Dittmanns Hafensommer 2012 (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Zu Dittmanns Hafensommer (1 von 4): Elliott Sharp, 17 Hippies

Freitag, der 27.07., bringt zuerst wiederum ein Gitarrensolo. Der junge Stian Westerhus zeigt als Support für Nils Petter Molvær, aus welchem Stoff seine Pitch Black Star Spangled-Welt beschaffen ist. Nicht gerade dem, womit man einen wieder brühwarmen Sommerabend beschallt. Eher dem verwandt, was man nebenan im Heizkraftwerk ver­heizt. Man hat ihn mit Georg Baselitz verglichen, wohl weil er die Gitarrenwelt auf den Kopf stellt. Indem er unermüdlich über seinen Pedalen tanzt und stapft, gospelt er mit schroffen, beißenden und abgehackten Sounds ragnarökisch. Auf seinen Saiten, von denen er zwei abreißt, scheinen, durch Reverb-, Distortion-, Delay- und Loopeffekte und durch Bowing zugleich angestachelt und gezügelt, die Riesenwölfe zu rumoren, die sich am Doomsday die Bäuche mit Sonne und Mond vollschlagen werden. Der da so struppig daher kommt wie ein zweiter Johnny Rotten, nannte als eine seiner frühesten Erinnerun­gen Mike Oldfields „Moonlight Shadow“ vom Kassettenrekorder seiner Schwester, zählt Ligetis „Requiem“ und „Reign in Blood“ von Slayer heute noch zu seinen Wegweisern, schätzt alles von Ingmar Bergman und las erst kürzlich Célines „Reise ans Ende der Nacht„. Er trig­gert stotternde Stakkatos, schaukelt sich hoch in orchestrale Opulenz, wird mit dem Gei­genbogen „eery“, zapft Feedback aus der Box, rekapituliert im finalen Satz seines hochdra­matischen Sets noch einmal alle Phasen seines Ringens, die turbulenten wie die sangli­chen, um als zarter „Geiger“ zu enden, erschöpft, aber – zurecht – stolz auf die ringsum wie gebannten, schwer beeindruckten Ränge.

Nach der Verschnaufpause bildet Westerhus den linken Flügel in Nils Petter Molværs „Baboon Moon“-Trio. Dritter Mann ist Erland Dahlen, der vor zwei Jahren schon im Eivind Aarset Sonic Codex Quartet auf der schwimmenden Hafensommer-Bühne getrommelt hat. Dass Aarset wiederum Westerhus‘ Vorgänger an Molværs Seite war, verrät, wie eng ver­zahnt die norwegische Szene ist. Aber wie soll das gehen, so ein Bad Boy mit schmutzigen Fingernägeln und Molværs melodischer und harmonischer Nu Jazz? Den Trompeter, den ECM einst als modernistischen Erben von Jan Garbarek etabliert hat, kenne ich bisher als geschmeidigen Weichzeichner eines melancholischen und pastoralen und zugleich futu­ristisch geölten Norwegens, wobei da vielleicht auch noch Jon Hassells Traum nachwirkt, dass schönere Welten möglich sind. Entsprechend auf interesseloses Wohlgefallen einge­stellt, bläst der vehemente Einstieg der drei meine ganzen Vorstellungen über den Haufen. Was folgt, ist der dynamischste Jazzrockset, den man sich nur wünschen kann. Dahlen er­staunt als Taktgeber, der harte, fast wie elektronisch scharfe Beats und eine Klangpalette feiner Cymbal- und Gongschwingungen bis hin zu Glockenspiel und sogar Hang souverän unter seinen Hut bringt – und wenn er dann auch noch singt, gibt das diesen besonderen Momenten den letzten Kick. Auch Molvær, dessen elektrifizierte Dynamik kaum druck­voller sein könnte, singt mehrfach in den Trompetentrichter und macht damit träumerische Passagen noch etwas mysteriöser. Eines der zarten Highlights ist eine Mondscheinsere­nade für Singende Säge und „gegeigte“ Gitarre. Gespielt wird ein einziges zusammenhän­gendes und offenbar intuitiv gesteuertes Auf und Ab mit einer Reihe von heftigen Aus­schlägen, verwoben durch zeitvergessene Minuten, in denen nur noch Stäubchen im Licht oder Schneeflocken zu tanzen scheinen, Momente, in denen nur ein Hauch bleibt oder ein Schimmern, durch das die abendlichen Schwalben flitzen. Bis Molvær wieder ins Horn stößt und Westerhus seine Stakkatos stottert oder über die Saiten streicht. Mit seinem allerfeinsten Zirpen verklingt ein denkwürdiger Abend, der meinem Neid auf Norwegen wieder einen kräftigen Schub gibt.

Autor: Rigobert Dittmann

Offizielle Fotos vom Abend: Stian Westerhus, Nils Petter Molvær

Dittmanns Hafensommer (3 von 4): Supersilent feat. John Paul Jones

Advertisements
Dittmanns Hafensommer 2012 (2 von 4): Stian Westerhus, Nils Petter Molvær