Bundwerk gegen Diversitas

Dietmar Dath (*1970)

Das kommt also heraus, wenn ein Marxist einen Science Fiction-Roman schreibt: Nicht schlecht, Herr Specht. Dass Dath ganz hervorragend schreiben kann, weiß ich seit Die Abschaffung der Arten aus dem Jahre 2008. Allerdings kann ich mich derzeit an keinerlei Einzelheiten aus diesem Roman mehr erinnern. Und ich fürchte, mit „Venus siegt“ (2015) wird es mir ganz genauso gehen. Komischerweise bedeutet das aber kein Qualitätsurteil – in diesem speziellen Fall.

Warum mir Dath so ausgezeichnet gefällt, obwohl inhaltlich nichts hängen bleibt, ist allerdings zu analysieren. Es erinnert mich doch an was … richtig: Die Lektüre von Diedrich Diederichsens Essay-Sammlungen „Freiheit macht arm“ (1993), „Politische Korrekturen“ (1996), „Der lange Weg nach Mitte“ (1999) und „Eigenblutdoping“ (2008). Auch hier: höchstes Amüsement, ja purer Genuss während der Lektüre, danach die große Leere.

Es gibt eine Verbindung zwischen Diederichsen und Dath und die heißt SPEX. Ersterer war dort mal Chefredakteur, zweiterer Autor. Beide gehören also der intellektuellen Gruppierung an, die ich gerne die postmoderne Linke nenne und der ich mich lange Zeit ebenfalls zurechnete, bis ich mich (wie viele andere) irgendwann vom Zeitalter flächendeckender Ironie verabschiedete.

Aber zum Roman: Gut gegen Böse, Links gegen Rechts, Kommunitarismus gegen Liberalismus, Bundwerk gegen Diversitas, Venus gegen Erde, Sowjetunion gegen Drittes Reich, … – und das äußerst varianten- und einfallsreich verkompliziert, ausdifferenziert, variiert und dekonstruiert, das ist „Venus siegt“. Immerhin ein Narrativ. Am Ende, so viel sei verraten, gibt es keinen eindeutigen Gewinner oder Verlierer, die Dinge bleiben, man ist schließlich postmodern, in der Schwebe.

Worauf sich die geneigte Leserin bei Dath einstellen muss, ist Vokabeln lernen. Der erste Teil des Romans ist als Autobiographie eines ehemaligen Bundwerk-Apparatschiks gestaltet, und der verwendet natürlich ohne Umschweife die Begriffe seiner (fiktiven) Epoche, deren Bedeutung man dann im Weiterlesen entschlüsseln muss. Gefällt mir aber, sowas. Kleine Rätselaufgaben lösen. Andere mag es abschrecken.

Eine Zilie ist bsp.weise ein aus Schwarzem Eis errichtetes öffentliches Transportsystem, in dem man sich mit oder ohne Hilfe von Inertialen bewegen kann. Neben B/ und Neukörpern können auch D/ Zilien nutzen, während K/ darauf nicht angewiesen sind.*

Ansonsten geht’s um ein Thema, das die zeitgenössische SF als Ganzes derzeit umzutreiben scheint (vgl. meine Newitz-Rezension von Anfang des Monats): die soziokulturellen Folgen einer Emanzipation Künstlicher Intelligenz. Während Newitz jenseits aller Witzischkeit dann doch letztlich als fatalistische Mahnerin und Warnerin auftrifft, lässt Dath das Ding als real existierenden Kybernismus durch äußere Gegner scheitern – und damit erneut alles in der Schwebe. Was den Leser unbefriedigt zurücklässt. Von einem ideologisch derart ambitionierten Autor erwartet man dann doch etwas mehr Vision.

Aber bei diesen postmodernen Linken weiß man – per definitionem – ja nie. Vielleicht will Dath ja auch nur spielen (bzw. dekonstruieren, was mir mitunter auf dasselbe hinauszulaufen scheint). Fragt sich nur, wie lange mir die Zeit dafür noch nicht zu schade ist.


* Schwarzes Eis Venusischer Werkstoff mit schwerkraftbeeinflussenden Eigenschaften)
Inertial Sammelbegriff für venusische Transportfahrzeuge
B/ „Biotische“, d. h. Menschen
Neukörper Experimentelle Kombinationen aus D/, B/ und K/, die die Errichtung des Freiwerks, einer Art von kybernetischem Kommunismus, vorbereiten sollen.
D/ „Diskrete“, d. h. Roboter
K/ „Kontinuierliche“, d. h. Künstliche Intelligenzen.
Was man sich genau unter Garben vorzustellen hat, habe ich aber bis heute nicht rausgekriegt.
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Autonome Maschinen, heteronome Menschen

Annalee Newitz (*1969)

„Autonomous“ ist der erste Roman der 49-jährigen US-Amerikanerin. Er ist witzig, anspielungsreich und spannend, wenn auch ausgesprochen konventionell und wie aus bekannten Versatzstücken zusammengeklebt.

Der Romantitel bezeichnet gleichzeitig sein Thema: Was ist Autonomie? Nun, die von Newitz beschriebene Welt scheint auf den ersten Blick von ausschließlich heteronomen Wesen bevölkert: Die Roboter sind es von Haus aus, die Menschen durch ihre Eingebundenheit in die mehr oder minder subtilen Manipulationsmechanismen des Hyperkapitalismus. Und selbst die ursprünglich als Rebellin dargestellte Protagonistin des Romans stellt sich mehr und mehr als von selbstsüchtigen Motiven geleitet heraus, während der Antagonist immer sympathischer wird, womit die klassische Erzählpsychologie „Gut gegen Böse“ letztlich ausgehebelt wird, kein Schwarzweiß mehr, nur noch Grautöne.

Soweit, so dystopisch. Aber Newitz setzt noch einen drauf. Einerseits gibt es in ihrer Welt eine Menge Menschen, die durch ziemlich weitreichende Treuhandverträge (indentures) mit Megakonzernen letztlich ihrer Menschenwürde weitgehend beraubt und somit faktisch versklavt sind, andererseits hat sich die Robotik so weit entwickelt, dass besonders fortgeschrittene Automaten nach einer gewissen Laufzeit / „Lebenserfahrung“ einen autonomy key von ihrem Hersteller einfordern können, um kompletten Zugang zu ihrem eigenen Betriebssystem zu erhalten. Anschließend dürfen sie Menschenrechte einfordern. Einer immer heteronomer werdenden Menschheit steht somit eine immer autonomer werdendere Automatenwelt gegenüber, will uns die Autorin damit wohl sagen.

Dabei spielt die Liebe der Menschen zu ihren Schöpfungen eine fatale Rolle: Sie beschleunigt letztlich nur die Autonomie der Maschinen, die sich, wenn sie sich untereinander unterhalten, stets über deren obsessive Anthropomorphisierungen amüsieren. Menschen, so lese ich das, können einfach nicht anders, als Maschinen zu vermenschlichen. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die Cyborgs immer potenter, also un-menschlicher werden und Anthropomorphisierungsstrategien damit immer unangemessener und hilfloser erscheinen.

Sobald aber für autonom erklärte Roboter beginnen, ihre eigene Soziokultur zu entwickeln, fangen sie ihrerseits damit an, eigene Maßstäbe und Kategorien zu verabsolutieren. Sie beginnen damit, die Menschen zu robotomorphisieren. Cyborgs, so Newitz‘ durchaus philosophische Pointe, könnten in diesem Fall offenbar auch nicht anders, als Menschen als missratene Versionen von ihresgleichen zu betrachten und sich über deren Unvermögen und Fehlerhaftigkeit aufzuregen.*

Was mich stilistisch an „Autonomous“ einigermaßen irritiert hat, ist eine Eigenheit, die mir bei Rainbows End, dem letzten Roman von Vernor Vinge (hier nicht rezensiert), auch schon aufgefallen ist, und die ich einmal provisorisch Werkstoff- und Gadget-Fetischismus nennen möchte: Keine noch so banale Alltagshandlung wird beschrieben, ohne dass exakt aufgezählt würde, welche Geräte dabei benutzt werden und aus welchem Material bsp.weise der Stuhl besteht, in den sich der Handelnde gerade setzt. Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

Elias checked his weapons perimeter, passing his hands over his head and chest in solemn blessing. Paladin assessed the space: white walls covered in paint that repelled particulates and sealed its own cracks; a rectangular bed; a foam easy chair whose arms were sprayed with charge strips that gleamed dully. On one strip somebody had left a throwaway mobile which was now biodegrading into a lump of gray cellulose. [p.s 110-111]

Ich habe den leisen Verdacht, hier soll eine ganz bestimmte Nerd-Klientel bedient werden, für die schwebstoffabweisende Wandfarben und sich selbst kompostierende Mobilrechner ähnlichen Fetischcharakter besitzen wie die Beschreibung von Bondage-Utensilien für eine ganz bestimmte BDSM-Klientel. Und „Zielgruppenliteratur“, denke ich, ist schlicht der Tod von Literatur im emphatischen Sinn, also Literatur als Kunst, denn sie verliert dadurch ihren universellen Anspruch und wird letztlich zur Dienstleistung.

Aber vielleicht ist diese Kritik ganz unangebracht, denn eine Aufgabe von Science Fiction war ja immer schon die möglichst präzise Beschreibung des Alltags in möglichen Zukünften, und dazu gehört selbstverständlich auch dessen unausweichliche Gadgetisierung, die ja bereits heute in Gestalt des Smartphones längst nahezu flächendeckend um sich gegriffen hat.

Bleibt die Frage, wie gut jetzt „Autonomous“ eigentlich wirklich ist, und die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich denke, die Stärke der Autorin liegt weniger in der Erschaffung origineller oder auch nur psychologisch glaubhafter Figuren bzw. im Erzählen einer großen Geschichte, als in der literarisierten Zuspitzung aktuell dräuender Fragen zum künftigen gesellschaftlichen Einfluss Künstlicher Intelligenz und/oder Robotik. Annalee Newitz kommt dabei – siehe oben – zu ebenso geistreichen wie ernüchternden Ergebnissen.


* Diese Sichtweise ist ihrerseits anthropomorph, will sagen, der ganze Aussagenkomplex ist natürlich logisch nicht wasserdicht.

Erlebnisse einer Flussmündung

Marschland bei Manhattan (Quelle: http://www.gothamgazette.com)

Der große KS Robinson hat einen Klimaroman geschrieben, den ich mir als Sommerlektüre ausgesucht hatte. Aber wir haben erst den 4. August und schon habe ich „New York 2140“ ausgelesen – allerdings weniger, weil mich das Buch so fürchterlich gepackt hätte (obwohl es, zugegeben, nicht schlecht ist, siehe unten), sondern weil ich wegen der gegenwärtigen Hitzewelle zu geistig wirklich herausfordernden Tätigkeiten wie Komponieren einfach nicht in der Lage bin. Lesen geht aber, auch Bücher in englischer Sprache.* Also hatten die aktuellen Auswirkungen des Klimawandels meine beschleunigte Lektüre eines Romans über die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels zur Folge, was nicht einer gewissen Folgerichtigkeit entbehrt.

*

In gewohnter, aber nicht unmotiviert wirkender panoramischer Breite faltet Robinson eine fiktive, aber mögliche Welt vor uns aus: Das New York des Jahres 2140 ist wg. Klimawandel ziemlich genau zur Hälfte abgesoffen, wird aber weiter zäh bewohnt und halb reißerisch halb zärtlich Super Venice genannt. Dank neuer Werkstoffe können nun unterhalb des Meeresspiegels liegende Downtown-Immobilien recht kostengünstig wasserdicht gemacht werden, während graphen-gestützter Hochbau Uptown-Wolkenkratzer heute unbekannter Höhe nahezu spielend ermöglicht.

Robinsons Szenario ist also sowohl eines des buchstäblichen Untergangs als auch eines des erfolgreichen Krisenmanagements. Und er schafft es das ganze Buch über, diese Ambivalenz aufrechtzuerhalten. „New York 2140“ ist also weder apokalyptisch wie ein Roland Emmerich-Film noch technokratisch-optimistisch wie ein Sachbuch von Marvin Minsky. Der Roman handelt davon, wie die Menschheit angesichts einer selbstgemachten Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß trotz enormer Verluste, Probleme und Folgeschäden halbwegs davonkommt. Und genau deshalb halte ich es für ein realistisches Buch zum Thema Klimawandel. Derartige Bücher gibt es leider derzeit zuwenig, es dominieren die Apokalyptiker und die Klimaleugner. Logisch: Tendenziöser Bullshit verkauft sich besser als mühsam austarierte Ideen und Gedanken.

Psychologisch glaubwürdige und gelegentlich unterhaltsame Charaktere (der jugendlich-ungestüme Hedgefonds-Manager, die abgeklärte afroamerikanische Polizeikommissarin mittleren Alters, der knorrige Hausmeister mit traumatischer Berufstaucher-Vergangenheit und zwei draufgängerische Jungs in ihrem Schlauchboot, die an Tom Sawyer und Huckleberry Finn angelehnt sind) ringen um Einfluss, das Kapital schikaniert die kleinen Leute, idealistische quants (Programmierer) hacken gegen dark pools (Kapitalansammlungen unklarer Herkunft) an, superreiche Bewohner von  Graphen-Superscrapern versuchen, genossenschaftlich geführte Old School-Hochhäuser zu gentrifizieren etc. – das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir diese tendenziell schwarzweiße Welt nicht bald auf den Keks ging. Vielleicht lag es daran, dass zumindest eine Zentralfigur im Verlauf des Geschehens etwas unerwartet, aber plausibel das Lager wechselt und damit eine wichtige Kettenreaktion auslöst.

Streckenweise wirkt „New York 2140“ wie eine Fiktionalisierung von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. Gegen Ende des Buches macht das eine Figur dann sogar ganz explizit:

Seemingly frozen moments are transient, they break up like the spring ice, and then change occurs. So individuals, groups, civilization, and the planet itself all did these things, in actor networks of all kinds. Remember not to forget … the nonhuman actors in these actor networks. Possibly the New York estuary [Flussmündung, S.H.] was the prime actor in all that has been told here, or maybe it was bacterial communities, expressing themselves through their own civilizations, what we might call bodies.

Diese Sichtweise – eine Flussmündung als Hauptfigur eines Romans – macht „New York 2140“ auf subtile Weise zu einem „ökologischen Roman“ ganz ohne Öko-Klischees und hebt das Buch dann doch aus der Masse aktueller Klimaromane deutlich heraus. Es gelingt Robinson einmal mehr, gesellschaftliche Makro-Entwicklungen mit genuin literarischen Mitteln systemisch darzustellen, ohne dass die Leserin das Gefühl bekäme, einem Ameisenhaufen beim Wuseln zuzusehen. Dafür sind seine Figuren einfach zu lebendig.

LeserInnen mit einem Faible für Technologie und Naturwissenschaft sind dennoch klar im Vorteil, denn ganz am Ende handelt es hier halt doch „nur“ um Science Fiction-Literatur klassischen Zuschnitts (also ohne Elfen), allerdings auf deutlich gehobenem Niveau.


* „New York 2140“ gibt es mittlerweile aber auch auf Deutsch.

Improvised Science Fiction Piano Music

Matthias Hahns ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Science-Fiction-Roman Cristos‘ Himmelfahrt habe ich ja in diesem Blog bereits recht positiv rezensiert. Jetzt hat sich auch eine künstlerische Zusammenarbeit mit Matthias ergeben! Am Donnerstag, den 26. April werden wir ab 20 Uhr mit Literatur und Improvisierter Musik die Würzburger Blindeninstitutsstiftung rocken! Ergänzt wird die Veranstaltung durch eine Ausstellung grafischer Arbeiten von Maran Alsdorf, von der auch die Illustration der Buchausgabe von „Cristos‘ Himmelfahrt“ stammt.

Ausführliche Infos zur Veranstaltung gibt’s hier.

Unschuldig wie ein Engel

mhMan sollte sich vom leicht lieblichen, zwischen Rene Magritte und Wenders‘ „Himmel über Berlin“ changierenden Cover dieses Taschenbuchs nicht irritieren lassen: „Cristos‘ (!) Himmelfahrt“, meines Wissens der erste publizierte Roman des 51-jährigen Würzburger Schriftstellers Matthias Hahn, ist weder esoterisch noch kryptoreligiös, die „Generation Benedikt“ wird hier keine rechte Erbauung finden, auch Fans von als Krimi getarnten populistischen Heimatschmonzetten (vulgo „[hier den Namen einer beliebigen, genügend großen deutschen Stadt einsetzen]-Krimis“) werden nicht so recht auf ihre Kosten kommen.

Wer allerdings Freude an einer gut gebauten, solide geschriebenen Science-Fiction-Satire zwischen Gary Shteyngart und Frank Schätzing hat, wird ordentlich bedient. Ok, Hahn erreicht nicht ganz die ätzende Schärfe von Shteyngarts „Super Sad True Love Story“ (außerdem fehlt die love story und Würzburg ist nicht New York) und im Gegensatz zu Schätzing langweilt er den Leser nicht mit seitenlangen Wikipedia-Exzerpten und „lehrreichen“ populärwissenschaftlichen Vorträgen.

Dafür bekommt sie aber jede Menge gelungener Religions-Satire mit kräftigen Seitenhieben auf die Würzburger Glaubensbewegung „Universelles Leben“, a.k.a. „Heimholungswerk Jesu Christi“ (ja, eine „Prophetin“ taucht auf und illuminiert die Massen) – laut Eigenaussage des Autors ging es ihm aber gar nicht um eine Kritik an dieser speziellen Gruppierung, sondern eher um das Thema „Wirkmächtigkeit von Religion in Krisenzeiten“ schlechthin. Nun, sei dem wie es sei: Es gibt Szenen in „Cristos‘ Himmelfahrt“, die in ihrem entlarvenden Witz und ihrem das Zynische streifenden Sarkasmus an „Monty Python’s Life of Brian“ heranreichen.

Leider kommen dann auch schwächere Passagen, wo ich mich plötzlich in eines dieser bemühten Jugendbücher aus dem ebenfalls würzburgerischen „Arena“-Verlag versetzt fühle – zu simpel die Sätze, zu durchschaubar die Machart, zu absehbar das Geschehen. Aber immer wieder nimmt die Story erneut Fahrt auf, platzt, ganz familien-unfreundlich, ein Schädel und besudelt die Protagonistin mit Knochensplittern, segeln, politisch inkorrekt, dehydrierte Leichen entsorgter Rentner durch den Weltraum und verfangen sich in Raumschiffturbinen. Es ist diese Mischung aus Brav- und Bosheit, die den Eigen-Sinn dieses Textes ausmacht und ihn von der Masse thematisch ähnlicher Bücher abhebt.

Übrigens: Die Stadt Würzburg hat die Klimakriege als neues Las Vegas inmitten der zur Wüste gewordenen unterfränkischen Kulturlandschaft überlebt, ebenso die allseits bekannten lokalen Architekturwunder – letztere allerdings nur als plastinierte Repliken ihrer selbst, angestrahlt in gnadenlosen Bonbonfarben. Wer in diesen vorweihnachtlichen Tagen am frühen Abend durch die Domstraße streift, wird bemerken, dass die Zukunft bereits begonnen hat.

Die Welt ist voller schlechter Menschen, die auf ihre Entsorgung warten.

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Shteyngarts überaus traurige Wahrheiten

Der dritte Roman des 39-jährigen, in Leningrad (heute St. Petersburg) geborenen jüdischen US-Amerikaners Gary Shteyngart handelt vom Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika. Dem „Bruch“, wie er im Buch genannt wird. Die Volksrepublik China, Norwegen und Saudi-Arabien übernehmen, eher widerwillig, die Verwaltung der schäbig und drittwelthaft gewordenen Reste des einstigen „Landes der Freien, Heimat der Tapferen“. Tapfer muss man auch sein, um sich bis zum Ende von Shteyngarts überaus bitterer Satire durchzuschlagen: Es gibt Durststrecken von schwer erträglicher jiddischer Sentimentalität, abgrundtiefem Selbstmitleid der Hauptfigur Lenny Abramov und in bewusster Minimalsprache gehaltenen Web-2.0-Posts der weiblichen Hauptfigur Eunice Park zu überwinden.

Doch wiegen all diese Entbehrungen wenig im Vergleich zum Genuss an boshaftester Gegenwartssatire, die „Super Sad True Love Story“ auch bietet, von der Allgegenwart des hier als „Äppärät“ (Wie mag das Ding nur im amerikanischen Original heißen?) firmierenden Smartphones über die ätzende Geißelung des Jugendlichkeitswahns der globalen Mittel- und Oberschicht (unter Unsterblichkeit geht jetzt gar nichts mehr) bis hin zur orwellhaft finsteren, aber nüchternen Beschreibung eines New York nach dem „Bruch“, das mehr Ähnlichkeit mit Mogadischu hat als mit dem „Big Apple“ des 20. Jahrhunderts: Privatarmeen kontrollieren die unsicher gewordenen Straßen, die zum Quasi-Genozid ausgeuferte Gentrifizierung macht auch vor jüdischen Altersheimen keinen Halt mehr, während die neuen Herren (und Herrinnen) der nun nicht mehr vereinigten Staaten in Palästen mit einer Deckenhöhe von 30 Metern am Hudson River indoor-Feuerwerk abzubrennen pflegen.

Die eigentliche „überaus traurige wahre Liebesgeschichte“ zwischen Lenny (39, intellektuell, buchfixiert, depressiv, ungepflegt, unattraktiv) und der koreanisch-stämmigen Eunice (24, verwöhnt, konsumfixiert, verstört, gepflegt, von blendendem Äußeren) ließ mich eher kalt – zu absehbar, was hier abgeht (von zwanghafter Todesfurcht geplagter jüdischer Großstadt-Intellektueller verliebt sich unsterblich in vaterfixierte, desorientierte Kind-Frau mit ostasiatischem Migrationshintergrund, die ihn schlussendlich verlässt, um sich einem noch älteren, noch stärker von Todesfurcht geplagteren, aber wesentlich mächtigeren Mann zuzuwenden – Lennys Chef). Entschuldigung, aber es gelang mir hier nicht, nicht an Woody Allens Beziehung zu Soon-Yi Previn zu denken.

Shteyngarts Stärke liegt weniger im Lyrischen, Epischen und Poetischen als in der (über-)pointierten Schilderung zivilisatorischer Deformationen der Gegenwart, die er, gängige literarische Technik, in eine nahe Zukunft (10 – 20 Jahre) hin extrapoliert, wo sie zu übelsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Insoweit ist „S.S.T.L.S“ vergleichbar mit dem ungleich umfangreicheren Roman „Unendlicher Spaß“ des kürzlich von eigener Hand getöteten David Foster Wallace. Doch wo Wallaces Text sich dehnt, streckt, implodiert und schließlich selbst verschluckt, kommt Shteyngart weit weniger ambitioniert daher: seine Erzählweise ist chronologisch, der Text ist nahezu ausschließlich aus Tagebuchausrissen Lennys und Eunices posts auf einem social network namens GlobalTeens zusammengesetzt. So liest sich das Werk recht flüssig und eingängig, ohne dabei jedoch an inhaltlicher Schärfe einzubüßen. Das Schlusskapitel zeigt einen mittlerweile zum (Post-)Literatur-Star wider Willen avancierten Lenny Abramov, der sich jetzt „Larry Abraham“ nennt, wie er im komfortablen toskanischen Landsitz italienischer Freunde von der bevorstehenden Verwandlung seiner Tagebücher in ein „Cinecittà-Videospray“ erfährt (was zum Teufel ist ein „Videospray“ – ein aufsprühbarer Video-Clip?).

Konnte ich angesichts der dezidierten nerd-Haftigkeit von Shteyngarts Humor zu Beginn der Lektüre noch (scheinbar) wissend schmunzeln oder gar manchmal laut auflachen, so durchlebte ich im Fortgang eine Phase deutlichen Angewidertseins, weil die Kritik des Autors an der Oberflächlichkeit der von ihm beschriebenen Konsumwelt ebenfalls ziemlich an der Oberfläche bleibt (im stoßseufzenden Stil von „Wenn die Menschen doch nur mehr Tschechov lesen würden, statt ständig Online-Shopping zu machen!“), schließlich aber wurde mir klar, dass dies ja nicht die Oberflächlichkeit des Autors, sondern die seiner Figur Lenny/Larry Abramov/Abraham ist. Ich hatte einen literaturkritischen Anfängerfehler begangen und Züge des Protagonisten auf den Autor projiziert!

Mit etwas Abstand betrachtet, stellt „S.S.T.L.S“ demzufolge eine endharte Gesellschaftssatire auf der Höhe der Zeit dar, die sich jedoch nur selten unangenehm moralinsauer über selbige (also die Zeit jetzt) erhebt.

Postskript: Das Buch enthält den Kommentar eines fiktiven Literaturkritikers über Eunice Parks GlobalTeen-Posts, in dem ich, natürlich völlig mutwillig, strukturelle Parallelen zu Kommentaren namhafter deutscher Literaturkritiker zu Charlotte Roches „Schoßgebeten“ lesen möchte:

Sie ist keine geborene Schriftstellerin, was man von jemandem aus einer mit Images und Konsum groß gewordenen Generation auch kaum erwarten kann, doch ihre Schreibe ist interessanter und lebendiger als alles andere, was ich aus dieser analphabetischen Epoche gelesen habe. Natürlich kann sie zickig sein, und natürlich spürt man auch die Patina einer Mittelschichts-Anspruchhaltung, doch vor allem tritt ein echtes Interesse an der Welt um sie herum zutage – der Versuch, mit dem heiklen Erbe ihrer Familie zurande zu kommen und ihre eigenen Ansichten zu Liebe, körperlicher Zuneigung, Kommerz und Freundschaft zu entwickeln, und das alles in einer Welt, deren Grausamkeiten mehr und mehr die ihrer eigenen Kindheit wiederspiegeln.

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