Tangerine Dream „Phaedra“ (1973)

phaedraDas Video unten enthält nur ein Fragment des fast 17-minütigen Tracks „Phaedra“ von der gleichnamigen Langspielplatte, die 1974 erschien, aber bereits 1973 eingespielt wurde*. Ich habe gerade dieses Video ausgewählt, weil es auf die bei Musik von Tangerine Dream längst zum Stereotyp gewordenen „Weltraumvisualisierungen“ verzichtet und stattdessen einfach nur das eher dezente Cover der Original-Langspielplatte reproduziert, das ein abstraktes Gemälde von Bandleader Edgar Froese (für eine besser aufgelöste Version bitte auf das Thumbnail links klicken) ziert.

Und „Phaedra“ habe ich ausgewählt, weil diese LP sich mittlerweile offensichtlich – siehe die Wertungen auf allmusic.com – als die stilbildende und somit kanonische Arbeit von Tangerine Dream herauskristallisiert hat. Derartige Kanonisierungen halte ich deswegen für legitim und hilfreich, weil es eine unüberschaubare Vielzahl von Tangerine Dream-Veröffentlichungen auf recht ungleichem Niveau gibt, die ich mir nicht alle durchhören will und kann, um mir ein eigenes Urteil zu bilden.

Von den Sequenzer-Loops des Tracks „Phaedra“ führt, was das musikalische Material betrifft – weltanschaulich dürfte dieser Weg deutlich länger ausfallen – ,ein kurzer und direkter Weg zum „Mussolini“ von Deutsch Amerikanische Freundschaft.


* Die Audioqualität des Videos ist schlecht, ein hochauflösendes MP3 des gesamten Albums kann man aber schon für weit unter 10 EUR legal herunterladen.
Tangerine Dream „Phaedra“ (1973)

Ben Whalley: „Krautrock – The Rebirth of Germany“ (BBC-Doku 2009)

Eine sorgfältig recherchierte und zudem ungewöhnlich witzige Doku, bei der die Leidenschaft des britischen Autors für sein Thema stets durchschimmert. Bemerkenswert ist Whalleys wiederholte Kritik an seinen Landsleuten wg. der letztlich doch nicht wirklich coolen Bezeichnung „Krautrock“*.

Dass dezidiert anti-bürgerliche Hippies wie Jaki Liebezeit, Edgar Froese oder Michael Rother etwas – und zwar nicht wenig! – zur „Wiedergeburt“ Deutschlands nach dem WK II beigetragen haben sollen, kommt übrigens konservativen Menschen bis heute in Deutschland nur widerwillig über die Lippen (Man könnte direkt mal Kretschmann fragen, hehe). Als im ländlichen Nordbayern Franz Josef Straußens im kleinbürgerlich-sozialdemokratischen Milieu Aufgewachsener kann ich nur bestätigen, dass „Langhaarigen“ damals generell tiefes Misstrauen, wenn nicht gar offene Verachtung – „Lange Haare, kurzer Verstand“, „Gammler“, „arbeitsscheues Gesindel“ – entgegengebracht wurde. Und wenn sie dann auch noch Musik machten, war’s ganz aus: „Die sind alle heroinsüchtig, und du wirst das automatisch auch, sobald du dich in deren Nähe begibst, pass nur auf!“

Was aus heutiger Sicht an diesen KünstlerInnen tief beeindruckt, war ihr beharrliches Streben nach ästhetischer wie moralischer Integrität inmitten einer postfaschistischen Gesellschaft, die sich im Kopf noch nicht wirklich vom Nationalsozialismus verabschiedet hatte bzw. verabschieden wollte. Ständig hörte ich damals Sachen wie „Es war doch nicht alles schlecht beim Adolf“, „Wenn er nur das mit den Juden nicht gemacht hätte“, „Immerhin hat er die Autobahnen gebaut“, „Von Mengeles Experimenten profitiert die Medizin ja bis heute“ etc. – und zwar von ganz „normalen“ Leuten im Alter meiner Eltern und Großeltern.

Vor allem Klaus Schulze zählte zu meinen ganz frühen und sehr prägenden Musikerfahrungen, was ich lange Jahre schamhaft verbarg, denn meine Peergroup setzte sich hauptsächlich aus hippie-kritischen Post-Punks zusammen. Mittlerweile ist mir das egal – und intelligente Post-Punks haben sowieso längst gecheckt, dass die angeblich so verpeilten Hippieklampfer ihre natürlichen Verbündeten im Kulturkampf sind bzw. waren.

Habe deshalb beschlossen, die Weltsicht während dieser Kalenderwoche, abgesehen vom obligatorischen Foto-Dienstag, ganz diesen Heroen meiner frühen musikalischen Jugend zu widmen, die bezeichnenderweise bis heute im anglo-amerikanischen Raum und vermutlich auch sonstwo in der Welt weitaus höher geschätzt werden als in Deutschland selber**. Eine echte musikhistorische Ungerechtigkeit, der ich hier, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten, mal ein bisschen was entgegensetzen will.

Ok, die KW 20/2016 wird demzufolge zur „Krautweek“ erklärt und hier ist die Vorschau:


* Soweit mir bekannt, nannte man in Großbritannien damals belgische Musiker auch nicht „Pommesrocker“, österreichische „Dampfnudelrocker“, ungarische „Gulaschrocker“, italienische „Spaghettirocker“, japanische „Sushirocker“ bzw. russische „Wodkarocker“, oder? Hm, aber auf der anderen Seite gab’s vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland noch die Bezeichnung „Dönermorde“ für die Verbrechen des sog. „NS-Untergrundes“. Vielleicht lässt sich ja generell feststellen, dass es einfach ein bisschen dämlich ist, die nationale Zugehörigkeit eines Menschen durch die jeweilig typische Landesspeise darzustellen?

** Ein simpler, wenn auch indirekter Beleg hierfür ist, dass die einschlägigen englischsprachigen Wikipedia-Artikel selbst im Jahr 2016 oft ausführlicher sind als ihre deutschen Gegenstücke. Das ist ungefähr so, als ob der deutschsprachige Artikel über Pink Floyd ausführlicher wäre als der englischsprachige.

Ben Whalley: „Krautrock – The Rebirth of Germany“ (BBC-Doku 2009)