Video der Woche : KW 09 : Thomas, Parker & Drake@Mulhouse 2016-08-26

Mein derzeitiger Lieblingspianist Pat Thomas trifft auf den geschmeidigen Drummer Hamid Drake, der für meine und Ralf Schusters Doku „Improv 2014 (Peitz)“ so gewinnend Auskunft über die Arkana der Improvised music zu geben wusste … und Kontrabassist William Parker ist auch dabei. Die erste gute halbe Stunde gibt’s Improvisierte Musik auf höchstem Niveau und mit aller notwendigen Sprödig- und Sperrigkeit, anschließend entspannen sich die Herren ein wenig zu orientalischen Klängen. Vor allem Thomas‘ Spiel ist geradezu spektakulär ungefällig, aber dabei komplett überzeugend. Listen and get involved …

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Video der Woche : KW 09 : Thomas, Parker & Drake@Mulhouse 2016-08-26

Pat Thomas „One“ (2013)


patthomasUnd ein letztes ebenso rüdes wie sensibles Statement des afrobritischen Meisters. Sein Spiel hat eine Qualität, für die mir kein abgefuckterer Begriff als spirituell einfällt.

Tut mir leid.

Wirklich.

Denn was meine ich mit spirituell? Nun, hat Musik spirituelle Qualität, glaubt man, mehr wahrzunehmen als bloß akustische Phänomene. Das Hörbare triggert etwas in mir an, das sich begrifflicher Vermittlung nachhaltig entzieht. Dabei kann es sein, dass es nur mir so geht und andere Ohren hier nur Chaos und/oder Indifferenz wahrnehmen. Aber so verhält sich das nun mal mit dem subjektiven Erlebnisgehalt eines mentalen Zustands. Ganz grundsätzlich und evtl. unhintergeh- und -überbrückbar. – Recorded live @ Cafe Oto, London.

Pat Thomas „One“ (2013)

Pat Thomas „Three“ (2013)

Ein Meister seines Fachs, ich beuge mein Haupt in Demut.


patthomasThomas‘ Spiel ist von geradezu erschreckender Energie, verzichtet dabei aber nicht auf Stil, Logik und – besonders wichtig bei Improvisierter Musik – Dramaturgie. Darüber hinaus durchweht es in meinen Ohren stets & immer der Geist des Jazz, manchmal deutlich und greifbar wie in „Three“, das sich ab ca. Minute 3  und dann wieder ab 5’30“ eindeutig traditioneller Ragtime- und/oder Stride-Piano-Rhythmik bedient, manchmal nur als entfernter, aber klar identifizierbarer Nachklang.

Niemals klingt Thomas‘ Musik „abstrakt“ im schlechten, technokratischen Sinn, so wie (leider) sehr viel Kunstmusik. Sie ist aber auch kein endloses New-Age-Gedaddel ohne Oben und Unten, Hinten und Vorne. Vielmehr scheint mir durch alle der Avantgarde verpflichteten Klangforschung eine feine, aber allgegenwärtige Grundierung von Blues, Gospel und Soul hindurchzuschimmern.

Der Mann, so mein Eindruck, weiß auch in der scheinbar entrücktesten Cluster-Emphase genau, was er tut. Letztlich kontrolliert er das beim erstmaligen Hören evtl. chaotisch erscheinende pianistische Geschehen jederzeit, nur eben komplett anders, als dies der Interpret einer Kunstmusik-Partitur könnte.

„Three“ entstammt einer Performance aus dem Londoner „Cafe Oto“ vom 24. Juni 2013. Zwei weitere, mindestens ebenso brillante, aber durchaus andersartige Stücke vom selben Abend gibt’s hier kostenlos und legal in sehr guter Audioqualität herunterzuladen.

Pat Thomas „Three“ (2013)

Improvised Piano Music (1 von 3): Pat Thomas 2013

In meinem nicht endenwollenden Interesse am Thema „musikalische Improvisation“ möchte ich der Leserin der Weltsicht an den kommenden drei Freitagen drei exemplarische Beispiele für gelungene, mittellange Klavierimprovisationen aus jüngster Zeit präsentieren. Beginnen wir mit einer Arbeit des 55jährigen Briten Pat Thomas aus dem Jahr 2013:

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Improvised Piano Music (2 von 3): Martin Münch 2014
Improvised Piano Music (3 von 3): Craig Taborn 2013

Improvised Piano Music (1 von 3): Pat Thomas 2013