Musikbilder

 

Was „Musikbilder“ sein sollen (und was nicht)

Unter einem „Musikbild“ verstehe ich die grafische Darstellung eines beliebigen Musikstücks in Form eines statischen Bildes in Rechteckform ohne Verwendung konventioneller Musik-Notation. Das Rechteck kann ruhig etwas breiter sein, darf aber nicht zur „Filmrolle“ ausarten.

Grundlage jedes Musikbildes ist eine automatisch generierte Bilddatei, die entweder durch Verarbeitung der dem Musikstück zugrundeliegenden MIDI-Daten oder eines das Musikstück repräsentierenden Spektrogramms entstehen kann.

Dieses Basisbild kann anschließend mit allen Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung manuell oder automatisch weiterverarbeitet werden. Ziel dieser Weiterverarbeitung soll sein, die musikalischen Charakteristika (Qualia) des Musikstücks noch präziser zu visualisieren.

Ein Musikbild ist …

  • … keine Analyse eines Musikstücks im Sinne naturwissenschaftlich fundierter Akustik. Ich bediene mich zwar wissenschaftlicher Analysetools wie „Sonic Visualiser“, setze diese jedoch kreativ (=als auf den optischen Effekt hin optimierte Visualisierungsmaschinen) ein.
  • … keine rein kreative (=willkürliche) Visualisierung eines Musikstücks, wie das bsp.weise auch eine „passende“ Fotografie (Sonnenuntergang etc.) sein könnte. Garantiert wird dies durch die Verwendung der automatisch generierten Basisbilder (siehe oben) und die Beschränkung der nachträglichen digitalen Bildbearbeitung auf die Augmentation bereits bestehenden struktureller Charakteristika. Ein Zerschneiden des Basisbilds bsp.weise ist nicht erlaubt, das Beschneiden überflüssiger Randbereiche aber schon.
     

MIDI-Daten als Grundlage für ein Musikbild

 

Aufgabe

Grafische Darstellung eines Klavierstücks ohne Verwendung konventioneller Notation. Analog zu einem Barcode sollen ein-eindeutige „Fingerabdrücke“ der Komposition entstehen. Der Schwerpunkt der Visualisierung liegt dabei auf der Darstellung harmonischer Zusammenhänge. Das entstehende Bild soll ästhetischen Ansprüchen genügen, ohne dabei allzu große Abstriche in der darstellerischen Präzision zu machen.
 

Umsetzung

 

Konzept

Paul Nelsons App Music Graph, die bereits im Jahr 2002 entwickelt wurde, erschien mir am geeignetsten zur Verwirklichung meiner Vorstellungen. Materialbasis ist dabei das jeweilige Standard MIDI File des Klavierstücks. Jede Note wird durch ein beigefarbenes Rechteck dargestellt, die feinen Farbstreifen im Bildhintergrund symbolisieren die aktuell dominierende Intervallstruktur. Dabei gilt folgendes Farbregiment:

Oktaven, Pausen
Quinten, Quarten
Große Terzen, Kleine Sexten „Dur“
Kleine Terzen, Große Sexten „Moll“
Große Sekunden, Kleine Septen „ganztönig“
Kleine Sekunden, Große Septen [Cyan] „halbtönig“
Tritoni [Magenta] diaboli in musica

Ich habe die Farben so gewählt, dass sie …

  1. … im RGB-Schema besonders leicht darstellbar sind. Ich empfinde derartige „Primärfarben“, vor allem DIESE, ästhetisch zwar als eher abtörnend, aber ich möchte hier ja Brücken zwischen den Welten bauen, also müssen wohl Kompromisse gemacht werden.
  2. … sich möglichst gut voneinander abheben.
  3. … ein möglichst genaues emotionales Abbild der Harmonizität der Intervalle vermitteln, d. h. je angenehmer das Intervall zu hören ist, desto angenehmer sollte die es repräsentierende Farbe sein und umgekehrt. Dabei musste ich notgedrungen auf meine eigenen Vorlieben zurückgreifen, da es keine Einigkeit unter den Menschen gibt, was das qualitative Empfinden von Tönen und Farben betrifft (Qualia-Problem). Einfach gesagt: Grün empfinde ich konsonanter als Rot, Cyan dissonanter als Gelb. Andere empfinden exakt das Gegenteil – mit gleichem Recht.

 

Beispiele

Vorbemerkung Die dezenten Markierungen auf der Horizontalachse stehen für jeweils eine Minute erklingender Musik. Als Bildhöhe ist DIN A4 (29,7 cm) festgelegt, für die Bildbreite gilt: eine Minute Musik erzeugt einen Zentimeter Laufweite. Da in der Folge alle Bilder in gleicher Breite dargestellt werden, wird das Musikbild immer schmaler, je länger das Klavierstück dauert, welches es darstellt. Zur Verbesserung der „Lesbarkeit“ wurde der Output von Music Graph mit einem Konturfilter (GIMP „Cartoon“) nachbearbeitet, d. h. jede Kante im Bild bekam einen minimalen schwarzen Rand. Die mannigfaltigen Zwischenfarbtöne, die den ästhetischen Reiz der Ergebnisse zu einem nicht unwesentlichen Teil ausmachen, entstanden durch die Mischung der voreingestellten „Primärfarben“ (s. o.) durch Nelsons Algorithmus „Blend – Equal“.

Bitte auf die Bilder klicken, um eine höher aufgelöste Variante betrachten zu können.

ex. 1 «Über spitze Steine» – ein harmonisch vielfältiges Klavierstück, was in der Buntscheckigkeit des Musikbildes sein visuelles Äquivalent findet. Dennoch bleiben Grün (Quinten, Quarten) und Blau (Moll) die vorherrschenden Farben. Oder?


ex. 2 «Valse automatique» – Ein weitgehend tonales und mehr oder weniger konventionell modulierendes Klavierstück. Natürlich dominiert hier Grün (Quinten, Quarten), aber es ist interessanterweise ein anderes, frischeres Grün als bei «Über spitze Steine», wo es schwärzlicher erscheint. Ganz rechts herrschen dann eindeutig knallige Blau (Moll)- und Rot (Dur)- Farbtöne vor, was sich aus der musikalischen Form (Reprise des Anfangsthemas) erklärt.


ex. 3 «Abyss» – Ein Klavierstück, das sich stilistisch an Cecil Taylor orientiert, also an etwas, was man landläufig Free Jazz zu nennen pflegt. Die Gründominanz hat mich hier überrascht, denn Free Jazz assoziiert man ja eher mit Gelb, Cyan oder gar Magenta. Es handelt sich erneut um das „schwärzliche Grün“ aus ex.1. Aufällig weiterhin die relativ häufigen Violett-Töne (Mischung von Rot / Dur und Blau / Moll), was die Gleichzeitigkeit großer und kleiner Terzen bedeutet.


ex. 4 «Am Kamin» – Ein harmonisch durchgängig konventionelles, recht repetitives Klavierstück. Augenfällig hier die blockhaft auftretende Molligkeit und der schrill tritonale Block etwas links von der Mitte.

Was «Am Kamin» betrifft, hatte ich mir sowieso schon mal die Mühe einer konventionellen Formbeschreibung gemacht, da bietet sich eine maßstabsgetreue Zusammenschau mit dem Musikbild an:

Oben eine annotierte Piano-Roll-Ansicht des Stücks im MIDI-Editor, unten das entsprechende Musikbild. Die Farbtonfolge der ersten Hälfte von 1: Einleitung und 5: Coda ist identisch, was beweist, wie präzise MusicGraph funktioniert, denn es handelt sich um eine wörtliche Wiederholung. Dasselbe gilt für den ersten Block von 2: Hauptsatz bis zum tiefblauen Streifen bei 0’55“ und 4: Reprise / Durchführung bis zur weißen Generalpause bei 4’10“. Auch hier sind die Abschnitte visuell identisch.

ex. 5 «Zwangsgedanke» für mikrotonales Selbstspielklavier

 

Ein Audio-Spektrogramm als Grundlage für ein Musikbild

[to do]
 

Beispiele

ex. 1 «meat rumor ter angstloop (anagram 2)» – Elektroakustische Musik aus dem Jahr 2007


Diese Seite ist online seit 2019-12-11.
Letztes Update war 2020-08-18.

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