Random Repeat. Eine Selbstbeobachtung.

Ich höre zwar – wie Steven Brown – permanent Musik in meinem Kopf, aber nie die eigene. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals eine Melodie vor meinem inneren Ohr imaginiert zu haben, die ich dann niederschreiben wollte. Die Musik fällt mir beim Machen (d. h. beim Improvisieren, aber auch während der Arbeit mit Software) ein und ist anschließend sofort wieder vergessen. Ich habe keinerlei Gedächtnis für meine eigene Musik. Auch bereits bestehende eigene Kompositionen fallen mir nur sehr selten einfach wieder ein.

Mir wäre das nie aufgefallen, weil ich es ja gar nicht anders kenne. Erst jetzt, wo ich mehr und mehr davon mitbekomme, wie andere KomponistInnen arbeiten, erscheint mir all dies atypisch. Es ist fast wie eine Art Blindheit, wie das Fehlen eines wichtigen Organs. Mein gut entwickelter operativer Einfallsreichtum mag eine Art Ersatz dafür darstellen. Aber ohne Echtzeit-Aufzeichnungsmedium (Audio oder – viel besser – MIDI) wäre ich verloren, soviel ist klar.

Immer wieder begegnen mir KomponistInnen-Figuren – aktuell der Protagonist von Richard Powers‘ Roman Orfeo aus dem Jahr 2014 oder auch die beiden Komponistenfiguren in Cloud Atlas – die ihre Musik mit dem inneren Ohr hören, bevor sie sie aufschreiben. Aber ich kann dieses Phänomen bei mir schlicht nicht vorfinden. Es findet nicht statt.

Es ist eher so, dass ich mich gegen einen pausenlosen inneren Strom fremder Musik (Saxofon-Soli im Brötzmann-Stil, harmonische Wendungen aus dem Great American Songbook, Funk-Rhythmen, brachiale E-Gitarren-Soli) in meinem Kopf wehren muss. Ich habe ihm etwas entgegenzusetzen, um, pathetisch gesprochen, zu überleben. Jetzt gerade zum Beispiel ist es Jerome Kerns „All the Things You Are“ von der letzten Jam Session, welches mich vermutlich noch den ganzen lieben langen Tag und eventuell auch noch die kommenden Tage begleiten wird – markanterweise stets verlässlich zerhackt, er erscheinen immer nur sekundenlange prägnante Fragmente der Melodie, gesungen von der Sängerin des Abends, die gerade lang genug sind, damit eine andere kognitive Instanz in mir den Tune erkennen kann. Dann zerbricht etwas, das musikalische Kontinuum endet und ein anderes Fragment aus dem selben Song schiebt sich in den Arbeitsspeicher – oder aber auch nicht selten vollkommen andere Musik.

Dieser inner-aurale cut up ist mir derart selbstverständlich und vertraut, dass ich mich nicht erinnern kann, dass es jemals anders gewesen wäre. Vielleicht ist er ja der tiefere Grund meiner atypischen Art des Komponierens: Die „innere (göttliche) Stimme“ / das „innere Diktat“ existieren bei mir nicht, aber es ist auch nicht stumm und tot in mir. Stattdessen wütet ein „A-morphismus“ unermüdlich –  und vermutlich, bis ich sterbe – alles, was ich jemals an Merk-würdigem gehört habe, durcheinander. Und ich habe nicht wirklich Einfluss auf die Reihenfolge der Fragmente oder ihre jeweilige Länge. Random repeat.

Jetzt gerade höre ich zum Beispiel eine harmonische Wendung aus dem dritten Abschnitt von „All the Things You Are“, die ich sehr gerne mag. Ich stelle mir dabei vor, wie ich sie auf dem Klavier greife, aber auch sie ist de-kontextualisiert, d. h. sie wiederholt sich vielfach und nahezu quälend oft, ohne das dies analytischen Wert hätte. Es ereignet sich einfach, es läuft ab.

Ist die Steve Reich’sche „Repetitionismus“ mein natürliches Antidot gegen dieses Phänomen? Jedenfalls hatte die Kompositionstechnik, die Dan Warburton einmal als block additive process und der Komponist selber als „replacing rests by beats“ bezeichnet hat, eine beschwichtigende Wirkung auf mich. Kleinteiliges wird dort so lange wiederholt wird, bis man nicht mehr kann, dann kommt ein bisschen was Neues hinzu, aber das Alte bleibt präsent.

Normalhörer, so vermute ich, empfinden diese Art von Repetitivität als entspannend, d. h. von der Realität ablenkend, meditativ. Bei mir ist das Gegenteil der Fall: Der block additive process wirkt wie Ritalin, also fokussierend, konzentrierend, er wirft mich stärker in die Realität hinein, statt mich von ihr zu befreien. Das würde auch erklären, warum ich Reich immer abschalten muss, sobald sich diese Wirkung eingestellt hat, während der geneigte Normalhörer viel länger und wohl auch tiefer in diese Minimal music zu versinken vermag.

Reichs „Music for 18 Musicians“ ist – in diesem spezifischen Kontext – eigentlich noch zu ausführlich, „Drumming“ ist nahezu unmöglich ausführlich, richtig gut wirken aber „Music for a Large Ensemble“, „Sextet“ und „Mallet Quartet“:

Sie haben den „richtigen“ Grad an Ausführlichkeit, ihr Repetitivitätsgrad scheint ziemlich genau der Geschwindigkeit meines inneren Vergessensprozesses zu entsprechen – und das ist es, was mir an dieser Musik so gut tut.

Dass all meine begrifflich artikulierenden, also z. B. ästhetischen Wertschätzungen von Reichs Musik entscheidend von diesem bis heute nur halbbewusst ablaufenden Prozess beeinflusst wurden, liegt auf der Hand.

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The Munich Event

Der folgende Text hat nichts mit Musik, Kunst oder Ästhetik zu tun. Er dient einzig der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung und strebt demzufolge nicht nach Objektivität und Ausgewogenheit, sondern will getreues Abbild von Gefühlen und Gedanken sein, seien sie auch noch so peinlich.

Das war er also, der Munich event, absoluter Höhe- und Endpunkt meiner Komponistenkarriere.

Etwa nicht? Was soll denn jetzt noch kommen?

Über 40 einfühlsame GroßstadtmenschInnen waren bereit, 15 Euro Eintritt zu zahlen, um sich (neben anderem) eine knappe halbe Stunde meiner Klavierstücke anzuhören, wie sie von einem high-end player piano vor Ort reproduziert wurden. Und auf dem Veranstaltungsplakat prangte , oh Schreck, mein Konterfei:

Typisch Hetzel: Erst jammert er ewig rum, dass sich keiner für seine Sachen interessiert, aber wenn dann mal ein wenig Erfolg kommt, ist es auch nicht recht. (Nachbearbeiteter Webcam-Schnappschuss vom 4. März 2018)

Ich weiß gar nicht, was ich fühlen soll. Musste ich zulange auf dieses Ereignis warten, um mich noch darüber freuen zu können? Alles in allem waren es ja rund 35 Jahre, denn bereits seit Mitte der 1980er hatte ich mich als Komponist gefühlt. Und trotz all der langen Zwischenräume, in denen ich nichts für diese Ambition tun konnte oder wollte, komplett aus den Augen verloren oder gar aufgegeben habe ich sie nie.

Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenn einem für die Arbeit, die einem am meisten am Herzen liegt und die man bisher durchgängig privatissime zu verrichten hatte, man will ja niemanden, nicht einmal engste Freunde, mit seinen Schrullen belästigen und so von sich entfremden – und ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass das Komponieren für Musikautomaten eine eher abseitige Passion darstellt -, echtes Interesse von wildfremden Leuten entgegenkommt, so wie z. B. von der japanischen Konzertpianistin, die mich nach dem Konzert schlicht „Wie haben sie das gemacht?“ fragte, was nicht heißt, dass ich darauf in diesem Moment eine gute, ja nicht einmal eine zureichende Antwort gefunden hätte.

Ich empfand das Münchner Einstein-Publikum als kultiviert und nicht lediglich kulturbeflissen, wie sonst so oft, sowie als – und das ist ja mittlerweile ein soziokulturelles Kleinod geworden – tatsächlich aufmerksam. Kein einziger Klingelton intervenierte, niemand ging während des Konzerts hinaus oder kam herein, irgendwelche Flüsterkonversationen während der Performance konnte ich nicht feststellen. Nur konzentrierte Aufmerkamkeit und wohlwollendes Interesse, ja Neugier – auch diese steht ja bekanntlich auf der Roten Liste aussterbender soziokultureller Verhaltensweisen – beherrschten die Szene.*

Euphorie fühle ich nicht, es sind eher Gefühle von Zufriedenheit und Dankbarkeit, aber gleichzeitig auch leiser Enttäuschung. Letzteres vor allem aus Ernüchterung über die unerwartet deutlichen Grenzen des Reproduktionsflügels. Die Enspire-Reihe ist die aktuelle Version des Yamaha Disklaviers, d. h., etwas Besseres werde ich kaum finden, um meine Klaviermusik ohne Samples erklingen zu lassen. Bin ich also an „objektive“ technische Grenzen gestoßen, was das Prinzip player piano betrifft? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten, von denen ich einfach nichts weiß (Ablingers Vorsetzer? Ist der schneller?)? Oder lag es an meinen Dateien?

Ich denke, den ersten Satz dieses Artikels („Das war er also…“) muss ich zurücknehmen. Er war reichlich dämlich, zeugt von einer gewissen Unreife bzw. Infantilität und ich schäme ich für ihn. Natürlich geht es weiter. Probleme stehen zur Lösung an. München war beileibe kein Endpunkt, bestenfalls ein ziemlich mittelgroßer Zwischengipfel oder sowas.


* Ich übertreibe hier, vermutlich, weil es an diesem Abend nun mal (unter anderem) um mich ging. Aber so ist das eben mit uns Narzissten: sobald wir als Person ins Spiel kommen, ist es vorbei mit unserem kritischen Urteilsvermögen.
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