Does the Clash of Histories mean the End of Civilization?

Fukuyama

Dass der Gelehrte Francis Fukuyama, von dem Prognose vom „Ende der Geschichte / End of History“ stammt, Schüler des Gelehrten Samuel P. Huntington war, der die nicht minder berühmte Prognose vom „Kampf der Kulturen / Clash of Civilizations*“ formulierte, war mir nicht bekannt und ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, zu unterschiedlich die politischen Positionen der beiden. Is aber so. Vor Kurzem publizierte Fukuyama eine Hommage an Huntington auf the-american-interest.com, wo er die beiden berühmten Aussagen einander gegenüberstellt und analysiert, welche sich denn nun als zutreffender erwiesen habe.

Dabei kommt zwar zu keinem eindeutigen Ergebnis, aber es gelingen ihm währendessen eine ganze Reihe von professoralen Gelehrtensätze zur Lage der Dinge, die mir zunächst banal erschienen, dann aber doch in der Lage waren, eine ganze Menge Dinge ebenso elegant wie kompakt auf den Punkt zu bringen und mich zum Zuspitzen anzuregen. Zum Beispiel diesen hier:

In place of the Left-Right ideological split defined largely by issues revolving around the relative economic power of capital and labor in an industrialized setting that characterized 20th-century politics, we now have a political spectrum organized increasingly around identity issues, many of which are defined more by culture than by economics narrowly construed.

D. h. ja nichts anderes, als dass die Menschen des 21. Jahrhunderts stärker von kulturellen Einflüssen geprägt sind als die des 20., in welchem die Ökonomie dominierte. Dies widerspricht zwar dem klassischen Narrativ, dass fortschreitende Modernisierung automatisch einen Rückgang kultureller Prägungen bedeutet (vgl. den Siegeszug des International Style in der modernen Architektur gegenüber traditionellen regionalen Baustilen). Es erklärt dafür aber die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung und dem Wiederaufleben religiöser und nationalistischer, ja rassistischer Strömungen weltweit.

Huntington

Die Moderne war ein großer Gleichmacher und brachte auch entsprechend kommunitaristische Weltsichten hervor, nämlich den real exisierenden Sozialismus (DDR, UdSSR, China, Kuba etc.), die Marktwirtschaft US-amerikanischer Prägung sowie – als intelligenten Kompromiss aus beiden  – die Soziale Marktwirtschaft, hinter der das sozialdemokratische Narrativ steckte und immernoch steckt (BRD, Schweden, Norwegen etc.).

Die Digitalisierung dagegen ist, so scheint es, der große Vereinzeler, der alles und jeden, d. h. sowohl Individuen wie soziokulturelle und/oder ethnische und/oder religiöse Gruppen, auf sich selbst zurückwirft und damit einen ausgesprochen anti-kommunitaristischen Effekt hat. Sie individualisiert, parzelliert, granuliert und schafft Raum zur Entfaltung von mehr oder minder diffusen Befindlichkeiten, religiösen Gefühlen oder manchmal einfach auch nur Idiosynkrasien, die im 20. Jahrhundert noch weitgehend ignoriert, unterdrückt oder schlicht psychiatrisiert worden wären.

Etwas schematisiert lässt sich dieser Gedankengang so darstellen:

Modernisierung (Primat der Ökonomie, Frage nach der richtigen Gesellschaftsform):
=> real existierender Sozialismus
=> liberale Marktwirtschaft
=> Soziale Marktwirtschaft

Digitalisierung (Primat der Kultur, Frage nach der korrekten Identität):
=> 
Neoliberalismus
=> Fundamentalismus (religiös, rassisch, politisch, ideologisch)
=> Populismus, Verschwörungstheorien

Interessanterweise traten die Protagonisten der Digitalisierung (heute Facebook, Google etc., früher IBM, Microsoft etc.) einst mit dem kommunitaristischen Narrativ der „Vernetzung“ an und ich habe keinen Anlass, anzunehmen, sie hätten nicht selbst daran geglaubt. Sie wollten eine „Moderne 2.0“, die nichts anderes als die Fortführung der klassischen Moderne im digitalen Medium sein sollte (vgl. bsp.weise den kommunitaristischen Slogan „connecting people“). Etwas anderes konnten sich weder Bill Gates noch Jeff Bezos vorstellen.

Herausgekommen aber ist die Welt, in der wir heute leben, und die ist eher von gestiegenem gegenseitigem Misstrauen als von gewachsener globaler Harmonie geprägt. Und zwar als Folge von connecting people.

Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass ich jetzt mehr darüber weiß, wer meine Nachbarin ist, was sie denkt und was sie tut, hat mein Misstrauen ihr gegenüber verstärkt. Warum? Weil sie wirklich anders ist als ich und ich sie deshalb nicht verstehe und ihr Verhalten nicht vorhersehen kann. Auch kann ich die Gründe und Motivationen ihres So-Seins nur in Ansätzen nachvollziehen und mitunter gar nicht. Meine Nachbarin stellt demzufolge ein Risiko für mich dar und ich kann darauf nur mit Schutzmaßnahmen („Let’s build a wall!“, DJ Trump) reagieren – oder im Extremfall eben mit Gewalt.

Zugespitzt formuliert kann man sagen, dass die ProtagonistInnen der Digitalisierung zwar sicherlich sowohl brillante IngenieurInnen als auch tüchtige ÖkonomInnen waren, aber sie hatten keinen Dunst von basaler menschlicher Psychologie, die die mittel- und langfristigen Folgen ihres Tuns hätte vorhersehen können.

Und genau das rächt sich jetzt.

Nachhaltig.


* Die Übersetzung von clash als „Kampf“ in der deutschen Ausgabe ist definitiv tendenziös. Clash bedeutet „Aufeinanderprall“, „Konflikt“ oder „Zusammenstoß“. „Konflikt der Kulturen“ würde sich allerdings als Buchtitel vermutlich nicht so gut verkauft haben, woran man mal wieder sieht, welch gewaltigen Einfluss Übersetzungen haben können.

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