Snowden klagt an – die NSA antwortet

Vor 3 Tagen stellte sich der Welt berühmtester Whistleblower im kanadischen Vancouver den Fragen des britisch-pakistanischen Journalisten Chris Anderson. Später kommt dann noch niemand Geringeres als Tim Berners-Lee dazu – einzig, um Snowden Respekt zu zollen und ihm virtuell die Hand zu schütteln.

(Über die Bedienleiste des Players lassen sich englischsprachige Untertitel einblenden, was die Sprachverständlichkeit sehr verbessert.)

 

Neben seiner ja schon fast sprichwörtlich gewordenen Zivilcourage beweist Snowden hier auch beträchtlichen Mutterwitz sowie nicht unerhebliches rhetorisches Talent. Die NSA hat also tatsächlich allen Grund, ihn zum Teufel zu wünschen.

Stattdessen schickt sie ihren Vizechef Richard Ledgett zwei Tage später (also gestern) zur gleichen Konferenz (zumindest virtuell). Dessen verkrampft-seriöses, dabei bleiern langweilig-staatstragendes Statement ist nicht frei von unfreiwilliger Komik. Als ihn Anderson gegen Ende fragt, was denn seine „idea worth spreading“ sei, sagt er doch wirklich: „Look at the data!“ (im Sinne von: Informiere dich so vielseitig wie möglich.) – Genau das ist Menschen, die nicht für die NSA arbeiten, aber nicht möglich. Und aus allem, was Ledgett sagt, gewinne ich den Eindruck, das sei auch ganz o.k. so, denn irgendwelche konkreten Fakten enthalten seine sorgfältig abgedichteten Tiraden nicht.

Witzig auch, dass Ledgett Snowden wiederholt „Arroganz“ vorwirft (im Sinne von: es gehöre schon eine Menge Arroganz dazu, sich als einzelner anzumaßen, besser zu wissen, was im nationalen Interesse der USA liege, als die Granden der NSA). Nach allem, was von der Person Edward Snowden bisher zu hören und zu sehen war, ist er eines sicherlich nicht: arrogant. Im Gegenteil, immer wieder betont er, er als Person sei nicht so wichtig, es gehe ihm ausschließlich um die Sache.

Gut, das kann jeder sagen.

Aber was steht für Snowden auf dem Spiel?

Alles.

Und was für Ledgett und seine KollegInnen?

Prestigeverlust.

Der Vizechef des (vermutlich) größten Geheimdienstes der Welt (35.000 Angestellte) wirft einem einzelnen, zugegeben formal illoyalen ehemaligen Systemadministrator, der „irgendwo in Russland“ um seine physische Unversehrtheit bangen muss, „Arroganz“ vor?

Come on man, gimme a break!

Alte Welt, Neue Welt

Macbook

Obiges Bild habe ich dem britischen Guardian entnommen. Es zeigt die Reste eines Apple MacBooks Pro, welches nach Angaben des Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger in der Anwesenheit von Agenten des britischen Geheimdienstes GCHQ und auf deren Druck hin von Mitarbeitern der Zeitung zerstört wurde. Der Rechner enthielt geleakte Daten des Whistleblowers Edward Snowden, mit dem der Guardian in enger Verbindung steht.

Natürlich weiß der GCHQ, dass damit sachlich nichts gewonnen ist, da der Guardian Snowdens Daten längst mehrfach anderswo (u. a. in Brasilien) gesichert hat. Es handelte sich also um eine symbolische Maßnahme. Man könnte auch von Einschüchterung sprechen, ganz sicher aber von Behinderung der freien Meinungsäußerung durch eine britische Regierungsbehörde.

Das Bild zeigt aber noch etwas anderes (wenn auch nur implizit): Die Macht- und Hilflosigkeit der Geheimdienste (Alte Welt) angesichts der Digitalen Revolution (Neue Welt). Denn geleakte Daten sind ja per definitionem überall und nirgends: sie sind „in der Cloud“, „im Netz“, „online“ – alles Redewendungen, die noch in den 1980er Jahren die wenigsten Menschen verstanden hätten. Nun ist der Geist aus der Flasche – und die Anhänger der Alten Welt versuchen verzweifelt, ihn mit untauglichen Achtzigerjahremethoden wieder dorthin zurückzustopfen.

Es handelt sich ganz offenbar um ein Rückzugsgefecht, denn Digitale Transparenz ist nicht reversibel. Sie kann nicht mundtot gemacht werden, weil ihr ein solcher fehlt. Der beste, wenn auch indirekte, Beleg dafür ist die panische Angst der chinesischen Machthaber vor ihr (Stichwort Great Firewall of China) – denn Digitale Transparenz würde die Grundlagen ihrer Herrschaft zerstören. Das Problem ist nämlich: Das Internet ist die vermutlich erste Maschine, die sich einfach nicht mehr abschalten lässt (ausgenommen durch kosmische Katastrophen oder Sabotage-Akte von einem Ausmaß, bei dem Mohammed Atta vor Neid noch blasser werden würde).

Aber vielleicht lässt sich Digitale Transparenz ja ganz langsam und qualvoll strangulieren? Nicht durch kindlich-trotzige Hardware-Attacken wie oben natürlich, aber vielleicht durch immer neue, fein aufeinander abgestimmte juristische Restriktionen im Namen des Datenschutzes, des Schutzes vor Kinderpornografie, vor Pornografie überhaupt, vor Spam-Mails, unseriöser Geschäftemacherei, Glücksspiel?

Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Auch in den internet-freien 1980er Jahren soll es schon böse Menschen gegeben haben (sogar Kinderschänder, munkelt man), es soll Sex-Kinos gegeben haben, Spielbanken, Pferdewetten! Ja ja, die alten Zeiten waren aunichsodoll… aber ganz sicher viel besser als heute, wo das böse, kalte Internet dem Laster, dem Verbrechen und der gewerblichen Unzucht einen beispiellosen Aufschwung verschafft hat!

Speziell Kinderschänderei muss geradezu zum Volkssport geworden sein, so präsent ist sie plötzlich allenthalben. Schuld daran kann ja wohl nur „das Internet“ haben. Hat ja auch Frau zu Guttenberg dereinst im Fernsehen gesagt. Und die ist immerhin mit dem (dereinst) beliebtesten Politiker Deutschlands verheiratet, also muss es stimmen.

Das kann nur heißen: Weg mit dem freien Internet! Es führt uns in die Barbarei, es stiftet uns an zu massenhafter Pädophilie, es untergräbt die dringend notwendige Autorität unserer Geheimdienste (die ihre beispiellosen Fähigkeiten ja gerade erst wieder bei der rücksichtslosen Verfolgung des NS-Untergrundes so brillant unter Beweis gestellt haben)!

Es ist doch einfach kein Zustand, dass jetzt jeder Schwachmat vor sich hinbloggen kann, wie ihm der krumme Schnabel gewachsen ist, ohne passive Filter, ohne zwischengeschaltete Redaktion, einfach so. Wo kommen wir denn da hin? „Ich finde das völlig unerträglich.“, hätte Helmut Kohl gesagt.

Wenn das so weitergeht, leben wir am Ende in einer Demokratie! Na dann Gute Nacht, armes Deutschland! Großbritannien (seit Kurzem, noch suboptimal) und China (seit Längerem, vieel besser!) machen vor, wie man der Seuche der Digitalen Transparenz angemessen begegnet.

Ich habe diesen Artikel in sprachlich leicht überarbeiteter Form zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Wie der Neo-Liberalismus zur PRISM-Affäre führte

Der britische Science-Fiction-Autor Charles Stross beleuchtet in einem aktuellen Artikel für sein Blog einen Aspekt der PRISM-Affäre, dem bisher kaum Beachtung geschenkt wurde: das Verschwinden der klassischen Angestelltenloyalität.

[…] loyalty is a two-way street […] bruised employees who lack instinctive loyalty because the culture they come from has spent generations systematically … undermining their sense of belonging are much more likely to start thinking the unthinkable.

Die persönlichkeitszersetzende Kultur, von der Stross hier spricht, ist nicht etwa die von 1968, sondern der gute alte Neo-Liberalismus der 1980er Jahre (sowie aller folgenden Jahrzehnte), der witzigerweise selbst so klandestine Organisationen wie amerikanische Geheimdienste zwang, relevante Dienstleistungen outzusourcen. Snowden war ja genau einer dieser externen Geheimdienstleister, er gehörte bekanntermaßen niemals der NSA selbst an, sondern arbeitete für eine, äh, „Technologieberatungsfirma“ mit dem schönen Namen Booz Allen Hamilton.

Stross – offenbar ein ganz verstockter Linker, pfui Teufel – freut sich nun diebisch, dass die konsequente Durchsetzung neo-liberaler Denke („They’ll give you a laptop and tell you to hot-desk or work at home so that they can save money on office floorspace and furniture.“) auch in der Geheimdienstbranche  offenbar die mehr als unerwünschte Nebenwirkung hatte, dasss „externe“ Zuarbeiter wie Snowden keinen Kadavergehorsam gegenüber ihrem Auftraggeber mehr entwickelten, wie er für Geheimdienstler alter Schule noch obligatorisch war (außer, sie waren Doppelagenten, hehe). Logisch – er ist (bzw. war) weder Soldat noch Beamter, sondern eine Zivilperson, ein Dienstleister: extern, aber (notgedrungen) eingeweiht.

Objektive Ironie: Reagan, Thatcher und (ein bisschen) auch Kohl, sicherlich aber Westerwelle murmelten ihr Mantra von der Privatisierung staatlicher Dienste, um „die Wirtschaft“ zu stärken und das „freie“ Unternehmertum, letztlich also das „freie Individuum“. Sie haben ihr Ziel erreicht. Das „freie Individuum“ ist da.

Es heißt: – Edward Snowden.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.