Akkordeon Salon Orchester: „Barfuß auf der Wiese (Haferflocken“), 2017

Ja, es war ein sehr schöner Sommer. Und ich durfte ein wenig auf dem Klavier klimpern:

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Akkordeon Salon Orchester: „Barfuß auf der Wiese (Haferflocken“), 2017

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)


Die da, oder die da, die da, oder die da

Die, die da und dort damals
die, die dreist und dumm und so wie selbstverständlich
die, gerade die kann ich nicht leiden

Die, die alles besser wissen und beweisen und bestätigen
geheime Fakten aus dem Koffer packten
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Aber die, die weiterziehen, weiterwandern
die die Wichtigkeit der weiten Welt wertschätzen
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Und die, die hier und heute und hauptsächlich
die heimatliebend, bodenständig und bescheiden
die, gerade die, kann ich nicht leiden

Die da, oder die da, die da, oder die da

Die da, die so gern was kaufen, in die Warenhäuser laufen,
oder online shoppen, partyhoppen, Geld verdienen, Konsum lieben
dieses hübsch Bekleiden, das kann ich gar nicht leiden

Doch selber stricken, Öko-Leinen, Batikhose, Wäschesack,
Outdoor-Orgie, Radfahrschuhe wasserdicht, funktionsgerecht
das kann ich alles gar nicht leiden

Körperkult, Intimbereich, die Haare ab und pflegeleicht
das ist ohne Frage soziale Tarnfarbe
sie zu vermeiden, auch das kann ich nicht leiden

Verwahrlost, ungewaschen, alles nur gebrauchte Sachen
der Gegenpol, Verneinung, Antithese
wenn ich Philosophen lese, kann ich mich selbst nicht leiden

Ich da, und die da, ich da, und die da

Eis in Eimern ausgeleckt, alles hat so gut geschmeckt,
doch ich mach mich nicht gemein, geh stattdessen heim
und sitze da, und kann mich doch nicht leiden

Schuldig, unwillig, unfähig, dabei zu sein,
ich passe da überall mit rein,
Verdruss durch Eitelkeiten, das kann ich an mir nicht leiden

Im Mainstream und der Volkskultur,
trotz elitärem Wahnsinn, Kunstkacke pur
ich stecke drin, und kann es gar nicht leiden

Verzweifelt, ungeduscht und ungekämmt,
wenn man in Depression verfällt,
das passiert manchmal mit mir, ich kann es gar nicht leiden

Ich da, und die da, ich da und die da

Wenn der Pfandflaschenautomat meine Flasche nicht entgegennimmt
empfinde ich es als persönliches Scheitern,
das kann ich am allerwenigsten leiden

Handy-Verweigerer, die würde ich lieben,
doch ich kenne keinen, doch wenn ich ihn nicht kenne,
kann ich ihn auch nicht leiden

Ralf Schuster: „Kann alles nicht leiden“ (Liedtext 2017)

Zero Moment of Truth: „Wahrheit und Wissenschaft“

Mein Co-Blogger Ralf Schuster hat sich zwei freundliche Damen angelacht und mit ihnen die Band „Zero Moment of Truth“ gegründet, um gegen die Bigotterie der Welt zu wettern und den Geist szientifischer Aufklärung mit Akkordeon und Rhythmusbox zu preisen:

 

Wer den Songtext noch mal in Ruhe studieren will, kann das hier tun.

P.S. (von Ralf): Das Video zum Lied ist inzwischen auch schon online,  und huldigt dem Cottbuser Skulpturen-Reichtum.

Zero Moment of Truth: „Wahrheit und Wissenschaft“

Ralf Schuster: „Das Akkordeon Salon Orchester gemalt von Kommissar Schlemmer“

Mein genialdilettantischer Cottbuser Co-Blogger weiß neuerdings durch farbenfrohe Computermalerei zu entzücken:

Apropos: Ralfs mal vergnüglicher, mal nachdenklicher Roman „Medialismus“ über die Lehr- und Wanderjahre eines westdeutschen Kameramanns aus dem Jahr 2016 steht weiter weltexklusiv hier auf der Weltsicht und will gelesen, verstanden und gewürdigt werden.

Ralf Schuster: „Das Akkordeon Salon Orchester gemalt von Kommissar Schlemmer“

„Die letzte Kolonne“, ein kleiner Frühlingsgruß aus Cottbus

Weltsicht Co-Blogger Ralf Schuster erholt sich derzeit vom anstrengenden Romanschreiben durch zwangloses, meist ein-, in jedem Fall aber freihändiges Musizieren im heimischen Garten, unterstützt von der charmanten Bruna …

… und wie fast immer habe ich einige Textpassagen akustisch nicht verstanden, doch Schuster war so freundlich, mir die offiziellen Lyrics mitzuteilen:

Die letzte Kolonne

1
Die letzte Kolonne
reitet auf der Tonne
und schießt mit Sauerkraut
da haben wir Angst
und sind verwirrt
ob da noch was geschieht
es tut sich nichts

2
Die erste Kolonne
sitzt lächelnd in der Sonne
getarnt in Maßanzügen
und begleitet von hübschen Frau'n
Adjutanten
Beamten mit Verwandten
ihnen geht's gut
wir zieh'n den Hut

3
Begeistert und begabt
hat Opa schon gesagt
wer was ist ist auch begehrt
braucht dich keiner ist's verkehrt
der Überfluss
nimmt uns den Wert
nimm dich nicht voll
sondern leer

4
Wenn einer fragt was soll ich tun
soll ich schuften oder ruh'n
das macht alles keinen Sinn
ich leg mich hin
wir bleiben tolerant
dafür lieb' ich dieses Land
doch dem faulen Strick
gönn' ich die Ruhe nicht

5
Wir teilen Arbeit, Zeit und Geld
damit sich niemand quält
doch schon Opa hat bestimmt
wer die fette Beute nimmt
dann ist das meiste weg
da kriegst du einen Schreck
denn der aufgeteilte Rest
langt für kein Freudenfest

[Refrain]
Alles weg
    oh Schreck
kein Rest
    so'n Dreck

Alles weg
    oh Schreck
kein Rest
    so'n Dreck
„Die letzte Kolonne“, ein kleiner Frühlingsgruß aus Cottbus

Zu Fuß durch Berlin – JZ James in der „Villa Neukölln“

von Ralf Schuster

 

 

In meinen neuen, noch etwas zu steifen Birkenstockhalbschuhen schleppe ich mich über den vertrockneten Bürgersteig der Brunnenstraße, dort, wo sie noch zum Wedding gehört. Büffel gab es hier wohl bloß in prähistorischen Zeiten und die Zeit der Kühe ist zwischen den bizarren Achtzigerjahrebetonbauten schon lange vorbei. In meiner wasserdichten Umhängetasche aus Funktionsmaterialien befinden sich auch keine Lebensmittelvorräte, sondern Infomaterial zum Digitalprint meines literarischen Lebenswerks, sollte jemand unerwartet das Bedürfnis artikulieren, es auf Papier gedruckt sehen zu wollen. Hinter den großen Schaufenstern der Erdgeschossgewerberäume haben sich Filmproduktionsfirmen, Coworking Spaces und Galerien angesiedelt. Noch ganz frisch. An mancher Galerietür hängt lediglich ein Zettel mit der Handytelefonnummer, die man anrufen kann, sollte man tatsächlich den Raum betreten wollen.

Ich gerate in ein nettes Café im Wohnzimmersitzgruppenstil, weitgehend leer. Die exotischen Bezeichnungen auf der Speisekarte verleiten mich zu der Frage, welche Ethnie sich hier denn wohl verwirklichen mag und es stellt sich heraus, dass es Esten sind. Das Lachsbrot mit Avocadocreme, die viel Knoblauch und Zitrone enthält, schmeckt so gut, dass ich gleich noch eins bestellen muss und mit der blonden Bedienung darin einig werde, dass ich ja mal bei der offenen Bühne am Sonntagabend vorbeikommen könnte, um ein paar Lieder zu singen. Für mich als Besuchsberliner, so erfahre ich, werde der aufstrebende Wedding Kontakte bieten, durch die ich dann aktiv in das Grosstadtkulturleben hineintauchen könne. Denn in den etablierten Stadtteilen sei es gar nicht so einfach, Auftrittsmöglichkeiten zu erschließen, geschweige denn solche, die angemessen bezahlt würden.

Nach den Lachsbroten muss ich weiter nach Süden. Ich könnte die Linie 8 nehmen – oder war es der A-Train? – beschließe aber, weiterhin zu Fuß zu gehen, über den Mississippi hinweg, dorthin, wo das hippe Nachtleben den Kulturversuchen des Wedding 15 Jahre voraus ist, also nach Neukölln. In der Gegend rund um den U-Bahnhof Boddinstraße gab es, als ich vor 25 Jahren dort wohnte, nur Dönerbuden, Matratzendiscounter und rustikale Bierlokale. Letztere haben vielleicht den Boden dafür bereitet, dass in der weiteren Umgebung des Hermannplatzes der Blues eine Heimat fand. Es gibt eine kleine, aber rege Szene, die regelmäßig Jamsessions veranstaltet. Wer abends müde von der harten Arbeit auf den Bauwollfeldern oder der Tagesschicht im Schlachthof kommt und mit seiner Klampfe durch die richtige Tür torkelt, kann dort stets coole, hochqualifizierte Musiker finden und mit ihnen tolle Musik machen.

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Dies funktioniert auch, wenn man tagsüber im Gesundheitswesen arbeitet, zwischendurch einen Doktorgrad in Germanistik erworben und sich sein Bluesknowhow in Unterfranken erarbeitet hat. So machte es Jürgen Zink aka JZ James, der seit einigen Jahren in Berlin lebt. Irgendwann schleppte er dann die in Neukölln eingesammelten Musiker sogar ins Aufnahmestudio.

Und nach einem eineinhalbjährigen digitalen Reifungsprozess sollte es heute nun das Release-Konzert der CD „A Great Notion“ in der Villa Neukölln geben, einer fantastischen Location, die super zur Musik passte. Auch alles andere passte und wirkte durchaus „authentisch“. Nur hatte wohl eine gute Fee die bärtigen alten Männer in Lederwesten, aus denen das Publikum bei Blueskonzerten sonst besteht, in hübsche junge Frauen verwandelt.

JZ_James_live30_kl_EDITWas mir an der Musik gefiel, war ihre Schlichtheit, die erst durch die individuelle Kraft guter Musiker Glanz bekommt. Vor allem der Schlagzeuger hatte ein sehr feines Gespür dafür, wie weit er sein Spiel reduzieren, aber trotzdem durch wunderbare Akzentuierung des Beats weiter genau das Richtige zur Musik beisteuern konnte. Der Trompeter gab dem gesamten Abend eine besondere Note, während der Geiger nur mal schnell für drei Songs auf die Bühne kam und dann gleich wieder verschwand. Vermutlich musste er auch noch woanders auftreten, was mich nicht gewundert hätte, da er trotz nur weniger Töne extrem zu beeindrucken wusste. Und dann war da natürlich JZ James selbst, singend, Gitarre spielend – und zweifelllos bestaussehendstes männliches Hosenträgermodel der Saison.

Da ich nicht weiß, wo man JZ James‘ CD kaufen oder bestellen kann, besorge ich mir gleich eine in der Konzertpause. Und nach dem Konzert flitze ich sofort los, um noch den letzten Greyhound-Bus zurück in die Provinz zu erwischen.


Hier das Line-Up der CD „A Great Notion“, die mir prima gefällt:
JZ James – Gesang, Gitarre
Paul Swing – Trompete (meist gestopft)
Pete “Wild Duck” Wessa – Bluesharp
Roland Satterwhite  – Violine
Mark Roman – Kontrabass
Nick Morrison – Gitarre
Sebastian Maschat – Schlagzeug

Die CD „A Great Notion“ von JZ James kann man hier kaufen.

Zu Fuß durch Berlin – JZ James in der „Villa Neukölln“