Weltsichten

Der smarte Herr Limberg

Peter Limberg, ein US-amerikanischer Freigeist, der einen Podcast namens Intellectual Explorers Club betreibt, in dem u. a. schon Massimo Pigliucci und David Brin gastierten, publizierte zusammen mit dem Instagram-Lyriker Conor Barnes am 14. September 2018 eine ganz erstaunliche Excel-Tabelle aktueller US-amerikanischer Weltsichten, die der intellektuell stets neugierigen Weltsicht-Leserin hiermit präsentiert sei1:

Memetic Tribes (PDF-Version, lokal hinterlegt in diesem Blog)

Um diese Tabelle herum haben Limberg & Barnes einen streckenweise unangenehm reißerischen, streckenweise aber auch angenehm intelligenten Artikel namens The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 verfasst, der hiermit ausdrücklich empfohlen sei, weil er – trotz der ermüdend alarmistischen Wortwahl – ein philosophisch informiertes2 Licht auf die unübersichtliche aktuelle geistige Landschaft vor allem, aber nicht nur in den Vereinigten Staaten wirft.

Nach der Lektüre von Limbergs Essay fühlte ich mich bemüßigt, meine schematische Gegenüberstellung von Modernisierung und Digitalisierung der Gesellschaft aus meinem Artikel vom 23. September 2018 zu aktualisieren. Hier das Ergebnis meiner Bemühung:

Modernisierung Primat der Ökonomie, Frage nach der richtigen Gesellschaftsform
vorherrschende Alltagserfahrung Das Mannigfaltige (Kant)
modus operandi logisch => semantischer Realismus (Russell, Davidson), Falsifikationismus (Popper), Logischer Atomismus (Wittgenstein I) „Ein Satz ist entweder wahr oder falsch.“
=> Prozesse funktionale Ausdifferenzierung (Parsons, Luhmann) auf der Basis einer gemeinsamen großen Erzählung (Lyotard), z. B. einer Ideologie oder einer organisierten Religion
=> Organisationsformen politische Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Lobbys, Verbände, Vereine
=> Gesellschaftsformen Soziale Marktwirtschaft, real existierender Sozialismus, liberale Marktwirtschaft

Digitalisierung Primat der Kultur, Frage nach der korrekten Identität
vorherrschende Alltagserfahrung Binärität
modus operandi intuitiv => semantischer Anti-Realismus (Dummett), Verifikationismus (Wittgenstein II), Inferentialismus (Hegel, Brandom) „Es hängt vom Kontext ab, ob ein Satz wahr oder falsch ist.“
=> Prozesse Granularisierung (Kucklick) auf der Basis konkurrierender Memplexe (Dawkins) bzw. Satz-Regelsysteme (Lyotard)
=> Organisationsformen memetic tribes (Limberg), digitaler Tribalismus (Seemann)
=> Gesellschaftsformen Neoliberalismus, Fundamentalismen (religiös, rassisch), Neo-Rationalismen, Populismus


1 Dank an Michael Seemann, durch den ich auf diesen Artikel aufmerksam wurde.
2 Das meint vor allem die Auseinandersetzung mit Jean-François Lyotards Hauptwerk „Der Widerstreit“ aus dem Jahr 1983, in dem die Probleme einer sich immer weiter atomisierenden modernen Industriegesellschaft bereits ausführlich beschrieben wurden.
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Musikgeschichte als Mediengeschichte

Wer Harry Lehmanns „medialistische“ (R. Schuster) Rekonstruktion der Musikgeschichte noch nicht kennt, für den ist dieser bereits im Februar diesen Jahres in Freising gehaltene Vortrag eine hervorragende Einführung. Lehmann schafft es, historische Makro-Zusammenhänge einleuchtend zu erklären, ohne jemals in den üblichen akademischen Jargon zu verfallen (wie ich es manchmal tue – allerdings aus anderen Gründen).

Ich komponiere und Harry Lehmann macht die Theorie dazu … gut, das ist natürlich stark übertrieben und reichlich narzisstisch, aber als ich 2012 erstmals Bekanntschaft mit Harrys Gedanken machte, kam es mir schon ein wenig so vor, also ob da zwei Bachläufe, die bisher in verschiedenen Tälern munter vor sich hin geplätschert hatten, plötzlich zusammenflössen, um sich zu einem etwas mächtigeren Strom zu vereinen. Danke, Harry!

Postskriptum: Idee für einen eigenen Vortrag: „Komponieren ohne Noten“

Does the Clash of Histories mean the End of Civilization?

Fukuyama
Dass der Gelehrte Francis Fukuyama, von dem die Prognose vom „Ende der Geschichte / End of History“ stammt, Schüler des Gelehrten Samuel P. Huntington war, der die nicht minder berühmte Prognose vom „Kampf der Kulturen / Clash of Civilizations*“ formulierte, war mir nicht bekannt und ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, zu unterschiedlich die politischen Positionen der beiden. Is aber so. Vor Kurzem publizierte Fukuyama eine Hommage an Huntington auf the-american-interest.com, wo er die beiden berühmten Aussagen einander gegenüberstellt und analysiert, welche sich denn nun als zutreffender erwiesen habe.

Dabei kommt er zwar zu keinem eindeutigen Ergebnis, aber es gelingen ihm währendessen eine ganze Reihe von professoralen Gelehrtensätze zur Lage der Dinge, die mir zunächst banal erschienen, dann aber doch in der Lage waren, eine ganze Menge Dinge ebenso elegant wie kompakt auf den Punkt zu bringen und mich zum Zuspitzen anzuregen. Zum Beispiel diesen hier:

In place of the Left-Right ideological split defined largely by issues revolving around the relative economic power of capital and labor in an industrialized setting that characterized 20th-century politics, we now have a political spectrum organized increasingly around identity issues, many of which are defined more by culture than by economics narrowly construed.

D. h. ja nichts anderes, als dass die Menschen des 21. Jahrhunderts stärker von kulturellen Einflüssen geprägt sind als die des 20., in welchem die Ökonomie dominierte. Dies widerspricht zwar dem klassischen Narrativ, dass fortschreitende Modernisierung automatisch einen Rückgang kultureller Prägungen bedeutet (vgl. den Siegeszug des International Style in der modernen Architektur gegenüber traditionellen regionalen Baustilen). Es erklärt dafür aber die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung und dem Wiederaufleben religiöser und nationalistischer, ja rassistischer Strömungen weltweit.

Huntington
Die Moderne war ein großer Gleichmacher und brachte auch entsprechend kommunitaristische Weltsichten hervor, nämlich den real exisierenden Sozialismus (DDR, UdSSR, China, Kuba etc.), die Marktwirtschaft US-amerikanischer Prägung sowie – als intelligenten Kompromiss aus beiden – die Soziale Marktwirtschaft (BRD, Schweden, Norwegen, …), hinter der das sozialdemokratische Narrativ steckte und immer noch steckt.

Die Digitalisierung dagegen ist, so scheint es, der große Vereinzeler, der alles und jeden, d. h. sowohl Individuen wie soziokulturelle und/oder ethnische und/oder religiöse Gruppen, auf sich selbst zurückwirft und damit einen ausgesprochen anti-kommunitaristischen Effekt hat. Sie individualisiert, parzelliert, granuliert und schafft Raum zur Entfaltung von mehr oder minder diffusen Befindlichkeiten, religiösen Gefühlen oder manchmal einfach auch nur Idiosynkrasien, die im 20. Jahrhundert noch weitgehend ignoriert, unterdrückt oder schlicht psychiatrisiert worden wären.

Etwas schematisiert lässt sich dieser Gedankengang so darstellen:

Modernisierung (Primat der Ökonomie, Frage nach der richtigen Gesellschaftsform):
=> real existierender Sozialismus
=> liberale Marktwirtschaft
=> Soziale Marktwirtschaft

Digitalisierung (Primat der Kultur, Frage nach der korrekten Identität):
=> 
Neoliberalismus
=> Fundamentalismus (religiös, rassisch, politisch, ideologisch)
=> Populismus, Verschwörungstheorien

Interessanterweise traten die Protagonisten der Digitalisierung (heute Facebook, Google etc., früher IBM, Microsoft etc.) einst mit dem kommunitaristischen Narrativ der „Vernetzung“ an und ich habe keinen Anlass, anzunehmen, sie hätten nicht selbst daran geglaubt. Sie wollten eine „Moderne 2.0“, die nichts anderes als die Fortführung der klassischen Moderne im digitalen Medium sein sollte (vgl. bsp.weise den kommunitaristischen Slogan „connecting people“). Etwas anderes konnten sich weder Bill Gates noch Jeff Bezos vorstellen.

Herausgekommen aber ist die Welt, in der wir heute leben, und die ist eher von gestiegenem gegenseitigem Misstrauen als von gewachsener globaler Harmonie geprägt. Und zwar als Folge von connecting people.

Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass ich jetzt mehr darüber weiß, wer meine Nachbarin ist, was sie denkt und was sie tut, hat mein Misstrauen ihr gegenüber verstärkt. Warum? Weil sie wirklich anders ist als ich und ich sie deshalb nicht verstehe und ihr Verhalten nicht vorhersehen kann. Auch kann ich die Gründe und Motivationen ihres So-Seins nur in Ansätzen nachvollziehen und mitunter gar nicht. Meine Nachbarin stellt demzufolge ein Risiko für mich dar und ich kann darauf nur mit Schutzmaßnahmen („Let’s build a wall!“, DJ Trump) reagieren – oder im Extremfall eben mit Gewalt.

Zugespitzt formuliert kann man sagen, dass die ProtagonistInnen der Digitalisierung zwar sicherlich sowohl brillante IngenieurInnen als auch tüchtige ÖkonomInnen waren, aber sie hatten keinen Dunst von basaler menschlicher Psychologie, die die mittel- und langfristigen Folgen ihres Tuns hätte vorhersehen können.

Und genau das rächt sich jetzt.

Nachhaltig.


* Die Übersetzung von clash als „Kampf“ in der deutschen Ausgabe ist definitiv tendenziös. Clash bedeutet „Aufeinanderprall“, „Konflikt“ oder „Zusammenstoß“. „Konflikt der Kulturen“ würde sich allerdings als Buchtitel vermutlich nicht so gut verkauft haben, woran man mal wieder sieht, welch gewaltigen Einfluss Übersetzungen haben können.

Heidenreich über Vertrauensbildung im Zeitalter Sozialer Medien

Im Netz kommt Vertrauen anders zustande in den alten Medien. Wir vertrauen unseren Freunden. Wir hören auf ihre Kommentare, lesen ihre Posts und folgen ihren Links. Der Anspruch auf Objektivität und Informiertheit, den die alten Medien und das Fernsehen stets ausstrahlten, zählt demgegenüber wenig. […] Das hat zwei Effekte. Die alten Medien feuern gegen alles, was ihnen ihre Autorität streitig machen will. […] Je heftiger diese Angriffe vorgetragen werden, desto eher bestätigen sie den Autoritätsverlust. Um so verlockender erscheint es den Akteuren der anderen Seite, Interessenkonflikte und Seilschaften … genau auszuleuchten, von den oligarchischen Besitzverhältnissen vieler alter Medien ganz zu schweigen. Der tiefere Grund des Zerwürfnisses liegt … darin, dass Netzwerk-Plattformen Vertrauen als politische Kategorie überhaupt wieder ins Spiel bringen.

Stefan Heidenreich: Vertrauensbildung im Zeitalter der Netzwerke. Das Ende der PR-Politik? (carta.info 2016-02-01)

Ist das bildungsferne deutsche Facebook Folge eines Elitenversagens?

Folgende Grafik der OECD, auf die Sascha Lobo in seiner wöchentlichen Kolumne auf SPIEGEL ONLINE am 20. Januar hinwies, lässt mir keine Ruhe mehr:

prollnetz

Sollten diese Angaben der Realität entsprechen (und welchen Grund sollte die OECD haben, hier zu manipulieren?), wird klarer, was mitgemeint ist, wenn so oft von Deutschland als einem „digitalen Entwicklungsland“ die Rede ist: Nicht nur die (relativ) miese Netzanbindung und die (relativ) hohen Nutzungsgebühren, sondern die Tatsache, dass Deutschland europaweit die (absolut) bildungsfernsten Nutzer Sozialer Netzwerke (=Facebook, Whatsapp, Twitter und der klägliche Rest) aufweist.

Weiterhin fällt auf, dass in diesem Ranking (mit der bemerkenswerten Ausnahme Ungarn) ziemlich genau die Länder auf das Schlusslicht Deutschland folgen, in denen rechtspopulistische Parteien (relativ) großen Einfluss auf die Politik haben (vgl. hierzu meinen Weltsicht-Artikel aus dem Jahr 2014. Demnach wirken die erfolgreichsten rechtspopulistischen Parteien Europas in folgenden Ländern: Schweiz, Österreich, Ungarn, Finnland, Norwegen, Lettland, Dänemark).

Ein Korrelation zwischen anhaltender Social Media-Abstinenz von Akademikern und dem Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen eines Landes scheint also gegeben (Hinweis: Eine Korrelation begründet kein Kausalverhältnis).

Aber warum scheuen weite Teile der Deutschen mit high formal education weiterhin das ursprünglich als Wissenschaftsnetzwerk gedachte Internet, vor allem in seiner populärsten Erscheinungsform, nämlich Facebook? Dazu folgende These:

Aufgabe einer Meinungselite sollte u. a. sein, die soziokulturelle Bedeutung neuer Technologien angemessen einzuschätzen und zu kommentieren. Die publizistische Lage in Rest-Europa kenne ich nicht, in Deutschland aber wurde „das“ Internet von den großen Intelligenzblättern wie FAZ, ZEIT und SÜDDEUTSCHE bisher sehr oft als vor allem „verdummendes“ Medium beschrieben (wie einst das Fernsehen, remember?). Publizisten wie Frank Schirrmacher („Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen“, 2009) und Manfred Spitzer („Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“, 2012 sowie „Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“, 2015) verfassten darüber hinaus internetkritische Bücher, die jeweils zu Bestsellern wurden.

Das Spezifische an dieser Art von Internetkritik ist, dass hier ein ganzes Medium mit seinen zweifellos vorhandenen problematischen Nebenwirkungen kurzgeschlossen wird. Das aber ist schlicht bizarr. Niemand käme bsp.weise auf die Idee, dass das Medium Telefon dumm macht. Oder das Medium Radio. „Dumm“ macht nur ein unreifes Nutzerverhalten (das es massenhaft gibt, das möchte ich gar nicht bezweifeln). Autoren wie Schirrmacher und Spitzer verwechseln also schlicht Ursache und Wirkung: Die Menschen werden nicht deshalb immer zerstreuter, gedankenloser und stumpfer, weil sie das Internet nutzen, sondern es gibt einfach viele zerstreute, gedankenlose und stumpfe Menschen, die nicht in der Lage sind, mit dem Internet auf erwachsene, verantwortungsvolle Weise umzugehen. Natürlich verschlimmern sich dadurch ihre Symptome. Aber warum ist daran dann das Internet schuld?

Die jahrelange Kritik weiter Teile der papierbasierten deutschen Meinungselite am Internet als Medium hatte offenbar nachhaltigen Erfolg. Mit der Folge, dass in Deutschland der Hausmeister auf Facebook ist, nicht aber die Professorin. Parallel hat sich mittlerweile zwar durchaus eine Reihe von (im Verhältnis zu Facebook) mikroskopisch kleinen alternativen Sozialen Netzwerken wie etwa nensch.de, der deutsche Ableger von Diaspora* oder die Community des FREITAG etabliert. Wer aber dort auf oft respektablem bis mitunter hohem Niveau diskutiert, ist  für Facebook – und damit für eine potentiell breite Öffentlichkeit – meist verloren. Man bleibt – in einer Art soziodigitaler Segregation – vornehm unter sich.

Die papierbasierte deutsche Meinungselite sieht sich natürlich jetzt, nach „Köln“, in ihren alten (Vor-)Urteilen gegen Soziale Netzwerke mehr als bestätigt. Nur ist Facebook mittlerweile so mächtig geworden, dass es selbst die Kanzlerin für notwendig hält, quasi auf Augenhöhe mit dem Unternehmen zu verhandeln.

Dass sie ein Stück weit selbst dazu beigetragen haben, das deutsche Facebook so geistfern zu machen, wie es leider nun mal in weiten Teilen ist, wird den Machern der deutschen Intelligenzmedien aber wohl niemals in den Sinn kommen.

In diesem Sinn lässt sich das sagenhaft bildungsferne Niveau weiter Teile des deutschen Facebooks auch als Folge eines Elitenversagens begreifen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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