Heidenreich über Vertrauensbildung im Zeitalter Sozialer Medien

Im Netz kommt Vertrauen anders zustande in den alten Medien. Wir vertrauen unseren Freunden. Wir hören auf ihre Kommentare, lesen ihre Posts und folgen ihren Links. Der Anspruch auf Objektivität und Informiertheit, den die alten Medien und das Fernsehen stets ausstrahlten, zählt demgegenüber wenig. […] Das hat zwei Effekte. Die alten Medien feuern gegen alles, was ihnen ihre Autorität streitig machen will. […] Je heftiger diese Angriffe vorgetragen werden, desto eher bestätigen sie den Autoritätsverlust. Um so verlockender erscheint es den Akteuren der anderen Seite, Interessenkonflikte und Seilschaften … genau auszuleuchten, von den oligarchischen Besitzverhältnissen vieler alter Medien ganz zu schweigen. Der tiefere Grund des Zerwürfnisses liegt … darin, dass Netzwerk-Plattformen Vertrauen als politische Kategorie überhaupt wieder ins Spiel bringen.

Stefan Heidenreich: Vertrauensbildung im Zeitalter der Netzwerke. Das Ende der PR-Politik? (carta.info 2016-02-01)

Heidenreich über Vertrauensbildung im Zeitalter Sozialer Medien

Ist das bildungsferne deutsche Facebook Folge eines Elitenversagens?

Folgende Grafik der OECD, auf die Sascha Lobo in seiner wöchentlichen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE am 20. Januar hinwies, lässt mir keine Ruhe mehr:

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Sollten diese Angaben der Realität entsprechen (und welchen Grund sollte die OECD haben, hier zu manipulieren?), wird klarer, was mitgemeint ist, wenn so oft von Deutschland als einem „digitalen Entwicklungsland“ die Rede ist: Nicht nur die (relativ) miese Netzanbindung und die (relativ) hohen Nutzungsgebühren, sondern die Tatsache, dass Deutschland europaweit die (absolut) bildungsfernsten Nutzer Sozialer Netzwerke (=Facebook, Whatsapp, Twitter und der klägliche Rest) aufweist.

Weiterhin fällt auf, dass in diesem Ranking (mit der bemerkenswerten Ausnahme Ungarn) ziemlich genau die Länder auf das Schlusslicht Deutschland folgen, in denen rechtspopulistische Parteien (relativ) großen Einfluss auf die Politik haben (vgl. hierzu meinen Weltsicht-Artikel aus dem Jahr 2014. Demnach wirken die erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien Europas in folgenden Ländern: Schweiz, Österreich, Ungarn, Finnland, Norwegen, Lettland, Dänemark).

Ein Korrelation zwischen anhaltender Social Media-Abstinenz von Akademikern und dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen eines Landes scheint also gegeben (Hinweis: Eine Korrelation begründet kein Kausalverhältnis).

Aber warum scheuen weite Teile der Deutschen mit high formal education weiterhin das ursprünglich als Wissenschaftsnetzwerk gedachte Internet, vor allem in seiner populärsten Erscheinungsform, nämlich Facebook? Dazu folgende These:

Aufgabe einer Meinungselite sollte u. a. sein, die soziokulturelle Bedeutung neuer Technologien angemessen einzuschätzen und zu kommentieren. Die publizistische Lage in Rest-Europa kenne ich nicht, in Deutschland aber wurde „das“ Internet von den großen Intelligenzblättern wie FAZ, ZEIT und SÜDDEUTSCHE bisher sehr oft als vor allem „verdummendes“ Medium beschrieben (wie einst das Fernsehen, remember?). Publizisten wie Frank Schirrmacher („Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“, 2009) und Manfred Spitzer („Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, 2012 sowie „Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“, 2015) verfassten darüber hinaus internetkritische Bücher, die jeweils zu Bestsellern wurden.

Das Spezifische an dieser Art von Internetkritik ist, dass hier ein ganzes Medium mit seinen zweifellos vorhandenen problematischen Nebenwirkungen kurzgeschlossen wird. Das aber ist schlicht bizarr. Niemand käme bsp.weise auf die Idee, dass das Medium Telefon dumm macht. Oder das Medium Radio. „Dumm“ macht nur ein unreifes Nutzerverhalten (das es massenhaft gibt, das möchte ich gar nicht bezweifeln). Autoren wie Schirrmacher und Spitzer verwechseln also schlicht Ursache und Wirkung: Die Menschen werden nicht deshalb immer zerstreuter, gedankenloser und stumpfer, weil sie das Internet nutzen, sondern es gibt einfach viele zerstreute, gedankenlose und stumpfe Menschen, die nicht in der Lage sind, mit dem Internet auf erwachsene, verantwortungsvolle Weise umzugehen. Natürlich verschlimmern sich dadurch ihre Symptome. Aber warum ist daran dann das Internet schuld?

Die jahrelange Kritik weiter Teile der papierbasierten deutschen Meinungselite am Internet als Medium hatte offenbar nachhaltigen Erfolg. Mit der Folge, dass in Deutschland der Hausmeister auf Facebook ist, nicht aber die Professorin. Parallel hat sich mittlerweile zwar durchaus eine Reihe von (im Verhältnis zu Facebook) mikroskopisch kleinen alternativen Sozialen Netzwerken wie etwa nensch.de, der deutsche Ableger von Diaspora* oder die Community des FREITAG etabliert. Wer aber dort auf oft respektablem bis mitunter hohem Niveau diskutiert, ist  für Facebook – und damit für eine potentiell breite Öffentlichkeit – meist verloren. Man bleibt – in einer Art soziodigitaler Segregation – vornehm unter sich.

Die papierbasierte deutsche Meinungselite sieht sich natürlich jetzt, nach „Köln“, in ihren alten (Vor-)Urteilen gegen Soziale Netzwerke mehr als bestätigt. Nur ist Facebook mittlerweile so mächtig geworden, dass es selbst die Kanzlerin für notwendig hält, quasi auf Augenhöhe mit dem Unternehmen zu verhandeln.

Dass sie ein Stück weit selbst dazu beigetragen haben, das deutsche Facebook so geistfern zu machen, wie es leider nun mal in weiten Teilen ist, wird den Machern der deutschen Intelligenzmedien aber wohl niemals in den Sinn kommen.

In diesem Sinn lässt sich das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch als Folge eines Elitenversagens begreifen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Ist das bildungsferne deutsche Facebook Folge eines Elitenversagens?

Nicht Automatisierung ist das Problem, sondern Ausbeutung…

…,sagt, wie so ähnlich schon CCC-Boss Frank Rieger im Mai diesen Jahres hier, der Unternehmensberater (!) Johannes Kleske während des folgenden kurzweiligen, informativen und engagierten Vortrags, den er am 23. November an der Uni Cottbus hielt:

 

 

Danke an Ralf, ohne den ich von diesem Vortrag vermutlich niemals erfahren hätte!

Nicht Automatisierung ist das Problem, sondern Ausbeutung…

Geuter über den Qualitätsverlust digitaler Kopien

Auch digitale Kopien von Artefakten, die zur Kommunikation mit unserer Umwelt dienen, werden schlechter [als das Original, S.H.]. Sie verlieren Qualitäten, die wir ihnen als soziale Struktur geben: Bedeutung und Impact.

Jürgen Geuter: Die Kopie der Kopie der Kopie (Blogartikel vom 24. August 2015)

Geuter über den Qualitätsverlust digitaler Kopien

Hetzels Ferienkurse 2014

Erstmalig werden Veranstaltungen des traditionsreichen eKomponistentreffens Darmstädter Ferienkurse als Live-Audiostreams frei empfangbar sein – dank der Online-Diskussionsplattform Voice Republic.

Eine Übersicht mit allen Terminen, die mich interessieren, habe ich hier aufgestellt. Sie ist auch über das Blog-Hauptmenü ganz oben zugänglich.

Wer während der Live-Übertragungen keine Zeit hat, kann sich die Aufzeichnungen der Diskussionen irgendwann später bei Voice Republic anhören oder als Audiodatei herunterladen.

Hetzels Ferienkurse 2014

Der Bundesnetzpräsident predigt der Bundesnetzgemeinde

King Lobo, der Oberblogger Kolumnist auf SPIEGEL ONLINE und ansonsten eher Gelegenheitsblogger, ist von dieser seiner eigenen Ansprache auf der diesjährigen re:publica tief bewegt – was sich (wer ihn kennt, weiß das) im Verlauf der Rede sogar noch steigert. Im Endeffekt sind ihm aber das überlegene Grinsen und der lässige Spott tatsächlich gründlich vergangen. Ende der Party. Schluss mit lustig. Jetzt bitte erwachsen werden. Undsoweiter.

Sein Marcuse-Zitat von der eingebauten Herrschaftsfreundlichkeit jeglicher Technologie halte ich für wenig zielführend. Genausogut könnte man feststellen: „Jede Treppe verfügt über eine eingebaute Aufstiegsfreundlichkeit.“ Es dient aber wohl eher dazu, auch dem letzten Cyberpunk klar zu machen, dass nicht nur die Musik, sondern auch die Technologie eine Prostituierte, d. h. ein willfähriges Tool ohne eigenen ethischen Kompass, ist

Lobos Tonfall nähert sich immer mehr dem von Joachim Gauck an, es ist nicht mehr der des zornigen jungen Mannes, des aufstrebenden Entrepreneurs oder auch des technophilen Revolutionärs, sondern der des Predigers, des Bußpredigers gar: „Kehret um und tuet Buße, dann werden euch eure Sünden verziehen. Denn sehet, auch ich war ein Sünder, doch durch die Gnade des Herrn wurde ich zur Einsicht geführet. Itzo kommet auch ihr zur Einsicht und öffnet eure Herzen und eure Geldbeutel.“ (In diesem Fall für Organisationen, die sich der Bewahrung des „freien Internets“ – was immer das ist – verpflichtet fühlen.)

Einmal entschlüpft Lobo sogar die Formulierung, man solle doch bitte für die „Unversehrtheit der digitalen Vernetzung“ kämpfen (bei 1:04:20). Als habe so etwas jemals existiert.

Kurz, der Vortrag teilt uns viel über die momentane Befindlichkeit des Vortragenden, aber wenig über mögliche (d. h., ebenso wünschenswerte wie praktikable) Zukünfte der Soziodigitalisierung mit. Dennoch – oder gerade deswegen – ist er markant und deshalb hörenswert.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

Der Bundesnetzpräsident predigt der Bundesnetzgemeinde