„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler

Oskar Roehler (*1959)

Roehlers nach „Herkunft“* und „Mein Leben als Affenarsch“** dritter Roman, dessen Titel natürlich auf das immer noch mächtige Meta-Narrativ „Selbstverwirklichung“ anspielt, hat mich – mit einer Einschränkung (siehe unten) – rundum begeistert, denn er besitzt mehr als ausreichend Selbstironie,…

Dieses ist ein Stück deutscher, depressiver Literatur, eine Innenschau, ein Stück Befindlichkeits-Literatur. Dies ist kein Bildungsroman oder Romanessay, und schon gar keine Autobiographie. Dies ist kein Roman, der geschrieben wurde, um den Büchner-Preis zu bekommen. Es gibt keine Auflösung, keinen Konflikt, keine Liebesgeschichte und keine wie auch immer geartete Spannung. Es gibt keinen Helden in dieser Geschichte. Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch, eine Familiensaga zu sein. Seine Prostata ist dem Autor wichtiger. [10. Kapitel]

…beschäftigt sich aus androzentrischer, aber nicht maskulistischer*** Perspektive tatsächlich mit dem in diesen Jahren nicht ganz einfachen Thema „heterosexuelle Erotik“, teilt aus, wo nötig,…

Die Gesinnungsnazis hatten allerorten die Macht übernommen, weil die wahren Künstler, Punks wie er, zu blöde und zu faul gewesen waren, Machtpositionen zu erobern, da sie lieber ihrem Hedonismus frönten, statt so etwas Langweiliges wie Lektor, Verleger, Produzent, Redakteur oder Ähnliches zu werden. Dabei wäre es so wichtig für das geistige Klima des Landes gewesen, diese Positionen zu besetzen. Jetzt bekam man die Quittung dafür. Jetzt war alles verboten, wurde alles abgelehnt von diesen Akademikern und Feuilletonisten, was auch nur im Ansatz subversiv war. Jetzt herrschte Zensur. Die Bourgeoisie hatte den Kulturkampf gewonnen. Die Bürger und ihre Kinder diktierten von ihren Chefetagen aus ihren faden Bildungsbürgergeschmack. Leute wie er waren, trotz ihres Namens, zu bedauernswerten Personae non gratae degradiert worden, zu exzentrischen Pennern, die sich von Akademikern, die hochmütig die Richtlinien bestimmten, demütigen lassen mussten. Sie hatten die Macht, andere von oben herab zu behandeln, und das war letztlich der einzige Sinn ihrer Existenz. [3. Kapitel]

…und steckt ein (Selbstkritik!), wo angebracht:

Er war ein als Enfant terrible getarnter staatlich subventionierter Filmbeamter, der sehr gut bezahlt wurde. [2. Kapitel]

Und manchmal gibt’s sogar zwar nicht neue, aber neu formulierte Einsichten von einer gewissen Tiefe:

Der Künstler, der am Anfang der riesigen Verwertungskette stand, befand sich gleichzeitig am Ende der Nahrungskette. [3. Kapitel]

Ganz sicher nichts anfangen mit Roehlers Buch werden LeserInnen können, die keinen Sinn für Trash-Ästhetik haben (allerdings geht es hier selbst für meinen Geschmack gelegentlich ein wenig zu drastisch zu, womit sich der Text ohne Not selbst sabotiert), die die durchaus gelegentlich lustvolle Darstellung von Prostitution und Pornografie aus männlicher Sicht für politisch inkorrekt halten sowie generell LeserInnen, die immer ganz genau wissen wollen, was an einem Roman denn nun „wirklich“ autobiografisch ist oder nicht, denn dies herauszufinden, dürfte erstens unmöglich sein, ist zweitens eine literarisch gänzlich unergiebige Frage und zeugt drittens lediglich vom Kleingeist derjenigen, die sie stellen.

Für LeserInnen, die bsp.weise Helmut Kraussers „Hagen-Trinker-Trilogie“ aus den 1990er-Jahren („Schweine und Elefanten, „Könige über dem Ozean“, „Fette Welt“) mochten, ist „Selbstverfickung“ sogar uneingeschränkt zu empfehlen.


* …den er als Quellen des Lebens 2013 selbst verfilmte (Empfehlung!)…
** …den er als Tod den Hippies!! Es lebe der Punk 2015 ebenfalls selbst verfilmte (Empfehlung!)…
*** „Androzentrisch“ bedeutet hier nicht „Der Mann als Maßstab aller Dinge“, sondern lediglich, dass es vollkommen unvermeidbar ist, dass ein biologisch männlicher Erzähler „männlich“ erzählt, so wie es unvermeidbar ist, dass eine biologisch weibliche Erzählerin „weiblich“, also „gynozentrisch“ erzählt. Die deutschsprachige Wikipedia setzt „Androzentrismus“ leider mit „Maskulismus“ gleich, womit ich nicht übereinstimme. Unter androzentrischer Literatur, zu der für mich bsp.weise auch die Romane Houellebecqs zählen, verstehe ich Texte, in denen Männlichkeit nicht als grundsätzlich problematisch und speziell das heterosexuelle männliche Begehren als grundsätzlich notwendig und sinnvoll dargestellt werden. Maskulistische Literatur dagegen lebt vom Ressentiment bzw. Hass gegen das Weibliche und kann Männlichkeit nur „antifeministisch“ definieren, was in meinen Augen lediglich die Unfähigkeit dieser Autoren dokumentiert, Männlichkeit erst mal ganz entspannt aus sich selbst heraus zu entwickeln und zu empfinden, bevor man sich dem anderen Geschlecht zuwendet. In der aktuellen Populärkultur gibt es – nach meinem Empfinden – derzeit weitaus mehr maskulistische als androzentrische Literatur.
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„Selbstverfickung“, ein Roman von Oskar Roehler