The Durutti Column „Without Mercy 1“ (1984)

Der britische Post-Punk hatte auch seine beschauliche Seite, die kaum besser zum Ausdruck kam, als im bewusst irreführend betitelten 20-Minüter „Without Mercy 1“ aus der Feder des Gitarristen Vini Reilly:

Sowohl diese Musik als auch der Name Reillys sind bis heute einer breiteren Öffentlichkeit – um es vorsichtig auszudrücken – eher unbekannt, was wohl in nicht geringem Maße der introvertierten Persönlichkeit des Gitarristen geschuldet ist (ein weiteres Beispiel für einen Musiker, dessen Beitrag zur Popgeschichte in krassem Missverhältnis zu seinem Bekanntheitsgrad steht, wäre etwa der Krautrocker Manuel Göttsching).

„Without Mercy 1“ (ja, es gibt einen zweiten Teil, der steht aber hier nicht zur Debatte) ist schnörkellose, melancholische, tonale Kammermusik, die auf klassischen Melodieinstrumenten der europäischen Kunstmusik (Klavier, Oboe, Trompete, Violine, Cello, Waldhorn … ) gespielt wird: Einzig Reillys markanter, delay-getriebener Gitarrenklang (für Ungeduldige: beginnt bei 2:12) drückt das Ganze ein wenig in Richtung Pop – aber nicht zu sehr. Ab ca. Minute 9 kommt ein wenig Schlagzeug dazu, ab ca. Minute 12 eine dezente Rhythmusbox. Das ist alles.

Dennoch – und das ist erstaunlich – kommt „Without Mercy 1“ weder kitschig, noch sentimental, noch reaktionär rüber, sondern mutet auf klassische Weise „schön“ – und ein wenig traurig (aber nicht depressiv) an.

„Aber was zum Teufel bedeutet nur der Bandname?“ – Nun, die Erklärung trägt meiner Ansicht nach rein nichts zum Verständnis der Musik Reillys bei, denn diese mag einige Qualitäten besitzen, aber „anarchistisch“ im engeren Sinn, also aufrührerisch, rebellisch, chaotisch, aufbegehrend, ist sie ja gerade nicht. Eher im Gegenteil.

Es ist vielleicht als Widerstandsgeste Reillys zu interpretieren, seine sanfte, harmoniesuchende Musik unter einem politisch derart aufgeladenen Bandnamen (bei „Kolonne Durutti“ denke ich sofort an „Ton Steine Scherben“ – und das führt ja musikalisch komplett in die Irre) veröffentlicht zu haben, auch auf die Gefahr hin, dadurch Teile eines möglichen Publikums erst gar nicht zu erreichen.

Wie gesagt, der Mann ist introvertiert. Und zwar so richtig.

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The Durutti Column „Without Mercy 1“ (1984)