Drei YouTube-Juwelen

Frei übersetzt heißt „YouTube“ ja „Sende dich selbst!“ und kann damit als einer der erfolgreichsten Versuche angesehen werden, Kants Kategorischen Imperativ aus dem 18. ins 21. Jahrhundert zu übertragen – wenn auch vermutlich nicht wirklich im Sinne des Erfinders.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Das einst ekstatisch bejubelte und mittlerweile allseits geschmähte YouTube hat meiner Meinung nach auch weiterhin seine brillanten, aufklärerischen und dabei höchst unterhaltsamen Känale. Drei davon möchte ich vorstellen, zwei davon ganz kurz und einen ausführlich:

Ich muss zugeben, auch mich hat YouTube in den letzten Jahren politisiert (nicht nur YouTube, aber schon auch). Wie offenbar sehr viele Menschen war ich verblüfft über die zunehmende Dominanz weltanschaulich ausgerichteter Videos auf dieser Plattform.

Eigentlich sollte YouTube ja mal ein cooles Selbstdarstellungsportal für junge und damit angeblich besonders konsumfreudige MenschInnen sein, die sich gegenseitig Shopping-Tipps geben oder einfach mal erzählen, wie’s ihnen grade so geht und wie sie die Dinge so sehen. Stattdessen wurde es immer mehr zum heißen Schlachtfeld vorwiegend komplett inkonsistenter Verschwörungstheorien.

Dass ausgerechnet eine im libertären, also nach eigenem Verständnis „ideologiefreien“ Silicon Valley für Zwecke viralen Marketings konzipierte Spaß-Plattform zum Vehikel einer globalen Renaissance der (pseudo-)philosophischen Ideenlehren, politischen Weltanschauungen und (para-)religiösen Bekenntnisse wurde, kann man ruhig Ironie der Geschichte nennen. Aber YouTube an sich, darauf bestehe ich, ist und bleibt wie Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Köpft nicht den Boten, wenn euch seine Nachricht nicht gefällt!

Zu meinen Juwelen: Noah und Colbert gehören zu den populärsten liberalen Late Night-Talkern in den USA, ihre Shows werden von großen Sendern aufwändig produziert. Zugleich sind beide aber auch ganz hervorragende comedians, deren Kommentare zum politischen Tagesgeschehen an Boshaftigkeit und Spitzzüngigkeit kaum Wünsche offenlassen. Allein dieser Aspekt an diesen Shows interessiert mich.

(Spezielle Clips dieser Shows verlinke ich hier jetzt nicht, da sie extrem an der tagesaktuellen Nachrichtenlage ausgerichtet sind. Klickt auf die Kanal-Links oben, und ihr werdet mehr als fündig.)

Sam Seder dagegen ist ein ehemaliger comedian, der sich aus dem Nichts heraus einen dezidiert linken, also nicht wirklich liberalen, wochentäglichen Podcast aufgebaut hat. Dieser finanziert sich nach eigenen Angaben fast ausschließlich durch Zuwendungen seiner HörerInnen bzw. ZuschauerInnen – was ich für äußerst bemerkenswert halte. Seder beweist darüber hinaus absolut außergewöhnliches Stehvermögen, denn „The Majority Report“ sendet das gesamte Jahr über wochentäglich zweieinhalb Stunden Programm, das zu ca. 70% aus gut vorbereiteten Interviews, polemischen Statements, politischen Analysen und zeitkritischen Kommentaren von und mit Sam Seder selbst besteht, der als alleinerziehender Vater zweier Kleinkinder in Brooklyn, N. Y. lebt. Wie er dieses gigantische Pensum bewältigt, und zwar mittlerweile über viele Jahre, bleibt eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.

„The Majority Report“ kann auch weiterhin als Podcast angehört werden, wird aber seit Jahren komplett abgefilmt, also lässt sich mit Fug und Recht von einem genuinen politischen YouTube-Magazin sprechen. Denn nach meinem Kenntnisstand wird „The Majority Report“ von keinem Fernsehsender der Welt übertragen.

Mit den hierzulande gewohnten „Polit-Magazinen“, mit denen ich aufwuchs, also etwa „Monitor“ oder „Panorama“, hat „The Majority Report“ allerdings – vor allem stilistisch, inhaltlich nehmen sie sich nicht soviel – kaum etwas gemein.

Erstens einmal spricht Seder ganz direkt als an Ashkenazi Jew from Brooklyn, New York zu den Leuten, nicht als pseudo-objektiver, über den Dingen stehender und damit irgendwie unangreifbarer öffentlich-rechtlicher Journalist. Er ist ein angreifbarer politischer Aktivist und genau dadurch souverän. Und Seder hat eine Meinung zu den Dingen, die tatsächlich nur die seine ist. Er setzt sich zwar durchaus vehement für seiner Meinung nach ungerecht behandelte andere Menschen und Menschengruppen an, maßt sich damit aber nicht an, in ihrem Namen zu sprechen. Er geißelt die Auswüchse des Kapitalismus, führt „The Majority Report“ aber als kapitalistisches Kleinunternehmen. Er versteht sich als Angehöriger der US-amerikanischen Linken, empfiehlt aber dennoch, grundsätzlich die KandidatInnen der Demokratischen Partei zu wählen, da linke Splitterparteien im dortigen Parteiensystem nun mal keine Chance hätten. Mit einem Satz: Seder ist independent – engagiert, aber nicht verbissen, links, aber nicht sektiererisch, heimatverbunden und bodenständig, aber nicht engstirnig.

Zweitens hat sich in „The Majority Report“ eine eigenwillige Dialog-, bzw. Gruppendiskussionspraxis entwickelt, die der Sendung eine enorme Lebendigkeit gibt: Im Prinzip ist alles auf Seder fokussiert, er führt durch die Sendung, gestaltet die Interviews, kommentiert Audio- und Videobeiträge etc. Sein sidekick Michael Brooks, ein rothaariger linksradikaler Springteufel mit Tendenz zu hysterischen Lachanfällen, die nicht aufhören, nicht aufzuhören, unterbricht ihn jedoch ständig aus dem Off. Erst wenn Brooks zu längeren Tiraden ausholt, schaltet die Studiokamera auf ihn um, selten sieht man auch beide Akteure im split screen. Doch damit nicht genug der Irritation: Auch der aktuelle Sendungstechniker und die aktuelle Praktikantin haben uneingeschränktes Rederecht, wovon sie auch reichen Gebrauch machen. Man hört sie jedoch fast immer nur als Geisterstimmen aus dem Off.

Ich gebe zu, dieses leicht anarchische Arrangement hat mich anfangs nicht wenig irritiert – mittlerweile aber liebe ich es, zeigt es doch am praktischen Beispiel, wie man mit Redefreiheit konstruktiv umgehen kann. Denn alle Beteiligten halten bei aller Leidenschaftlichkeit stets gewisse Höflichkeitsregeln ein, es ist undenkbar, dass man einfach stalinistisch übereinander herquatscht wie in deutschen Polit-Talkshows. Dies mag dadurch begünstigt werden, dass man sich untereinander gut kennt und täglichen Umgang miteinander hat – aber ist es oft nicht gerade das, was die Aufrechterhaltung von Gesprächskultur längerfristig erschwert?

Drittens nimmt Seder im zweiten Teil der Sendung, also nach dem täglichen Interview, Telefonanrufe von HörerInnen live im Studio entgegen. Wie zu erwarten, rufen meistens Fans und Supporter an, aber bemerkenswerterweise gelegentlich auch Menschen, die auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums stehen und Seder bsp.weise davon überzeugen wollen, dass es nun einmal wissenschaftlich bewiesen sei, dass Afroamerikaner einen niedrigeren IQ hätten als Kaukasier oder dass, wie im folgenden Clip aus dem Jahr 2016, das Gewaltmonopol des Staates und die Tatsache, dass er Steuern erheben dürfe, die Wurzel allen Übels sei.

Und hier blüht Seder so richtig auf (der Clip erfordert recht fortgeschrittene Kenntnisse des US-amerikanischen Englisch):

Seder ist hier ständig hin- und hergerissen, seine Mimik spricht Bände: Soll er den Anrufer argumentativ ernstnehmen, wie es ein seriöser politischer Aktivist tun würde, oder soll er ihn vorführen wie ein comedian? Hat er es überhaupt verdient, ernstgenommen zu werden? Sei dem wie dem sei, das Erstaunen darüber, dass Perry schließlich durchdreht und die Kommunikation entnervt abbricht, nehme ich Seder nun wirklich nicht ab.

Ausgesprochen aufschlussreich, das Ganze, vor allem, wenn man den divergenten soziokulturellen Hintergrund der Beteiligten mitbedenkt. Denn die intellektuelle, weltanschauliche und kulturelle Kluft zwischen Seder und Perry ist mindestens so tief wie die zwischen den Unterstützern von Bernie Sanders und den Anhängern des Trump-Kults. Man fragt sich schon, wie ein Land mit derartig heterogener Bevölkerung so lange ohne Bürgerkrieg existieren konnte.

Natürlich fühle ich mich Seder ungleich näher als Perry, aber darum geht es hier nicht. Der Clip zeigt sehr anschaulich, auf wie komplizierte Art und Weise man Kommunikation verweigern kann. Und damit meine ich vor allem Seder.

Andererseits …

Andererseits würde ich mit einem Reichsbürger vermutlich ähnlich diskutieren. Denn was wäre die Alternative? Dessen Argumentation ernst nehmen?