Soziodigitalisierung und kulturelle Hyperstabilität

music cultures

1945-1983: Jeder kennt Rock ’n’ Roll… Die Mittelschicht wird allmählich vermögender (man beachte aber auch die lokale Depression vor Erfindung der Pille) und der Reihe nach erblühen musikalische Popkulturen, die zumindest dem Namen nach den meisten Menschen bis heute etwas sagen.
1984-heute: …aber was zum Teufel ist Dubstep? Die Mittelschicht verarmt rasch, während die von zahlenmäßig immer kleineren Bevölkerungskohorten (Generationen X, Y, und Z) getragenen musikalischen Popkulturen hypertrophieren und sich schlussendlich gegenseitig neutralisieren.
Quelle (Ausgangsgrafik vom Blogbetreiber stark bearbeitet)

1 Die Retro-Schleife
2 Zum Beispiel Post-Punk
3 Die Abschaffung der Langeweile
4 Musikalische Popkultur 2019
5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung
6 Lob der Grille

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1 Die Retro-Schleife

Etwas stimmt nicht. Fast immer, wenn ich Omnibus fahre, hören die FahrerInnen Popsongs meiner Adoleszenz im Privatradio, das ja bekanntlich keinen Bildungsauftrag hat, sondern nur spielt, was die HörerInnen wirklich wollen. Sie wollen also Phil Collins, Wham!, Tina Turner. Ich wähne mich im falschen Film, gefangen in einer längst vergangenen Zeit inkl. der damit verbundenen Erinnerungen, Assoziationen, Gefühle etc. Aber außer mir scheint das niemand so zu empfinden. Frage ich nach, bekomme ich Antworten wie „Na ja, heute gibt es ja keine Musik mehr, oder?“, was mein Unbehagen ins nahezu Unerträgliche steigert, denn das ist ja ganz offenbar totaler Schwachsinn.

Seit 40 Jahren sind wir nun schon technologischen Innovationen ausgesetzt, die unseren Alltag komplett verändert haben. Die Antwort des Busfahrers darauf lautet Phil Collins. Sind also BusfahrerInnen kollektiv aus der Zeit gefallen? Wählen sie deshalb AfD bzw. wählen sie gar nicht mehr? Oder bin ich es, der nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, weil er es sich in seiner blogosphärischen Generation X-Filterblase allzu bequem gemacht hat und kulturell entfremdet auf den Rest der Welt herabsieht?

Technologische Innovationen oder meinetwegen sogar Revolutionen waren immer, da sind sich die GelehrtInnen sogar einig, „Katalysator“ (H. Lehmann über den Zusammenhang von Digitalisierung und Konzeptmusik) ebensolcher Vorgänge auf soziokulturellem Gebiet. Selbst der erzkonservativste Historiker würde nicht bestreiten, dass die Musik der Klassischen Moderne ohne vorhergehenden Siegeszug von Web- und Dampfmaschine ganz anders klingen würde. Wieso also kann es sein, frage ich mich, dass die Antwort auf 40 Jahre technologische Innovation für viele Menschen Phil Collins lautet? Etwas stimmt ganz und gar nicht.

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2 Zum Beispiel Post-Punk

Ich wurde geprägt durch eine Zeit, in der Musik emanzipatorische Kraft entfaltete, die das Leben verändern konnte. Allein durch das Hören bestimmter Musik eröffneten sich mir emotionale, sinnliche und geistige Möglichkeitsräume, die ich anders nie hätte betreten können, denn die Kultur, in der ich aufgewachsen war, wusste nichts von ihnen.

Und tatsächlich hatte ich damals, in den Achtzigerjahren, den Eindruck, dass bsp.weise die Musik, die man heute Post-Punk nennt, dringend notwendige, aber durch allgemeine Trägheit bisher blockierte gesellschaftliche Veränderungen derart exakt adressierte, dass es zum Heulen war. Die besten Stücke demonstrierten drastisch und nicht selten sarkastisch, dass und warum es so nicht mehr weitergehen konnte.

Post-Punk war dabei nur das neueste Update einer ganzen Reihe musikalischer Popkulturen, über die man sich im 20. Jahrhundert als Jugendliche via Affirmation oder Ablehnung identifizieren konnte. So entstand ein soziokultureller Horizont, vor dem sich der Rest der Welt abspielte. Mit dem public intellectual Diedrich Diederichsen als Gewährsmann fasste auch ich „Punk“ als geradezu – bitte jetzt nicht lachen, wir waren jung und naiv – archimedischen kulturgeschichtlichen Punkt auf, der für historische Orientierung sorgte. „Punk“ war dabei eine Chiffre, die nicht viel mit der gleichnamigen musikalischen Popkultur zu tun haben musste, denn Punk als Musik habe ich praktisch nie gehört.

Hatte man dieses Narrativ erst einmal verinnerlicht, ließ sich auf einen Schlag eine Unmasse soziokultureller Einzelphänomene sortieren. In diesem Sinn fungierte Post-Punk wie eine Ideologie: Mithilfe einer neuen basalen Unterscheidung („vor Punk“ / „nach Punk“) eröffnete sich plötzliche eine neue Weltsicht aus der Nische. Wo vorher chaotisch-widersprüchliche Mannigfaltigkeiten das Hirn vernebelten, sortierten sich die Dinge nun quasi von selber. Vermutlich gefiel mir diese Operation auch wg. ihrer enormen intellektuellen Effizienz – die man mit Fug und Recht allerdings auch einfach Arroganz nennen könnte.

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3 Die Abschaffung der Langeweile

Heute befriedigen auf immer subtilere und diskretere Weise allgegenwärtige algorithmische Wunscherfüllungsmaschinen wie das Smartphone oder das Tablet ebenso virtuos wie variantenreich unsere weiterhin nicht stillzustellende Sehnsucht nach dem Neuen. Musste Punk noch wohl oder übel lokal ausgebrütet (W. Gibson) werden, um als Heilmittel gegen unerträgliche provinzielle Langeweile wirksam werden zu können, haben wir heute eher Mühe damit, uns daran zu erinnern, was das eigentlich mal war: Langeweile.

Intuitiv dürfte den meisten Menschen zwar weiterhin klar sein, dass die komplette Abwesenheit von Langeweile ebenso ungesund sein kann wie ihre ständige penetrante Vorherrschaft. Und doch gibt es heute kaum ein größeres Tabu 1 , als das Empfinden von oder auch nur die Sehnsucht nach Langeweile zur Sprache zu bringen.

Ich spreche hier weder von der Sehnsucht, einfach mal nichts zu tun, noch von der Sehnsucht, mal eine Weile „aus allem auszusteigen“, sondern von der Sehnsucht nach echtem Leerlauf, der einem sogar auf den Geist gehen mag. Wer aber so empfindet, ist einfach eine Verliererin, die es nicht gecheckt hat, dass man sich zeit seines Lebens auf den Hosenboden setzen und hart arbeiten (D. Trump) muss, um im „Ausscheidungskampf“ (N. Elias) des Lebens bestehen zu können.

Ohne quälend empfundene Leere aber keine diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten. Und ohne diffuse Sehnsucht nach dem Unbekannten kein kreatives Handeln, das sich nicht bereits in der Generierung von Wellnessempfindungen, der Optimierung von Arbeitsabläufen, „Hausfrauenkreativität“ (R. Schuster) oder gar, äh, „Selbstverwirklichung“ 2  erschöpft.

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4 Musikalische Popkultur 2019

Die feuilletonseitig einst gerne als Symptom von Bildungsferne und Oberflächlichkeit belächelte Option, das Werden und Vergehen von Popkulturen als historischen Horizont ernst zu nehmen, scheint, wie obenstehende Grafik zu zeigen versucht, spätestens seit Beginn des dritten Jahrtausends nicht mehr zu existieren. Dieser Horizont ist weggewischt. Es gibt heute zwar musikalische Popkulturen wie Sand am Meer, aber sie scheinen keine soziokulturelle Prägekraft mehr zu haben. Vor allem dienen musikalische Popkulturen längst nicht mehr der Solidarisierung, sondern der Abgrenzung. Popmusik wird gehört wie eh und je, aber dass ein Song oder gar eine Sammlung von Songs (einst „Album“ genannt) gesellschaftliche Desiderate artikulieren könnte, die über die Abfackelung individueller SorgenFreudenNöteEuphorienÄngste hinausgehen, dieser Gedanke mutet 2019 abwegig an.

Waren musikalische Popkulturen im 20. Jahrhundert stets agonal, d. h. für oder gegen etwas, mutet die heutige Situation eher wie ein „befriedeter Raum“ im Sinne von Norbert Elias an: Popmusik artikuliert zwar weiterhin soziale Missstände (vgl. HipHop) oder negative Emotionen, die sogar beliebig extrem sein können (vgl. diverse Spielarten von Metal), aber angesichts der Atomisierung der zugehörigen Szenen verpuffen diese ebenso legitimen wie zeitlosen postadoleszenten Aufschreie / Empörungen / Rebellionen zuverlässig in der Tiefe des granular segregierten soziokulturellen Raumes. Den Rest regelt bzw. erledigt die weiterhin neoliberal geprägte Ökonomie. Unterm Strich passiert – nichts.

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5 Kulturelle Hyperstabilität als Nebeneffekt der Soziodigitalisierung

Einen ersten Vorgeschmack davon, was kulturelle Hyperstabilität sein könnte, lieferten die französischen Intellektuellen Baudrillard und Virilio bereits in den frühen 1980er-Jahren mit heute zu Unrecht vergessenen Begriffen wie Hyperrealität bzw. Dromologie. Damals nannte man das putzigerweise „Postmoderne“ oder auch, vornehmer, weil französischer, Posthistoire. Die Digitalisierung, die damals erst in den Anfängen war, hatte man dabei noch nicht auf dem Atari-Schirm, es ging um die Rolle der guten alten Massenmedien. Tempi passati.

Die Digitalisierung, so meine These, hat den Wärmetod popmusikalischer Innovation (mach ruhig was du willst, es hat sowieso keine Bedeutung) nachhaltig beschleunigt. Dass die technologischen Innovationen der letzten 40 Jahre auf Kosten popmusikalischer Innovationen gehen würden, hatte jedoch vermutlich niemand im Silicon Valley jemals beabsichtigt. Es handelt sich also um einen klassischen Nebeneffekt.

Die KalifornierInnen haben gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gehandelt, denn mit was machte man mehr Kohle als mit popmusikalischer Innovation, die ja niemals isoliert daherkommt, sondern immer Teil bzw. Ausdruck eines spezifischen, d. h. so-noch-nie-dagewesenen-und-genau-so-niemals-wiederkehrenden, äh, Lebensgefühls sind, welches dann auch entsprechende Fernsehserien, ensprechende Kleidungsstile, entsprechende Computergames, entsprechende Drogen etc. hervorbringen muss? Weswegen sie auch in tiefer Verzweiflung ständig versuchen, diesen Motor mit der einzigen ihnen zur Verfügung stehenden Methode, dem Algorithmus bzw. der KI, wieder in Gang zu bringen. Allein, es gelingt nicht.

Was mir, ich gestehe es freimütig, ständigen Anlass zur Beruhigung gibt.

 

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6 Lob der Grille

Leider ist der an sich sehr adäquate Begriff Kreativität im Lauf der letzten 40 Jahre derart von neoliberalen Kräften usurpiert worden, das er schon fast als Synonym von Kohle machen durchgeht. Der Kreative ist demzufolge jemand, der Chancen bzw. Märkte erkennt oder erfindet, um Geld zu verdienen, Punkt.

Kreativität kann aber auch bedeuten, Dinge zu amalgamieren, die nicht zusammengehören, weil sie eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die kognitive Instanz, die Derartiges bewerkstelligen kann, nennt man allgemein Intuition oder Fantasie. Man kann aber auch Laune, Spleen, Spielerei, Fimmel, Tick, kindischer Einfall, Schrulle, fixe Idee, Lust, Spinnerei, Marotte oder Grille (Jean Paul, E. T. A. Hoffmann) dazu sagen.

Die Grille hat kein Interesse an der Optimierung von Arbeitsabläufen, sie will einfach nur ein Geräusch machen. Daran erschöpft sich der Zweck ihrer Existenz. Dafür aber hat die Kreative im o. g. Sinn buchstäblich keinen Sinn bzw. keine Sinne. Es erscheint ihr als verschwendete Zeit, die man besser mit dringend notwendiger harter Arbeit (D. Trump) gefüllt hätte, um etwas aus sich zu machen.

Cecil Taylor, einer der grillenhaftesten Musiker der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, sah sich einmal mit der Feststellung konfrontiert, im Grund sei er ja ebenso diszipliniert wie ein klassischer Konzertpianist, er übe schließlich täglich mehrere Stunden. Taylor daraufhin: „Discipline? – No!“ Er habe lediglich das Bedürfnis, jeden Tag mehrere Stunden Klavier zu spielen.

Taylor hatte zweifellos ständig ganze Heerscharen von Grillen im Kopf, die nach Ausdruck drängten. Aber er wollte sie eben nur rauslassen, das war alles. Als er gefragt wurde, warum er sich nicht einmal die Aufnahmen seiner zahllosen Performances anhöre, sagte er: „I know what happened.“ Eine härtere Opposition zum Konzept harter Arbeit (D. Trump) erscheint kaum möglich.

Aber – gut, zugegeben – niemand von uns ist so irre wie Cecil Taylor, es waren die 1960er-Jahre etc. Normale Menschen wie ich und du werden ihre überschaubar vielen Grillen dann doch zumindest gelegentlich mit harter Arbeit (D. Trump) päppeln müssen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass uns nur die Grille vor dem Infinite Jest (DF Wallace) kultureller Hyperstabilisierung retten kann. Lauscht auf ihr Zirpen, und sei es auch noch so zart! Und wer mal wieder nichts oder fast nichts hört, möge sich einstweilen mit Jean Paul’scher Weisheit trösten:

Grillen sind indes schwerer zu vertreiben als Schmerzen; diese sterben an der Zeit, jene wachsen an ihr. [Quelle]

 


 

1 Mir fällt gerade nur ein noch größeres Tabu ein: Jemandem kategorisch das Recht abzusprechen, weiter Konsument sein zu dürfen. Das dürfte fast allen Menschen in entwickelten Ländern nicht nur die Zornesröte ins Gesicht treiben, sondern auch den Wunsch befördern, die Urheberin eines solchen Dekrets unverzüglich unschädlich zu machen.

 

2 Grund für die Unsterblichkeit oder, besser, Untotheit, dieses monströsen Begriffs ist, dass niemand jemals in der Lage war, ihn semantisch dingfest zu machen. Will sagen, weder ist es möglich, ohne weltanschauliche Prämissen zu beweisen, dass so etwas wie Selbstverwirklichung existiert, noch ist es möglich, ihre Nichtexistenz zu beweisen. Ein Ausweg aus dieser Sackgasse bietet m. E. einzig eine agnostische Haltung, die den Vorteil hat, dann sowohl Verfechterinnen (progressive Personen) wie Leugner (konservative Personen) der Selbstverwirklichung gegen sich aufbringen zu können.
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Peter Limberg über Digitalen Tribalismus (6 von 8)

[…] adaptive instincts turn maladaptive due to exposure to supernormal stimuli; magnified and more attractive versions of evolved stimuli. Nikolaas Tinbergen, the ethologist who coined the term supernormal stimuli, demonstrated that he could trick birds, fish, and insects into evolutionary traps using exaggerated dummy objects designed to trigger their instincts. […] psychologist Deirdre Barrett points out that humans are just as fallible to these superstimuli. Whether it be junk food, laugh tracks, pornography, or likes on social media, these artificial triggers addict us and hijack our agency.

Peter Limberg with Conor Barnes: The Memetic Tribes Of Culture War 2.0 | medium.com 2018-09-14