A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

“So literature, it turns out, is a perverted endeavor.”
“It was like that for Shakespeare and Balzac and Tolstoy, at least. The classic images they created were born from their mental wombs. But today’s practitioners of literature have lost that creativity. Their minds give birth only to shattered fragments and freaks, whose brief lives are nothing but cryptic spasms devoid of reason. Then they sweep up these fragments into a bag they peddle under the label ‘postmodern’ or ‘deconstructionist’ or ‘symbolism’ or ‘irrational.’”

Cixin Liu: „The Dark Forest“, 2008 (S. 83)

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A Chinese Science Fiction writer on Postmodernism

PostmodernistInnen und VulgärfeministInnen den Garaus machen

Es ist eine wahre Freude, der Kunsthistorikerin Camille Paglia und dem Psychologen Jordan B. Peterson dabei zuzuhören, wie sie sowohl pseudo-avantgardistischen postmodernistischen SpießerInnen als auch wohlstandsverwahrlosten FeministInnen den Garaus machen. Paglia wird nicht müde, den wahren spirit der 1960er-Jahre – exaltation! cosmic consciousness! Jung! – gegen seine postmodernen UsurpatorInnen – hopelessly derivative midgets! – leidenschaftlich zu verteidigen. Peterson pflichtet ihr in seiner schüchternen und grüblerischen Art bei und macht sich dabei zum Anwalt fragiler Männlichkeit, ohne aber jemals (Ich habe genau aufgepasst!) etwas wirklich Reaktionäres zu äußern.

Argumentativer Höhepunkt des Gesprächs ist für mich Paglias – zweifellos zugespitzte – Aussage, Feminismus bedeute für sie, „das Recht zu erkämpfen, möglicherweise vergewaltigt zu werden.“ Bis in die frühen 1960er-Jahre, so berichtet sie, mussten Studentinnen um 23 Uhr im Heim sein, während für ihre männlichen Pendants keine Sperrstunde galt. Als Argument für diese Ungleichbehandlung kam von der Heimleitung: „Das geschieht nur zu eurem Schutz. Ihr könntet ja vergewaltigt werden.“ Sie und ihre Kommilitoninnen hätten es schließlich geschafft, diese Sperrstunde für Frauen abzuschaffen.

Zugewinn von Freiheit, so Paglia, gehe immer mit vermehrter Verantwortlichkeit einher. Viele junge Frauen, denen sie heute begegne, hätten diesen Zusammenhang aber offenbar nicht verstanden oder vergessen oder verdrängt und wollten bsp.weise einfach kein Problem darin sehen, in Shorts, ohne Büstenhalter und mit Kopfhörern abends allein durch den Stadtpark zu joggen.

Damit will sie, so interpretiere ich das, nicht sagen, diese Frauen seien selbst Schuld daran, wenn sie sexuell attackiert würden (so würden Reaktionäre bzw. Erzkonservative argumentieren), vielmehr sei es einfach heuchlerisch von diesen in der Regel gebildeten Frauen, die archaischen männlichen Jagd- und Sexualinstinkte, die sie mit einem derartigen Verhalten herauslockten und die der durchschnittlich westlich zivilisierte und psychisch gesunde Mann in der Regel unter Kontrolle habe, aber eben nur dieser, mutwillig derart auszublenden. Sei dann erst einmal ein Verbrechen geschehen, hätten sie ja auch kein Problem damit, dies sofort und pauschal als Folge von allgegenwärtiger und unausrottbarer toxic masculinity zu verurteilen.

So zu argumentieren, so Paglia sinngemäß, sei jedoch lediglich pseudo-feministisch, da hier jegliche stets mit Unannehmlichkeiten und Lustverzicht verbundene Verhaltenskontrolle den maskulinen Agenten auferlegt werde, während ihre femininen Gegenstücke immer und jederzeit machen dürften, was ihnen gerade in den Sinn komme. In meinen Worten: Wenn irgendwas schief geht zwischen den Geschlechtern, ist automatisch der basal fehlkonstruierte Mann Schuld. Eine solche Weltsicht nenne ich – in Analogie zum eingeführten Begriff Vulgärmarxismus – gerne Vulgärfeminismus.

Trotz einer Laufzeit von über 100 Minuten hat der Dialog fast keine Redundanzen und – aber das liegt natürlich zu einem Gutteil einfach an Paglias Temperament, das Gottseidank nicht rein intellektueller Natur ist – unterhält durchgehend, ohne jemals wirklichzu verflachen.

Und wer jetzt meint, hier quatschten nur zwei verbitterte, marginalisierte Akademiker im Elfenbeinturm und niemanden interessiert’s, sollte sich mal die Zugriffe auf dieses erst vor eineinhalb Wochen publizierte Video ansehen.

Derzeit (2017-10-14, 07:18) werden knapp eine halbe Million verzeichnet.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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PostmodernistInnen und VulgärfeministInnen den Garaus machen

„Postmoderne“ – Janusköpfigkeit eines Begriffs

Marci Shore, eine junge Osteuropahistorikerin an der Yale University, publizierte jüngst einen sehr klar argumentierenden Artikel, der darlegt, warum der Alternative Facts-Zynismus Trumps und vor allem Putins durchaus als (unbeabsichtigte) Folge des einst anti-totalitär und aufklärerisch gemeinten Projekts „Postmoderne“ verstanden werden kann.

Dabei nimmt sie – im Gegensatz etwa zu Jordan B. Peterson – die philosophischen Urheber des postmodernen Denkens Jacques Derrida und Jean-François Lyotard gegen ihre skrupellosen „Erben“ in Schutz:

Derrida himself believed in hospitality, in friendship, in forgiveness. He was not a moral nihilist. Yet today, ideas that originated in the critical sensibility of the Left have been reconfigured as weapons of the Right. The philosophy Derrida conceived as an embracing of responsibility has been appropriated as an abdication of responsibility.

Die basale philosophische Operation des postmodernen Wissens – oder soll man sagen, seine ideologische Grundlage? – formuliert Shore ganz kurz und bündig so…

The postmodern world begins when we move from epistemological uncertainty to ontological uncertainty.

…und führt weiter aus:

If modernity was the attempt to replace God, postmodernity began when we gave up on replacing God, when we accepted that there was neither a God nor a viable surrogate.

So ist es letztlich nur konsequent, dass…

[…] both American capitalism and post-Soviet oligarchy employ the same public relations specialists catering to gangsters with political ambitions.

Im Prinzip war mir die Verwandtschaft von Postmoderne und Public Relation klar, aber Shore bringt diese nicht vollkommen triviale Sachlage besser und verständlicher auf den Punkt, als ich es jemals irgendwo anders gelesen habe. Danke.

„Postmoderne“ – Janusköpfigkeit eines Begriffs

Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke

Das Buch Das Gespenst des Populismus des Berliner Intellektuellen Bernd Stegemann enthält neben Vielem, dem ich nicht zustimme – z. B. halte ich es für irreführend, Angela Merkel als, wenn auch subtile, Populistin abzuqualifizieren, sie ist und bleibt eine Exponentin politischen Pragmatismus‘ – auch ein paar heftige Spitzen gegen ein intellektuelles Milieu, das ich hier behelfsweise mal postmoderne Linke nennen möchte und mit dem ich – vor allem durch Lektüre der Texte Diedrich Diederichsens – seit Mitte der 1980er-Jahre intellektuell aufgewachsen bin.

Behelfsweise deshalb, weil Postmoderne für mich eine Epoche (ca. 1975 – ca. 2008), aber kein kulturpessimistischer Kampfbegriff ist. Genaugenommen müsste ich also statt von der postmodernen Linken von einer „bestimmten linken Haltung sprechen, die sich während der Epoche der Postmoderne etabliert hat“. Diese vor allem im kulturellen Sektor hierzulande jahrzehntelang tonangebende Haltung zeichnete sich durch eine charateristische Legierung aus Moralismus und Hedonismus aus, an deren slickness schon manche Kritik abrutschte wie ein stumpfer Eispickel an der Eiger-Nordwand.

Nicht so jedoch Stegemann. Im Gegensatz zu vielen anderen Postmoderne-Kritikern leugnet er die soziokulturelle Relevanz dieser Epoche in keinster Weise, aber:

Die Schwierigkeit liegt … darin, die Postmoderne zu verstehen, ohne auf sie hereinzufallen. [4.3*]

Mit der Dekonstruktion des tragischen Lebensentwurfs der klassischen Linken hatte die postmoderne Linke auch dem existenziellen Heroismus, der mit einer solchen Haltung einhergeht, den Garaus bereitet. Nichts war bzw. ist der postmodernen Linken fremder als Tragik. Kein Wunder, dass dies dem Dramaturgen Stegemann so die Nase hoch geht, kennt eine komplett untragische Welt nun mal kein authentisches, sondern nur ein kontingentes Subjekt:

Aus der leidvollen Entfremdung ist das konsequenzlose Spiel der Ambivalenzen geworden, und die Schizophrenie, die an den Widersprüchen irre wird, hat sich ins dezentrierte Subjekt verwandelt. [1.3]

Man bezeichnete sich weiterhin als links, d. h. man war für die Gleichberechtigung und -behandlung der Geschlechter, Ethnien und Kulturen in der Tradition der Aufklärung. Dabei tat man allerdings so, als wäre diese Weltsicht alternativlos und hätte ihren zeitlosen Widerpart, die reaktionäre Weltsicht (die nicht mit Konservatismus zu verwechseln ist), bereits ein- für allemal überwunden. Wie sich aber dann die Existenz von neuen Nationalismen und Rechtspopulismen während der zweiten Häflte der postmodernen Epoche erklären, die sich partout nicht dekonstruieren lassen wollen?

Letztendlich, so Stegemann, hatte und hat die postmoderne Linke dem aufkeimenden politischen und religiösen Neo-Fundamentalismus außer ihrer arroganten sophistication bzw. elitären coolness nichts entgegenzusetzen. Aber damit nicht genug:

Das postmoderne Denken, das sich seit den 1970er Jahren an den Universitäten der westlichen Welt verbreitete, kann in seiner ideologischen Funktion bei der Durchsetzung des Neoliberalismus nicht hoch genug bewertet werden. Seine Hauptwirkung besteht einerseits darin, dass es die Begriffe des kritischen Denkens, mit dem die materiellen Lebensbedingungen und Eigentumsverhältnisse analysiert werden können, vollständig mit dem Mittel der Dekonstruktion zerstört hat. [3.1]

Schlimm. Aber noch schlimmer:

Die Irrealisierung der Realität, die einst das Kennzeichen der Kunst war, wird zum bestimmenden Lebensgefühl, mit der das eigene Privileg vor jeder realen Konsequenz bewahrt wird. Das postmoderne Denken hat die Welt zu einem Chaos von postfaktischen Behauptungen gemacht, deren Konsequenzen nun vor allem der liberalen Vernunft größte Probleme bereiten. Die Ironie besteht darin, dass das postfaktische Zeitalter nicht mehr allein der liberalen Hegemonie dient, sondern in einer unerwarteten Wendung immer mehr dem rechten Populismus zuarbeitet. [3.3]

Diese Diagnose beschreibt zweifellos die entfesselte, stets und prinzipiell am Rande der Unverständlichkeit operierende und eher selbstbesessene als selbstreferentielle Rhetorik sowohl der Musikkritik Diedrich Diederichsens (Spex) und der Kunstkritik Isabelle Graws (Texte zur Kunst) , als auch die Strategien der postmodernen Linken zuzurechnender Künstler wie bsp.weise Albert Oehlen, Sibylle Berg, Rolf Dieter Brinkmann, Martin Kippenberger, Elfriede Jelinek, Wolfgang Müller oder Rainald Goetz. Im Bereich der philosophischen Ästhetik wäre Christoph Menkes** Buch „Die Souveränität der Kunst“ von 1991 zu nennen, dessen fragwürdige, von Paul de Man inspirierte Argumentation Harry Lehmann in seiner aktuellen Publikation Ästhetische Erfahrung ebenso haarklein wie vernichtend analysiert.

Doch die postmoderne Linke erschöpfte sich nicht in der subversiven Dekonstruktion bisheriger soziokultureller Gewissheiten. Ihr zweites Schlachtfeld ist und bleibt die Identitätspolitik, also intellektuelle Schützenhilfe zur Verfertigung eines Wir-Gefühls für bisher marginalisierte Menschengruppen (Die Arbeit der Philosophin Judith Butler war und ist für diese Strömung grundlegend). Wogegen nichts zu sagen ist. Die Sache, so Stegemann, hat nur einen Schönheitsfehler: „Über Arbeiter [ergänze: Büroangestellte, Beamte, Polizisten, Handwerker, …; S. H.] kann gefahrlos gelacht werden.“ [5.1] Die postmoderne Linke hat sozusagen vor lauter (komplett ehrenhaftem!) Engagement für unterdrückte Minderheiten unversehens die Mehrheit marginalisiert – zumindest soziokulturell.

Alltägliches Kampfmittel zur Durchsetzung derartiger identitätspolitischer Vorstellungen ist eine Haltung, die man politisch korrekt zu nennen sich angewöhnt hat. Die deutschsprachige Wikipedia definiert diese folgendermaßen: „In der ursprünglichen Bedeutung bezeichnet der englische Begriff politically correct die Zustimmung zur Idee, dass Ausdrücke und Handlungen vermieden werden sollten, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen können (etwa bezogen auf Geschlecht oder Rasse).“ Wogegen ja kein zivilisierter Mensch etwas haben sollte, weswegen Politische Korrektheit (PC) leider zu gut funktioniert. Stegemann beschreibt denn auch ihren Missbrauch durch die postmoderne Linke folgendermaßen:

Der PC-geschulte Zeitgenosse verfügt damit über eine gut funktionierende Paradoxie, mit der er seine eigene Identität immer so darstellen kann, wie es seinen Interessen dient, und zugleich kann er die Identität der anderen so festlegen, wie es ihnen am meisten schadet. Man selbst bleibt Herr seiner Individualität, während die anderen zu Gruppenidentitäten vereinigt werden können. [5.2]

Das dekonstruktivistische / identitätspolitische Projekt der postmodernen Linken, so aufklärerisch und emanzipatorisch es auch einstmals begann, taugt also – und hier stimme ich Stegemann aus vollem Herzen zu – nicht mehr für die heutige Zeit und hat längst bei den Apartheid-Propagandisten der Identitären Bewegung eine neue, fatale Heimstatt gefunden.

Es sollte – und dies steht jetzt nicht mehr bei Stegemann – durch eine die flächendeckende postmoderne Ironie überwindende reflektierte Bürgerlichkeit abgelöst werden, deren Grundriss David Foster Wallace bereits 2003 folgendermaßen skizzierte:

The idea of being a citizen would be to understand your country’s history and the things about it that are good and not so good and how the system works and taking the trouble to learn about candidates for political office […]***

Wallaces Statement erscheint mir deshalb besonders einschlägig, weil er jahrelang selber ein großer Fan (und Nachahmer) der postmodernen Belletristik etwa Thomas Pynchons, Don DeLillos oder auch Paul Austers war. Wallaces post-postmoderne „Wende“ hatte freilich neben politischen und ästhetischen auch handfeste persönliche Gründe. Als alkoholkrankem und von rezidivierenden, psychotherapeutisch nicht behandelbaren Depressionen geplagtem Individuum erschien ihm eine ironische Haltung zu den Dingen des Lebens letztlich wohl einfach nicht wirklich zielführend. Seinen Suizid hat diese Einsicht leider nicht verhindert – aber das ist eine andere Geschichte.


* Ich habe Stegemanns Text als eBook ohne Seitenangaben gelesen, weswegen ich hier nur auf die entsprechenden Kapitel und Unterkapitel verweisen kann, in denen die zitierten Passagen stehen.
** All diese Namen werden von Stegemann nicht explizit genannt, diese personale Zuordnung seiner Thesen ist demnach allein von mir zu verantworten.
*** Dieses Zitat ist auch seit Jahren Teil der Permanently Unasked Questions dieses Blogs.
Bernd Stegemanns Polemik gegen die postmoderne Linke