Demografie als Schicksal

Beweis, dass auch ein eingefleischter Systemtheoretiker ein Menschenfreund sein kann. Und der Hinweis darauf, dass die Klima-Katastrophe nicht der einzige Don’t Look Up-Tatbestand (alle wissen es, aber keiner tut was) in der deutschen Gegenwartsgesellschaft ist. Gespräch vom 14. Oktober 2022:

Masala zur Ukraine

Eine der klarsten Stimmen zum Thema Ukraine: „Es geht nicht darum, dass die Ukrainer unsere Freiheit verteidigen, aber sehr wohl darum, dass sie unsere Sicherheit verteidigen“ (sinngemäßes Zitat). Ton ab ca. 3:20. Das Gespräch fand am 24. November 2022 in Heidelberg statt. Partnerin ist die Schriftstellerin Jagoda Marinić:

Letzte Generation

Die disruptive Qualität der Aktionen der Letzten Generation ist bewundernswert.

Mich beeindrucken vor allem die Flughafenblockaden, speziell die auf einem Flughafen für Privatjets kürzlich in den Niederlanden. Die Kunst-Besudelungen waren / sind dagegen ein wenig unspezifisch. Dass derzeit alle Welt über die Form dieser Aktionen spricht, aber nicht über deren Auslöser, zeigt, wie stark die Verdrängung dieses Themas auch bei den „Wohlmeinenden“ ist. Manchmal kommt es mir fast so vor, als gäbe es Menschen, die Klimaschutz bisher ganz gut fanden, aber jetzt nicht mehr, weil sie die „Letzte Generation“ so scheiße finden. Das wäre dann eine besonders krasse Form von Wohlstandverwahrlosung: Geschmackssicherheit geht vor Existenzsicherung.

Junge Menschen lesen die Zukunftsprognose des Weltklimarates, stellen fest, dass viele Jahre Fridays for Future nichts gebracht haben und begehen anschließend öffentlichkeitswirksam ein paar geringfügige Sachbeschädigungen, um auf den Ernst der Lage, der von einer Mehrheit der Bevölkerung ja anerkannt wird, aufmerksam zu machen.

Sie handeln in dem Sinn undemokratisch, als auch die Prognose des Weltklimarates keine demokratische, sondern eben eine wissenschaftliche Grundlage hat. Wissenschaftliche Erkenntnisproduktion hat mit demokratischer Entscheidungsfindung nichts zu tun (vgl. auch den Begriff der „Corona-Diktatur“, wo es auch immer darum ging, dass es viele Menschen völlig zurecht undemokratisch fanden, dass nun plötzlich die Wissenschaft diktierte, wo’s langging).

Seit vielen Jahren wird hierzulande demokratisch entschieden, dass die Klima-Katastrophe kaum gravierende politische Konsequenzen haben darf. Sicherlich auch, weil wir in einer „Altenrepublik“ (S. Schulz) leben, in der sich viele Menschen für „Don’t Look Up“ entschieden haben. Die Letzte Generation weist auf diesen Missstand, den man etwas altmodisch auch Lebenslüge nennen darf, hin, nichts anderes. Die teilweise schrillen Reaktionen (siehe Andi Scheuer oben) beweisen, dass sie einen Nerv getroffen haben.

Sally Frishberg survived the Holocaust

Frishbergs (*1934) Geschichte zeigt vor allem, dass es eben doch auf das Verhalten des Einzelnen ankam und nicht alle Beteiligten immer & überall nur Rädchen im großen Getriebe & Geschiebe der Zeitläufte waren. Auch die bis heute von einigen aufrechterhaltene Lüge, nichtjüdische Deutsche hätten vom geplanten Holocaust nichts gewusst, wird, wenn auch nur anekdotisch, einmal mehr widerlegt.

Ihr Vater, so berichtet Frishberg, spielte kurz vor dem Abtransport ihrer Familie ins KZ regelmäßig Schach mit dem deutschen Offizier „Mister Arnold“, der im Haus ihrer Familie in der polnischen Provinz einquartiert worden war. Frishbergs Vater sprach Jiddisch und konnte sich so mit dem Wehrmachtsoffizier, der ein Lehrer aus München gewesen sei und kein Polnisch konnte, verständigen. Arnold warnte Frishbergs Vater eindringlich, seine Familie in Sicherheit zu bringen und der Nazi-Propaganda nicht zu glauben, die damals behauptete, man werde die polnischen Juden im Osten des Landes demnächst in „bessere Lebensumstände“ evakuieren.

Judy „Jewdy“ Gold ist eine US-amerikanische Comedienne, die bekannt ist für ihren drastischen Humor und ihre lautstarke Art. Normalerweise präsentiert sie auf ihrem Podcast andere Comedians, es handelt sich also eigentlich um ein Unterhaltungsformat, deshalb also nicht überrascht sein über die groteske Intro-Musik, Golds un-journalistische Art der Interviewführung etc.

347: Sally Frishberg Kill Me Now with Judy Gold

348: Sally Frishberg (Part II) Kill Me Now with Judy Gold

Europa zwischen den USA und China

Der deutsche Bundeswehr-Prof mit italienischen Wurzeln Carlo Masala ist durch diverse Talkshow-Auftritte zum Russisch-Ukrainischen Krieg in kurzer Zeit recht bekannt geworden, obwohl er dessen Verlauf genau so falsch eingeschätzt hat wie seine Kollegen. Mittlerweile ist er aber erstaunlicherweise doch zum Drosten dieses Themas geworden. Der zweistündige Podcast mit Jagoda Marinić vom 23. September diesen Jahres zeigt, warum: Er ist in der Lage, über ein komplexes Thema wie Geopolitik verständlich zu sprechen, ohne dass die Zuhörerin den Eindruck bekommt, für dumm verkauft zu werden. Er doziert weder vom Katheder herab, noch biedert er sich an.

Carlo Masala – Die neue Welt(un)ordnung FREIHEIT DELUXE mit Jagoda Marinic

Der Zerfall der noch herrschenden „liberalen Weltordnung“ unter Führung der USA, so Masala, sei nicht mehr aufzuhalten. Sie wird abgelöst durch eine bipolare Welt der Akteure China und USA, die sich aber beide nicht mehr verpflichtet sehen werden, global Verantwortung zu übernehmen, wie das die USA und die Sowjetunion angesichts der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges noch taten (vgl. NATO und Warschauer Pakt als Akteure eines „Gleichgewichts des Schreckens“). Vielmehr sieht er eine Weltordnung der Einflusssphären wie zu Zeiten des Wiener Kongresses zurückkehren: Jede der beiden Großmächte sorgt für Ordnung im eigenen Lager, ohne sich um das Große Ganze zu kümmern.

Das ist eine einigermaßen desaströse Perspektive, vor allem auch unter Klimaschutzaspekten. In Masalas ein wenig kneipenkumpelhafter Vortragsart klingt sie allerdings gar nicht so schlimm. Falls das jemanden tröstet.

Tom Browne „Funkin‘ for Jamaica (N.Y.)“ (1981)

Und hier das Original zum japanischen Remix von gestern: weniger Raffinesse, aber viel mehr Spaß. Die fantastische Sängerin und Co-Komponistin heißt Tonni Smith (laut Browne stammen sowohl Melodie als auch Text von ihr), leider verstarb sie im Januar diesen Jahres. „Jamaica“ steht übrigens nicht für die Karibik-Insel, sondern die neighbourhood innerhalb des New Yorker Stadtviertels Queens, in der Browne aufwuchs. Und Donald Trump übrigens auch. Also – wie so oft in einer Großstadt – mischen sich auch hier Licht & Schatten auf kleinstem Raum.

Das Video ist übrigens teilweise ein Fake, denn der Keyboarder ist definitiv nicht Dave Grusin, wie in den Liner Notes angegeben und der Bassist ist auch nicht Marcus Miller. Außerdem höre ich im Bläsersatz nur Trompeten, aber keine Posaune und auch kein Saxofon. Nur Browne und Smith sind „echt“. Meine Theorie: Die haben den fertigen Song mit irgendwelchen Dudes aus der Neighourhood nachgestellt, nachdem die vermutlich damals schon superteuren und superbeschäftigten Studiomusiker Grusin & Miller längst nicht mehr zur Verfügung standen. Kackdreist, aber in der Umsetzung dann auch wieder charmant.