Granularjournalismus

Banse (links) & Buermeyer (rechts) beim Casten eines Pods.
Banse (links) & Buermeyer (rechts) beim Casten eines Pods.

Seit der Journalist Philip Banse und der Jurist und Richter Ulf Buermeyer (B&B) ihren wöchentlichen Podcast (Philip sagt lieber „Radiosendung“) Lage der Nation in die Blogosphäre senden, suche ich nach griffigen Vokabeln, um ihren Stil von dem bestehender journalistischer Radioformate zu differenzieren. Jetzt bin ich auf „Granularjournalismus“ gekommen. Aber was soll das heißen?

Das Lage-Logo
Das Lage-Logo

Nun, „granular“ steht für Feinkörnigkeit und – im übertragenen Sinn – Detailgenauigkeit, was aber nicht mit Detailversessenheit zu verwechseln ist. Und genau das sind B&B: sie scheuen vor keinem noch so kleinen juristischen (Buermeyer) und journalistischen (Banse) Detail zurück, wenn es denn der Beleuchtung einer Sachlage dient – aber sie sind keine Korinthenkacker, d. h., wenn es ihnen sachlich angemessen erscheint, wird auch mal mit dem breiteren Pinsel gearbeitet. Und mit ihrer Meinung halten sie ebenfalls nicht hinter dem Berg.

Die eigentliche Leistung der beiden besteht darin, jeweils angemessen zu entscheiden, wann wie nah herangezoomt werden muss, um Licht in eine Sachlage zu bringen. Und dafür braucht es jene Mischung aus Erfahrung, Intelligenz und Unabhängigkeit, die B&B nach meinem Dafürhalten in mehr als ausreichendem Maß mitbringen.

Ich halte die „Lage der Nation“ für ein ganz ausgezeichnetes, so (bisher leider) nur in der Blogosphäre mögliches journalistisches Format, das als Blaupause für andere Sendungen dieser Art dienen sollte. 5 von 5 Sternen.

Homepage: https://www.kuechenstud.io/lagedernation/
RSS-Feed: https://www.kuechenstud.io/lagedernation/feed/mp3/

Advertisements
Granularjournalismus

Neuer Podcast: „Die Lage der Nation“

Erste Sendung vom 13. März 2016 (ca. 60′):


Inhaltliche Gliederung
Anspieltipp: 00:50:07 – 00:56:36 „Rechte APO und repräsentative Demokratie“ (ziemlich Jura-spezifisch, aber warum nicht?)

Seit Kurzem erstellen der Journalist Philip Banse (Küchenradio) und der Jurist Ulf Buermeyer einen wöchentlichen Podcast mit dem bemerkenswerten Titel Die Lage der Nation (LdN). Beide Moderatoren entstammen dem Piratenpartei und ChaosComputerClub nahestehenen „technologieaffinen Linksliberalismus“*.

Vergleicht man LdN mit dem (von mir hier grade eben vorerst verabschiedeten) Podcast Alternativlos! (AL) von Frank Rieger und Felix von Leitner, so lässt sich durchaus von einem Stilwandel in dieser Szene sprechen. Während Rieger und von Leitner stets und immer komplett nerdmäßig auftraten (ok, Rieger viel weniger als von Leitner) und an der Welt der Politik stets und immer erst mal das Absurde herauskehrten, zeigen sich Banse und Buermeyer nüchterner und sachlicher, d. h. man merkt nicht sofort, dass man nicht den Deutschlandfunk eingeschaltet hat. Dennoch erlauben sie sich weiter jede Menge erfrischender Dialoge, die im professionellen Journalisums No-gos darstellten: „Sag mal, hieß der CDU-Spitzenkandidat nicht Müller?“ – „Nee, Wolf.“ oder „Weiß ich jetzt grade nicht, tut mir leid.“ bzw. „Hatte keine Zeit, das zu recherchieren, sorry.“

Ich finde Derlei deswegen erfrischend und nicht einfach nur nervig oder – wie mitunter bei AL – arrogant (à la „Wir sind halt Nerds, uns kann sowieso keiner!“), weil es dann doch den tiefen konzeptuellen und – vor allem – institutionellen Graben zwischen einer politischen Kommentarsendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einem der Blogosphäre zugehörigen Podcast deutlich macht.

Denn hier unterhalten sich einfach zwei Bürger – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Beide bringen ihren jeweils aktuellen (und notwendig lückenhaften!) Wissensstand über die Lage der Dinge mit, aber sie haben sich gegenüber niemandem zu rechtfertigen. Es gibt keinen Chefredakteur, keinen Quotendruck, keinen öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag und erst recht keine Verpflichtung, politisch korrekt zu agieren. Wenn Banse & Buermeyer das dennoch tun, so deshalb, weil politisch korrektes Sprechen eben Teil ihrer Weltanschauung ist. Aber das fühlt sich nun mal komplett anders an, als durch irgendwelche redaktionellen Vorgaben zu „ausgewogener Berichterstattung“ verpflichtet zu werden!

LdN will heraus aus dem Nerdghetto, ohne die weltanschaulichen Gehalte dieser Szene preiszugeben. Like.


* Das klingt jetzt ziemlich prätentiös, aber einer muss ja mal anfangen, diese politische Position zu beschreiben. „Linksliberal“ allein wäre zu unspezifisch, denn dann müsste man auch FDP-Figuren aus der sozialliberalen Zeit wie Gerhart Baum oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit reinnehmen. Und die wurden nun mal ohne Internet sozialisiert. „Piraten“ allein ist wiederum nicht korrekt, da nach meinem Kenntnistand keiner der beiden dieser Partei angehört. „Netzaktivisten“ sind Banse und Buermeyer ganz sicher, aber bei dieser Bezeichnung bleibt der politische Standpunkt unbestimmt. Auch wer für die AfD bloggt, ist ein Netzaktivist.
Vielleicht ließe sich die Position mit „technoliberal“ abkürzen?
Neuer Podcast: „Die Lage der Nation“