Improvised Science Fiction Piano Music

Matthias Hahns ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Science-Fiction-Roman Cristos‘ Himmelfahrt habe ich ja in diesem Blog bereits recht positiv rezensiert. Jetzt hat sich auch eine künstlerische Zusammenarbeit mit Matthias ergeben! Am Donnerstag, den 26. April werden wir ab 20 Uhr mit Literatur und Improvisierter Musik die Würzburger Blindeninstitutsstiftung rocken! Ergänzt wird die Veranstaltung durch eine Ausstellung grafischer Arbeiten von Maran Alsdorf, von der auch die Illustration der Buchausgabe von „Cristos‘ Himmelfahrt“ stammt.

Ausführliche Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

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Improvised Science Fiction Piano Music

Unschuldig wie ein Engel

mhMan sollte sich vom leicht lieblichen, zwischen Rene Magritte und Wenders‘ „Himmel über Berlin“ changierenden Cover dieses Taschenbuchs nicht irritieren lassen: „Cristos‘ (!) Himmelfahrt“, meines Wissens der erste publizierte Roman des 51-jährigen Würzburger Schriftstellers Matthias Hahn, ist weder esoterisch noch kryptoreligiös, die „Generation Benedikt“ wird hier keine rechte Erbauung finden, auch Fans von als Krimi getarnten populistischen Heimatschmonzetten (vulgo „[hier den Namen einer beliebigen, genügend großen deutschen Stadt einsetzen]-Krimis“) werden nicht so recht auf ihre Kosten kommen.

Wer allerdings Freude an einer gut gebauten, solide geschriebenen Science-Fiction-Satire zwischen Gary Shteyngart und Frank Schätzing hat, wird ordentlich bedient. Ok, Hahn erreicht nicht ganz die ätzende Schärfe von Shteyngarts „Super Sad True Love Story“ (außerdem fehlt die love story und Würzburg ist nicht New York) und im Gegensatz zu Schätzing langweilt er den Leser nicht mit seitenlangen Wikipedia-Exzerpten und „lehrreichen“ populärwissenschaftlichen Vorträgen.

Dafür bekommt sie aber jede Menge gelungener Religions-Satire mit kräftigen Seitenhieben auf die Würzburger Glaubensbewegung „Universelles Leben“, a.k.a. „Heimholungswerk Jesu Christi“ (ja, eine „Prophetin“ taucht auf und illuminiert die Massen) – laut Eigenaussage des Autors ging es ihm aber gar nicht um eine Kritik an dieser speziellen Gruppierung, sondern eher um das Thema „Wirkmächtigkeit von Religion in Krisenzeiten“ schlechthin. Nun, sei dem wie es sei: Es gibt Szenen in „Cristos‘ Himmelfahrt“, die in ihrem entlarvenden Witz und ihrem das Zynische streifenden Sarkasmus an „Monty Python’s Life of Brian“ heranreichen.

Leider kommen dann auch schwächere Passagen, wo ich mich plötzlich in eines dieser bemühten Jugendbücher aus dem ebenfalls würzburgerischen „Arena“-Verlag versetzt fühle – zu simpel die Sätze, zu durchschaubar die Machart, zu absehbar das Geschehen. Aber immer wieder nimmt die Story erneut Fahrt auf, platzt, ganz familien-unfreundlich, ein Schädel und besudelt die Protagonistin mit Knochensplittern, segeln, politisch inkorrekt, dehydrierte Leichen entsorgter Rentner durch den Weltraum und verfangen sich in Raumschiffturbinen. Es ist diese Mischung aus Brav- und Bosheit, die den Eigen-Sinn dieses Textes ausmacht und ihn von der Masse thematisch ähnlicher Bücher abhebt.

Übrigens: Die Stadt Würzburg hat die Klimakriege als neues Las Vegas inmitten der zur Wüste gewordenen unterfränkischen Kulturlandschaft überlebt, ebenso die allseits bekannten lokalen Architekturwunder – letztere allerdings nur als plastinierte Repliken ihrer selbst, angestrahlt in gnadenlosen Bonbonfarben. Wer in diesen vorweihnachtlichen Tagen am frühen Abend durch die Domstraße streift, wird bemerken, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Die Welt ist voller schlechter Menschen, die auf ihre Entsorgung warten.

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Unschuldig wie ein Engel

Shteyngarts überaus traurige Wahrheiten

Der dritte Roman des 39-jährigen, in Leningrad (heute St. Petersburg) geborenen jüdischen US-Amerikaners Gary Shteyngart handelt vom Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika. Dem „Bruch“, wie er im Buch genannt wird. Die Volksrepublik China, Norwegen und Saudi-Arabien übernehmen, eher widerwillig, die Verwaltung der schäbig und drittwelthaft gewordenen Reste des einstigen „Landes der Freien, Heimat der Tapferen“. Tapfer muss man auch sein, um sich bis zum Ende von Shteyngarts überaus bitterer Satire durchzuschlagen: Es gibt Durststrecken von schwer erträglicher jiddischer Sentimentalität, abgrundtiefem Selbstmitleid der Hauptfigur Lenny Abramov und in bewusster Minimalsprache gehaltenen Web-2.0-Posts der weiblichen Hauptfigur Eunice Park zu überwinden.

Doch wiegen all diese Entbehrungen wenig im Vergleich zum Genuss an boshaftester Gegenwartssatire, die „Super Sad True Love Story“ auch bietet, von der Allgegenwart des hier als „Äppärät“ (Wie mag das Ding nur im amerikanischen Original heißen?) firmierenden Smartphones über die ätzende Geißelung des Jugendlichkeitswahns der globalen Mittel- und Oberschicht (unter Unsterblichkeit geht jetzt gar nichts mehr) bis hin zur orwellhaft finsteren, aber nüchternen Beschreibung eines New York nach dem „Bruch“, das mehr Ähnlichkeit mit Mogadischu hat als mit dem „Big Apple“ des 20. Jahrhunderts: Privatarmeen kontrollieren die unsicher gewordenen Straßen, die zum Quasi-Genozid ausgeuferte Gentrifizierung macht auch vor jüdischen Altersheimen keinen Halt mehr, während die neuen Herren (und Herrinnen) der nun nicht mehr vereinigten Staaten in Palästen mit einer Deckenhöhe von 30 Metern am Hudson River indoor-Feuerwerk abzubrennen pflegen.

Die eigentliche „überaus traurige wahre Liebesgeschichte“ zwischen Lenny (39, intellektuell, buchfixiert, depressiv, ungepflegt, unattraktiv) und der koreanisch-stämmigen Eunice (24, verwöhnt, konsumfixiert, verstört, gepflegt, von blendendem Äußeren) ließ mich eher kalt – zu absehbar, was hier abgeht (von zwanghafter Todesfurcht geplagter jüdischer Großstadt-Intellektueller verliebt sich unsterblich in vaterfixierte, desorientierte Kind-Frau mit ostasiatischem Migrationshintergrund, die ihn schlussendlich verlässt, um sich einem noch älteren, noch stärker von Todesfurcht geplagteren, aber wesentlich mächtigeren Mann zuzuwenden – Lennys Chef). Entschuldigung, aber es gelang mir hier nicht, nicht an Woody Allens Beziehung zu Soon-Yi Previn zu denken.

Shteyngarts Stärke liegt weniger im Lyrischen, Epischen und Poetischen als in der (über-)pointierten Schilderung zivilisatorischer Deformationen der Gegenwart, die er, gängige literarische Technik, in eine nahe Zukunft (10 – 20 Jahre) hin extrapoliert, wo sie zu übelsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Insoweit ist „S.S.T.L.S“ vergleichbar mit dem ungleich umfangreicheren Roman „Unendlicher Spaß“ des kürzlich von eigener Hand getöteten David Foster Wallace. Doch wo Wallaces Text sich dehnt, streckt, implodiert und schließlich selbst verschluckt, kommt Shteyngart weit weniger ambitioniert daher: seine Erzählweise ist chronologisch, der Text ist nahezu ausschließlich aus Tagebuchausrissen Lennys und Eunices posts auf einem social network namens GlobalTeens zusammengesetzt. So liest sich das Werk recht flüssig und eingängig, ohne dabei jedoch an inhaltlicher Schärfe einzubüßen. Das Schlusskapitel zeigt einen mittlerweile zum (Post-)Literatur-Star wider Willen avancierten Lenny Abramov, der sich jetzt „Larry Abraham“ nennt, wie er im komfortablen toskanischen Landsitz italienischer Freunde von der bevorstehenden Verwandlung seiner Tagebücher in ein „Cinecittà-Videospray“ erfährt (was zum Teufel ist ein „Videospray“ – ein aufsprühbarer Video-Clip?).

Konnte ich angesichts der dezidierten nerd-Haftigkeit von Shteyngarts Humor zu Beginn der Lektüre noch (scheinbar) wissend schmunzeln oder gar manchmal laut auflachen, so durchlebte ich im Fortgang eine Phase deutlichen Angewidertseins, weil die Kritik des Autors an der Oberflächlichkeit der von ihm beschriebenen Konsumwelt ebenfalls ziemlich an der Oberfläche bleibt (im stoßseufzenden Stil von „Wenn die Menschen doch nur mehr Tschechov lesen würden, statt ständig Online-Shopping zu machen!“), schließlich aber wurde mir klar, dass dies ja nicht die Oberflächlichkeit des Autors, sondern die seiner Figur Lenny/Larry Abramov/Abraham ist. Ich hatte einen literaturkritischen Anfängerfehler begangen und Züge des Protagonisten auf den Autor projiziert!

Mit etwas Abstand betrachtet, stellt „S.S.T.L.S“ demzufolge eine endharte Gesellschaftssatire auf der Höhe der Zeit dar, die sich jedoch nur selten unangenehm moralinsauer über selbige (also die Zeit jetzt) erhebt.

Postskript: Das Buch enthält den Kommentar eines fiktiven Literaturkritikers über Eunice Parks GlobalTeen-Posts, in dem ich, natürlich völlig mutwillig, strukturelle Parallelen zu Kommentaren namhafter deutscher Literaturkritiker zu Charlotte Roches „Schoßgebeten“ lesen möchte:

Sie ist keine geborene Schriftstellerin, was man von jemandem aus einer mit Images und Konsum groß gewordenen Generation auch kaum erwarten kann, doch ihre Schreibe ist interessanter und lebendiger als alles andere, was ich aus dieser analphabetischen Epoche gelesen habe. Natürlich kann sie zickig sein, und natürlich spürt man auch die Patina einer Mittelschichts-Anspruchhaltung, doch vor allem tritt ein echtes Interesse an der Welt um sie herum zutage – der Versuch, mit dem heiklen Erbe ihrer Familie zurande zu kommen und ihre eigenen Ansichten zu Liebe, körperlicher Zuneigung, Kommerz und Freundschaft zu entwickeln, und das alles in einer Welt, deren Grausamkeiten mehr und mehr die ihrer eigenen Kindheit wiederspiegeln.

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