Video der Woche : KW 08 : Steve Reich: „Music for a Large Ensemble“, 1978

Streckenweise halsbrecherisch rasante* und couragierte Interpretation dieses verteufelt schwer zu spielenden, geradezu brutal „metronomischen“ und nicht ganz so oft aufgeführten Werks, das Reich aus unklaren Gründen für eines seiner schwächeren Stücke hält. Ich ziehe diese Interpretation aus dem vergangenen Jahr der Originaleinspielung von Steve Reich and Musicians aus der Entstehungszeit der Komposition vor: Sie ist – trotz einiger deutlicher Patzer, aber mein Gott, es ist ein Live-Mitschnitt! – präziser gespielt und zudem deutlich transparenter aufgenommen. Gratulation an Christopher Stark und das Multi-Story Orchestra!

Die 360°-Kamera lässt sich mit dem Regler oben links im Video steuern – und das macht definitiv Spaß. Näher kann man einem Klangkörper kaum kommen. „Music for a Large Ensemble“ eignet sich aufgrund seiner extrem hohen Ereignisdichte für eine derartige Beobachtungsperspektive natürlich besonders gut. Allein die vierhändig Klavierspielenden beim geschickten Ausweichen zu beobachten ist die Sache wert!

Das Video ist mit einer Maximalauflösng von „4K“, also einer Bildhöhe von 2.160 Pixel in YouTube eingestellt worden. Macht dann über ein Gigabyte an Daten für eine gute Viertelstunde Video. Wo mein aktueller Monitor doch nur 900 Pixel kann. Es empfiehlt sich, die höchste ruckelfreie Auflösung zu wählen, sonst ist das Bild etwas unscharf. So langsam beginnt ein schneller Internet-Anschluss Sinn zu machen …

… & meine Hommage an diese Werkphase des Meisters, die Orchesterkomposition „2006“ (ePlayer-Realisierung inkl. eigener Visualisierung):


* Dauer ca. 14’40“, die Originaleinspielung von S.R. & Musicians dauert rund 50 Sekunden länger!
Video der Woche : KW 08 : Steve Reich: „Music for a Large Ensemble“, 1978

Reich klingt auch in billig gut…

…wie diese ganz reizende, klanglich etwas scharfe*, aber erstaunliche hypnotische Wirkung entfaltende Variante von „Octet“ belegt, die Steven Thomas vergangenen November in YouTube einstellte. Brillant work, Steven!

Mir fällt immer wieder auf, dass Reichs beste Kompositionen aufgrund ihrer Konzentration auf organisierte Diastematizität**, will sagen der Beschränkung auf definierte Tonhöhen (und natürlich Rhythmen), einen ähnlich „unzerstörbaren“ Charakter aufweisen wie etwa die besten Kompositionen von J. S. Bach: Sie lassen sich auf der klanglich simpelsten Spieluhr wiedererkennbar reproduzieren. Ein extremes Gegenbeispiel dazu wäre etwa die Musik Helmut Lachenmanns, dessen „Strukturklänge“ außerhalb sehr voraussetzungsreicher Bedingungen, will sagen des Einsatzes sog. „erweiterter Spieltechniken der Neuen Musik“, nicht reproduzierbar sind.

Und so gibt es denn auch MusikhochschuldozentInnen für erweiterte Spieltechnik, nicht aber für diastematisches Komponieren – oder gar das Komponieren mit MIDI, das – Vade retro, Satanas! – nicht einmal mehr InterpretInnen braucht. Warum sollten Musikhochschulen Derartiges fördern, außer, sie wären an ihrer eigenen Überflüssigmachung interessiert?

Es scheint mir hier einen klaren Zusammenhang zwischen Ästhetik und Ökonomie zu geben: Erweiterte Spieltechniken schaffen Arbeitsplätze, diastematische Minimal Music unter MIDI-Bedingungen vernichtet sie.

Unabhängig davon erscheint mir die euphorisierende Wirkung von Reichs Musik diametral zur dysphorisierenden von Lachenmanns Arbeiten – aber das mag die Eine oder der Andere durchaus exakt andersrum empfinden (z. B. so: Reich = „nervtötendes Gedudel“, Lachenmann = „befreiende Reflexivität“).


* Das kann aber auch  an meinen Boxen liegen.
** Diesen Begriff habe ich situativ erfunden, d. h., er ist mir anlässlich dieses Textes „eingefallen“. Es kann aber sein, dass ihn der eine oder die andere Autorin irgendwo bereits verwendet hat und ich habe nur vergessen, wo ich ihn aufgeschnappt habe. „Diastematizität“ leitet sich aus dem existierenden Adjektiv „diastematisch“ ab, welches „Tonhöhen anzeigend“ bedeutet, vgl. diesen Wikipedia-Artikel über adiastematische und diastematische Neumen.
Reich klingt auch in billig gut…

Video der Woche : KW 02 : Steve Reich: „Music for Mallet Instruments, Voices and Organ“, 1973

Ich bewundere hier vor allem die Leistung der doch recht sauber intonierenden Sängerinnen. Auch die Tontechniker haben hervorragende Arbeit geleistet.

Der Kontrast zwischen Reichs mitunter spröder Musik und den exzessiv eingesetzten und komplett zeittypischen Weichzeichnereffekten (remember David Hamiltons „Zärtliche Cousinen“?) des holländischen Fernsehens hat einen nahezu bizarren Reiz:

Filmplakat zu Hamiltons "Zärtliche Cousinen" aus dem Jahr 1980. Man nannte sowas damals "Erotikfilm." Hauptdarstellerin war die damals definitiv minderjährige Anja Schüte (*1964). Interessant, wie sich die Zeiten ändern: Würde ein derartiger Film heute noch "gehen"?
Filmplakat zu Hamiltons „Zärtliche Cousinen“ aus dem Jahr 1980. Man nannte sowas damals „Erotikfilm.“ Hauptdarstellerin war die damals definitiv minderjährige Anja Schüte (*1964). Interessant, wie sich die Zeiten ändern: Würde ein derartiger Film heute noch „gehen“?

Video der Woche : KW 02 : Steve Reich: „Music for Mallet Instruments, Voices and Organ“, 1973

Video der Woche : KW 01 : Steve Reich: „Six Pianos“, 1973

Interessante, durchaus „siebzigerjahremäßige“ Visualisierung des niederländischen Fernsehens. Besonders prägnant bei dieser Komposition natürlich die axialsymmetrische Positionierung der Flügel auf der Bühne, die für sich allein schon an eine Arbeit von Donald Judd erinnert, z. B. diese hier:

Donald Judd: Untitled, 1980
Donald Judd: Untitled, 1980
Video der Woche : KW 01 : Steve Reich: „Six Pianos“, 1973

Ein Visualisierungskonzept für Reichs „Piano Phase“ (2014)

Google-Mitarbeiter Alexander Chen hatte folgende Idee, um Steve Reichs Komposition „Piano Phase“ aus dem Jahr 1967 zu visualisieren:

Die ersten paar Staccato-Tönchen gehören nicht zur Originalkomposition, vielleicht hat Chen die eingefügt, um Urheberrechtsproblemen aus dem Weg zu gehen. Auch ist nur der erste Abschnitt von Reichs Stück visualisiert und die Phasenübergänge, also die „chaotischen“ Abschnitte, sind recht kurz gehalten, aber egal, das Konzept überzeugt.

Das Ganze gibt es auch in Endlosschleife als Webpage, (Nerd-Info: erstellt in HTML 5 und mit der Web Audio API), visuell identisch zum obigen Video, aber in besserer Auflösung. Kommt sehr elegant in Vollbildansicht. Witzig wird es, wenn man die Webpage im Hintergrund laufen lässt und nach einiger Zeit wieder in den Fokus nimmt. Probiert’s mal aus …

Ein Visualisierungskonzept für Reichs „Piano Phase“ (2014)

Eine Karikatur zum CHR (Cologne Harpsichord Riot)

Dass ein klassisch arbeitender Karikaturist etwas zum Thema „Rezeption der Minimal music in Deutschland“ beiträgt, habe ich noch nicht erlebt. Jetzt aber schon. Folgende Zeichnung von Rupert Hörbst entnahm ich gestern www.nmz.de:
reichskandal
Dazu liefert die Website noch folgenden Text:

Nach den Vorfällen während einer Matinee („Reden Sie gefälligst Deutsch!“) hat die Kölner Philharmonie als erstes deutsches Konzerthaus Englisch-Kurse für ihre Abonnenten eingeführt. Der Cembalist Mahan Esfahani erklärte sich spontan bereit, die erste Unterrichtseinheit zu übernehmen.

Hm, das Ganze war wohl als Aprilscherz gedacht. Na jaaa…

Aber: gut, die Kölner Visagen sind ja ganz nett getroffen und erinnern stark an die Nachkriegsästhetik des Kölner Karnevals. Und der, äh, „Humor“ der Karikatur auch.

Eine Karikatur zum CHR (Cologne Harpsichord Riot)

„The Harpsichord Riot“: Reich in Köln zum Zweiten

Die Ereignisse des 28. Februars in der Kölner Philharmonie ziehen weitere Kreise. Zunächst einmal ist der Bericht eines Augenzeugen – einem Orchestermitglied – aufgetaucht, der noch einmal alles bestätigt, was bereits bekannt ist. Trotzdem halte ich es für sinnvoll, ihn hier auszugsweise wiederzugeben, damit auch der letzte Zweifel zerstreut wird, bei der ganzen Chose handele es sich etwa um ein Produkt irgendeiner „Lügenpresse“. Alexander Scherf, Cellist bei Concerto Köln, schildert den Vorfall so:

Concerto Köln hat heute zusammen mit einem großartig spielenden Mahan Esfahani als Solisten ein spannendes Konzert in der Kölner Philharmonie gegeben … Nach einem bejubelten J. S. Bach Cembalokonzert versuchte Esfahani in der zweiten Konzerthälfte Steve Reichs „Piano Phase“ aus dem Jahr 1967 zu Gehör zu bringen (wie im Programm vorgesehen). Schon seine sympathische Moderation wurde mit „Sprich Deutsch“- Rufen quittiert, bevor dann ein Teil des Publikums sein Spiel immer heftiger störte und schließlich den Solisten „niederklatschte“! In einer ergreifenden Rede fragte Esfahani aufgebracht nach den Gründen der Ablehnung bzw. der Angst vor dem Neuen und weist daraufhin, dass er aus einem Land stammt (nämlich dem Iran), in dem es nicht selbstverständlich ist, dass Menschen und Kunst alle Freiheit genießen und in dem es nicht möglich ist, Musik frei aufzuführen. […] Zum Glück schritt ein Herr aus dem Publikum am Ende des Konzerts zur Bühne, um seiner Scham über diesen Vorfall Worte zu verleihen und Esfahani zu versichern, dass der Großteil des Publikums gerne seinen Vortrag gehört hätte. […]

Der neoliberale britische Independent hat unter der Überschrift „Iranian musician forced to stop Cologne concert after audience members jeer and shout ’speak German‘“ aus den Kölner Pöbeleien mittlerweile ebenfalls eine Story gemacht. Was dabei in, äh, bester britischer Pressetradition im Vordergrund steht, ergibt sich deutlichst aus der Artikelüberschrift. Kleiner Tipp: Mit Musik hat es nichts zu tun, schon gar nicht mit minimalistischer.

Und schließlich arbeitet sich auch Rainer Balcerowiak unter dem Titel „Die gefährliche Seite der Bürgerlichkeit“ auf cicero.de am Thema ab. Er beschränkt sich allerdings auf Zitate aus Axel Brüggemanns überaus schrillem Artikel auf crescendo.de* und bezeichnet im Übrigen Reichs „Piano Phase“ als „sicherlich gewöhnungsbedürftig“. Hm, für wen denn eigentlich? Der Artikel endet mit dem kryptischen Satz „Köln kann derzeit überall in Deutschland sein.“ Ist das eine Drohung? Gar eine stille Hoffnung? Oder doch nur Ausdruck schierer Panik? Man weiß es nicht. Aber gut: Ist ja auch Cicero. Bei Cicero weiß man nie (Full disclosure: Meiner Einschätzung nach vertritt das Blatt in der Regel auf sehr gepflegte Art rechtspopulistische Positionen und verteidigt weiterhin voller Inbrunst die Segnungen des Neoliberalismus).

Alle drei Beiträge haben eines gemeinsam: Totales Desinteresse für die ästhetische Seite der ganzen Angelegenheit. Ich denke mir mittlerweile, das Kölner Alte-Musik-Abo-Publikum war mit us-amerikanischer Konzeptmusik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts schlicht hoffnungslos überfordert. Vermutlich kannten sie weder den Namen Steve Reich, noch haben sie jemals von einer Kunstmusikströmung namens Minimal music gehört. Nicht, dass das nicht bedauerlich wäre. Aber Unwissenheit lässt sich bekanntlich leicht beheben. Doch hat das weder etwas mit der aktuellen politische Lage im Iran, noch mit Ausländerfeindlichkeit, noch mit dem angeblich unmittelbar bevorstehenden Untergang der Demokratie in Deutschland zu tun. Was mich an allen drei Beiträgen nervt, ist die reflexhafte Politisierung eines gestörten Kunstmusik-Konzerts unter fast kompletter Ausblendung des Anlasses: Reichs Musik nämlich.


* Hier drei besonders prachtvolle Ausschnitte, bei denen sich Brüggemann literarischer Mittel bedient, wie sie zuletzt in Heinrich Manns „Der Untertan“ aus dem Jahr des Herrn 1914 gesichtet wurden: „Es gibt tatsächlich immer mehr Menschen, die das Konzert als eine Art musikalischer Penisvergrößerung verstehen, … weil sie zufällig aus dem gleichen Land wie Bach, Beethoven [Beethoven hatte flämische Vorfahren, S.H.] oder Wagner kommen. […] Menschen, die Künstler beleidigen und anschreien sind jene Menschen, die Ausländerkindern mit besoffenem Atem ‚Wir sind das Volk‘ entgegenkeifen. Bislang haben wir sie eher mit dem Horst-Wessel-Lied in Verbindung gebracht, nun ziehen sie auch Beethoven und Co. [will sagen: Steve Reich?!, S.H.] in den Schmutz. […] Die Wutbürger wollen ihren Bach, ihren Beethoven, ihren Wagner hören [also jetzt doch?!, S.H.], so wie sie ihr Schnitzel und ihre dicke braune Sauce spachteln und beim Anblick eines Sushis ‚Ihhhh!‘ schreien.“ Keine Ahnung, wem mit derartig fragwürdiger (Pseudo-)Literarisierung aktueller soziokultureller Problemlagen gedient sein soll, was das erklären soll oder wo hier irgendeine Form rational nachvollziehbarer Analyse, vulgo Journalismus, stattfindet. Gruselig, mal wieder.

„The Harpsichord Riot“: Reich in Köln zum Zweiten