Nikolai Roslawez „Klaviersonate #5“ (1923)

Die Musik ist ebenso zartfühlend wie turbulent, das Geschehen ist stets leicht irritierbar. Ähnlich wie bei Feinbergs Klaviersonaten hat man so gar keinen Eindruck von etwas „Sonatenhaftem“, also klassizistischer Wohlgeformtheit in Maß und Ordnung, sondern von spontanen Gedankenflüssen und widersprüchlichen, mitunter sogar sofort widerrufenen Impulsen und Einfällen. Das Wogen kommt gelegentlich ins Stocken, aber niemals zur Auflösung.

Nikolai Roslawez „Nocturne“ (1913)

Wir kommen ins Wochenende, also wieder Non-Pop, FreundInnen des Wohlklangs. Diesmal russischer Jugendstil von Nikolai Roslawez, einem Komponisten, der ähnlich rabiat vergessen ist wie mein Liebling Samuil Feinberg.

Den Begriff „Jugendstil“ gibt es in der Musikgeschichte meines Wissens nach nicht, auch nicht den Begriff „Art Deco-Musik“. Stattdessen spricht man, wenn es um Musik zwischen 1880 und 1930 geht, die weder atonal noch spätromantisch noch klassisch modern ist, gerne von „musikalischem Impressionismus“. Dieser Begriff ist aber nun mal reserviert für die Musik Debussys, Janáčeks (teilweise), de Fallas, Ravels, Delius‘ etc. Man stelle sich vor, die Architektur Otto Wagners würde als „architektonischer Impressionismus“ bezeichnet, alle würden lachen. Also plädiere ich tentativ für die Einführung des Begriffs „musikalischer Jugendstil“. Darunter fielen dann bsp.weise Alban Bergs Klaviersonate, „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg, die ersten drei Klaviersonaten von Samuil Feinberg und eben dieses Nachtstück von Roslawez. Skrjabin hingegen würde ich unter „musikalischer Symbolismus“ rubrizieren.

Roslawezens Nachtstück schwebt in Brauntönen über der Landschaft und ich möchte stets, dass es länger dauert. Viel länger.