„Die“ Kultur und ihr Gehalt – ein Brief

Hallo Dennis,

ich bin dir ja noch einen Kommentar auf den o. a. Text schuldig, den ich eben noch mal durchgelesen habe, also: Steinfeld hat recht, wenn er sagt, dass Kultur nicht allein deshalb schützenswert ist, weil es „Kultur“ (im Gegensatz zu „Natur“) ist. Zur „Kultur“ in diesem ganz breiten Sinn gehört nämlich auch jede Menge Unsinn, bzw. Dinge, deren Vorhandensein eher ein nerviges Ärgernis darstellt (denk an was du willst).

Zweitens hat er recht damit, dass es in Deutschland eine besonders effiziente Kulturlobby gibt, die funktioniert wie ihr Pendant in der Wirtschaft, man also Verlautbarungen von Goethe-Instituten genauso ernst oder un-ernst nehmen sollte wie solche von Arbeitgeberverbänden oder Gewerkschaften: Sie sind Artikulation von Partikularinteressen, legitimen zwar, aber halt doch partikularen, d. h. sie formulieren nicht Anliegen des „Gemeinwohls“, sondern ihre eigenen.

Drittens hat er recht damit, dass es Blödsinn ist, Kultur vom ökonomischen Prinzip auszunehmen: Dann sähe die gesamte „Kulturlandschaft“ schnell aus wie die Neue-Musik-Welt: Ein bunter Zoo von zwar evtl. integren, aber publikumsfernen und versponnenen Eierköpfen, die ihre Glasperlenspiele spielen und sich darauf verlassen können, von den meisten Steuerzahlern wenn schon nicht gehasst, dann wenigstens gründlich ignoriert zu werden (aber dass mir da kein Missverständnis aufkommt: Ich liebe [tendenziell, d. h., natürlich nicht alle, aber einige doch] solche Figuren – nicht, weil sie die Dreistigkeit haben, Steuergelder zu verbraten, sondern weil sie „Dinge um ihrer selbst Willen tun“ [ich denke jetzt an Künstler wie Klarenz Barlow]): Nein, wer will schon sowas!

Viertens hat er recht damit, dass Kultur nicht aus „Kultur“, sondern aus Inhalten (ich würde im Lehmann’schen Sinn lieber „Gehalte“ sagen, denn „Inhalt“ ist nur content, „Gehalt“ aber impliziert, dass sich aus dem kulturell vorgesetzten content beim Rezipienten bereits eine Reaktion / ein Verstehen / eine Haltung / eine Idee etc. gebildet hat; kurz gesagt: Auch, pardon, menschliche Exkremente sind „Inhalte“, aber nicht per definitionem „gehaltvoll“ bzw. in diesem speziellen Fall sogar außerordentlich gehaltsarm) besteht.

Beste Grüße sendet

Stefan

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„Die“ Kultur und ihr Gehalt – ein Brief