Christopher Lauer und die Politik

Im Februar gab ex-Pirat Christopher Lauer folgendes Interview, das weder an analytischer Trennschärfe noch an Unterhaltsamkeit irgendetwas zu wünschen übrig lässt. In Vielem erinnert er mich an einen jungen, noch nicht komplett desillusionierten Joschka Fischer.

Dabei ist gerade die von vielen als störend empfundene, an Arroganz grenzende Distanziertheit Lauers der Wesenszug, den ich besonders an ihm schätze, verköpert er auf diese Art doch exakt das Gegenteil des liebedienerischen, PR-optimierten, aber un-authentischen Politikers, von dem so viele angeblich die Schnauze gestrichen voll haben.

Das Paradoxe dabei ist, dass das Greinen über die Abwesenheit von „Ecken und Kanten“ (vulgo: Charakter) beim üblichen politischen Personal zwar allgegenwärtig ist, kommt dann aber mal jemand wie Lauer daher, an dem man sich so richtig reiben könnte, weil vielleicht nicht jeder Satz, den er äußert, vorher von 2,5 „professionellen“ Beratern rundgeschliffen wurde, wird dieser sehr schnell als „zu unangepasst“ bzw. „unmöglich“ oder – noch schlimmer – „unberechenbar“ kaltgestellt.

Leute, so wird das nix. Was wollt ihr denn nun? Ah ja, ich weiß: einen meinungsstarken, aber aalglatten Charakterkopf ohne Ecken und Kanten. Man könnte auch sagen: Die Quadratur des Kreises.

Dass Lauer glaubt, in der Welt der Politik nicht überleben zu können, spricht nicht gegen ihn, sehr wohl aber – leider – gegen die Welt der Politik. Die geschätzte Marina Weisband hat da ja ähnlich argumentiert, bevor sie sich aus der Parteipolitik zurückzog.

Christopher Lauer und die Politik

Warum ich trotzdem Piraten wähle

Die deutsche Piratenpartei befindet sich in einer ähnlichen Lage wie Die Grünen kurz nach ihrer Gründung 1980. Denn was sprach der „Volksmund“ damals über Die Grünen?

  • „Die sind doch ein chaotischer Haufen! Man weiß ja gar nicht, was man wählt, wenn man die wählt.“ – Vgl. den Wikipedia-Artikel „Bündnis 90 / Die Grünen“ über die Vorgeschichte dieser Partei in den 1970er-Jahren: „Die politische Bandbreite reichte von den K-Gruppen im Gefolge der Studentenbewegung der 1960er Jahre bis zu konservativen Umweltschützern.“ Ohne Chaos ist aber noch keine Partei entstanden, die mir geheuer wäre. Die Alternative besteht natürlich auch immer: Eine autoritäre Führerpartei wie etwa das „Team Stronach“ in Österreich.
  • „Die haben so komische Themen, die nur sehr wenige wirklich interessieren.“ – „Umweltschutz“ hatte 1978 einen ähnlichen Status. Das Thema prangte zwar auf vielen Zeitungstiteln, an den Mainstream-Stammtischen der Republik wurde es aber bestenfalls als übertriebene Spinnerei belächelt (Ich bin Jahrgang 1966 und kann mich hervorragend daran erinnern). Wer kategorisch gegen Atomkraft war, überwinterte „bei Dunkelheit mit kaltem Hintern“, so ein damals populäres Mem. Demzufolge hätte sich die Atom-Abschafferin Angela Merkel jetzt ebenfalls warm anzuziehen. Muss sie aber offensichtlich nicht.
  • „Wenn ich die wähle, ist meine Stimme verschenkt, denn die kommen ja eh nie über 5 Prozent.“ – Dann hätten all die Wähler, die für grün stimmten, als diese noch bei ein bis drei Prozent herumdümpelten, ihre Stimme jahrelang „verschenkt“?
  • „Die haben kein professionelles Personal. Da gibt’s nur Freaks und weltfremde Idealisten.“ – Das Berufspolitikertum hat uns in punkto Politikverdrossenheit dahin gebracht, wo wir heute sind. Die PiratInnen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sie sind (noch) keine Berufspolitiker. Nimmt man das Konzept „Demokratie“ aber ernst, dann ist das auch gut so. Der Dilettant liebt, was er tut. Er tut es um der Sache willen, nicht, weil es eben sein Beruf ist. In diesem Sinne brauchen wir sogar noch mehr Dilettantismus in der Politik. Die Alternative lautet schlicht Postdemokratie, wo eine winzige Kaste hochprofessioneller Politik-Manager samt ihrer (nicht wählbaren!) Berater die Masse des-involvierter Politik-Konsumenten regiert.
  • „Die verstehen vielleicht was von ihren Spezialthemen, aber darüber hinaus haben sie nichts  zu sagen.“ – Eine Partei, die zu allem etwas zu sagen hat, empfände ich als größenwahnsinnig.  Was oft vergessen wird: Jede Partei hat als „Ein-Themen-Partei“ angefangen (SPD: Arbeiterbewegung, CDU: Christlicher Konservatismus, FDP: Liberalismus). Der Begriff „Partei“ hat mit lat. pars, Teil, zu tun. Jede Partei ist also per definitionem partikular, sie vertritt einen Teil, nicht das Ganze. In diesem Sinn ist der Begriff „Volkspartei“  (von Angela Merkel gerne verwendet, aber auch von SPDlern) undemokratisch. Ist es nicht demokratischer, echte Parteien als Vertreter zwar partikularer, aber klar definierter Interessen wählen zu können? Lobbyisten (auch Vertreter partikularer Interessen) kann man ja bekanntermaßen gerade nicht wählen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Warum ich trotzdem Piraten wähle

Lobo zur Piratenpartei

… die Piratenpartei hat in höchst nerdhafter Weise – also in einer digitalen Spielart des Sozialdarwinismus – ihre guten, weil empathischen Leute ausbrennen lassen. […] Wer Strukturen aufbaut, in denen denen zuallererst zwischenmenschliche Härte benötigt wird, um überhaupt den Alltag zu bestehen, der bekommt, Riesenüberraschung: genau solche Leute.

Sascha Lobo: Unsere Mütter, unsere Fehler (2013-03-22)

Lobo zur Piratenpartei

Der hässliche Pirat

Kybernetischer Organismus. Quelle: vocalo.org
Kybernetischer Organismus. Quelle: vocalo.org

Witzigerweise fängt Matthias Matusseks, hm, Analyse des Phänomens Piratenpartei in seinem Debattenbeitrag „Der neue Mensch“ im SPIEGEL vom 4. Juni 2012 mit einer recht treffenden, wiewohl unfreiwilligen Selbstcharakterisierung an: „Was an der Beschäftigung mit den Piraten wohl am meisten verstört, ist die Bereitschaft vieler Meinungsmacher zur Regression.“

Matusseks Text sucht, in echt wirkendem grimmigem Zorn, nach Analogien zwischen dem Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei vor 80 Jahren und dem der Piratenpartei heute.

Zunächst mokiert er sich über die technoide Sprache mancher Piraten (Marina Weisband kann er damit nicht meinen), denen er Martin Heideggers philosophische Kunst-Sprache gegenüberstellt, die er den Nationalsozialisten beiordnet. Beide Idiome hätten die Funktion, Nicht-Eingeweihten das Gefühl der Unwissenheit zu geben. Nun, mir ist nicht bekannt, dass Adolf Hitler jemals auch nur eine Zeile von Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ gelesen hätte. Die Sprache der Nationalsozialisten war alles andere als „ontologische[s] Murmeln“ (Matussek), sie bestand aus griffigen, stimulierenden Hassparolen wie „Deutschland erwache – Juda verrecke!“ etc. In den technologie-inspirierten Formulierungen einiger Piraten, von Matussek feinsinnig als „erratisches Mechaniker-Gequatsche“ beschrieben, erkenne ich dagegen, zugegebenermaßen wohlwollend betrachtet, den Versuch, die bekannten gesellschaftlichen Probleme durch die Brille einer bisher ungewohnten Terminologie zu betrachten. Diese wird probeweise aus der Informatik entliehen. Dass dabei mal was danebengeht, ist zu erwarten – alles andere wäre Zauberei!

Weiterhin macht Matussek die Piraten als amoralische Vollstrecker des poststrukturalistischen Diktums vom „Tod des Autors“ aus. Das ehrwürdige Schreiben des von ihnen angeblich verachteten bürgerlichen Individuums solle sich auflösen in einen unpersönlichen, von Technologie maßlos vervielfältigten „Textfluss, der über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stamme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen.“ Dass Matussek selbst, wie wir alle, nur einer von diesen Ameisenautoren ist, hat er dabei scheinbar vergessen. Unüberschaubare Textflüsse, besser: -flusslandschaften, von denen einige plötzlich für viele interessant werden (oft durchaus aus kryptischen Gründen, aber gewiss nicht „zufällig“) und andere eben nicht, gibt es schon seit Beginn des Buchdrucks mit beweglichen Lettern – sie bilden die Grundlage der (frei nach Luhmann) Verständigung der Gesellschaft über sich selbst. Für Matussek dräut hier jedoch eine „völkische Textgemeinschaft“. Nun, wenn damit gemeint ist, dass Aktivisten einer politischen Bewegung in ihren schriftlichen Äußerungen ihren Eigensinn auch mal den Zielen ihrer Partei unterstellen, hat er recht. Doch ganz ohne derartige Rücksichtnahmen ist ja gar keine Parteibildung und -bindung möglich. Wir lebten dann in einer (unmöglichen!) Gesellschaft von „Einzigen“ (im Sinne Stirners).

Von hier ist es kein weiter Weg zum mittlerweile altbekannten Vorwurf, die Piratenbewegung hätte halt einfach keine „Achtung vor geistiger Leistung“. Nur dass Matussek (erwartungsgemäß) noch einen Tick weiter am Schräubchen dreht und „manchen Netzpropagandisten und Kolumnisten“ gleich generelle „Geistfeindlichkeit“ unterstellt, die sich mit „Verletzungsbereitschaft“ und „Selbstgerechtigkeit“ paare. Wie gut, dass Matussek derlei Anwandlungen völlig fremd sind!

Nun, eine Bewegung, die nach technischen Lösungen für gesellschaftliche Probleme sucht, kann nicht generell „geistfeindlich“ sein, denn Computerprogramme gehören zum geistig Höchststehenden, was Menschen hervorbringen können. Wer auch nur elementarste Erfahrungen in diesem Metier hat, weiß das. Was also erzürnt Matussek? Feiert hier vielleicht einfach das Kommunikationsproblem der Zwei Kulturen, das C. P. Snow bereits vor über 50 Jahren so schön auf den Punkt brachte, seine Auferstehung? Auf der einen Seite stehen die literarisch und historisch gebildeten, aber immer ein wenig zum Pessimismus neigenden „Freunde des Geistes“, auf der anderen die naturwissenschaftlich und ingenieurtechnisch versierten „Technokraten“, denen ein Optimismus der Machbarkeit angeboren zu sein scheint. Intellektuelle mit leadership-Qualitäten sind sie zweifellos beide – doch verschwenden sie einen Gutteil ihrer Zeit damit, sich gegenseitig jegliche Qualifikation für überhaupt irgendwas abzusprechen.

Gehört es nicht zur Originalität der Piratenbewegung, diese soziokulturelle Spaltung zumindest überwinden zu wollen? Dass dabei liebgewonnene Schrulligkeiten auf beiden Seiten über Bord gehen werden, ist wohl unvermeidlich. So könnte dem literarisch Gebildeten die Illusion verlorengehen, es sei cool, nichts, aber auch gar nichts, über Mathematik zu wissen. Der Technokrat hingegen müsste sich eventuell mit dem schmerzhaften Gedanken auseinandersetzen, dass es Probleme ohne Lösung gibt, auch und gerade ohne technische.

Das Menschenbild der Piratenbewegung schließlich charakterisiert Matussek als „Cybernautentraum von Erlösung und ewigem Leben im Netz“ und will darin eine „kindische theologische Travestie“ erkennen. Meint er damit, dass sich gegen den Schöpfer versündigt, wer sich in den Oswald Wiener’schen Bio-Adapter begibt? Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Einstweilen geht es, so verstehe ich wenigstens die Informationstechnophilie vieler Piraten, lediglich darum, die Kommunikations-, und damit eben auch Glücksmöglichkeiten des Menschen durch neuartige Werkzeuge zu erweitern. Dass dies auch eine, hm, spirituelle Komponente haben könnte, deutet sich in einigen Äußerungen Marina Weisbands tatsächlich an, allerdings konnte ich die Begriffe „Erlösung“ und „ewiges Leben“ bei ihr nicht finden (Bei Oswald Wiener allerdings schon – doch das ist ein anderes Thema und sein Text „der bio-adapter“ stammt schließlich auch schon aus der Mitte des 20. Jahrhunderts).

Derlei konstruktive Herangehensweisen an das Phänomen Piratenpartei scheinen Matussek nicht zu interessieren. Für ihn sind die Piraten „Wohlstandsverwahrloste“, die durch Diebstahl immaterieller Güter ihre „Subito-Befriedigung“ erreichen, wenn sie sich nicht gerade zu „allergehässigsten Jagdgemeinschaften“ zusammentun, um Politkern, die sie nicht mögen, Plagiate nachzuweisen. Sie seien, aufs Ganze gesehen, nicht viel besser als die „totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts“ mit ihrem „roten[n] Glühen einer neuen Religiosität.“

Nun, in Sachen religiöser Inbrunst steht der Autor des „Katholischen Abenteuers“ diesen Kohorten tatsächlich in nichts nach. Und auch mit dem sachlichen Argumentieren tut er sich ähnlich schwer, scheint mir.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Der hässliche Pirat

Marinas Lied

Marina Weisband (*1987), Piratenpartei
Marina Weisband (*1987), Piratenpartei

Allerhand Kluges weiß Marina Weisband, politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, auf Ihrem Weblog zu sagen. Z. B. zum Thema jüdische Identität (Weisband ist Jüdin):

Meiner Meinung nach ist Deutschland, wenn auch erzwungenermaßen, das toleranteste Land der Welt. Ein böser Handgriff ist uns möglich, wenn jemand sagt, dass wir [Juden] (egal, in welchem Zusammenhang) dummes Zeug reden oder einfach unrecht haben.

Touché!

(Gerade frage ich mich, ob ich mich genauso für sie interessieren würde, wenn sie „nur“ Ukrainerin wäre. Wahrscheinlich nicht. Was sagt das über mich aus?)

Marinas Lied