Goetz über die männliche Midlife Crisis

Alles Männer in ihren mittleren und späten Vierzigern, Brecher, Macher, schwach talentierte Manager der oberen Ebene im Zenit ihrer Karriere, die sich schon vor Jahren von äußersten, illusorischen Ambitionen verabschieden hatten müssen, einen Sitz im Vorstand etwa zu erreichen, und sich statt dessen den angeblich schöneren Dingen des Lebens zugewendet hatten, dem Essen, dem Reisen, dem Sport, natürlich auch der Sexualität, dem Körper also und der dabei insgesamt lustvoll und planmäßig betriebenen Vergröberung ihrer Existenz.

Rainald Goetz: „Johann Holtrop“, 2012 (S. 183)

Business Punk Memories

Rainald Goetz (*1954)

Wolfgang Höbel (KulturSPIEGEL) empfindet den Text als „brutal seltsam“, in diesem Urteil den Sprachduktus Goetzens imitierend: eine Null-Aussage. Später kommt dann noch „sympathisch vergeigt“ und schließlich „amüsantes Dokument“. Mehr Herablassung geht nicht.

Es kommt halt darauf an, wie tolerant man ist mit dem Begriff „Roman“. Ob man einen Roman nur „gelungen“ finden kann, wenn der Autor brav, konventionell und folgsam einen unverrrückbaren Kanon an Vorschriften und Regeln abarbeitet („psychologisch überzeugende“ Figurenzeichnung, „Realismus“, „spannender Plot“ etc.) oder ob man „Roman“ lediglich als Hilfsbegriff eines Schriftstellers sieht, um seine eigenlich nur schwer in konventionelle Formen zu bringenden Gedanken möglichst fassbar an den Mann bzw. die Frau bringen zu können.

Letzteres ist bei Rainald Goetz der Fall. Schon immer gewesen. Er ist ein performer, der sich auch literarischer Mittel bedient, um sein obsessives Interesse an einer ebenso expressiven wie analytischen Beschreibung der Gegenwart zu befriedigen. Hat man das einmal verstanden und akzeptiert, ist „Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft. Roman.“ ein großartiger, spannender Text voller differenzierter, konzis vorgetragener Einsichten über gesellschaftliche Wirkzusammenhänge (ich habe die prägnantesten überall im Blog verteilt, für eine Kompilation bitte hier klicken), geschrieben in einer Sprache, die ganz Goetzens „eigene“ ist, aber dennoch immer aus dem Ethos des Sich-unbedingt-verständlich-machen-Wollens heraus entsteht.

Es ist ganz erstaunlich, dass es Goetz seit nunmehr fast 30 Jahren gelingt, unbeirrt an diesem Projekt festzuhalten. Immer wieder taucht er, darin (und nur darin) Günter Wallraff nicht unähnlich, dafür so tief wie möglich selbst, als reale Person, in hochspezifische soziale Milieus ein, versucht, sich dort wie ein Fisch im Wasser zu bewegen, bis er irgendwann das Gefühl hat, sich „auszukennen“ – aber eben nicht im Sinne von „wissen“ bzw. „checken“, sondern von „erfahren haben“. Goetzens Texte sind post-existenzialistische Literatur: das Pathos des „Authentischen“ ist noch da, aber es ist durch Temporalisierung gebrochen. Der „Punk“-Goetz von 1983 war genauso authentisch wie der „Business Punk“-Goetz von 2012. Bzw. genauso künstlich.

Insofern realisiert Goetz, als Person wie als Künstler, ein Maximum an existenzieller Freiheit, wie es in der post-industriellen Gesellschaft, und nur dort, möglich geworden ist. Wer behauptet, Goetz würde lediglich „sein Fähnchen nach dem Winde drehen“ und „einfach“ immer „dem (jugendkulturellen) Trend“ folgen (erst Punk, dann Techno, jetzt eben Wirtschaft), hat vermutlich nicht verstanden, dass er dies nur tut, um sich nicht ändern zu müssen.

SPIEGEL-Edelfeder Dirk Kurbjuweit scheint diese Dimension von „Johann Holtrop“ komplett entgangen zu sein: „In erster Linie ist sein [Goetzens, S.H.] Buch eine gute Ergänzung zum Journalismus.“, sprich zu Kurbjuweits eigener Arbeit, meint Kurbjuweit. Über „Johann Holtrop“ sagt das gar nichts, über Kurbjuweits Selbst- und, vor allem Literaturverständnis allerdings eine Menge.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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