Einiges zu CD Friedrich und seiner Zeit

Schönes Beispiel, wie man historische Kunst kenntnisreich kontextualisieren kann, ohne sie lediglich als Zeitphänomen zu dekonstruieren. Der Untertitel mit der akademischen Floskel „im Spannungsfeld von“ und dem gruselig wirkenden Begriff „Geschmacksgeschichte“ schreckt gleich maximal ab, wird dann aber von der Verständlichkeit und Lebendigkeit vor allem der Ausführungen von einmal mehr Wolfgang Ullrich Lügen gestraft.

Die Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig lief vom 9. Oktober 2021 bis 9. Januar 2022. Das zugehörige Gespräch wurde am 7. November 2021 aufgenommen.

InfluencerInnen kommodifizieren ihre Trauerarbeit

Wem diese Überschrift kryptisch vorkommt, der sollte sich Wolfgang Ullrichs ebenso sensiblen wie luziden Video-Essay, der erst ein paar Tage alt ist, einfach mal antun:

Was Ullrich für mich so einzigartig macht, ist seine echte Beherzigung von Luhmanns ebenso bekannter wie selten beherzigter Direktive „Beobachten statt Verstehen“. Denn vermutlich würden 99,98% aller deutschsprachigen FeuilletonistInnen / BlogerInnen / … das ebenso neu-, wie fremdartige Sujet „Online-Trauerarbeit“ todsicher (tschuldigung) als Sprungbrett für düstersten Kulturpessimismus nutzen. Nicht so Ullrich.

Er beschreibt das Phänomen so genau wie möglich, findet eine kunsthistorische Referenz und versucht schließlich herauszufinden, welche Funktion die ganze Angelegenheit wohl für die Beteiligten haben mag. Er liefert also negentropisch Information statt eine weitere Meinung zu ventilieren. Beispielhaft.

Empfindsame Ultrarechte

Wenn zwei komplett voneinander unabhängige Quellen zur gleichen Zeit das nämliche soziokulturelle Phänomen entdecken und beschreiben, werde ich immer hellhörig.

Sowohl eine linke US-amerikanische Internetplattform (Beleg 1) als auch ein deutscher Kulturwissenschaftler (Beleg 2) haben festgestellt, dass das vielbelächelte, angeblich total linke Desiderat nach einem Safe Space, also einem geschützten Raum für marginalisierte Menschengruppen, durchaus auch von total rechten Meinungsmachern vehement vorgebracht wird.

Beleg 1 Ben Shapiro kann seine heißgeliebte Sport-Illu nicht mehr ertragen, seit sie Bilder von transsexuellen AthletInnen gezeigt hat, was right wing media hatewatcher Sam Seder mehrfach „What a baby!“ ausrufen lässt 1 :

Beleg 2 Die Selbstdarstellung der Identitären Bewegung in den Sozialen Medien nüchtern ikonografisch analysierend, kommt Wolfgang Ullrich zu folgendem Schluss:

[Man] könnte … auch davon sprechen, dass das einzige Ziel der extremen Rechten in der Verwirklichung eines Safe Space, eines geschützten Raumes besteht. Üblicherweise fordern Minderheiten diesen Raum, um nicht länger Opfer von … Diskriminierung zu sein. Doch die Bildwelten der Rechten verraten, dass sie von viel mehr getriggert, gestört, verunsichert sind als irgendjemand sonst.

Wolfang Ullrich: „Symmetriezwang und Differenzangst“, in: Fotogeschichte 154/2019, S. 46. Steht auch als PDF auf Ullrichs Homepage.


 

1 Hintergrundinfo: Shapiro ist Jude. Seder auch.

Ullrich über Kunstfreiheit 2 von 2

… ganz pragmatisch … würde ich … dafür plädieren, die Kunst als eine Institution zu pflegen, in der Differenzen … zum jeweiligen kulturellen ‘Status quo’ zugelassen sind – selbst wenn dabei … Menschenbilder entwickelt werden, die nach heutigen Standards als unmoralisch gelten.

Wolfgang Ullrich / Nicole Thies: „… dass das Thema der Kunstfreiheit Teil einer viel größeren Debatte ist“. Gespräch mit Wolfgang Ullrich über Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit und Moral. | www.miz-online.de aufgerufen 2020-05-27

Ullrich über Kunstfreiheit 1 von 2

Ein Kunstwerk … soll … nicht darauf reduziert werden, eine Meinung zu sein. Vielmehr soll anerkannt werden, dass etwas, das … für bestimmte Milieus als Zumutung erscheint, … vielleicht dazu geeignet ist, einen Meinungswandel einzuleiten. Würde man es [das Kunstwerk, SH] nach den Maßstäben der Zeit seiner Entstehung bewerten und … verbieten, würde man einen solchen Meinungswandel von vornherein ausschließen.

Wolfgang Ullrich / Nicole Thies: „… dass das Thema der Kunstfreiheit Teil einer viel größeren Debatte ist“. Gespräch mit Wolfgang Ullrich über Kunstfreiheit, Meinungsfreiheit und Moral. | www.miz-online.de aufgerufen 2020-05-27

Rosenthal über das Dresdner Bürgertum

S. Rosenthal: „Rorschach oliv rot goldgelb“ (2019)

Ok, Dresden ist eine provinzielle Beamtenstadt – und wer hier als Künstler existieren (von „leben“ rede ich gar nicht) möchte, der spielt irgendwann auch Beamtenmikado, ist zu allen scheißnett und wird mal hier, mal dort von irgendeinem genauso rückgratlosen Provinzgroßkunstsammler zum Kaffeekränzchen in seine klimatisierte Altbauwohnung eingeladen – und darf dann in seinem Büro, im Stadtmuseum oder in irgendeinem zweitklassigen Schickeriarestaurant ausstellen. „Das ist ja dann auch gute Werbung für dich!“ Alles gaaanz toll… Nur eines darf man niemals tun: widersprechen, eigene Meinungen vertreten! Man soll sich still und nett beugen und diesen Leuten für jedes Almosen ihr Ego auf Hochglanz polieren! Und man lernt solches Verhalten ja schon an der Kunstakademie. Was meinen Sie, wie man ausgegrenzt wird, wenn man seinem Professor widerspricht oder einem seiner Lieblingsstudenten? Da lernt man, was Freiheit wirklich bedeutet! Insofern ist die Dresdner Kunstszene sicher Vorreiter jener neuen Bürgerlichkeit, von der ich bereits sprach. Sie wird sich nicht wehren, wenn die AfD sie zu Eierschecke püriert.

Wolfgang Ullrich / Simon Rosenthal: Pandemie des Nichts. Simon Rosenthal im Gespräch mit Wolfgang Ullrich. | atelier-simon-rosenthal.de 2020-05-06

Simon ROSENthal (nicht Wiesenthal!) ist gebürtiger Saarbrücker und 36 Jahre alt. Das o.g. Interview, in dem es beileibe nicht nur um Dresden, ja nicht einmal nur um Kunst geht, umfasst gedanklich dichte 42 Druckseiten inklusiver guter Reproduktionen aller im Text angesprochenen Arbeiten des Künstlers und sei hiermit der geneigten Weltsicht-LeserIn ausdrücklich zur Sonntagslektüre anempfohlen.