RD Precht zur Lage der Dinge (umfassend)

RD Precht kann zwar ein Rüpel sein und als Person habe ich weiterhin Schwierigkeiten mit ihm, aber er ist halt einfach einer der großartigsten Kommunikatoren deutscher Sprache meiner Alterskohorte (Generation X). In diesem spielfilmlangen Interview mit dem berüchtigten Bundespressekonferenz-Performer Thilo Jung, der hier aber nur seine intellektuelle Überforderung mühsam durch coole Zerstreutheit maskierender Stichwortgeber ist und sich ansonsten weise zurückhält, stecken jedenfalls mehr anregende Ideen als in 2½ Büchern von Armin Nassehi:


Prechts Stärke besteht nicht darin, eine eigene Philosophie zu entwickeln, aber er versteht es ganz ausgezeichnet, in der Luft liegende gesellschaftliche Fragen bzw. Desiderate zu erfassen und produktiv ideengeschichtlich zu unterfüttern.

Selten äußert er dabei wirklich dezidierte Prognosen (was ich ihm hoch anrechne, denn er hätte das Potential zum dem Politikflüsterer, der Nassehi gerne wäre). Nur beim bedingungslosen Grundeinkommen macht er eine bemerkenswerte Ausnahme: Das ist, so meint er, alternativlos und wird kommen, so (als produktive Befreiung halbwegs aufgeklärter Massen von öder Lohnarbeit) oder so (als Almosen autoritär-plutokratischer HerrscherInnen für ein stumpf und dumpf vor sich hinvegetierendes Prekariat), wobei er die erste Variante bevorzugt. Ich übrigens auch.

Ansonsten gibt’s Einiges über die komplette Un-Originalität der Schriften von Karl Marx, der alles von Hegel, Proudhon und Fourier zusammengesamplet hat, die stupende Stupidität deutscher Gewerkschaftler der Gegenwart, die Opposition von MenschTierPflanze und KI, den als Wildsau durchs Unterholz brechenden philosophischen Einzelgänger (also RDP selbst), die kümmerliche Gegenwart und erbärmliche Zukunft der deutschen Sozialdemokratie (sehr unterhaltsam),  wirklich wichtige Denker des 19. Jahrhunderts wie Godwin und Cabet, K-Gruppen der 1970er-Jahre, die keine Gefangenen machten u. v. m.

Liebe FreundInnen der Weltsicht, hört euch bitte an, was der Mann aus Lüneburg zu sagen hat, am besten in mehreren kleinen Portionen. Mir war’s auf einen Happs zuviel an Geist und das kommt nicht allzu oft vor.

re:publica 2018: Vernünftiges von RD Precht zur digitalen Lage der Nation

Es war einmal wieder re:publica *  und wie seit nun schon einem halben Dezennium üblich, präsentiere ich ausgewählte Beiträge in der Weltsicht. Dafür haben sich Philip Banses Kurz-Interviews mit re:publica-ReferentInnen als mitunter geeigneter als deren eigentliche Vorträge und Vorträginnen erwiesen. Das liegt natürlich vor allem an Banses Blitzgescheitheit und umfassender Informiertheit, die an dieser Stelle einmal ausführlich gelobt sei. Wir brauchen mehr Banses!

Richard David Precht als Person mag ich nicht, ohne das rational begründen zu können (es ist also ungerecht und ich darf sowas nur als Blogger äußern, als Journalist dürfte ich es nicht). Inhaltlich kann ich seinen folgenden Aussagen aber nur in aller Breite und Tiefe zustimmen, v. a. seiner Erkenntnis, dass die SPD für das bedingungslose Grundeinkommen sein muss, wenn sie demnächst überhaupt noch sein will.


 

* Die Veranstaltung begann 2007 als „Bloggertreffen“ und hat sich mittlerweile zur „Gesellschaftskonferenz“ (Ph. Banse) gemausert.