Scruton’s Nightmares 5 of 5: Straßenbauministerium

If you consider only utility, the things you build will soon be useless … nobody wants to be in it.

Roger Scruton Quelle


Ministerium für Straßenbau
Tiflis (Georgien)
Tschachawa + Dschalagonia
1975


Ich nehme jetzt einfach mal an, Sir Roger polemisiert hier gegen Louis Sullivans Slogan „Form follows function“, der im Zentrum zumindest der Bauhaus-Moderne steht. Utility (Nützlichkeit) ist jedoch ein viel schmalbandigerer Begriff ist als functionality (Funktionalität). Pferdefuhrwerke sind bis heute nützlich, man kann sie auch im Jahr 2020 dazu benutzen, schwere Lasten von A nach B zu transportieren. Aber als Verkehrsteilnehmer auf Autobahnen wären sie dysfunktional. Es wäre unlauter, zu behaupten, utility hätte beim modernen Bauen keine Rolle gespielt, aber ist nicht gerade Tschachawas + Dschalagonias Straßenbauministerium geradezu abenteuerlich unpraktisch?

Scruton’s Nightmares 4 of 5: Reformierte Kirche

Architecture, like dress, is an exercise in good manners, and good manners involve the habit of skillful insincerity – the habit of saying „good morning“ to those whose mornings you would rather blight, and of passing the butter to those you would rather starve.

Roger Scruton Quelle


Reformierte Kirche
Budapest
György Gárdos
1983


Gárdos‘ Bau hat in Sir Rogers Sinn miserable Manieren, denn er ignoriert seinen städtebaulichen Kontext brutalstmöglich. Dennoch ruft diese Verweigerungsgeste aus dem Jahr 1983 eher Erheiterung und Erstaunen als Abscheu hervor, denn dieses tatsächlich komplett „unerzogene“ bzw. „unpassend angezogene“ Gebäude schlägt in das stinklangweilige Umfeld ein wie ein havariertes Alien-Raumschiff – und das ist auch gut so.

Scruton’s Nightmares 3 of 5: Hotel Forum

Modernism in architecture went hand in hand with socialist and fascist projects to rid old Europe of its hierarchical past.

Roger Scruton: „A Political Philosophy. Arguments for Conservatism“, 2006 Quelle


Hotel Forum
Krakau
Janusz Ingarden
1988


Natürlich war die Bauhaus-Ästhetik gegen die bisherige Klassengesellschaft gerichtet, es sollte Architektur für alle sein, ohne Ansehen von Herkunft, Stand, Ethnizität oder Vermögen. Falls Sir Roger das als totalitäre Gleichmacherei ablehnt, muss er sich allerdings fragen lassen, was er denn dann von Ideen wie Chancengleichheit hält. Abgesehen davon: Weder Sozialismus noch Faschismus waren anti-hierarchisch, sie wollten lediglich die herrschenden Klassen austauschen.

Scruton’s Nightmares 2 of 5: Geisel Library

… there is a deep human need for beauty and if you ignore that need in architecture your buildings will not last, since people will never feel at home in them.

Roger Scruton: The Cult of Ugliness | Daily Mail 2009-11-30 [via PressReader.com]


Geisel Library
La Jolla (USA)
William L. Pereira
1970


Pereiras Gebäude ist nicht schön – in obenstehender, leicht untersichtiger Perspektive hat es sogar etwas Bedrohliches: Eine Gottesanbeterin richtet sich vor einem auf und will einen fressen. Bleibt die Frage, ob Schönheit tatsächlich das entscheidende Kriterium für architektonische Gestaltung sein sollte. Stellen wir uns eine Welt vor, in der das so wäre: Architektur würde zum Sedativum.

Scruton’s Nightmares 1 of 5: Casa del Portuale

Der paläokonservative, aber leider schon sein Längerem fatal populäre britische Philosoph Sir Roger Scruton hält die Moderne an sich, besonders aber die moderne Architektur, für eine zivilisatorische Fehlentwicklung. Die heute beginnende Artikelreihe „Scruton’s Nightmares“ konfrontiert einschlägige Aussagen Scrutons mit handverlesenen und -gefilterten Fotos sog. „brutalistischer“ Architektur v. a. der 1970er-Jahre.

Was das soll? Nun, einige der Gegenwartsdiagnosen des britischen Wiedergängers von Ernst Jünger sind zwar im Detail durchaus erhellend und in jedem Fall unterhaltsam. Ich bin aber der Überzeugung, dass Scruton im Ganzen mit seiner intellektuell verbrämten „Früher war alles besser!“-Sentimentalität einer Illusion aufsitzt, die gerade enormen intellektuellen Flurschaden in vielen KöpfInnen anzurichten in der Lage ist.

Wie Scruton genau irrt, versuche ich in kurzen Kommentaren zum jeweiligen Zitat zu begründen.

Viel Vergnügen wünscht

der Blogbetreiber


There are no chords in modernist architecture, only lines—lines that may come to an end, but that achieve no closure.

Roger Scruton: Cities for Living | www.city-journal.org Frühling 2008


Casa del Portuale
Neapel
Aldo Loris Rossi
1980


Analog zur Entwicklung der modernen Kunstmusik gibt es sehr wohl Akkorde in der modernen Architektur, aber das können eben auch Cluster sein, die sich keiner Kadenz (closure) fügen. Demzufolge müsste Scruton auch ein Gegner jeglicher Form nicht-kadenzierender Musik sein. Also auch der Gregorianik? Die besteht ja – zumindet in meinen Ohren – durchaus ebenfalls aus lines that may come to an end, but that achieve no closure.

Ästhetik, konservativ

Der Name Roger Scruton taucht in aktuellen Ästhetik-Debatten immer mal wieder auf (bsp.weise in den Musikphilosophien von Hindrichs und Grüny) – Grund genug, sich diese Figur einmal näher anzusehen. Im Jahr 2009 veröffentlichte der konservative britische Philosoph (ich würde ihn eher einen philosophierenden Publizisten nennen) folgenden Essayfilm, den ich eben entdeckte:

„Why Beauty Matters“ ist ein sehr verführerischer (mehrfach erwischte ich mich während des Ansehens beim wohlwollenden Kopfnicken), technisch erstklassig gemachter Propadandafilm für eine christlich-konservative Weltsicht. Im Mittelpunkt steht Scruton selbst, ein würdevolles, stets tief besorgt dreinblickendes Peter O’Toole-Lookalike, abgefilmt in „Inspector Barnaby“-hafter Umgebung. Und wer wollte Sätzen wie diesen schon widersprechen:

„Kunst muss in der Lage sein, dem Menschen eine Heimat zu bieten!“ Keine Frage. „Der Mensch braucht Spiritualität!“ Aber sicher doch. „Die postmoderne Gesellschaft ist ein Hort der Entfremdung!“ Freilich.

Merkwürdig nur, dass Scruton auf all diese komplexen Bedürfnisse und Missstände stets nur die eine Antwort gibt: „Lebe konservativ!“ Wobei, wenn ich das richtig sehe, „Konservatismus“ mit „Traditionalismus“ gleichgesetzt wird (Scrutons Bücher mögen hier differenzierter argumentieren als der Film, aber die kenne ich nicht).

„Konservatismus“ ist aufgrund seiner un- bzw. anti-intellektuellen Selbstwidersprüchlichkeit ja eigentlich gar keine „richtige“ philosophische Position, sondern eher eine Weltanschauung. Warum? Nun, der Konservative möchte das, was ist, bewahren, weil er es für gut und nicht weiter verbesserbar hält. Nun hat es aber immer „progressive“ Menschen gegeben, die da anderer Meinung waren und demzufolge auf eine Änderung bzw. Weiterentwicklung des Status quo drängten. Hätten Konservative diese „Progressisten“ stets erfolgreich bekämpft, hätte sich bsp.weise das Rad niemals durchgesetzt, da es zweifellos eine Menge einfacher Lastenträger arbeitslos machte und damit sicherlich zur De-Stabilisierung der überkommenen Gesellschaft beitrug.

Ein „konservativer Philosoph“ ist also per definitionem niemand, der sich aus sich heraus Gedanken macht, sondern lediglich auf eine Entwicklung reagiert: jede Art „konservativer Philosophie“ ist demzufolge im Wortsinn reaktionär. Der konservative Philosoph sieht sich durch widrige Zeitläufte („kulturelle Entartung“, „gesellschaftlichen Niedergang“, „politische Verwahrlosung“, „Moralverfall“ etc.) genötigt, „Haltet ein, kehret um!“ etc. zu rufen. Er „dekonstruiert“ dabei gerne alle zivilisatorischen Errungenschaften (Gleichberechtigung von Mann und Frau, Gleichberechtigung aller Rassen, Bildung für alle, Gleichverteilung gesellschaftlicher Güter etc.) als von „interessierten Kreisen“ („die“ Juden, „die“ Freimaurer, „die“ Liberalen, „die“ Linke, „die“ Sozialdemokratie, „die“ politisch Korrekten etc.) der Gesellschaft aufgezwungene, der „menschlichen Natur“ widersprechende Wahnideen und stellt diesen bsp.weise die „ewiggültigen Wahrheiten“ der Religion (hier: der christlichen, es darf aber auch gerne eine andere Buchreligion sein) gegenüber.

Was aber macht Scruton, der doch, ganz bescheiden, seine Aufgabe lediglich darin sieht, „Fragen zu stellen“, dennoch so überzeugend? Ich denke, es ist dasselbe Phänomen, das in den 1920er Jahren einige Intellektuelle in die Begeisterung für Figuren wie Ernst Jünger oder Carl Schmitt trieb: die oft nur schwer erträglichen lebensweltlichen Konsequenzen raschen zivilisatorischen Fortschritts.