Algorithmen-Ethik

Gestern hat der Bundesgerichtshof, wenn man so will, einen Algorithmus verurteilt, den Autocomplete-Algorithmus, der seit 4 Jahren bei der Google-Suche zur Anwendung kommt (wenn man ihn nicht, wie ich das seit Jahren tue, de-aktiviert).

Letztlich reiben sich hier zwei Kontinentalplatten menschlicher Grundbedürfnisse (sorry, das ich so grundsätzlich werde, aber das hat Gründe – kommt gleich): Das nach umfassendem Wissen, hier vertreten durch Google (idealerweise, ok, idealisierterweise) und das nach dem Schutz der Privatsphäre (hier vertreten durch den „Unternehmer“, der Google verklagt hatte, weil er sich durch dessen „automatisch ergänzte Suchvorschläge in seinem Persönlichkeitsrecht und seinem geschäftlichen Ansehen verletzt“ sah. „Die Suchvorschläge zeigten bei Eingabe seines vollen Namens die Autovervollständigungen ‚Scientology‘ und ‚Betrug‘ an, obwohl er in keinerlei Zusammenhang mit Scientology stehe oder ihm Betrug vorzuwerfen sei.“ – Zitate nach oben verlinktem Wikipedia-Artikel).

Vorausgesetzt, Google tut das, was es behauptet, nämlich nichts, um seinen Autocomplete-Algorithmus zu beeinflussen, ist dieser „objektiv“, d. h., seine Eingabevervollständigungsvorschläge (ein schönes deutsches Wort übrigens, merke ich gerade) spiegeln lediglich das aktuelle Suchverhalten der Google-Nutzer wieder. Google-Nutzer sind aber keine Algorithmen, sondern Menschen, und unter diesen kam offenbar das Gerücht auf, der „Unternehmer“ habe mit Scientology zu tun und sei ein Betrüger. Autocomplete tat wie ihm befohlen und kontextualisierte den Namen des Unternehmers mit den Begriffen „Scientology“ und „Betrug“. Eine reine Verstärkerfunktion. Keine inhaltliche Modifikation.

Oder?

Es soll ja schon Fälle gegeben haben, wo Menschen durch falsche Gerüchte in den Ruin und Schlimmeres getrieben wurden. Vereinzelt. Jeder, der dieses falsche Gerücht weiterverbreitet hat, trägt in so einem Fall Mitschuld.

Logisch.

Aber zeugt es wirklich von Weitsicht, den Postboten zu verprügeln, weil einem die Post nicht gefällt?

Wohl nicht.

Die „Netzgemeinde“ wird dem BGH „Inkompetenz“ vorwerfen – er verstehe offenbar nicht, dass Rechenregeln keine Ethik haben könnten. Eins plus eins sei ja wohl immernoch zwei, egal, ob es sich um Brötchen oder Gerüchte handele.

Korrekt.

Die „Datenschützer“ werden der Netzgemeinde „Naivität“ vorwerfen, weil Brötchen und Gerüchte nun mal nicht auf einer Ebene verhandelt werden könnten. Das bürgerliche Subjekt vor einer anonymen, komplett automatisierten Gerüchteschleuder zu schützen sei ja wohl wichtiger als die Profite eines erzkapitalistischen Großkonzerns aus Mountain View, Kalifornien.

Kann man nachvollziehen.

Sollte Google das Autovervollständigen abschaffen? Dann könnten Sie sich eigentlich gleich selbst abschaffen, PageRank und den ganzen Scheiß.

Aber nach welchen Prinzipien sollen Suchmaschinen dann arbeiten? Soll wieder eine menschenförmige Redaktion eingeführt werden? Vom Quantitäts- zum Qualitätsprinzip? Und wer legt fest, wer in diesen Redaktionen sitzt? Google? Kann das Internet nach den Prinzipien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks deutscher Provenienz „geführt“ werden? Absurder Gedanke! Wirklich?

Wer eine Lösung jenseits einer Forderung des „Verbots der Entstehung falscher Gerüchte“ (Wetten, das wird auch jemand vorschlagen?) hat, bitte melden.

Danke.

Ich habe diesen Artikel – ohne den Video-Link und sprachlich leicht überarbeitet – zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Algorithmen-Ethik

Talkshow und Demokratie – zwei Gefühle

Eine Talkshow zur Lage der Arbeitswelt vom diesjährigen Bloggertreffen „re:publica“ in Berlin – einer Art Kirchentag der Netzgemeinde, harhar – , die kluge Leute zu einem wichtigen Thema der Gegenwart fundiert: – aneinander vorbeimonologisieren lässt. Der eigentliche Talk beginnt erst ab Minute 15, vorher polemisiert die Moderatorin ausgiebig gegen ihren Kollegen Günther Jauch – nur um, mit Verlaub, es anschließend nicht viel besser zu machen als dieser.

Wie immer bei politischen Talkshows fühle ich mich von der unstrukturierten Fülle interessanter Gedanken, nachvollziehbarer Analysen und authentischer Erfahrungen überfordert. Das übliche, dreiteilige After-Talkshow-Gefühl stellt sich zuverlässig ein:

  1. Auf Ihre Art hatten alle Recht. Auf ihre Art hatten alle Unrecht.
  2. Mein Gott, wie dumm und inkompetent ich doch bin.
  3. Das Sachgebiet ist viel zu komplex, als dass ich mir darüber wirklich jemals eine Meinung bilden könnte.

Regelmäßig beschleicht mich anschließend ein sinistres Bedürfnis nach stalinistischer Meinungsdiktatur, nach einem zwar sicherlich unterkomplexen, aber operablen (und ebenfalls dreiteiligen)

  1. So ist das Problem zu analysieren.
  2. So ist es zu lösen.
  3. Ende der Diskussion

Wie spannend waren dagegen die Schlichtungsgespräche Stuttgart 21 vor nun auch schon 3 Jahren!

Aber warum?

Vielleicht, weil die Beteiligten klare Rollen hatten (Bauherr, Bahnhofsgegner, Sachverständiger etc.) und erst gar nicht der Anschein erweckt wurde, man würde „auf Augenhöhe“ miteinander reden. Das Macht- und Kompetenzgefälle zwischen den grinsenden Granden der Deutschen Bahn und den unbeholfen bis schratig wirkenden Bahnhofsgegnern wurde durch den Schlichter Heiner Geißler gerade nicht wegmoderiert – und eben das wirkte paradoxerweise demokratisch.

Ein „Demokratiegefühl“ stellt sich für mich demzufolge dann ein, wenn kontingente Subjekte  mit heterogenen Interessen über eine ernsthafte Angelegenheit streiten müssen, das „Talkshowgefühl“, wenn homogene Individuen ihre jeweilige Sicht eines Themas sequentiell in Szene setzen.

Ich habe diesen Artikel einen Tag später in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Talkshow und Demokratie – zwei Gefühle