Statements zur Improvisierten Musik (2009)

Sehr dichter Interviewfilm, den man sich vielleicht nicht gerade am Stück ansehen sollte – zu gehaltvoll sind die diversen Statements der diversen Improv-PraktikerInnen. Zu Wort kommen britische Urväter der 1970er Jahre (Keith Rowe, Eddie Prévost, Evan Parker, John Tilbury, John Butcher) sowie deren weitaus jüngere österreichische (Christian Fennesz, Werner Dafeldecker, Michael Moser) sowie japanische (Otomo Yoshihide, Toshimaru Nakamura, Sachiko M) Adepten.

Rowe sagt, ganz bündig und gar nicht arrogant, bisher (2009) habe er noch keinen Text gelesen, der der Erfahrung des improvisierenden Musikers auch nur ansatzweise Ausdruck verliehen hätte. Dem kann ich – als Musiker wie als Publizist – nur zustimmen. Bemerkenswert erscheint mir, dass keiner der Interviewten auch nur ansatzweise Erklärungen für den flow der (meist kollektiven) musikalischen Improvisation hat. Nur der Begriff „mysterious“ taucht  gelegentlich auf, wird aber eher achselzuckend verwendet.

Eine „Theorie der Improvisierten Musik“ scheint also auch 6 Jahrzehnte nach ihrer Entstehung nicht in Sicht. Es kann aber auch sein, dass es sie schon gibt und ich sie nur nicht kenne. In diesem Fall, liebes Internet, benachrichtige mich bitte.

Ad-hoc-Hypothese: Vielleicht ist musikalische Improvisation so eng mit der menschlichen Kognition verbunden, dass (noch) keine allgemeingültige nicht-esoterische Beschreibungssprache dafür existiert. Schließlich gibt es ja auch noch keine allgemeingültige nicht-esoterische Beschreibungssprache für die menschliche Kognition. Am Weitesten in diese Richtung ist Oswald Wiener in seinen Bemerkungen zur Künstlichen Intelligenz vorgestoßen, und auch Dirk Baecker sagt gelegentlich, Free Jazz sei ja für ihn ein „Paradigma“ für angewandte Systemtheorie. Beide Ansätze kranken jedoch an ihrer, äh, „Mathematizität“, d. h., letztlich werden formale Sprachen (Algorithmen, Kalküle etc.) aufgeboten, um Phänomene dingfest zu machen, die für ein menschliches Subjekt weder besonders kompliziert noch besonders selten sind. In gewisser Weise ist das wohl unvermeidlich, wenn man präzise bleiben und Grundlagen für ein Modell liefern möchte. Denn Modelle bestehen nun mal nicht aus Alltagssprache, sondern aus Materie (in diesem Fall evtl. eher aus Software – aber da kommen wir gleich wieder in die Bredouille, denn mir konnte noch niemand erklären, ob Software denn nun Materie oder Geist ist.)

Ein weiteres Faszinosum ist die – zeitlich parallele – Entwicklung der Komponierten Musik aka „Neue Musik“ aka „Avantgarde“ (Ich spreche hier von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts). Wenn man mal alle Fünfe grade sein lässt, kommt man nicht umhin, zuzugestehen, dass deren Output dem der Improvisierten Musik zumindest nicht so ganz unähnlich ist. Sie klingt nur – wie gesagt, ich versuche mich hier an einer so allgemein wie möglich gehaltenen Charakterisierung – meist, äh, steifer, „gesetzter“, ausgedachter, künstlicher, aber oft eben auch dichter, durchdachter, „fertiger“, „gültiger“. Auf den Punkt gebracht: Schwache Improvisierte Musik neigt zur (angestrengt-uninspirierten, irgendwie immer ein bisschen infantil-dilettantischen) Zusammenhanglosigkeit, schlechte Komponierte Musik zur (leicht durchschaubaren und deshalb schnell langweilenden) Ausgedachtheit. Starke Beispiele beider, äh, Genres – oder sagt man besser „Methoden“? – dagegen sind weniger gut zu unterscheiden bzw. haben ganz ähnliche Qualitäten: Sie klingen „logisch“, „inspiriert“, „zwingend“, „schlüssig“ etc. – was immer diese Begriffe in diesem Zusammenhang bezeichnen mögen – Wittgenstein, übernehmen Sie!

Was heißt das aber nun für die Kunstmusik als solche, wenn derart diametrale Methoden ihrer Generierung – hier ein nonchalantes, rein (?) intuitives  ad hoc, dort akribische, rein (?) intellektuelle Anstrengung – in der Spitze so ähnliche, wenn auch freilich nicht austauschbare, Texturen hervorbringen?

Wer mir das schlüssig erklären kann, bekommt eine Tafel Ritter Sport, versprochen. Die Geschmacksrichtung kann sie/er sich natürlich aussuchen.

Statements zur Improvisierten Musik (2009)