Dittmanns Hafensommer 2012 (4 von 4): Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals

Zu Dittmanns Hafensommer (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

9.8., und ich bin total Gabby-fiziert. Was für ein wonniger Donnerstag! Aber der Reihe nach.

Erst spielt das Akkordeonduo Arnottodrom, bestehend aus Otto Lechner, dem Ray Charles des Accordion Tribe, und Arnaud Méthivier als karottenschöpfigem Pu­muckl, „imaginäre Folklore“ von höchster Sophistication. In ihrem durchgehenden Flow aus melodiösen Kapriolen und pulsierenden Begleitfiguren wechseln sie ständig die Führungsposition. Der Franzose klopft zu dieser „Volksmusik“ für vogelfreie Kopffüßler immer wieder mit der Fußmaschine auf dem Cajón, auf dem er sitzt, sture Viertel, einen Technobeat, der diese Musik endgültig verstädtert. Erstaunlich, wie er mit links auf seinem Knopfakkordeon einen Basspuls drückt und mit rechts kleine Melodien fingert, wie sein österreichischer Partner sein Pianoakkordeon in tiefen Registern knurren lässt, wie er den Korpus als Handtrommel beklopft, mit dem Daumen über die Keys ratscht, wie sein kehliges Scatten mit der hysterischen Pumuckelstimme kontrastiert. Méthivier liefert grundsätzlich zu jeder seiner Noten noch die mimische Übersetzung für Gehörlose mit. Nach einer Dreiviertelstunde erschlafft der Zauber leider auf einer Durststrecke in an­dächtigem Piano und in Zeit schindendem Genudel, das mich schläfrig der Leuchtspur­munition am Himmel nachstarren lässt. Doch die ersten 45 Minuten waren allemal den begeisterten Beifall wert.

Zeit für Gabby Young & Other Animals. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass der Rotschopf aus Bath im quietschbunten Petticoat derart handfest und barfuß den Hafen­sommerabend aufmischen würde. Als Temperamentsbündel mit umwerfender Stimme und einer Ausstrahlung, als wären ihr Allüren wesensfremd, bietet sie mit ihrer von Ste­phen Ellis angeführten Kapelle, die mit Geige, Trompete, Posaune und Tuba Lebensgeist versprüht, Unterhaltung, die Adele, Caro Emerald und gut und gern 170 Hippies vergessen lässt. Seit der World/Inferno Friendship Society habe ich kein so tolles Twisted Cabaret mehr erlebt. Kesser 20er-Jahre-Swing wie „Ones That Got Away“, der Kasatschok „Ask You A Question“, kompetitiver Rabatz wie „Horatio“, dazu die bittersüße Hymne „We Are All In This Together“ mit Banjozupfern als Ohrwurm und der Geisterwalzer „Whose House (Are You In?)“ lassen selbst in einem Mitklatsch- und Mitsingmuffel wie mir Gedanken an eine Wiedergeburt als Partyanimal aufkommen. Wenn Gabby bei „Sour“ mondän tut und bei „Maybe (I am not as normal as You thought)“ die Kehrseiten ihrer Engelsnatur bekennt und prompt eine Tarantella anstiftet, wenn sie offenherzige Liebesbekenntnisse wie „Male Version Of Me“ und „Honey“ allein auf der Gitarre anstimmt, wer würde ihr da nicht aus der Hand fressen? Tierlieb zu all ihren Animals, macht sie sogar Aliens zutraulich (zumindest interpretiert sie so die Lichtstreifen am Nachthimmel). Mir fehlen die Worte für Gabbys ungezwungene Manier, sich mit Tee zu stärken, ihre Bestleistungen als Ausfluss von Lebensfreude, Eigenwillen und guter Kameradschaft zu präsentieren und kollektive Euphorie zu stiften.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals

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Dittmanns Hafensommer 2012 (4 von 4): Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals

Dittmanns Hafensommer 2012 (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

Zu Dittmanns Hafensommer (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Nachdem einige schon bei Westerhus zusammengezuckt waren wie die Katze wenn’s donnert, dürfte Supersilent feat. John Paul Jones so manchen das Fell ganz über die Ohren gezogen haben. Leider ist für ihren Auftritt am 1.8., dem einzigen in Deutschland übrigens, Arve Hendriksen verhindert, so dass den Bassisten von Them Crooked Vultures – um ihn nicht immer bloß auf das Eine festzunageln – nur Stale Storløkken links an Orgel und Keyboards und Helge ‚Deathprod‚ Sten rechts an Gitarre und Samplingkeyboards flankieren. Eine Basskontrolle ergibt, dass Jones auch nicht mehr Saiten bewegt als an­dere Bassisten. Wenn man es überhaupt noch Bassspiel nennen will. Seine Finger fingern jedenfalls mehr mit den Kyma-Programmierungen herum, als auf dem Bass. In den ersten Anläufen blockiert, nach meinem Dafürhalten, diese Fixiertheit auf die Tools und Gimmicks noch weitgehend eine halbwegs einleuchtende Formgebung. Das freie Improvisieren, in dem Storløkken den melodischen, gelegentlich sogar süßen und hymnischen Pol bildet, nimmt schließlich aber doch Gestalt an. Aber entgegen den Erwartungen der promigeil proppenvollen Ränge ist es die Gestalt von giftigem Breakcore-Noise, den Sten dermaßen boxenmörderisch von den Tasten triggert, dass sich die Reihen merklich lichten.

Zwischen diesen Attacken, in denen die Norweger ihre halsbrecherische Frühphase rekapitulieren, mehr aber noch an den krassen Breakcore von Venetian Snares anknüpfen, versuchen die drei sich an milderen Klangflächen, für die Sten mit dem Rücken zum Publikum die Gitarre einsetzt und Jones die diffusen Soundpixel möglichst flach schwirren lässt. Aber dann brausen einem wieder 120 dB durch Mark und Bein, die Sten nie anders als extrem garstig, abrupt und ultrakakophon aufbereitet, indem er jeden Takt x-mal übers Knie bricht oder Glas zerdeppert oder durch pratzelnden Noise unbedingt die Sicherungen durchbrennen lassen will. Trotzdem gibt es dafür genug Beifall für eine Zugabe und hinterher sogar Autogrammwünsche. Die Zugabe zeitigt, gewittrig erhaben, die eindrucksvollsten Minuten des ganzen Abends. Unser „Hafensommer-Stammtisch“ zollt dem risikobereiten, kompro­misslos anstößigen Ansatz Respekt. Fans tiefer Frequenzen, schräger Rhythmen und klanglicher Kuriositäten kamen locker auf ihre Kosten, fanden es spannend und einige ernsthafte Spaßvögel fanden …silent sogar super.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Supersilent feat. John Paul Jones

Dittmanns Hafensommer (4 von 4): Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals

Dittmanns Hafensommer 2012 (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

Dittmanns Hafensommer 2012 (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Zu Dittmanns Hafensommer (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies

Freitag, der 27.07., bringt zuerst wiederum ein Gitarrensolo. Der junge Stian Westerhus zeigt als Support für Nils Petter Molvær, aus welchem Stoff seine Pitch Black Star Spangled-Welt beschaffen ist. Nicht gerade dem, womit man einen wieder brühwarmen Sommerabend beschallt. Eher dem verwandt, was man nebenan im Heizkraftwerk ver­heizt. Man hat ihn mit Georg Baselitz verglichen, wohl weil er die Gitarrenwelt auf den Kopf stellt. Indem er unermüdlich über seinen Pedalen tanzt und stapft, gospelt er mit schroffen, beißenden und abgehackten Sounds ragnarökisch. Auf seinen Saiten, von denen er zwei abreißt, scheinen, durch Reverb-, Distortion-, Delay- und Loopeffekte und durch Bowing zugleich angestachelt und gezügelt, die Riesenwölfe zu rumoren, die sich am Doomsday die Bäuche mit Sonne und Mond vollschlagen werden. Der da so struppig daher kommt wie ein zweiter Johnny Rotten, nannte als eine seiner frühesten Erinnerun­gen Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ vom Kassettenrekorder seiner Schwester, zählt Ligetis „Requiem“ und „Reign in Blood“ von Slayer heute noch zu seinen Wegweisern, schätzt alles von Ingmar Bergman und las erst kürzlich Célines „Reise ans Ende der Nacht„. Er trig­gert stotternde Stakkatos, schaukelt sich hoch in orchestrale Opulenz, wird mit dem Gei­genbogen „eery“, zapft Feedback aus der Box, rekapituliert im finalen Satz seines hochdra­matischen Sets noch einmal alle Phasen seines Ringens, die turbulenten wie die sangli­chen, um als zarter „Geiger“ zu enden, erschöpft, aber – zurecht – stolz auf die ringsum wie gebannten, schwer beeindruckten Ränge.

Nach der Verschnaufpause bildet Westerhus den linken Flügel in Nils Petter Molværs „Baboon Moon“-Trio. Dritter Mann ist Erland Dahlen, der vor zwei Jahren schon im Eivind Aarset Sonic Codex Quartet auf der schwimmenden Hafensommer-Bühne getrommelt hat. Dass Aarset wiederum Westerhus‘ Vorgänger an Molværs Seite war, verrät, wie eng ver­zahnt die norwegische Szene ist. Aber wie soll das gehen, so ein Bad Boy mit schmutzigen Fingernägeln und Molværs melodischer und harmonischer Nu Jazz? Den Trompeter, den ECM einst als modernistischen Erben von Jan Garbarek etabliert hat, kenne ich bisher als geschmeidigen Weichzeichner eines melancholischen und pastoralen und zugleich futu­ristisch geölten Norwegens, wobei da vielleicht auch noch Jon Hassells Traum nachwirkt, dass schönere Welten möglich sind. Entsprechend auf interesseloses Wohlgefallen einge­stellt, bläst der vehemente Einstieg der drei meine ganzen Vorstellungen über den Haufen. Was folgt, ist der dynamischste Jazzrockset, den man sich nur wünschen kann. Dahlen er­staunt als Taktgeber, der harte, fast wie elektronisch scharfe Beats und eine Klangpalette feiner Cymbal- und Gongschwingungen bis hin zu Glockenspiel und sogar Hang souverän unter seinen Hut bringt – und wenn er dann auch noch singt, gibt das diesen besonderen Momenten den letzten Kick. Auch Molvær, dessen elektrifizierte Dynamik kaum druck­voller sein könnte, singt mehrfach in den Trompetentrichter und macht damit träumerische Passagen noch etwas mysteriöser. Eines der zarten Highlights ist eine Mondscheinsere­nade für Singende Säge und „gegeigte“ Gitarre. Gespielt wird ein einziges zusammenhän­gendes und offenbar intuitiv gesteuertes Auf und Ab mit einer Reihe von heftigen Aus­schlägen, verwoben durch zeitvergessene Minuten, in denen nur noch Stäubchen im Licht oder Schneeflocken zu tanzen scheinen, Momente, in denen nur ein Hauch bleibt oder ein Schimmern, durch das die abendlichen Schwalben flitzen. Bis Molvær wieder ins Horn stößt und Westerhus seine Stakkatos stottert oder über die Saiten streicht. Mit seinem allerfeinsten Zirpen verklingt ein denkwürdiger Abend, der meinem Neid auf Norwegen wieder einen kräftigen Schub gibt.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Dittmanns Hafensommer (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

Dittmanns Hafensommer 2012 (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Dittmanns Hafensommer 2012 (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies

Zum Vorwort

Der 6. Hafensommer beschert mir am 25.07.2012 meine erste Begegnung mit den 17 Hippies. Eigentlich sollten die mir gefallen, spielen sie doch „Imaginäre Folklore“, echter als echt. Das, wenn man nachzählt, glatte Dutzend Männlein und Weiblein schnappt aus der Berliner Luft, was der Ostwind und der Balkanexpress mit sich bringen, und mischt das zu einem Potpourri aus flotten Freilachs („traditioneller jüdischer Tanz aus dem Umfeld der Klezmer-Musik, der besonders gern auf Hochzeiten gespielt wurde“ [Wikipedia]), Sîrbas und Kolomyjkas, gewürzt mit Chan­sons, einigen Ausläufern auf der Atlantikroute und hessischem Rap. Mir geht das alles zu schnell, diese Lumpen-am-Stecken-Tollerei und Hits wie die „Frau von Ungefähr“ oder „Six Green Bottles“ hören sich schon nach der dritten Variation irgendwie einerlei an. Inmitten der ständig rochierenden Tröter, Fiedler, Zupfer und Akkordeonspieler ist ausgerechnet Lüül, der legendäre Agitation Free-Mann und einst Nicos Lebensgefährte so unscheinbar, als wäre er gar nicht dabei.

Aber, ehrlich gesagt, hat mich auch nicht diese Allerweltsver­sion von Russendisko hergelockt, sondern Elliott Sharp. Mit seinem kahlen Schädel eine der markantesten Gestalten der Downtown-Szene, spielt er als Auftakt des bullen­stallwarmen Abends ein, wie mir scheint, etwas überambitioniertes Sologitarrenset, das leider nicht so effektvoll gelingt, wie ich mir das für’s Wiederhören nach so langer Zeit erhofft hatte. Bluesige Dobro-Anklänge, seine typischen Tap-Techniken, Slide- und E-Bow-Drones, oft noch durch Pedal- und Computereffekte frisiert, können doch so manche kahle Stellen nicht verdecken, auch wenn einige der verblüffenden Sounds das Potential ver­raten.

Dass das riskante Machen von lebendiger Musik – um Livemusik einmal beim Wort zu nehmen – neben ihrer bloß routinierten Wiedergabe doch seine besonderen Reize hat, zeigt, als ich innerlich schon heimgehen will, ansatzweise das Zusammenspiel von Sharp mit den 12 Hippies. Christopher Blenkinsop integriert Sharps Gitarrenbizarrerie als eine Art Diva ins Hippiekollektiv, das er per Konduktion, sprich vorab verabredeten Handzeichen, in einen konzertanten Klangkörper verwandelt, um ihn dann doch durch die Manege zu jagen und durch Reifen springen lassen. Das klingt ein wenig wie John Zorns Cobra auf spaßig, und Sharp schlägt sich, auch wenn er manchmal den Eindruck macht, als wisse er nicht, wie ihm geschieht, tapfer als Breakdancer auf einem Bein. Es wirkt aber schon ein wenig so, als hätte man ihn für diese Schnapsidee an den nicht vorhandenen Haaren herbei gezogen.

Als Grande Finale werden die Tanzlüsternen noch einmal ums Goldene Kalb gejagt, und Blenkinsop ist von seinen „magischen“ Händen so begeistert, dass er gleich noch die Standing Ovations mitdirigiert. Sharp hat sich da von seinem Zenit als unfreiwillige Stimmungskanone schon wieder verkrümelt.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Elliott Sharp, 17 Hippies

Dittmanns Hafensommer (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Dittmanns Hafensommer 2012 (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies

Dittmanns Hafensommer 2012 – Vorwort

Der Würzburger Audiomagazin-Macher Rigobert Dittmann, mit dem ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin, erlaubte mir, seine Besprechungen von vier Konzertabenden des just vergangenen Würzburger Hafensommers hier zu publizieren.

Es handelt sich um die Konzerte vom Mittwoch, dem 25. Juli 2012 (Elliott Sharp, 17 Hippies), Freitag, dem 27. Juli 2012 (Stian Westerhus, Nils Petter Molvær), Mittwoch, dem 1. August  2012 (Supersilent feat. John Paul Jones) und Donnerstag, dem 9. August 2012 (Arnottodrom, Gabby Young & Other Animals).

Rigobert liebt es, die gehörte Musik mit anderer Musik zu vernetzen. Er bedient sich hierfür einer sehr entwickelten Form des Namedroppings, das allerdings seine aufklärerische Wirkung nur bei entsprechendem Hintergrundwissen entfalten kann. Ich habe mir deshalb erlaubt, Referenznennungen, bei denen mir dies notwendig erschien, mit einem erläuternden Wikipedia-Artikel oder einer ähnlichen Ressource zu verlinken.

Ok, wir starten mit dem Doppelkonzert vom 25. Juli mit Elliott Sharp und 17 Hippies.

Dittmanns Hafensommer 2012 – Vorwort

Open Cage – Voices & Organ

Eine aktuelle Konzertkritik von Gastautor Rigobert Dittmann.

Augustinerkirche Würzburg
Augustinerkirche Würzburg

Zuvorderst Prof. Armin Fuchs, der in Würzburg seine zweite Heimat gefunden hat, ist es zu verdanken, dass Cage100, die weltweite Feier des 100. Geburts­tages von John Cage, auch hier heuer mal die Käfigtüren aufstößt, hinter denen die ‚Bad Boys of Music‘ ansonsten ihr kümmerliches Dasein fristen. „Open Cage“ bot am Dienstag, den 12.06.2012, in der Augustinerkirche mit „Voices & Organ“ die Gelegenheit, einige selten aufgeführte Stücke von Cage in einem dafür wie geschaffenen Rahmen zu hören.

Als Effata (das „Öffne Dich!“ der Taufzeremonie) erklingt die Antiphonie ‚ear for EAR‘ (1983). A ca­pella intonieren zwei Sängerinnen, die eine sichtbar, die andere unsichtbar in der Seitenkapelle, wechselweise die Buchstaben Eee, Aaaa und eRRR. Die Akustik des Kirchenschiffs macht das zu einem Klangzauber, der selbst mei­ner ungläubigen Seele die Segel schwellt und sie auf den offenen Horizont zusteuern lässt. Danach spielt Martin Gál ‚Souvenir‘ für Orgel (1983). Unge­wohnter Cage fordert der Orgel unerhörte Sounds ab. Zwischen repetierten Motiven knurren immer wieder tiefste Bassregister, zuletzt aber fiepen nur noch die kleinsten Pfeifen. In die so in allen Höhen und Tiefen gereinigten Gehörgänge ergießt nun der viergeteilte Kammerchor der HfM Würzburg , beidseitig im Raum verteilt, ‚FOUR²‘ (1990). Jörg Straube dirigiert die Halte­töne der Chorgruppen und beachtet dabei die von Cage vorgegeben ‚time brackets‘. Die Sänger schwingen sich mit Stimmgabeln auf die exakten Ton­höhen ein, und wenn sich die Wellen dann überlagern, erweist sich Akustik erneut als eine der magischen Künste.

Orgel der Augustinerkirche
Orgel der Augustinerkirche

‚Variations on America‘ (1891/92) von Charles Ives konterkariert alles bisher Gehörte als so unfrommes wie über­schwängliches Orgelprachtstück. Gál fetzt vom Manual Klänge, die sich immer weiter von der anfänglichen ‚God Save the Queen‘-Hymnik entfernen. Wie die verhackstückt wird und mit allerlei virtuosen Schikanen und organistischem Schnedderedeng à la Kirmes, als Flamenco und mit Independence Day-Yippie Yeah! verschaukelt wird, das lässt sich nur mit breitem Grinsen quittieren.

Erik Saties ‚Messe des Pauvres‘ (1895) klingt danach wie der Aschermittwoch nach den tollen Tagen. Aber selbst wenn der Chor hier das Kyrie eleison an­stimmt und die jetzt kleinlaute Orgel skurrile Gebete murmelt, Saties Frömmig­keit war einem Spleen verwandter als der Orthodoxie. Als Kirchenmaus seiner eigenen Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteure betete Monsieur le Pauvre in erster Linie für eine Wiederverzauberung der Welt.

Als Höhepunkt und Ausklang tragen zuletzt zwei Baritone die ‚Litany for the Whale‘ (1980) vor. Wechselseitig buchstabieren sie über die Breite des Kirchenschiffs hin­weg sonor ihren Namen und rücken dabei immer weiter drei Schritte längs­seits vor. Als würden sich die zwei Letzten einer Art, würdig und erhaben, noch einmal ihre Würde und Erhabenheit bestätigen. Der Raum wird zum Meer, und wieder geht von den wandernden Klängen jener Zauber aus, der sich der Schönheit von Stimmen und der Höhe und Weite des Raums verdankt.

Dass viele Sitze leer blieben, obwohl der Eintritt frei war und das, was da zu hören war, wohl nur alle 100 Jahre zu hören ist, erwähne ich nur zur allgemei­nen Beruhigung derer, die Kultur aus Käfighaltung vorziehen. Nein, es be­stand zu keiner Zeit Ansteckungsgefahr. Andernfalls hätten jederzeit die Polizisten einschreiten können, die vor der Augustinerkirche die hunger­streikenden iranischen Flüchtlinge im Auge behalten.

Autor: Rigobert Dittmann

Open Cage – Voices & Organ