Das 3D-Kabinett des Dr. Wiener

Vor Kurzem bekam ich aufgrund einer glücklichen Fügung eine Art kleiner Privatführung durch die Musikinstrumentensammlung des Musikforschungsinstituts der Uni Würzburg durch deren überaus freundlichen Kustos Dr. Oliver Wiener (nicht zu verwechseln mit dem österreichischen Konzept-Schriftsteller Oswald Wiener, von dem in der Weltsicht schon des Öfteren die Rede war). Dabei verblüfften mich zwei, nein, eigentlich drei Dinge:

(1) Wiener und sein Team erstellen derzeit digitale 3D-Modelle historischer Musikinstrumente. Dabei werden die Artefakte vor reizarmem Hintergrund an feinen Fäden frei im Raum aufgehängt, damit sie aus möglichst vielen Perspektiven fotografiert werden können. Photogrammetrie nennt sich das, wie ich lernte.

Schwebende historische Ventiltrompete ohne Mündstück, bereit zur photogrammetrischen Erfassung.

Anschließend generiert eine Software („Open Source“, wie Wiener betonte) daraus ein dreidimensionales digitales Modell in Dateiform. Diese Datei wiederum ist für den 3D-Drucker im Raum nebenan lesbar, und wenn man ihm genügend Zeit lässt und genügend Granulat eingefüllt hat, erschafft er eine – derzeit allerdings noch unspielbare – exakte 1:1-Reproduktion des Instruments aus Kunststoff. Die Musikwissenschaft ist definitiv im 21. Jahrhundert angekommen.

3D-Drucker vor barocker Gartenkulisse, denn die Instrumentensammlung residiert in der Würzburger Residenz.

(2) Neben der erwartbaren Anhäufung von Tangentenklavieren, Clavichorden, Cembali, Hammerflügeln (sah für mich aus wie ein Cembalo), sonstiger alter europäischer Klangerzeuger sowie einem ganzen Haufen außereuropäischer Instrumente vom notorischen Didgeridoo über die japanische Wölbbrettzither Koto bis hin zur nepalesischen Knochentrompete (sic!) sammelt Wiener zunehmend auch elektromechanische und elektronische Musikinstrumente aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich war entzückt.

Abb. 3 Kinderklavier, verm. späte Nachkriegszeit

Ein Höhepunkt dieses Aspekts der Kollektion, die derzeit als „Studiensammlung“ firmiert, also der Öffentlichkeit leider normalerweise nicht zugänglich ist, war für mich zweifellos ein vielfach individuell modifiziertes Akkordeon aus dem Nachlass eines Alleinunterhalters.

BIG PAULs ganzer Stolz

(3) Tief in den Achtzigerjahren des verg. Jahrhunderts hatte ich mich in exakt den Räumlichkeiten, wo jetzt Dr. Wieners 3D-Kabinett logiert, mit dem Studium der Musikwissenschaften abgeplagt und bei einem freundlichen Professor, dessen Habitus mich mitunter an Vicco von Bülow in seinen besten Sketchen erinnerte, mittelalterliche Notenhandschriften von Leonin und Perotin zu transkribieren versucht – mit leidlichem Erfolg. Die Räume sind noch dieselben, aber der spirit ist ein ganz anderer. Kam man sich damals noch vor wie in einer trutzigen, wenn auch schon leicht heruntergekommenen Wagenburg, in der düstere Gralshüter ebenso ekstatisch wie rigoros die abendländische Musikkultur, also alles „von Heinrich Schütz bis Richard Wagner“, vor Dekadenz und dem endgültigen Verschwinden zu bewahren suchten, weht dreißig Jahre später der ebenso frische wie gnadenlose Wind der Digitalisierung über den Ruinen. Die Eurozentrik ist weg, die Einengung auf „Hochkultur“ auch, es kann endlich weitergehen mit der Musikwissenschaft.

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