Ästhetik, konservativ

Der Name Roger Scruton taucht in aktuellen Ästhetik-Debatten immer mal wieder auf (bsp.weise in den Musikphilosophien von Hindrichs und Grüny) – Grund genug, sich diese Figur einmal näher anzusehen. Im Jahr 2009 veröffentlichte der konservative britische Philosoph (ich würde ihn eher einen philosophierenden Publizisten nennen) folgenden Essayfilm, den ich eben entdeckte:

„Why Beauty Matters“ ist ein sehr verführerischer (mehrfach erwischte ich mich während des Ansehens beim wohlwollenden Kopfnicken), technisch erstklassig gemachter Propadandafilm für eine christlich-konservative Weltsicht. Im Mittelpunkt steht Scruton selbst, ein würdevolles, stets tief besorgt dreinblickendes Peter O’Toole-Lookalike, abgefilmt in „Inspector Barnaby“-hafter Umgebung. Und wer wollte Sätzen wie diesen schon widersprechen:

„Kunst muss in der Lage sein, dem Menschen eine Heimat zu bieten!“ Keine Frage. „Der Mensch braucht Spiritualität!“ Aber sicher doch. „Die postmoderne Gesellschaft ist ein Hort der Entfremdung!“ Freilich.

Merkwürdig nur, dass Scruton auf all diese komplexen Bedürfnisse und Missstände stets nur die eine Antwort gibt: „Lebe konservativ!“ Wobei, wenn ich das richtig sehe, „Konservatismus“ mit „Traditionalismus“ gleichgesetzt wird (Scrutons Bücher mögen hier differenzierter argumentieren als der Film, aber die kenne ich nicht).

„Konservatismus“ ist aufgrund seiner un- bzw. anti-intellektuellen Selbstwidersprüchlichkeit ja eigentlich gar keine „richtige“ philosophische Position, sondern eher eine Weltanschauung. Warum? Nun, der Konservative möchte das, was ist, bewahren, weil er es für gut und nicht weiter verbesserbar hält. Nun hat es aber immer „progressive“ Menschen gegeben, die da anderer Meinung waren und demzufolge auf eine Änderung bzw. Weiterentwicklung des Status quo drängten. Hätten Konservative diese „Progressisten“ stets erfolgreich bekämpft, hätte sich bsp.weise das Rad niemals durchgesetzt, da es zweifellos eine Menge einfacher Lastenträger arbeitslos machte und damit sicherlich zur De-Stabilisierung der überkommenen Gesellschaft beitrug.

Ein „konservativer Philosoph“ ist also per definitionem niemand, der sich aus sich heraus Gedanken macht, sondern lediglich auf eine Entwicklung reagiert: jede Art „konservativer Philosophie“ ist demzufolge im Wortsinn reaktionär. Der konservative Philosoph sieht sich durch widrige Zeitläufte („kulturelle Entartung“, „gesellschaftlichen Niedergang“, „politische Verwahrlosung“, „Moralverfall“ etc.) genötigt, „Haltet ein, kehret um!“ etc. zu rufen. Er „dekonstruiert“ dabei gerne alle zivilisatorischen Errungenschaften (Gleichberechtigung von Mann und Frau, Gleichberechtigung aller Rassen, Bildung für alle, Gleichverteilung gesellschaftlicher Güter etc.) als von „interessierten Kreisen“ („die“ Juden, „die“ Freimaurer, „die“ Liberalen, „die“ Linke, „die“ Sozialdemokratie, „die“ politisch Korrekten etc.) der Gesellschaft aufgezwungene, der „menschlichen Natur“ widersprechende Wahnideen und stellt diesen bsp.weise die „ewiggültigen Wahrheiten“ der Religion (hier: der christlichen, es darf aber auch gerne eine andere Buchreligion sein) gegenüber.

Was aber macht Scruton, der doch, ganz bescheiden, seine Aufgabe lediglich darin sieht, „Fragen zu stellen“, dennoch so überzeugend? Ich denke, es ist dasselbe Phänomen, das in den 1920er Jahren einige Intellektuelle in die Begeisterung für Figuren wie Ernst Jünger oder Carl Schmitt trieb: die oft nur schwer erträglichen lebensweltlichen Konsequenzen raschen zivilisatorischen Fortschritts.

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