Now available: shsmf’s electronica mixes

In den Nullerjahren habe ich unter dem Pseudonym shsmf (stefan hetzel standard mIDI files) ganz heimlich, still & leise eine Riesenmenge Electronic Listening Music am heimischen Rechner verfertigt. Der Sound wurde massiv geprägt durch damals hippe sog. Desktop-Soundmodule von Roland bzw. Edirol (im Musikerjargon auch Rompler oder Expander genannt) – und die sahen so aus:

Der SoundCanvas SC-88 Pro von Roland
Der SoundCanvas SC-88 Pro von Roland aus dem Jahr 1997
Der StudioCanvas SD-90 von Edirol aus dem Jahr 2001
Der StudioCanvas SD-90 von Edirol aus dem Jahr 2001

Diese canvases (=“Leinwände“) enthielten eine Unzahl von teils brillanten, teils eigenwilligen und teils schlicht fremdartigen Samples aus sehr unterschiedlichen musikalischen Provinzen – mit deutlichem Schwerpunkt auf dem Geschmack japanischer gamer, der mir damals äußerst exotisch erschien, denn ich habe mich für Computerspiele niemals interessiert und kannte diese Klangwelt nicht. Aber gerade, weil ich sie als so sperrig empfand, stachelten diese mittlerweile längst schon wieder historischen Sample-Archive meinen schöpferischen Ehrgeiz nachhaltig an und so verfertigte ich zwischen 2000 und 2012 insgesamt 43 (!) Tracks mit einer Gesamtdauer von knapp 5 Stunden, die, manchmal unter Einbeziehung zugekaufter Drumloops, hemmungslos aktuelle subkulturelle Musikgenres ausbeuteten und mit einer gelegentlichen Prise Jazz weiter aufzupeppen versuchten. Dirty Fun! Schließlich fasste ich den ganzen Haufen in vier Sammlungen zusammen:

  • ambient (Rollenmodell „Ambient Music à la Aphex Twin“)
  • line groover (Rollenmodell „Techno“/“House“)
  • money jungle (Rollenmodell „Drum & Bass“)
  • ordinary music (Rollenmodell „Ambient Music à la Brian Eno“)

Bisher gab es hier auf der Weltsicht nur eine Unterseite mit allen 43 Titeln in einer Playlist, nun aber habe ich jeweils alle Tracks einer Sammlung in eine Datei gepackt und auf Mixcloud hochgeladen, was den Zugriff auf die Musik wesentlich erleichtert – gerade, wenn man nur mal so querhören will. Here we go:




Hier nochmal der Link auf die Unterseite vintage electronica by shsmf, wo auch steht, wie ich heute über diese Arbeiten denke.

«winterkälte (ambient 17)», visualisiert

Generator PhotoFilmStrip (J. Göpfert)

Visualisierungsnotiz

Die Komposition stammt aus dem Frühjahr diesen Jahres, mehr dazu hier. Gleichwohl fiel mir zur, äh, „kühlen“ Atmo der Musik und sicher auch wg. meiner damaligen Beschäftigung mit Klaus Schulzes Stück „Crystal Lake“ aus dem Jahr 1977 sogleich eine sehr markante Reihe von Fotoarbeiten aus dem Winter 2010/11 ein, die mit Schnee bzw. frisch gefallenem Schnee in einer süddeutschen Kleinstadt (Lohr am Main) zu tun hat. Ich fusionierte Musik und Bilderserie mit Hilfe der sehr guten Freeware PhotoFilmStrip, die den sog. Ken-Burns-Effekt, also die Technik, mittels langsamer Schwenks und/oder Vergrößerungen aus Standbildern eine Diashow zu machen, grandios umsetzt, und fertig war’s.

Und heute, zum Winteranfang, scheint mir nun auch der rechte Zeitpunkt gekommen zu sein, diese Arbeit zu bloggen. Sie ist, wie so ziemlich alle meine Visualisierungen, das exakte Gegenteil zu einem schnell konsumierbaren „typischen“ Internetvideo, d. h., wer nur eben mal schnell reinklickt, wird vermutlich nicht verstehen, worum es hier überhaupt geht. Man muss sich die Zeit schon nehmen, damit Musik und Bild ihre Wirkung entfalten. Und selbst dann wird – wie immer bei meinen Sachen – nicht jede/r was damit anfangen können, denn: Coolness, Hipness, Ironie. Aber so ist das eben.

«winterkälte (ambient 17)»

Klänge Tetra, Oatmeal, ABvst, Prova, Sophia (Software-Synthesizer)
Verarbeitung Cubase
Faltungshall York Minster (Damian Murphy)

Kompositionsnotiz

ss
Farblich veränderter Screenshot meines Desktops während der Komposition von «winterkälte (ambient 17)». Alle verwendeten Komponenten sind sichtbar. Die rote Linie symbolisiert den ungefähren Signal- bzw. Datenfluss. Für größere Ansicht bitte auf das Bild klicken.

Jetzt habe ich mich natürlich weit aus dem Fenster gelehnt und am Montag dreist behauptet, «winterkälte (ambient 17)» sei unter akutem Krautrock-Einfluss entstanden – das war aber ein wenig geflunkert. Aber so ganz an den Haaren herbeigezogen ist die Kraut influence auch nicht, denn als ich den bereits fertigen Track schließlich mit Tangerine Dreams 43 Jahre älterer „Phaedra“ in eine Playlist sperrte und den Crossfader auf 20 Sekunden kalibrierte, erwischte ich mich dabei, wie ich den Übergang zwischen beiden Stücken nicht wahrgenommen hatte … was immer das nun bedeuten mag.

Sei’s drum, «winterkälte (ambient 17)» entstand kurz vor meiner Begegnung mit Whalleys Krautrock-Doku in erster Linie aus einem plötzlich und dringend auftretenden Bedürfnis nach Abwechslung heraus, nachdem ich mich seit mindestens einem Vierteljahr nur noch mit Musik für (virtuelle) akustische Tasteninstrumente beschäftigt hatte.

War da nicht mal was mit, äh, Synthesizern? Ja, richtig, vor allem sogenannte Software-Synthesizer (SoftSynths), also letztlich Codebrocken mit grafischer Benutzeroberfläche, die massenweise kostenlos im Netz herumschwirren und stets von vermutlich sehr jungen und ganz sicher sehr nerdigen Männern, denen schon immer meine innige platonische Zuneigung gehörte, fabriziert werden, haben es mir stets angetan. Schnell bekam ich meine vier Lieblings-SoftSynths wieder zusammen, „Tetra“, „Oatmeal“, „ABvst“ und „Sophia“. Dazu gesellte sich Safwan Matnis „Prova“, ein hübsch gesampelter alter Flügel unbekannter Provenienz.

Ursprünglich  hieß der Track «fluctin reloaded (ambient 17)», weil ich die triggernden Note-On-Befehle 1:1 aus meiner Klanginstallation „Fluctin 02 (Moabit)“ von 2005 übernahm. Die Neukomposition bestand lediglich darin, die Note-Ons, die harmonisch aus terz- und quintgeschichteten Akkorden bestehen und rhythmisch in Patterns organisiert sind, mit den Klängen der o. g. SoftSynths neu zu „orchestrieren“. Dabei habe ich mich von folgenden gestalterischen Vorstellungen leiten lassen:

  • Die Stimmung des Tracks sollte weder angenehm/positiv/entspannend noch düster/bedrohlich/beunruhigend ausfallen, sondern beides gleichzeitig, so dass man nachher nicht weiß, ob man ein eher „helles“ oder eher „dunkles“ Stück gehört hat. Zuständig für’s Helle waren Tetra und Prova, Oatmeal verharrte unentschieden in der Mitten, während ABvst und Sophia entschieden Dunkles beisteuerten.
  • Die Note-Ons beschränkten sich auf  die o. a. Terz/Quint-Schichtungen, Improvisation fand nicht statt. Auch rhythmisch blieb es bei durchgängiger Pattern-Gebundenheit ohne jede Variabilität.
  • Im Sinne des Musikkonzepts „Ambient Music (Brian Eno) / Musique d’Ameublement (Erik Satie)“ sollte jeglicher Eindruck von musikalischer Narrativität vermieden werden, weswegen ich den Track ohne Hörkontrolle nach 20 Minuten ausblendete. Dass ein einzelner Klavierton am Ende steht wie ein Ausrufezeichen, war ein schöner Zufall.
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