Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (8 von 8)

Outrage porn is the supernormal stimulus of the culture war.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14

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Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (7 von 8)

In the interest of appeasing shareholders, large social media companies battle over the attention economy, reducing our agency and turning us into memetic addicts along the way.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14

Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (6 von 8)

[…] adaptive instincts turn maladaptive due to exposure to supernormal stimuli; magnified and more attractive versions of evolved stimuli. Nikolaas Tinbergen, the ethologist who coined the term supernormal stimuli, demonstrated that he could trick birds, fish, and insects into evolutionary traps using exaggerated dummy objects designed to trigger their instincts. […] psychologist Deirdre Barrett points out that humans are just as fallible to these superstimuli. Whether it be junk food, laugh tracks, pornography, or likes on social media, these artificial triggers addict us and hijack our agency.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14

Marktfähige Verfügungsgewalt und die intangible bubble

Der Kulturwissenschaftler M. Seemann (*1977)
Kulturwissenschaftler Michael Seemann, der LeserIn der Weltsicht seit 6 Jahren ein Begriff, hat seine Gedanken zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung (kurz: Soziodigitalisierung) einen gehörigen Tick weiterentwickelt. Ging es bisher hauptsächlich um die Beschreibung und Analyse neuer globaler Spielregeln nach dem digitalen Kontrollverlust, rückt nun die Ökonomie ins Zentrum seines Interesses. In der Folge möchte ich die zentralen Gedanken seines Essays Fünf beunruhigende Fragen an den digitalen Kapitalismus, den er am 10. Juni auf seinem Blog publizierte, in eigenen Worten zusammenfassen und zuspitzen. Dabei haben sich vier Abschnitte ergeben:

1 Plattformen als Wächter des Eigentums
2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens
3 Fortschritt ohne Wachstum
4 Der Hauptwiderspruch

Vor allem die Aussagen der Abschnitte drei und vier sind nur implizit in Seemanns Text enthalten. Es handelt sich bei diesem Artikel also nicht um eine neutrale Zusammenfassung seiner Gedanken, sondern um eine subjektiv akzentuierte Lektüre.

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1 Plattformen als Wächter des Eigentums

Seemann vertritt die These, dass Plattformen wie Facebook, iTunes, Google oder YouTube mehr und mehr Funktionen übernehmen, die bisher ausschließlich Staaten vorbehalten waren – nicht unbedingt, weil sie das wollen, sondern weil die Eigendynamik der Soziodigitalisierung sie dazu zwinge.

Ausgehend von Heinsohn/Steigers bekannter Wirtschaftstheorie, die Grundbedingung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Kapitalismus sei die Garantie von Eigentum, konstatiert Seemann, mit der Soziodigitalisierung hätten mehr und mehr der o. g. Plattformen ebendiese Garantie vom Staat übernommen.

Bereits 1980 litt die damalige Phonowirtschaft unter heftigen Kontrollverlustängsten (historischer Hintergrund).

Sein Beispiel hierfür: Nach der ersten Welle der Digitalisierung vor ca. 20 Jahren hatten internetbasierte „wilde“ Musiktauschbörsen wie Napster dem traditionellen Geschäftsmodell der Musikindustrie mehr oder minder den Garaus gemacht. Das gute alte Urheberrecht war aufgrund eines neuen technologischen Bypasses schlicht nicht mehr so ohne Weiteres durchsetzbar. Die staatlichen Gegenmaßnahmen der folgenden Jahre wie etwa die Kriminalisierung der AkteurInnen als Raubkopierer oder der Erlass neuer Gesetze (Leistungsschutzrecht, Reform des Urheberrechts) konnten diesen epochalen Dammbruch nur teilweise reparieren.

Auftritt Steve Jobs als (weißer oder schwarzer, je nach Standpunkt) Ritter: Mit iTunes erschuf er ein Amalgam aus dem herkömmlichen Verkauf materieller Güter und dem neuartigen flow immaterieller Daten, das die grundstürzlerische Subersivität der verlustfreien digitalen Kopierbarkeit (Alles! Für alle! Überall! Jederzeit! Kostenlos! Legal! Für immer!) nachhaltig einhegen sollte.

Das Streaming-Modell und das damit eng zusammenhängende Digital Rights Management (DRM), auf dem heute bsp.weise Spotify, Netflix oder MagentaTV beruhen, ist lediglich eine Weiterentwicklung dieser Idee, die das dräuende Ende kapitalistischer Wertschöpfung tatsächlich erst mal verhindern konnte. Die Musikindustrie verdiente durch den kostenpflichtigen Download von mp3-Dateien wieder Geld, musste es aber nun mit den Plattformen teilen, die dadurch zu Globalen Playern aufstiegen.

Heute sind iTunes, Amazon, Netflix, etc., aber mittlerweile auch Firmen wie Uber oder Airbnb, die mit Musik nichts zu tun haben, nichts anderes als Dienstleister, die in der Lage sind, Eigentumsgarantien trotz Soziodigitalisierung global durchzusetzen. Dabei haben sie im Unterschied zu analogwirtschaftlichen Unternehmen unabhängig von ihren enormen Umsätzen eine Tendenz zur Immaterialität. Sie kommen, stellt Seemann fest, nicht nur mit erschreckend wenigen MitarbeiterInnen, sondern auch mit erschreckend wenig Anlagevermögen aus:

Uber, das größte Taxiunternehmen der Welt, besitzt keine Fahrzeuge. Alibaba, der wertvollste Einzelhändler der Welt, hat kein eigenes Inventar. Airbnb, der weltweit größte Übernachtungs-Dienstleister, besitzt keine Immobilien.

Der Staat ist zwar weiterhin die rechtliche Quelle von Eigentum, durchsetzen könnte er dessen Garantie in der digitalen Sphäre ohne Hilfe der weitgehend unsichtbaren Plattformen allerdings in weiten Teilen nicht mehr. 1  Denn die besitzen in diesem Zusammenhang das, was Seemann „marktfähige Verfügungsgewalt“ 2  nennt. Und das gilt selbst dann, wenn die Plattform gar nichts verkauft:

Facebook hat keinerlei Eigentumsrechte an unseren persönlichen Daten und dennoch basiert sein Geschäftsmodell auf der Ausübung einer marktfähigen Verfügungsgewalt über sie.

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2 Software-Konzerne als Wächter des Wissens

Ein weiterer erhellender Begriff in Seemanns Essay ist die intangible bubble. Damit ist die Tatsache gemeint, dass es globale Konzerne wie Microsoft oder Adobe immer noch schaffen, Software, die durch die unermüdlichen Anstrengungen der Open Source-Bewegung seit Jahr und Tag kostenlos zum Download zur Verfügung steht, zu marginalisieren, um stattdessen die eigenen Varianten für teuer Geld zu verhökern. Produkte und damit Know-how, das eigentlich allen gehören sollte, wird so privatisiert und ohne echte Not verteuert:

Ich glaube, Immaterialgüter sind massiv überbewertet … , weil sie künstlich am Spill-Over gehindert werden, der im Digitalen … der Naturzustand jeder Information ist. […] Ein wesentlicher Teil des digitalen Wachstums der letzten Jahre ist einzig und allein durch das Aufbauen von größeren und besseren Kontrollstrukturen erwirtschaftet worden.

Platzt die intangible bubble aber dann doch irgendwann mal und das geballte digitale Wissen schwappt über, dürfte es für die Software-Riesen zunehmend schwieriger werden, noch mit irgendwas Digitalem Geld zu verdienen. Alles wesentliche Know-how wäre dann ja in öffentlicher Hand bzw. gemeinfrei oder zumindest staatlicher Kontrolle unterstellt.

Seemann ist zwar optimistisch, dass die restriktiven Strategien dieser Konzerne demnächst an ihr Ende kommen und Microsoft dann bsp.weise Word und Excel kostenlos ins Netz stellt. Bis dahin aber gilt…

In der digitalen Ökonomie bedeutet Wachstum, dass … Menschen unnötigerweise mehr bezahlt haben, als sie unter normalen Marktbedingungen müssten.

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3 Fortschritt ohne Wachstum

Konservative ÖkonomInnen und die FDP lehren seit jeher „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s allen gut!“ Anders gesagt, Transaktionswachstum gleich Wirtschaftswachstum, bzw. je mehr Transaktionen stattfinden, desto stärker wächst die Wirtschaft.

Der weltweite Aufstieg der Wikipedia lässt sich in einer solchen Metrik nur als ökonomisches Desaster ausdrücken, denn der papierbasierten Lexikon-Industrie dürfte damit global weitgehend der Garaus gemacht worden sein. Ich kann das jetzt nicht in Zahlen beweisen, bin mir aber sicher, dass noch nie so viele Menschen so einfachen Zugang zu lexikalisch organisiertem Wissen hatten. Nur dass der eben keine Transaktionen im Sinne der Ökonomie beinhaltet. Oder möchte jemand seinen 24-bändigen Brockhaus zum einmaligen Vorzugspreis von XXXX.- DM wiederhaben, in dem X% aller Artikel nach einem Jahr Makulatur sind?

Nun gilt die Wikipedia aber bei allen Menschen, die nicht in der papierbasierten Lexikon-Industrie gearbeitet haben, also ca. 99.98% der Weltbevölkerung, als bedeutender zivilisatorischer Fortschritt und nicht als volkswirtschaftlicher Flurschaden. Und, liebe FPD, stimmt das etwa nicht?

Oder kann es etwa sein, dass in diesem Fall globaler zivilisatorischer Fortschritt mit ökonomischem Minuswachstum einherging? Seemann fasst diese durchaus explosive Gemengelage lapidar so zusammen:

Digitale Innovation spart mehr Transaktionen ein, als sie zusätzlich erschafft …

Soziodigitalisierung und Kapitalismus gehören unterschiedlichen Galaxien an, die sich lediglich manchmal an den Rändern berührt haben. In ihrem Inneren aber kreisten sie stets und kreisen sie weiter um Zentren, die kaum etwas gemein haben. Richtig verstanden, kann Soziodigitalisierung Fortschritt ohne (ökonomisches) Wachstum bedeuten.

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4 Der Hauptwiderspruch

Der Kapitalismus entstand, um die natürliche Knappheit materieller Güter und Dienstleistungen in einer bestimmten Form zu organisieren (eine Alternative hierzu war der real exisierende Sozialismus). Der digitale Kapitalismus versucht nun mehr oder minder krampfhaft, diese Organisationsform auch angesichts der natürlichen Unerschöpflichkeit immaterieller Daten und Dienstleistungen beizubehalten. Und genau deswegen kommt er uns oft so komisch, so antiquiert und so unangemessen vor.

Es wäre missverständlich, zu sagen, dass die Soziodigitalisierung einen ökonomischen Paradigmawechsel herbeigeführt hat und die Einsichten von Marx, Keynes und Hayek nicht mehr gelten. Ist es nicht eher so, dass in einer Sphäre beliebig verfügbarer verlustfreier Kopien die Hauptursache, warum der Mensch überhaupt ökonomisch zu denken gezwungen war, entfällt: die Knappheit von Gütern?

Es gibt einen oftmals zugedeckten Hauptwiderspruch zwischen der Unerschöpflichkeit digitaler Daten und der Erschöpfbarkeit materieller Güter, der nur einhegbar, aber nicht auflösbar ist. Mit der Erfindung von iTunes haben Steve Jobs und seine ErbInnen im Geiste in den vergangenen zwanzig Jahren kaum etwas anderes getan, als zu versuchen, diese Zahnpasta zurück in die Tube zu drücken.

Es war ein Rückzugsgefecht gegen die Geister, die sie selbst gerufen hatten.


 

1 Das gilt nicht für die VR China, wo der Staat das Urheberrecht nur dort zu schützen scheint, wo es ihm in den Kram passt.

 

2 Verbesserungsvorschlag: Wie wäre es mit „marktförmige Verfügungsgewalt“?
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