Von der Neurodiversität zur Neuroqueerness

Im Zusammenhang meiner Suche nach substanziellen Blogs zum Thema „ADHS bei Erwachsenen“ stieß ich vor einigen Monaten auf ein Exemplar mit dem schönen Titel neuroqueer. Es wird von zwei Frauen betrieben, die sich hinter den Pseudonymen lhabc und projectenigma verbergen. Lhabc schätze ich auf Mitte zwanzig, projectenigma ist nach eigener Aussage „in den Vierzigern“.

norman_batesBeide Bloggerinnen bezeichnen sich als „trans„, haben mit stark ausgeprägten neurologischen Besonderheiten zu tun (ADHS, Autismus, diverse Phobien, Ticks, Persönlichkeitsstörungen) und sind drittens überdurchschnittlich intelligent*. Den Begriff der „Neuroqueerness“ habe ich hier zum ersten Mal gelesen. Ich habe keine Ahnung, ob lhabc oder projectenigma ihn selber geprägt oder irgendwo aufgeschnappt haben – das spielt hier aber auch keine Rolle. Jedenfalls scheinen sie sich dafür einzusetzen, ihn zu etablieren, um damit eine sehr spezifische Gemengelage psychischer Eigenheiten in ein- und derselben Person zu bezeichnen, für das bisher nur psychiatrisches Fachchinesisch oder generische Schimpfworte („Spasti“, „ChaotIn“, „Looser“, „Irrer“, „Freak“, „Spinnerin“, „Psycho“) zur Verfügung stehen.

Es geht im Einzelnen um das gleichzeitige Vorhandensein von

  1. nicht heteronormativem sexuellem Verhalten (queerness),
  2. angeborenen psychischen Auffälligkeiten sowie
  3. überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten und/oder einer Hochsensibilität

in einer Person.

Punkt 1 umfasst dabei nicht nur die „klassischen“ Homosexualitäten, also das Lesbisch- bzw. Schwulsein, sondern bsp.weise auch eine konsequent asexuelle Lebensweise, heterosexuelle Polyamorie (was natürlich vom üblichen „Fremdgehen“ abzugrenzen ist), eine Vorliebe für BDSM und manches andere. Dabei genügt bereits das Vorhandensein einer dieser vielgestaltigen Verhaltensweisen, um sich als queer zu, äh, qualifizieren. Kurz gesagt, alles, was nicht heteronorm ist, ist queer.

Punkt 2 umfasst alle permanent vorhandenen, also nicht etwa durch Lebenskrisen ausgelösten und sich irgendwann „von selbst gebenden“ psychischen Auffälligkeiten**. Das kann ein ADH-Syndrom sein, aber auch eine Autismusspektrum-Störung, eine dauernde Überempfindlichkeit gegen bestimmte, an sich harmlose Reize sowie weitere, noch diffusere neurologische Symptome, die „für sich genommen“ zwar alle wenig belastend erscheinen mögen, durch ihr lebenslanges Vorhandensein bei den Betroffenen aber bsp.weise zu einem Chronischen Erschöpfungssyndrom führen können, was nicht selten eine vorzeitige Berentung zur Folge hat.

Bei Punkt 3 geht es weniger um einen monströs hohen IQ oder eine spezifische Hochbegabung, etwa für Schach, Mathe oder das Spielen eines Musikinstruments, als um die Fähigkeit zur systematischen und gründlichen Selbst- und Fremdbeobachtung bzw. -reflexion, die quälend zwanghafte Ausmaße annehmen kann. Intelligente Neuroqueere wissen meist schon in sehr jungen Jahren, was mit ihnen los ist, weil sie die Reaktionen der anderen auf ihr So-Sein messerscharf wahrnehmen und abspeichern. Die Allermeisten werden sich daraufhin den Rest ihres Lebens als defizitär erleben und typischerweise Schwierigkeiten haben, ein auch nur halbwegs stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Viele richten sich deshalb irgendwann in einem kaltem Selbsthass ein, der aber paradoxerweise immer mal wieder in Grandiosität umschlagen kann. Ein von Außenstehenden oft als „bizarr“ empfundenes Verhalten, welches nach meiner eigenen Erfahrung besonders effektiv zur nachhaltigen Entfremdung des Neuroqueeren von seinem sozialen Umfeld beizutragen vermag („Jetzt ist der Spast auch noch arrogant!“).

Dann beginnt in der Regel das große Versteckspiel, die endlose „Aufholjagd“, das vergebliche Anrennen gegen einen vermeintlichen „inneren Schweinehund“ bzw. – noch schlimmer – das unsägliche Elend des berühmten „Sich-Zusammenreißens“, denn eigentlich habe man es ja gar nicht soo schlimm getroffen: „Ich bin zwar oft zerstreut / unleidlich / verträumt / leicht aus dem Konzept zu bringen / grundlos deprimiert / ungepflegt / konfus / überempfindlich / panisch / zwanghaft vergrübelt / schlampig angezogen / übertrieben ängstlich /  vergesslich / […], aber mein Gott, das ist schließlich jeder mal, oder? Deswegen bin ich doch noch lange kein Irrer, oder? Oder doch? –  Nein, ich muss nur ein wenig mehr Selbstdisziplin üben, dann wird’s schon gehen. Schließlich bestätigen mir immer alle, wie schlau und begabt ich doch sei. Die anderen packen’s doch auch und die sind nicht so schlau wie ich. Pah, wär doch gelacht!“ usw. usf.

alienMan sieht schon, welch fataler und auf lange Sicht toxischer Psycho-Cocktail sich hier zusammenbraut – und dies, ganz ohne dass sich irgendjemand am Neuroqueeren schuldig gemacht hätte. Er hat weder irgendwelche Traumata, noch die berühmte schwere Kindheit oder gar emotionale bzw. sexuelle Missbrauchserfahrungen vorzuweisen. Die Neuroqueere bleibt mutterseelenallein, d.h. ohne sozial etabliertes Erklärungsmodell, mit ihrem Ich, ihrem So-Sein, zurück und neigt dazu, die Ursache all ihrer Probleme einem „Etwas“ in sich selbst zuzuschreiben. Es ist in ihr drin wie das Alien in Lt. Ripley, mit dem Unterschied, dass es sich weigert, jemals geboren zu werden*** und lieber gemütlich als Parasit im Wirt verharrt, solange dieser imstande ist, es ausreichend zu füttern. Dem Wirt bleibt nichts anderes übrig, als sein Alien durch allmähliche Amalgamierung in seiner Toxizität einzuhegen, so gut es eben geht.

Und so „lebt er dahin„.

P.S.: Lesetipp auf neuroqueer: lhabcs Artikel Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein. vom 21. April. Bisschen zu pathetisch und selbst-viktimisierend für meinen Geschmack, dafür aber von durchschlagender Wirkung. Hat mich nämlich zu diesem Artikel angeregt.


* Punkt 3 bleibt auf neuroqueer eher implizit, aber allein die Tatsache, dass beide Blogbetreiberinnen hocheloquent und ausführlich über ihre komplexen persönlichen Symptomatiken zu berichten in der Lage sind, lässt ihn als unabdingbar erscheinen.

** Nicht dazu zählen also etwa eine Depression als Reaktion auf den unerwarteten Tod eines Lebenspartners oder eine Psychose mit Wahnvorstellungen, die durch besonders belastende Lebensumstände ausgelöst wird, aber einmalige Episode bleibt. Dabei ist zu beachten, dass derartige Erkrankungen in der Regel ungleich schwerer verlaufen als die hier angesprochene Neuroqueerness. Sie bedürfen sofortiger professioneller Behandlung, sind aber auch tatsächlich meist gut behandelbar. Aber sie „verlaufen“ eben – Neuroqueerness tut das nicht, sie ist einfach da: gestern, heute, morgen, immer.

*** Denn das Alien ist klug, vgl. auch Emile Ciorans „Vom Nachteil, geboren zu sein“.

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