es seine potentiell unendliche Konnektivität aktiv einschränkt, um nicht zuviel einstecken zu müssen.

Der antifragile Intellektuelle des 21. Jahrhunderts zeichnet sich also nicht mehr hauptsächlich durch die Akkumulation, Bewertung und Verdichtung von Wissen aus, vielmehr hat sie sich eine möglichst raffinierte Filterblase (bzw.,  besser: Filtermembran) zu konstruieren und – vor allem – zu pflegen, die ihn einerseits zwar vor dem stets drohenden information overload syndrome schützt, aber andererseits tranparent genug ist, um sie dennoch flexibel, up to date und damit intellektuell satisfaktionsfähig zu erhalten.

Denn es ist schlicht nicht menschenmöglich, sich „mit allem und jedem zu verbinden“, es ist nicht einmal wünschenswert, sondern manchmal sogar tödlich für die Souveränität des Individuums. Deshalb ist Seemanns antifragiles Individumm – und das sind jetzt meine eigenen Gedanken – auch auf ganz andere Art und Weise vernetzter als der Nachkriegsintellektuelle und seine Nachfolger. Seine Vernetzungen sind evtl. zahlreicher, aber ganz sicher äußerst disparat. Sie ergeben – für sich genommen – vielleicht gar keinen Sinn, wäre da nicht das Individuum selbst als eine Art embodied query im Zentrum des Geschehens.

*

Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns “Neuem Spiel” 1)

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Die Ordnung der Query (Gedanken zu Seemanns „Neuem Spiel“)

Endlich komme ich dazu, das erste Buch des 37-jährigen, in Berlin lebenden Kulturwissenschaftlers Michael Seemann, für das ich in der Weltsicht so ausgiebig die Werbetrommel rührte, nun auch ebenso ausgiebig zu rezensieren.

seemannFür Ungeduldige das Fazit vorweg: Es ist ein gutes, hellsichtiges und unbequemes Buch geworden, das sich vor den mulmigen Fragen, denen sich gerade der sogenannte „Netzaffine“ derzeit gegenübersieht, nicht herumdrückt. Für die internet-ferne oder gar internet-skeptisch gesinnte Leserin bietet es dennoch keinen Trost. „Das Neue Spiel“ (ich weiß immer noch nicht, ob das eine Anspielung auf Roosevelts „New Deal“ sein soll, was aber letztlich auch nicht so fürchterlich wichtig sein mag) verbindet in überzeugender Weise u- und dystopische Thesen über den aktuellen sowie den in den nächsten Jahren bevorstehenden soziokulturellen und – vor allem – politischen impact des Internets. Es ist aber keine „Netztheorie“ und nicht einmal im engeren Sinn kulturwissenschaftlich, sondern das öffentliche Räsonieren eines durch und durch politischen, der Piratenpartei nahestehenden, Kopfes, der sich vorgenommen hat, so illusionslos wie möglich darüber nachzudenken, wie es denn nun weitergehen soll. Legt man diese Maßstäbe an, ist „Das Neue Spiel“ sehr gelungen.

*

Die Wege der Daten sind unergründlich.

(M. Seemann, „Das Neue Spiel„, S. 30)

…und bleiben es auch, trotz aller Anstrengungen alter und neuer Dispositive (sprich: der Institutionen und der Sozialen Netzwerke), die Zahnpasta in die Tube zurückzuquetschen. Dieser „Kontrollverlust“ sei aber keineswegs eine „Spezialität des Digitalen“, so Seemann:

Stattdessen liegt sein Kern in der spezifischen Struktur von Information selbst. Genauer: in der Irreversibilität der Mitteilung, die übertragen wird.

(M. Seemann, a. a. O., S. 17)

Im Licht dieser Erkenntnis wird plausibel, warum Internet-Skeptiker bis heute das WWW als bloßen Gerüchtedurchlauferhitzer verunglimpfen – so ganz falsch ist das nämlich gar nicht. Das nachhaltig Irritierende einer Welt-mit-Internet ist nämlich – das sind meine Gedanken jetzt – weniger deren penetrante „Vernetztheit“ – die gab’s immer schon, mehr oder weniger -, sondern die Tatsache, dass Geheimhaltung nicht mehr so richtig zu funktionieren scheint. Und dann ist es wie immer, wenn etwas oder jemand stirbt: Erst danach wird klar, welche Bedeutung sie, er oder es hatte.

„Geheimhaltung“ muss hier so umfassend wie möglich verstanden werden: als Diskretion, Staatsgeheimnis, Privatsphäre, Steuergeheimnis, Kulturtechnik, politische Hinterzimmerabsprache, Patent, Rezeptur. Nun, all diese „Geheimnisse“ tragen dazu bei, die Gesellschaft überhaupt erstmal zu formen. Diese bisherige Ordnung der Dinge, so Seemann, steht nun aber beunruhigenderweise zur Disposition:

Ob wir das gut finden oder nicht, Staat und Internet sind strukturell schwer zu vereinbaren und reiben sich immer heftiger aneinander. Internet und Staat geraten immer mehr in Systemkonkurrenz.

(M. Seemann, a. a. O., S. 216)

Wer nun „Jetzt übertreibt er aber!“ ausrufen möchte, soll sich Seemanns Argumente lieber noch mal ein bisschen genauer ansehen. Er behauptet freilich nicht, dass „das Internet“ „die Staaten“ zum Verschwinden bringen wird – aber:

Sie werden … eine zunehmend nebensächlichere Rolle im Neuen Spiel spielen. Sie werden nicht mehr der primäre Adressat für Politik sein.

(M. Seemann, a. a. O., S. 142)

Schon heute, so Seemann, wird allmählich klar, dass der Staat, indem er an der Verdatung der Welt partizipieren muss (kürzlich machte ich meine Einkommenssteuererklärung über ElStEr, ohne auch nur einen Buchstaben zu Papier zu bringen), ganz allmählich zur – und jetzt kommt ein Seemann’scher Zentralbegriff – „Plattform“ wird. Damit der Staat sein Gewaltmonopol überhaupt aufrechterhalten kann, müssen sich hoheitliche Aufgaben mehr und mehr durch das Nadelöhr des Internets hindurchquälen. Der Staat hat aber kein eigenes Internet – er muss sich also wohl oder übel den Regeln des bestehenden unterwerfen. Angela Merkels viel belächeltes Diktum „Das Internet ist für uns alle Neuland“ bekommt so ein ganz anderes Gewicht.

Wie exakt Seemann „Plattform“ definiert, ist mir nicht ganz klar. Facebook jedenfalls wird im Verlauf des Buches mehrfach als solche benannt, aber auch Weblogs wie dieses oder der Mikroblogging-Dienst Twitter. Plattformen wären demnach internet-basierte Soziale Netzwerke, deren markanteste neuartige Eigenschaft laut Seemann ihre Datenförmigkeit darstellt (Soziale Netzwerke gab es schon immer, aber sie waren nicht daten-, sondern gesprächsförmig, d. h. undokumentiert, vergänglich, schnell vergessen, verschwunden). Facebook ist – in diesem Zusammenhang – nichts anderes als ein historisch beispiellos gigantisches Gesprächsdatensilo, das dennoch auf sehr subtile Weise rasend schnell abgefragt werden kann.

Und schon sind wir beim zweiten Seemann’schen Zentralbegriff: der Abfrage (engl. query). Hier komme ich nicht umhin, einen längeren Absatz aus dem Buch zu zitieren, denn die ganz handfesten politischen Konsequenzen der Etablierung von etwas scheinbar so Esoterischem wie einer Programmiersprache (hier: der Structured Query Language SQL) wurden selten so klar und kompakt dargestellt:

Mit SQL löste sich der Prozess des Abfragens ein großes Stück weit vom Prozess des Speicherns, das machte das Prinzip revolutionär. Was seither mit einer Datenbank möglich ist, wird immer weniger bestimmt von der Ordnung derjenigen, die die Datenbank installieren, strukturieren und befüllen, sondern vor allem von denen, die sie abfragen. Und genau hier – im Moment der Abfrage – findet sich der Urgrund des Kontrollverlustes. Hier kippt die Kontrolle der Ordnung aus den Händen der Schreiberinnen, Sender, Archivarinnen und Gatekeeper in die Hände der Abfragerinnen. Das bedeutet: Wir haben es nicht mit einem neuen Aufschreibesystem zu tun, sondern mit dem Ende der Aufschreibesysteme. Es heißt nicht, dass die Aufschreibesysteme weg sind oder nichts mehr aufgeschrieben wird. Im Gegenteil. Alles wird aufgeschrieben. Aber das bestimmende Moment der Informationsstrukturierung findet nicht mehr beim Aufschreiben statt, sondern bei der Abfrage.

(M. Seemann, a. a. O., S. 59)

Ich weiß, der Begriff „Paradigmenwechsel“ ist aufgrund allzu häufiger Nutzung komplett ausgelutscht, aber dennoch sage ich jetzt mal: Seemann beschreibt hier – in überzeugender und vollkommen unaufgeregter Weise – nichts anderes als einen solchen. Wir rutschen derzeit ganz allmählich aus einer Welt der „Aufschreibesysteme“ (ein Begriff, den der Medientheoretiker  F. Adolf Kittler in den 1980er Jahren in den intellektuellen Diskurs einbrachte) heraus und in eine Welt der „Abfragesysteme“ hinein. Hat man diesen zivilisatorischen shift erst mal in seiner Länge, Breite und Tiefe begriffen und akzeptiert, erschließen sich mannigfaltige Erscheinungen der Gegenwart ein wenig besser – und übrigens auch der Rest von Seemanns Thesen, die dann gar nicht mehr so steil erscheinen.

Seemann wird hier tendenziell zu einer Art „Kafka 2.0“. Dessen Roman „Der Prozess“ vom Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt ja in bis heute eindrücklicher Weise die – jetzt mal ganz milde formuliert – eher unangenehme Seite einer durch Aufschreibesysteme, d. h. den Staat und seine Bürokratie, strukturierten Welt. Die durch Abfragesysteme generierte Welt des 21. Jahrhunderts, so Seemann, potenziert und transformiert diese Kafakaeskheit nochmal durch die Möglichkeit, Datensätze (also „das Aufgeschriebene“) in einer Weise miteinander zu verknüpfen, die im 20. Jahrhundert technisch noch nicht möglich war (Big Data):

Die Aussagefähigkeit von Daten wird damit in eine unbekannte Zukunft katapultiert. Weder wissen wir heute, was morgen Daten sein werden, noch wissen wir, was Daten von heute schon morgen aussagen können.

(M. Seemann, a. a. O., S. 37)

Mit anderen Worten, das in den Aufschreibesystemen der letzten 2.000 Jahre angehäufte Wissen wird durch die Ordnung der Query operationalisierbar, es wird – auf allen Ebenen – mobil bzw., in Seemanns Worten, „iteriert“. Über den „Layer“ des Aufgeschriebenen kann nun ein Query-Layer gelegt werden, der es nahezu in Echtzeit zu beliebigen Ad-Hoc-Konfigurationen zusammenstellen und diese Konfigurationen auch speichern (bzw. ausdrucken oder sonstwie „materialisieren“, man denke nur an 3D-Drucker) kann. In meinen Worten: Der Query-Layer (eine uns allen bekannte Form desselben ist bsp.weise Google) generiert content zweiter Ordnung, dessen Struktur aus der des ursprünglich Aufgeschriebenen aber in keinster Weise mehr ableitbar ist. Er stellt also weder eine Variation noch eine Collage von Aufgeschriebenem dar, er ist auch kein objet trouvé, sondern erschließt sich einzig und allein aus der Intention der ihn verursachenden Abfrage.

Umso wichtiger wird es, die Kunst der Abfrage zu beherrschen. In Seemanns Worten:

Die unbekannte Frage ist es, die das Wissen erst strukturiert.

(M. Seemann, a. a. O., S. 198)

Im Licht der Gedanken des Kulturphilosophen Harry Lehmann zu einer „Gehaltsästhetik“ (die Weltsicht berichtete und kommentierte) bekommen diese Gedanken Seemanns eine weitere Facette: Ist „Gehaltsästhetik“ nicht letztlich auch eine (notwendig gewordene!) Form von „Query-Ästhetik“? Angesichts der Iteration des Aufschreibe-Layers durch den Query-Layer – bleibt uns da (als Künstlern) eigentlich eine Wahl, wenn wir nicht in neopostkonservativmoderner Retrosentimentalität versanden wollen? Und – sind Johannes Kreidlers Ideen zu einem „Neuen Konzeptualismus“ in der Musik nicht letztlich der Versuch, eine solche Query-Ästhetik gleich mal konkret künstlerisch umzusetzen (vgl. auch Diederichsens Beschreibung neuerer künstlerischer Praktiken, in denen die überkommenen „sprechaktartigen Bezugnahmen“ immer mehr durch die software-gestützte „Verfremdung bestimmter musikalischer Parameter“ abgelöst werden)?

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Was tun? (Gedanken zu Seemanns “Neuem Spiel” 2)

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Seemanns „Neues Spiel“ ist draußen…

kontrollverlust…und hier zu kaufen bzw. kostenlos herunterzuladen. Ich bin grade am Lesen und recht begeistert. Bis zur Rezension dauert’s aber noch ein wenig, da ich derzeit erkältungsbedingt das Bett hüten muss und recht wenig intellektuelle Energie verspüre.

Verweise deshalb auf meinen Artikel aus dem Januar diesen Jahres, der die Kernthesen dieses Sachbuchs in eigenen, etwas zugespitzten Worten zusammenzufassen versucht.

(Ok, vorab soviel: Das Buch ist gelungen, die Sprache klar, die Argumentationen überzeugend. Weitschweifigkeiten fehlen – was will man mehr?)

Und jetzt wieder ins Bett, mit Kamillentee und Lutschpastillen 😦