Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert

Wie angekündigt nun also einige Anwendungen Elias’scher Erklärungsmodelle auf Phänomene der Jetztzeit. Das wird unangenehm – Triggerwarnung: verwilderte Tischsitten, Sexismus, Rassismus –, aber da müssen wir jetzt durch, FreundInnen der Weltsicht:

1 Auslachfernsehen
2 Maskulismus
3 Rechtsintellektualismus

Wenn euch weitere Beispiele einfallen, nur zu, genau dafür besitzen Blogartikel die Möglichkeit, zu kommentieren.

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1 Auslachfernsehen

Sich öffentlich entzivilisierende Frauen im privaten deutschsprachigen Auslachfernsehen

Bei Elias‘ Thematisierung von Scham- und Peinlichkeitsschwellen muss ich stets an das Phänomen „Dschungelcamp“ denken sowie die Tatsache, dass es mir höchst unangenehm ist, derartige Dinge anzusehen, während sich andere offenbar ohne Reue daran ergötzen können. Das hat einen ganz einfachen Grund: Ich bin kaum in der Lage, Schadenfreude zu empfinden, wenn ich anderen Menschen beim Blamieren bzw. Scheitern bzw. beim Sich-Überwinden zusehen muss. Ich kann mir gut vorstellen, was Schadenfreude ist, aber bei mir stehen bei Beobachtung solcher Situationen stets andere Emotionen wie Entsetzen, Mitleid, Ekel, Furcht oder häufig auch Wut („Was für eine Idiotin, sich ohne Not in diese Lage zu bringen!“) im Vordergrund. Ich sage das nicht, um virtue signalling zu betreiben und es macht mich in keinster Weise schon zu einem besseren Menschen, nur weil ich praktisch keine Schadenfreude empfinden kann. Auch habe ich von dieser Unfähigkeit keine gesellschaftlichen Vorteile, im Gegenteil, sie schließt mich von sehr vielen kollektiven Vergnügungen (Besuch von Boxkämpfen, Wrestling-Veranstaltungen etc.) aus, was ich lange Jahre als persönliches Defizit empfunden habe, heute allerdings nicht mehr.

In Elias‘ Terminologie formuliert, erschafft das „Dschungelcamp“ eine Gesellschaft mit extrem verkürzten Interdependenzketten und einem entsprechend geringeren Erfordernis von Selbstkontrolle. Scham- und Peinlichkeitsschwelle sinken beträchtlich ab, während die Impulsivität der Beteiligten von der Kette gelassen wird. Die Tischsitten vergröbern sich, Sexualität und Gewalt werden weniger verborgen ausgelebt als gemeinhin üblich, die Tabuisierung des Abjekten lockert sich. Dennoch, zu behaupten, dies sei doch viel ehrlicher und deshalb besser als die sonst übliche Verlogenheit in der Gesellschaft wird nur, wer noch nie ernsthaft köperlich misshandelt oder gar vergewaltigt wurde. Aber genau das trifft ja heutzutage im Durchschnitt für mehr Menschen zu, als dies vermutlich jemals der Fall war. Und so erklärt sich die Popularität des Zivilisationslabors Dschungelcamp vor allem bei Menschen mittleren und jüngeren Alters ohne (unfreiwillige) Gewalterfahrung. Die inszenierte Umkehrung der Richtung des Prozesses der Zivilisation – wer die Selbstkontrolle aufrechterhält, unterliegt im Ausscheidungskampf – wird von ihnen als unterhaltsam empfunden, weil sie ihnen in der Realität niemals begegnet ist. Das Dschungelcamp simuliert einen die eingezwängte Einzelne entlastenden Entzivilisierungsschub, wie ihn während der Nachkriegszeit vermutlich nur Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, die Schlammbäder von Woodstock oder das Oktoberfest leisten konnten.

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2 Maskulismus

Psychologisierung? Rationalisierung? Befriedete Räume? Bushido ist komplett gestresst von der Länge heutiger Interdependenzketten

„Befriedete Räume“ (Elias) haben sich sehr stark ausgeweitet. So werden bsp.weise früher ignorierte Mikroaggressionen nun thematisiert oder bisher als geringfügig geltende sexuelle Belästigungen strikt geahndet. Die allgemeine Einübung der Menschen in „beständiges und genau geregeltes An-sich-halten“ (Elias) scheint vor allem seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts deutlich an Fahrt aufgenommen zu haben.

Die aus biologischer Notwendigkeit heraus aggressiveren Männer haben das je nach individueller Veranlagung als mehr oder minder beeinträchtigende Zunahme von Zwang und Unfreiheit wahrgenommen. Der diffuse, aber globale und chronische Trend zu maskulistischen Verhaltensweisen ist eine zwar primitive und durch und durch reaktionäre, aber nicht zu ignorierende, weil auf globalem Level erlebbare, Antwort auf diese Ausweitung.

Dazu zähle ich bsp.weise die nicht selten absurd übersteigerte Brutalität vieler vor allem von Jungs bevorzugter populärer Computerspiele, Gangsta-Rap, Pickup artists oder auch den flächendeckenden Zynismus der ebenfalls extrem jungslastigen globalen Nerd-Kultur, von bereits älteren, aber andauernden Phänomenen wie Risikosport, dem Action-Film oder frauenfeindlicher Pornografie ganz zu schweigen. Weiterhin fällt die gar nicht so seltene freiwillige Unterwerfung komplett westlich sozialisierter Männer unter autoritäre archaische Religionen (islamischer Fundamentalismus, evangelikales Christentum) oder futuristische Sekten (Scientology, Raelismus) ins Auge.

Maskulismus kann demzufolge prozesssoziologisch ebenfalls als vor allem den Einzelnen entlastendes Entzivilisierungsphänomen beschrieben werden. In einer immer granularer verwaltbareren Welt inkl. political correctness und emanzipierten Frauen werden traditionelle männliche Fähigkeiten und Bedürfnisse wie etwa aggressive Revierverteidigung, das leidenschaftliche Jagen und Töten von Beutetieren und Feinden der eigenen Familie, Herrschen durch Muskelkraft und Promiskuität nicht nur nicht mehr gebraucht, sie stellen ein Problem dar. Dabei ist der Hauptgegner des Maskulisten gar nicht so sehr die emanzipierte Frau, sondern die Allgegenwart granular befriedeter Räume, die unablässig zum An-sich-halten gemahnen. Denn jede Verletzung dieser Räume macht den Maskulisten unweigerlich zum Verlierer im Ausscheidungskampf und das kann ein Mann bekanntlich am wenigsten ertragen.

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3 Rechtsintellektualismus

Im virtuellen Dialog: Die Rechtsintellektuellen Jünger (li) und Kubitschek (re) [Bildmontage SH]
Was den Rechtsintellektuellen mit dem Maskulisten verbindet, ist sein Hass auf befriedete Räume, aber im Gegensatz zum Maskulisten macht er sich nicht gerne die Hände schmutzig. Maskulistische Grobmotoriker, die der feinsinnige Rechtsintellektuelle im Grunde seines Herzens verachtet – wie etwa Teile der späteren NS-Elite die SA verachtete und deren homosexuellen Gründer Ernst Röhm folgerichtig ermorden ließen –, dürfen ihm aber durchaus gerne als nützliche Idioten bzw. willige Vollstrecker seines Masterplans dienen.

Rechtsintellektualismus ist eine contradictio in adjecto, also ein in sich widersprüchlicher Ausdruck wie „rötliches Grün“, denn der Rechte betrachtet sich eigentlich als natürlichen Feind jeglichen kritischen Denkens, welches ihm stets Symptom von Anomie ist. Gesellschaftskritiker stehen bei ihm im Generalverdacht, lediglich Kritikaster, also substanzlose und eitle Nörgler, zu sein. Es müssen also schon besondere Verhältnisse vorliegen, wenn sich Rechte dezidiert als public intellectuals und damit als Gesellschaftskritker von rechts inszenieren – und zudem damit Erfolg haben.

Ob vor 1900 auch schon rechtsintellektuelle Bewegungen reüssierten, habe ich nicht recherchiert, aber im 20. Jahrhundert gab es definitiv die Konservative Revolution, deren bis heute prominentester Vertreter der Schriftsteller und selbsternannte Anarch Ernst Jünger gewesen sein dürfte. Sein Analogon in der Gegenwart ist der Verleger Götz Kubitschek mit seinem Antaios Verlag. 1 

Ein Topos des Action-Films der „Rambo“-Tradition ist die Unfähigkeit von Apparatschiks, angesichts einer Notlage sofort die für jedermann offensichtlich erforderlichen Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dabei, so das Narrativ, können die BürokratInnen nicht etwa nicht handeln, weil sie nicht wollen, sondern weil das verrottete System sie daran hindert. Also sieht sich der Anarch, der seinen gesunden Menschenverstand noch nicht verloren hat, seinerseits gezwungen, zu handeln – was ihn vom Anarchisten, der einfach nur Chaos um des Chaos‘ Willen will, unterscheidet. Der Anarch sieht sich in der Verantwortung, seine Motivation ist eine intrinsische. Letztlich will er die Dinge wieder ins Gleichgewicht bringen. Er meint es nur gut. Er ist kein Revoluzzer, sondern ein rötlich-grüner Revolutionär wider Willen.

Folgt man der Logik von Elias, liegen die zivilisatorischen Ursachen des Rechtsintellektualismus klar auf der Hand: Sowohl das frühe wie das späte 20. Jahrhundert waren von substanziellen Zivilisierungsschüben geprägt, die jeweils ein rapides Ansteigen gesellschaftlicher Scham- und Peinlichkeitsschwellen zur Folge hatten. Insbesondere politisch wie kulturell konservative und traditionsgebundene Individuen fühlen deshalb zunehmendes Unbehagen in der Kultur und suchen immer verzweifelter nach einer Gegenwelt, die von den neuartigen gesellschaftlichen Zwängen und der verhassten Notwendigkeit des permanenten An-Sich-Haltens mehr oder minder frei ist. Bei Jünger, Soldat im Ersten Weltkrieg, wie Kubitschek, Soldat im Jugoslawienkrieg, ist dies die Welt des Krieges, der so quasi zum Dschungelcamp des Rechtintellektualismus avanciert.

Das klingt lustiger, als es gemeint ist. Denn in Krieg wie Dschungelcamp hat sich die Richtung des Zivilisierungsprozesses umgekehrt (siehe Abschnitt 1), zur Rück- und Umsicht gemahnende Interdependenzketten erscheinen verkürzt oder unterbrochen, es herrschen Plötzlichkeit (KH Bohrer) und allgemeiner Vertrauensverlust, so dass Formen deliberativ legitimierter Gewaltausübung tendenziell zu umständlich, zu langwierig und der Dringlichkeit der Lage nicht angemessen erscheinen.

Anti-deliberatives NS-Hassplakat, fotografiert 2014 im Museum Peenemünde (MeckPomm) vom Blogbetreiber

Folglich sieht es der Rechtsintellektuelle als eine seiner Hauptaufgaben an, die aktuelle soziale Situation als akute Notlage zu beschreiben. Er ist der geborene Alarmist. Denn wie jeder weiß, erfordern außergewöhnliche Situationen ansonsten verbotene Gegenmaßnahmen, was natürlich vor allem die Anwendung von Gewalt meint.

Bei Jünger, Kubitschek sowie den Philosophen Carl Schmitt und auch Martin Heidegger 2  kommt diese krude Hintergrunderzählung allerdings oft derartig verklausuliert und verschleiert daher, dass man, von der intellektuellen Brillianz dieser Autoren geblendet, nicht wirklich mitbekommt, auf was das ganze Argumentieren eigentlich herausläuft. Aber ganz am Ende – so meine Erfahrung – steht immer die gleiche Mär: Wir fühlen uns von der Dekadenz einer Zuvielisation in vollkommen unerträglicher Art und Weise gedemütigt, geknechtet und moralisch beschmutzt, also lasst uns lustvoll ins reinigende Stahlgewitter (Jünger) des Krieges eintauchen, der bekanntlich Vater aller Dinge (der Vorsokratiker Heraklit) ist und so neue Kraft gewinnen. Wir sind alles andere als Apokalyptiker und Gewaltverherrlicher, wir tun lediglich das historisch Notwendige. Lasst uns zerstören, um aufzubauen!

Oder, mit Elias formuliert, lasst uns subtile Innenzwänge durch grobe Außenzwänge ersetzen, damit wir uns ohne schlechtes Gewissen jeglicher Scham und Peinlichkeit entledigen können. Mit anderen Worten, lasst uns eigentümlich frei werden.


 

1 Es geht hier um eine figurative Analogie, nicht um einen literarischen Vergleich.

 

2 Heideggers Existenzialontologie enthält bei aller Apotheose vorsokratischer bzw. quasi-buddhistischer Beschaulichkeit deutliche, wenn auch sorgfältig kaschierte Züge von Zivilisationsekel bzw. -überdruss. Es ist aber nach meinem Kenntnisstand keine Philosophie, aus der eine Rechtfertigung entzivilisierender Gewalt direkt ableitbar wäre.

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Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

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Norbert Elias 1 von 2: Ent/Zivilisierung als Prozess

Systemtheoretisch inspirierte Soziologie à la manière de Luhmann kenne ich ad nauseam, aber von Prozesssoziologie hatte ich nie gehört. Dabei wurde ihr Erfinder und bekanntester Verfechter Norbert Elias zeit seines langes Lebens nicht müde, um sie zu werben, sie zu verteidigen und immer weiter zu verfeinern.

Vielleicht liegt es daran, dass „Über den Prozess der Zivilisation“, das Hauptwerk des Breslauer Juden,  ausgerechnet 1939 erschien. Ungünstiger Zeitpunkt irgendwie. Hat sich im Nachhinein evtl. nachteilig auf die Rezeption ausgewirkt. Kann sein. Wirklich.

Ein kurzer Ab-, Auf- und Umriss von Elias‘ Denken kann da nicht schaden. Ich habe mich dabei am entsprechenden Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia orientiert. Mein Text gliedert sich in fünf Abschnitte, vier referierende und einen reflektierenden:

1 Zwang
2 Selbstkontrolle
3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung
4 Figurationen
5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Kommenden Sonntag werde ich dann Elias‘ Gedanken auf einige Phänomene der Gegenwart anwenden.

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1 Zwang

Zivilisatorische Dynamik entsteht durch den Wandel von Gesellschafts- wie Persönlichkeitsstrukturen. Ersteres nennt Elias Soziogenese, zweiteres Psychogenese. Was die Soziogenese betrifft, hat er sich an Marx (und meiner Meinung nach auch ein wenig an Darwin) angelehnt, was die Psychogenese betrifft, an Freud. Die Soziogenese ist der Psychogenese vorgelagert (Hier musste ich sofort an Marxens „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ denken.).

Unter Soziogenese versteht Elias die Summe aller Integrations- und Differenzierungsprozesse auf demografischer, politischer, sozialer und ökonomischer Ebene, also den Prozess der Staatenbildung im weitesten Sinn. Soziogenetische Faktoren sind bsp.weise technischer Fortschritt, gesellschaftliche Differenzierung sowie der „Ausscheidungskampf“ (Elias) zwischen Menschen und Menschengruppen, die – neben manch Anderem – die Einrichtung des staatlichen Steuermonopols sowie die Entstehung der Geldwirtschaft notwendig machten.

Dabei kommt es bei zunehmender Zivilisierung zu einer Macht-Enteignung des Einzelnen bei gleichzeitig zunehmender Monopolisierung der Macht in den Händen weniger. Diese führt letztlich zur Entstehung befriedeter Räume, die zwar Planungssicherheit für Staat und Wirtschaft bieten, von ihnen geht aber auch ein ständiger Anpassungsdruck aus, der „den Einzelnen von klein auf an ein beständiges und genau geregeltes An-sich-halten gewöhnt …“ (Bd. II, S. 320)

Ein Beispiel für einen soziogenetischen Prozess wäre etwa die Ablösung der feudalen Machtstrukturen des Mittelalters durch die zunehmende Monopolisierung von Machtmitteln in der Neuzeit, was schließlich zur Vergesellschaftung von Machtmonopolen in kommunistischen bzw., wenn auch in geringerem Maße, sozialdemokratischen Gesellschaften führen sollte.

Unter Psychogenese versteht Elias die Veränderung von menschlichem Verhalten sowie menschlichen Affekten und Empfindungen als Teil des Zivilisationsprozesses. Es stellt sich für ihn stets die eine Frage: Wie werden Individuen den Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, gerecht?

Im Rahmen der Zivilisierung werden Außenzwänge (Fremdkontrolle) in Innenzwänge (Selbstkontrolle) transformiert. Im Verlauf der abendländischen Geschichte kam es zu einer „Veränderung des Verhaltens im Sinne einer immer differenzierteren Regelung der gesamten psychischen Apparatur.“ (Bd. II, S. 322) Diese Regelung erschien dem Einzelnen aber „als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn er es in seinem Bewusstein will.“ (ebda.), denn soziogenetische Innovationen haben die Tendenz, sich in der Psychogenese des Einzelnen zu reproduzieren:

Die eigentümliche Stabilität der psychischen Selbstzwang-Apparatur, …, steht mit der Ausbildung von Monopolinstitutionen der körperlichen Gewalt und mit der wachsenden Stabilität der gesellschaftlichen Zentralorgane in engstem Zusammenhang. (ebda.)

Der Wandel von Umgangsformen bsp.weise ist Teil der Psychogenese. Während im Mittelalter courtoisie (Ritterlichkeit) die Dinge regelte, wurde dies im bürgerlichen Zeitalter von der civilité (Gesittung) geleistet, die wiederum seit der Moderne von der civilisation (Zivilisiertheit) abgelöst wurde. Hinter diesen abstrakt anmutenden Begriffen standen bzw. stehen jeweils sehr konkrete Vorstellungen, wie man sich „richtig“ zu verhalten habe.

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2 Selbstkontrolle

Psycho- und Soziogenese sind durch Interdependenzketten, d. h. die Tatsache gegenseitiger Abhängigkeit der Menschen, miteinander verbunden. Je länger die Interdependenzkette, in die Menschen eingebunden sind, desto wichtiger wird ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle, worunter Elias das Vermögen versteht, den Einfluss spontaner emotionaler Impulse auf das Handeln aufgrund eines vorhergehenden Überdenkens ihrer Wirkungen und Rückwirkungen zurückzuhalten.

Wer sich nicht selbst in zeitgemäßer Art und Weise kontrollieren kann, unterliegt im Ausscheidungskampf. Die relative Stärke oder Schwäche des gesellschaftlichen Über-Ichs spiegelt sich in dessen mehr oder weniger dominierender Rolle in der individuellen Persönlichkeit. Nimmt die Selbstkontrolle zu, hat das gravierende kognitive Konsequenzen für das Individuum:

  • Erhöhung der Schamschwelle Immer mehr eigene Handlungen sind angstbesetzt.
  • Erhöhung der Peinlichkeitsschwelle (heute eher als „Fremdschämen“ geläufig) Immer mehr Handlungen anderer sind angstbesetzt.
  • Psychologisierung Die Fähigkeit, Vorgänge innerhalb anderer Menschen zu verstehen, steigert sich.
  • Rationalisierung Die Fähigkeit, die Folgen der eigenen Handlung langfristig vorauszuberechnen, steigert sich.

Ein solcherart selbstkontrolliertes Individuum verändert sein Verhalten:

  • Die Gewaltbereitschaft gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe/Gesellschaft nimmt ab.
  • Sexualität wird zunehmend tabuisiert.
  • Die Tischsitten verfeinern sich.
  • Menschliche Ausscheidungen (Kot, Urin) werden zunehmend tabuisiert.

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3 Die Zivilisierung und ihre Umkehrung

Der Prozess der Zivilisation ist für Elias weder unidirektional noch irreversibel. Entzivilisierungsschübe sind immer möglich. Sie stellen nicht den Prozess der Zivilisation und seine Figurationen in Frage, aber sie kehren seine Richtung um: Innenzwänge (Selbstkontrolle) werden durch Außenzwänge (Fremdkontrolle) ersetzt.

So erklärt sich bsp.weise das mich immer wieder tief verstörende Phänomen, dass die Errichtung eines gewaltbasierten Zwangssystems von nicht wenigen Menschen als Befreiung beschrieben und erlebt wird, denn Psychologisierung und Rationalisierung im Elias’schen Sinn (siehe Abschnitt 2) werden in diesem Fall zu wenig erstrebenswerten, wenn nicht gar verzichtbaren Tugenden, während Scham- und Peinlichkeitsschwelle ins Bodenlose herabsinken. Die/der bisher zivilisatorisch eingezwängte Einzelne – vorausgesetzt freilich, sie/er gehört nicht zu den Feinden des Volkes – entlastet und entspannt sich in der Entzivilisierung und kann endlich wieder genießen, z. B. indem er schadenfroh dem Untergang der Feinde des Volkes zuschaut. Einige Beispiele hierfür kommenden Sonntag.

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4 Figurationen

Der Prozess der Zivilisation hat zwar immer eine Richtung, folgt aber keinem Masterplan. Was es jedoch sehr wohl gibt, so Elias, sind Figurationen, worunter er eine fundamentale dynamische Verflechtungsordnung versteht, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt. Die operative Basis jeglicher Figuration ist simpel:

Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. (Bd. II, S. 312)

Die Figuration ist also weder zufällig bzw. chaotisch oder irrational, noch ist sie geplant oder vorherbestimmt:

„Zivilisation“ [ist] ebenso wenig wie die „Rationalisierung“ ein Produkt der menschlichen „Ratio“ und Resultat einer auf weite Sicht hin berechneten Planung. (Bd. II, S. 312)

Nichts und niemand hienieden, nicht einmal die Prozesssoziologie, ist also in der Lage, die Eigengesetzlichkeit der Figuration zu erkennen:

[Der Prozess der Zivilisation] wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, … (Bd. II, S. 317)

Und das klingt m. E. eher nach Darwin als nach Marx, der der Evolution ja auch keinen Autor zuordnen konnte. Shit happens.

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5 Plädoyer für Prozesssoziologie

Vieles, was ich bisher dem Genius von Foucault (Sexualität!) und Luhmann (Komplexität!) zuschrieb, wusste Elias im Prinzip auch schon, wird mir klar. Er hatte vermutlich nur nicht das king size ego der Vorhergehenden und zudem, um ein bekanntes Diktum Helmut Kohls zu variieren, die „Ungnade früher Geburt“.

Faszinierend an seinem Theoriemodell erscheint mir vor allem dessen politische Uneindeutigkeit. Linken dürfte der materialistische und bis zu einem gewissen Grad klassenbewusste Einschlag gefallen, während Libertäre und Hemingway-Fans bei der These „Zivilisierung bedeutet Zwang und die Entmachtung des Einzelnen“ ins Schwärmen geraten dürften. Das Subversive an Elias‘ Modell ist, dass mit seiner Hilfe Auschwitz, Woodstock und das Dschungelcamp gleichermaßen als Entzivilisierungsschübe betrachtet werden können, ohne dabei ideologisch in trübe Gewässer geraten zu müssen. Die Linke betrachtet bsp.weise Woodstock, also „1968“, als emanzipatorisches Ereignis, die Rechte als Dekadenzphänomen. Prozesssoziologisch stellt Woodstock aber – so würde ich das im Sinne von Elias interpretieren – einen notwendigen Entzivilisierungsschub innerhalb einer übergreifend emanzipatorischen Figuration dar. Dass sich Linke und Rechte jemals auf eine solche Interpretation werden einigen können, glaube ich allerdings nicht.

Ein weiterer Vorteil der Prozesssoziologie ist ihre robuste Konstruktion bzw. Antifragilität, denn im Gegensatz zu Marxismus und Psychoanalyse lässt sie sich m. E. nicht zur monokausalen Verschwörungstheorie umfälschen. Während „radikale“ MarxistInnen wie „radikale“ AnhängerInnen der Psychoanalyse im Zweifel, d. h., wenn sie nicht mehr weiter wissen, immer die Möglichkeit haben, ihren Sündenbock zu finden – bei MarxistInnen ist es das Kapital, bei AnhängerInnen psychoanalytischer Welterklärungen das Begehren –, lassen Interdependenzketten und Figurationen eine solche Option per se nicht zu.

Elias‘ kühne Behauptung, die „Rationalisierung sei kein Produkt der menschlichen Ratio“ (siehe Abschnitt 3), hätten vermutlich weder Marx noch Freud akzeptiert, sie hätten sie vermutlich nicht einmal angemessen verstanden. Freilich will ich nicht behaupten, Marx und Freud seien schlichte Gemüter gewesen, aber bei beiden gibt es trotz aller hochentwickelten und -durchdachten Binnenkomplexität ihrer Weltsichten irgendwann dann doch, wenn auch manchmal gut versteckt, eine Letztbegründung, die nicht angerührt werden darf. Das sehe ich bei Elias‘ Ansatz nicht, ihm ist die „Eigendynamik von Beziehungsgeflechten“, also etwas, was am Ende marxistischer oder psychoanalytischer Gesellschaftsanalysen herauskommt, erst der Anfang der Theoriebildung. Das macht Norbert Elias zu einem intellektuellen Vorläufer systemtheoretisch inspirierter bzw. konstruktivistischer Soziologie.

Mit Hilfe seiner Figurationen versucht Elias zwar, seine Theorie so erklärungsmächtig wie möglich zu machen, aber ihm ist klar, dass seine Analyse niemals komplett sein kann. Nicht, weil das prinzipiell nicht möglich wäre, sondern aus Mangel an Ressourcen. Durch dieses an Spinozas klassischen Szientismus angelehnte Theoriedesign nimmt Elias erkenntnistheoretisch eine Position zwischen coolen postmodernen Skeptikern – Theoriebildung ist angesichts der Komplexität der Dinge grundsätzlich ein fragwürdiges Unterfangen geworden und das wird sich auch nie mehr ändern – und technokratisch konstruktivistischen Alleswissern wie etwa Bruno Latour – nur mit Hilfe von Theorie kann überhaupt gewusst werden, also ist alles, auch und gerad sog. „Fakten“, theory-laden – ein.

Aber ist Elias‘ Weigerung, einmal identifizierte Prozesse und Figurationen entweder systemisch zu integrieren (Luhmann) oder aber dem Schwarzen Loch des Begehrens zu übergeben (Foucault) seinem Forschungsgegenstand – immerhin der menschlichen Zivilisation – nicht sogar angemessener als der totalisierende Theoriestil seiner Nachfolger? Jedenfalls bewahrt sich seine Theorie auf diese Weise ihre offenen Fragen, ohne aber beliebig zu werden. Sie watet, um Thomas Bernhard zu variieren, „mit klarem Denken durch den Morast“. Eine Metapher übrigens, die angesichts der prominenten Rolle menschlicher Exkremente in der Prozesssoziologie oft gar keine ist.

Prozesssoziologie bietet eine Meta-Erzählung gesellschaftlicher Bewegungen an, die ein humanistisches 1  Zentrum behält. Denn hier haben weder das Begehren noch Systeme das letzte Wort, sondern Menschen. Auch, wenn die meist – trotz bester Informiertheit – nicht recht wissen, warum ihnen was wie geschieht. Und ist exakt das, also die Gleichzeitigkeit von bester Informiertheit und Blindheit in ein und demselben Individuum, etwa nicht die conditio humana unserer Zeit?


 

1 Alle coolen Theorie-Nerds bekommen angesichts des Begriffs „Humanismus“ jetzt bitte ihr „zuständiges Jaulen“ (DF Wallace). – – – Danke. Weitermachen.

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Norbert Elias 2 von 2: Prozesssoziologie für das 21. Jahrhundert