Video der Woche : KW 08 : Steve Reich: „Music for a Large Ensemble“, 1978

Streckenweise halsbrecherisch rasante* und couragierte Interpretation dieses verteufelt schwer zu spielenden, geradezu brutal „metronomischen“ und nicht ganz so oft aufgeführten Werks, das Reich aus unklaren Gründen für eines seiner schwächeren Stücke hält. Ich ziehe diese Interpretation aus dem vergangenen Jahr der Originaleinspielung von Steve Reich and Musicians aus der Entstehungszeit der Komposition vor: Sie ist – trotz einiger deutlicher Patzer, aber mein Gott, es ist ein Live-Mitschnitt! – präziser gespielt und zudem deutlich transparenter aufgenommen. Gratulation an Christopher Stark und das Multi-Story Orchestra!

Die 360°-Kamera lässt sich mit dem Regler oben links im Video steuern – und das macht definitiv Spaß. Näher kann man einem Klangkörper kaum kommen. „Music for a Large Ensemble“ eignet sich aufgrund seiner extrem hohen Ereignisdichte für eine derartige Beobachtungsperspektive natürlich besonders gut. Allein die vierhändig Klavierspielenden beim geschickten Ausweichen zu beobachten ist die Sache wert!

Das Video ist mit einer Maximalauflösng von „4K“, also einer Bildhöhe von 2.160 Pixel in YouTube eingestellt worden. Macht dann über ein Gigabyte an Daten für eine gute Viertelstunde Video. Wo mein aktueller Monitor doch nur 900 Pixel kann. Es empfiehlt sich, die höchste ruckelfreie Auflösung zu wählen, sonst ist das Bild etwas unscharf. So langsam beginnt ein schneller Internet-Anschluss Sinn zu machen …

… & meine Hommage an diese Werkphase des Meisters, die Orchesterkomposition „2006“ (ePlayer-Realisierung inkl. eigener Visualisierung):


* Dauer ca. 14’40“, die Originaleinspielung von S.R. & Musicians dauert rund 50 Sekunden länger!
Video der Woche : KW 08 : Steve Reich: „Music for a Large Ensemble“, 1978

Debatte über das Verhältnis von KünstlerInnen und KomponistInnen

Manchmal ist Facebook bedeutend besser und funktionaler als sein Ruf. Als ich dort einen Hinweis auf meinen Blogartikel Die Neue Musik ist tot, es lebe die Kunstmusik!  publizierte, entspann sich vom 16. – 18. Februar 2017 die folgende Debatte, die mir so gut gefiel, dass ich mir die Mühe gemacht habe, sie herauszukopieren. Die Lektüre lohnt, auch, wenn einem die Beteiligten nicht persönlich bekannt sind:

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Richard Prince: „Untitled (cowboy)“, 1989

Stefan Hetzel Ich finde es befremdlich, wie wenig sich Kunstmusik-KomponistInnen oft mit zeitgenössischer bildender Kunst beschäftigen oder gar auskennen, denn eigentlich sind doch Darmstadt und Donaueschingen ganz exakte Äquivalente etwa zur documenta oder zur Biennale in Venedig. Nur hat man bsp.weise in Darmstadt (wo ich letztes Jahr war) den Eindruck, hier wird als heißer Shit diskutiert, was an Kassel schon 1980 „durch“ war (Konzeptualismus, Postmoderne).

Alexander Strauch Umgekehrt ist es noch „verheerender“: Bildende Künstler kennen nicht einmal klassischere Namen wie Rihm/Lachenmann. Höchstens Stockhausen, Ligeti und Cage. Umgedreht wäre das so, als ob man nur Ai Wei Wei, Richter und Koons kennen würde…

Stefan Aber ist es klug, die Ignoranz der anderen zum Maßstab der eigenen Neugier zu machen?

Alexander Das ist ja nicht der Weg: aber die bildende Kunst hat einen engeren Fokus auf die Welt, als man glauben möchte. Was sie relevant macht: ihr höherer Preis als der der Kunstmusik…

Stefan Warum ist dann Steve Reich bekannter als Richard Serra?

Ein sehr junger Steve Reich
Ein sehr junger Steve Reich

Alexander Ist das wirklich so? Eine Antwort: Reich ist kommerzieller als Serra oder einfach bei aller hochstehenden Inhaltlichkeit doch softer.

Johannes Kreidler Ich glaube, der Grund, warum die alte Komponisten-Generation sich mit der Bildenden Kunst (und ebenso mit der Theateravantgarde) nicht auskennt, ist vor allem, dass sie kein Internet hatte zu Studienzeiten.

Nina Noeske Aber einige von denen hatten Füße, Autos oder Flugtickets, um Ausstellungen/Theateraufführungen besuchen zu können. (Und heute haben alle Internet: Die Frage ist, ob die Lage – jenseits eng begrenzter Kreise – wirklich bedeutend besser ist als damals. Hier und da mal im Netz Namen aufzuschnappen und punktuell einzubauen reicht erstmal nur, um beim (künstlerischen) Smalltalk mithalten zu können.) Klar ist es heute einfacher, sich zu informieren; sich „auskennen“ erfordert aber nach wie vor einen immensen Zeit- und Energieaufwand.

Stefan@Alexander Aber das ist doch nicht der Punkt: Reich und sein relativer Breitenerfolg, ohne dass er millionenteure Werke zu verkaufen hätte (weil er nun mal Komponist ist und nicht Bildhauer), sind doch ein Prachtbeispiel dafür, dass auch heute in der Kunst weiterhin ideelle Werte zählen.

Alexander@Stefan Aber Serra selbst ist in der Kunst nicht so unbekannt wie Du meinst…
Was die alten Komponisten betrifft: die kennen oft auch nur intensiv die Komponisten, die sie bis Ende 29 kennenlernten, so auch ihr Kunstbild.
Kenne z. B. älteren, der mit Künstlerin verheiratet. Hat frei Haus größeres Wissen um Kunst als Kollegen. Auf der anderen Seite weiß er aber nicht das Geringste über musikalische Populärkultur. Wobei sein Kunstwissen auch dortig Populäres umfasst.

Stefan@Alexander Ein schönes Beispiel für exakt jenen Mangel an Neugier, den ich meine 🙂

Johannes Ich versuche mir gerade mal ein paar ältere Semester (50-70 Jahre alt) vorzustellen aus unserer Zunft. Ja, ich glaube, von denen kennt kaum einer was von der Bildenden Kunst oder Theater nach 1960.
Mutmaßliche Gründe:

  1. Neue Musik war Kraftakt genug. Es gab kaum Institutionen, man musste nach Darmstadt fahren, um überhaupt auf dem Stand der Musik zu bleiben. Auch ich habe noch Jahre an Lebenszeit verloren, bis ich in der schwäbischen Kleinstadt dann im Radio mal den „Gesang der Jünglinge“ hören konnte… der heutige Informationsfluss durch Internet ist da ganz anders und hat auch einen anderen Geist von Austausch hervorgebracht.
  2. Fatalerweise hat man ab den 1970ern die Isolation der Neuen Musik zu beheben versucht, aber nicht durch Annäherung an Pop und Kunst, sondern wieder durch Annäherung an die „Klassik“ (Rihm, Lachenmann & das ganze Gefolgs). Da hat Adorno sicher Schuld dran mit seiner Aversion gegen Pop; linke Technikfeindlichkeit hat die Elektronische Musik auch nicht gerade beflügelt. Die dann folgende Institutionalisierung der Neuen Musik hat das verankert (die Institutionalisierung ging vor allem von den Musikhochschulen, also von der „klassischen Musik“ aus). Die Weichen waren gestellt.
  3. Es gab in Europa keine Metropole wie heute Berlin, wo alle Kunstsparten nebeneinander wohnen.

Stefan@Johannes Punkt 3 deiner Analyse stimmt nicht ganz: Es gab bis in die 1980er immerhin Köln/Düsseldorf mit Stockausen/Barlow/Kagel (sowie Kraftwerk/Can/Neu) und Richter/Polke/Kippenberger.

Johannes Stimmt. Beuys ebenfalls.

Nina@Johannes Zu Punkt 1 noch: Gegenargument: In den Jahren an Lebenszeit, die es braucht, um endlich im Radio Stockhausen zu erwischen, hätte man, um die Wartezeit zu überbrücken, derweil in einer Kunstzeitschrift blättern (evtl. auch vor dem Radio sitzend) oder zur documenta fahren können, um vielleicht sogar Synergien herzustellen…
Und Punkt 3: Du meinst, alle Kunstsparten nebeneinander in einer Straße? Verstehe ich nicht. Es gab (und gibt) außerhalb von Berlin noch München, Wien, Paris, Warschau, Leipzig…
Punkt 4 wäre dann noch der immense handwerkliche Aufwand, der traditionell betrieben werden muss, um überhaupt mit dem Komponieren beginnen zu dürfen: Wann soll man beim Erlernen der abstrakten Geheimwissenschaft Musiktheorie noch nach links oder rechts schauen?
Punkt 5 (ergänzend zu deiner Nr. 2 und zu meiner 4) die musikspezifische Angst vor Politik und Schmutz (vgl. z. B. Idee der absoluten Musik).
Punkt 6 der seit jeher zutreffende Eindruck von Musikleuten, bildende Künstler, Literaten, Theaterleute seien gegenüber der Musik ignorant, also richtet man sich dann halt seinerseits (etwas beleidigt) in der Isolation ein. (Reiner Bredemeyer 1981 in einer Diskussion der Akademie der Künste (Ost):

Der Komponist Reiner Bredemeyer
Der Komponist Reiner Bredemeyer (1929 – 1995)

Ich habe die Bücher von Christa Wolf, von Stefan Hermlin und Franz Fühmann zu Hause, aber sie haben mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere Musik nicht zu Hause. Ich gehe zum Beispiel auch in Kunstausstellungen. Aber in der Biennale habe ich die Kollegen der anderen Sektionen und der anderen Gebiete nicht gesehen. Es kommt kein Peter Hacks, es kommt kein Volker Braun, kein Werner Stötzer und kein Werner Klemke. Die Bemühungen, kommunikativer oder stilistisch mit anderen Mitteln zu schreiben, haben auch zu nichts geführt. […] Während es von Christa Wolf ein Dutzend Bücher gibt, gibt es von mir noch nicht eine Platte. Wir […] sind kein Äquivalent, wir machen nicht neugierig. Wenn ich in ein Geschäft gehe, frage ich: „Ist das neue Buch von Christa Wolf schon da?“ – „Welches?“ – „Das weiß ich nicht, aber ich würde es gern haben.“ Ich glaube nicht, daß jemand nach einem neuen Stück von Goldmann fragt.

(Liebe SAdK, hiermit nachträglich die Bitte um Zitiererlaubnis … Nachweis: SAdK [928], Plenartagung, 12.-16.3.1981 in Rostock, Sitzung der Sektion Musik (16.3.1981), Blatt 15f.))

Johannes@Nina Danke für das schöne Bredemeyer-Zitat, Nina. (Beleidigte Leberwürste können so wunderbar unterhaltsam sein – Schopenhauer angeblich: „Ich habe die Wahrheit gesucht und nicht eine Professur!“…)
Stimmt wohl alles, was du sagst. Dann ist da halt doch noch die mediale Verschiedenheit; die alte Garde bewegte sich eben im Medium des Konzerts und der klassischen Instrumente, das ist schon Aufwand, Geld und Zumutung fürs Publikum genug, da waren so radikale Konzepte wie in der Bildenden Kunst von Richard Prince wirklich kaum vorstellbar. In der Bildenden Kunst kann man sowas einfach mal machen, und es sind Objekte, die sich hernach verkaufen lassen, Existenz gesichert…
Also, ich habe bei meinem Gedankenspiel ganz konkret manche vor Augen, bspw. meinen alten Lehrer S., es mag zwar ein Einzelfall sein, aber er hat die Neue Musik als Komponist und Lehrer sehr geprägt – ich glaube nicht, dass S. jemals von Marina Abramović gehört hat. Hätte er zwischendurch am Radio sitzend sicherlich Gelegenheit gehabt, sich mal kundig zu machen, dass es sowas wie „Performance Art“ gibt. Ich glaube, sowas hat ihn einfach nicht interessiert, außer der Neuen Musik hat er lieber alte Philosophen gelesen; mir deucht, das war mehr oder weniger in der ganzen Generation so. (Vielleicht mussten die auch erst noch die Moderne nachholen, die die Nazis getilgt haben, S. las auch viel Joyce, Jahnn, Brecht.) Daher versuchte ich zu sagen, es gibt heute vielleicht generell einen anderen Geist von Austausch und Informationszirkulation, mit dem man groß wird.
Bei Berlin würde ich schon meinen, dass hier in historisch nicht so oft auftretender Dichte Künstler aller Sparten und aus aller Welt in denselben Straßen wohnen und arbeiten, seit ca. 15 Jahren. Das halte ich nur für vergleichbar mit New York 1960-85, vielleicht Paris 1950-70, Berlin 1910-1930. Und die Leute treffen sich ja nun auch in der Bar und es gibt entsprechende Institutionen in Reichweite. Ich glaube, es bezweifelt kaum jemand, dass die Volksbühne und das HAU weltweit zur Theaterspitze gehören, ebenso wie KW und Hamburger Bahnhof in der Bildenden Kunst. So einen Castorf sieht man nicht so leicht, wenn man etwa in Augsburg lebt.

Nina@Johannes …tja, wer hat schon in Wahrheit eine Professur gesucht! – Hm, ja, diese Neigung zur (philosophischen) Abstraktion und die Abneigung gegenüber Unsystematischem jeglicher Art ist vielleicht wirklich spezifisch für das Gros der westdeutschen, vielleicht etwas weniger ostdeutschen musikalischen Nachkriegsavantgarde (aus nachvollziehbaren Gründen). Wichtig wäre halt immer, zu betonen, dass es die Grenzüberschreitungen (ohne Ausweis) auch immer gab, die auch auf ihre Weise nachfolgende Generationen geprägt haben. Ansonsten stimme ich Dir vollkommen zu. Und Berlin 2002ff.: Die Musikhistoriker*innen haben die Bleistifte gespitzt.
(Und noch ein marginaler Nachtrag: Musik ist sowieso schon gefühlsverdächtiger als Bildende Kunst. Wenn man da noch Programme, Konzepte, Farben, Materialien, Performances, Körper hinzugibt, kommt die Regression und damit Barbarei – wenn man so will – zumindest in Sichtweite. Deinen Lehrer S., Johannes, hat das sicherlich gestört.)

Johannes@Nina Ja, die Absolutheit & Autonomie waren wohl sehr wirkmächtige Denkfiguren. Vor allem in der Adorno’schen Form, dass „von innen heraus“ das Material entwickelt werden muss, dann wird es automatisch die Gesellschaft reflektieren (ohne ihrem „Verblendungszusammenhang“ zu verfallen).
Hier noch der Adorno’sche Schlüsselsatz („Ästhetische Theorie“):

Die ungelösten Antagonismen der Realität kehren wieder in den Kunstwerken als die immanenten Probleme ihrer Form. Das, nicht der Einschuß gegenständlicher Momente, definiert das Verhältnis der Kunst zur Gesellschaft.

Nina@Johannes So isses. Und in Bezug zur Neuen Musik („Philosophie der neuen Musik“):

Die Isolierung der radikalen modernen Musik rührt nicht von ihrem asozialen, sondern ihrem sozialen Gehalt her, indem sie durch ihre reine Qualität und um so nachdrücklicher, je reiner sie diese hervortreten läßt, aufs gesellschaftliche Unwesen deutet, anstatt es in den Trug der Humanität als einer bereits schon gegenwärtigen zu verflüchtigen.

(Samstagabend mit Adornozitaten um sich zu werfen, o tempora…)

Philipp E. Dollfuß@Stefan Schuldig im Sinne der Anklage – wobei ich mir schwer tue, vorzustellen, was in der bildenden Kunst eigentlich noch herauskommen soll, in Zeiten von Google Dreams oder anderer automatischer Bildgenerierung. Also inwiefern es noch neue, nicht erkundete Ansätze dazu gibt, wie man Bilder erzeugt…
Okay, ich widerspreche mir schon selbst. Außerdem fiel mir grade nochmal die Bakteriographie ein.
Naja, letztlich hat die bildende Kunst die Probleme, die auf die klassische Kunstmusik zukommen, halt jetzt schon. Also werden da vielleicht auch schon Lösungsansätze auftauchen. Ich kenne mich offensichtlich zu wenig aus, als dass ich das vage Gefühl, dass ein etwas runderer Mondrian jetzt keine große Errungenschaft darstellt, die mich zu irgendwas inspirieren könnte, in ein solides Argument verwandeln könnte. :-/

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Peter Schuyff: „Mondrian, Amsterdam 2016“

Stefan@Philipp Aber um „neue Bilder“ im Sinne von „novelty“ geht es doch schon lange nicht mehr, sondern um die Frage, ob und wie Artefakte neue gesellschaftliche Selbstbeschreibungen provozieren können (H. Lehmann). Schuyffs Mondrian-Paraphrase sehe ich in diesem Licht als Reaktion der postmodernen Malerei auf die Kommodifizierung der klassischen Moderne.

Philipp@Stefan Ok, ich hab nochmal nachgedacht…
Mein Unbehagen mit der Nicht-Neuheit in bildender Kunst ist ja wohl hypocritical, da ich erstens selbst oft ziemlich altmodisches Zeug mache, und da ich die Perspektive des Kontexts ignoriere. Wie du schon sagst, geht es ja nicht mehr um die Neuheit.
Aber.
Wenn ich die Sache umdrehe, und frage, okay, worum geht es dann, fallen mir Dinge ein wie Kontext, Bezug zwischen Künstler und Werk oder Schaffensprozess, Wirkung auf andere, auf Gesellschaft, usw. (Den Begriff der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung muss ich mir bei anderer Gelegenheit mal vornehmen, im Moment genügt es mir, die ungefähre Richtung zu sehen)
All diese Eigenschaften, sagen wir Interessanz-Aspekte ( 😉 ) eines Kunstwerks oder Kunstprozesses haben jetzt aber gemeinsam, dass sie eigentlich nicht an bildende Kunst gebunden sind, sondern allgemein für viele oder alle Sparten gültig sind.
D. h. aber wiederum, dass das Interesse dann eigentlich gar nicht mehr der bildenden Kunst gilt, sondern der bildenden Kunst – und so frage ich mich weiterhin, was mir die bildende Kunst zu bieten hat, was ich nicht ebensogut anderswo suchen könnte. Das heißt natürlich nicht, dass bildende Kunst obsolet würde, aber das, was sie wichtig macht, muss eben zumindest zu einem Teil darin liegen, dass sie bildend ist, und das heißt, dass es irgendwie dann doch wieder darum geht, wie das Bild selber visuell beschaffen ist, oder sagen wir, um seinen sinnlichen Reiz.
So, macht das Sinn? 😉

Stefan@Philipp Ja, passt. Es wird immer unwichtiger, welcher Mittel sich ein Artefakt bedient, die meisten heutigen Sachen sind ja bereits mixed media. Wichtig ist und bleibt, was das Artefakt für die Gesellschaft leistet (Harry Lehmann nennt das gehaltsästhetische Wende). Selbstreferenzielle Genre-Spielereien dagegen werden immer irrelevanter, das Ding ist durch.

Debatte über das Verhältnis von KünstlerInnen und KomponistInnen

Mein Mediennutzungsverhalten

Einer Aufforderung des Kollegen Kreidler gerne folgend hier eine alphabetisch sortierte Übersicht meines aktuellen Mediennutzungsverhaltens:

APPS

… nutze ich nicht, da ich kein Smartphone besitze. Zu den Gründen siehe „Smartphone“.

E-Books

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Der Mini von PocketBook

Ich empfinde das Lesen auf einem spartanischen E-Book-Reader, der nur Schwarzweiß kann, keine Eigenbeleuchtung und keinen Internetzugang hat, als wesentlich konzentrationsfördernder als das Lesen auf Laptops, Tablets oder Smartphones.
Ich bin glücklicher Besitzers des kleinsten mir bekannten E-Book-Readers, dem Mini des ursprünglich ukrainischen Herstellers PocketBook. Glücklich deswegen, weil sich derart kleine Reader offenbar nicht am Markt etablieren konnten und deshalb bereits wieder so gut wie verschwunden sind. Es sind aber die einzigen ihrer Art, die wirklich in eine Jackentasche passen.
In der Regel lese ich auf dem Mini stets einen „großen“ (d.h. umfangreichen) Roman auf Deutsch oder Englisch, was bei mir meist recht lange dauert. Das liegt auch daran, dass ich mir selten Extrazeit für Belletristik nehme, sondern fast ausschließlich im ÖPNV oder in Lokalen und Cafés lese. Gelegentlich kopiere ich mir längere Artikel aus dem Netz, um sie anschließend ablenkungsarm auf dem Mini studieren zu können. Die dafür notwendige Konvertierung ist allerdings technisch (noch) nicht untrivial.

E-Mail

… ist mein Hauptmedium für schriftliche Kommunikation. Es ersetzt mittlerweile auch das Faxgerät, da man jegliche Papier-Unterlagen ja einfach digital abfotografieren und die Bilddatei anschließend als E-Mail-Anhang versenden kann. Besonders praktisch beim Schriftwechsel mit Behörden oder Anwälten.

Feeds

Täglich überschaue ich Dutzende von RSS-Feeds mit Hilfe der kostenlosen Standalone-Software RSSOwl (die allem Anschein nach seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt wird. Sie funktioniert aber – noch – einwandfrei). Ich bin ein obsessiver Sortierer und habe diesem Drang hier wahrlich nachgegeben. Meine Feeds habe ich in vier Hauptkategorien unterteilt:

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Meine RSSOwl-Hauptkategorien (linke Spalte). Für größere Ansicht bitte auf das Bild klicken.

Kategorie I „Blogs“ unterteilt sich in 14 Unterkategorien:

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So kategorisiere ich derzeit meine abonnierten Blogs unter RSSOwl (linke Spalte). Für größere Ansicht bitte auf das Bild klicken.

Weiter ins Detail möchte ich hier nicht gehen, um meine Privatsphäre zu schützen. Eine kommentierte Blogroll, die sich über die Seitenleiste der Weltsicht findet, bietet aber einen gewissen Einblick in mein Blog-Leseverhalten.
Kategorie II „SHFeeds“ dient der Kontrolle meiner eigenen Feeds, Kategorie III „Podcasts“ erklärt sich von selbst und die Kategorie IV „Videokanäle“ umfasst hauptsächlich YouTube- und Vimeo-Abos.

Fernsehen

Ich sehe ausschließlich via Internet fern und verwende dafür einen eher bescheidenen Flachbildschirm (der natürlich nur den Monitor meines Laptops verdoppelt und dadurch eigentlich gar kein „Fernseher“ im Sinn des 20.  Jahrhunderts mehr ist).
Zur Orientierung nutze ich so weit wie möglich die freie Software MediathekView, die das Auffinden, das Streaming und den Download von Videodateien öffentlich-rechlicher Sender über ein einheitliches, nüchternes Interface ermöglicht. Ähnlich wie RSSOwl lässt sich MediathekView stark personalisieren. Hier ein aktueller Screenshot:

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Screenshot MediathekView. Für größere Ansicht bitte auf das Bild klicken.

iTunes

… , nein danke.

Kino

Alle 3 – 4 Monate gehe ich mit FreundInnen ins Programm- oder Mainstreamkino, ansonsten bediene ich mich der Streaming-Angebote von Anbietern wie Putlocker, was – nach meinem Kenntnisstand – nicht illegal ist, solange man die Dateien nicht lokal abspeichert.

Netflix, Entertain TV, …

Einen Bedarf für bezahltes Videostreaming habe ich (noch) nicht entwickelt, meine GEZ-Gebühren sollten genügen, um meinen Bedarf zu decken. Fragt mich also nicht nach diesen tollen HBO-Serien, ich habe sie nicht gesehen.

Print

Bücher kaufe ich nur, wenn es gar nicht anders geht, d.h. wenn Texte von Interesse partout nicht in digitaler Form erhätlich sind.
Die Fachzeitschrift für „akute“ (A. Strauch) bildende Kunst MONOPOL habe ich die letzten Jahre ziemlich regelmäßig gekauft und studiert.

Radio

Wenn ich gerade nichts Besonderes höre, läuft bei mir zuhause Radio via Internet, wobei ich die Streams direkt via VLC Media Player abgreife (/Media /Open Network Stream/URL eingeben). Hier meine aktuelle Senderpalette:

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Meine WebRadio-Palette

Meistens laufen BR-KLASSIK oder MDR KLASSIK. Für Nachrichten ist der Deutschlandfunk gut. Q2 Music und Second Inversion bringen ausschließlich Contemporary Classical Music meist US-amerikanischer Provenienz.

Rechner

Ich nutze hauptsächlich einen mittelpreisigen Laptop mit Windows 7 Home Premium Service Pack 1 (2009).
Außer Basis-Versionen von Cubase und der Vienna Symphonic Library benutze ich aus weltanschaulichen Gründen nur Freie Software, also z. b. OpenOffice statt Microsoft Office, GIMP statt Photoshop, PDF-XChange Viewer statt Acrobat Reader, Audacity statt Wasauchimmer, MuseScore statt Finale/Sibelius etc.

Sicherheit

Zur Verwaltung von starken Passworten, also Zeichenfolgen wie etwa „gqlxKE;koRVX%%.Yn@’4“, die sich niemand merken kann und soll, verwende ich KeePass, mein Chrome-Traffic muss sich durch den Ad-Blocker uBlock Origin quälen, bevor er bei mir ankommt und meinen großen Laptop schütze ich mit täglich automatisch aktualisierter Anti-Malware, für die ich Emsisoft gerne ein paar Euro pro Monat bezahle.

Skype

… nutze ich sehr gerne für Lektoratssitzungen mit AutorInnen.

Smartphone

… hab‘ ich nicht, weil sich mir der Mehrwert eines solchen Gerätes verschließt (was viele verblüffen wird). Ich habe nichts gegen Smartphones, lebe aber gerne nach den Prinzipien von Ockhams Rasiermesser: „Non est pluralitas sine necessitate.“ Ich besitze ein Mobiltelefon (basal, aber mit Taschenlampenfunktion!). Die „fehlende“ Smartphone-Funktionalität, vulgo „mobiles Internet“, wird bei Bedarf,  d.h. selten, durch meinen kleinen Laptop geliefert, der eine größere Tastatur als jedes Smartphone besitzt und für den ich auch keinen extra Mobilfunkvertrag abschließen muss, weil ich mich bevorzugt über kostenlose W-LAN-Netze einlogge. Für alle Fälle, z. B. bei Fahrten mit der Deutschen Bahn außerhalb des ICE-Angebots, habe ich aber immer einen USB-Stick-förmigen mobilen Internetzugang dabei, der für EUR 2,95 brauchbare Bandbreite für 24 Stunden liefert. Ein Leben ohne Smartphone ist also möglich, ohne auf die meisten diesbzgl. Dienste (eigentlich fällt mir hier nur Twitter ein) verzichten zu müssen.

Soziale Netzwerke

Ich bin bei Facebook und überschaue die Posts meiner weit unter 100 FreundInnen dort täglich. Neue FreundInnen kommen nur sehr selten dazu – und ab und zu bröckelt halt eine/r ab …
Ich bin auch bei Google+ und LinkedIn, aber nur passiv.

Tablet

Den Sinn eines portablen Rechners ohne vernünftige Eingabetastatur sehe ich nicht. Siehe stattdessen „Unterwegs / kleiner Laptop“.

Twitter

… verwende ich nicht. Wie soll das auch gehen ohne Smartphone? Oder geht das doch? Das ist eine echte Frage. Kennt sich da jemand aus?

UNTERWEGS

Meine mittelpreisige Kompaktkamera habe ich immer dabei, bei Bedarf (Field Recordings, Interviews aufnehmen) packe ich meinen portablen .wav/.mp3-Rekorder dazu. Mein großer Laptop bleibt fast immer zuhause, aber ein zweiter, kleiner, ist unterwegs meist dabei. Mit ihm kann ich Skypen, Lektorieren, Musikhören, Browsen, Bloggen, Notizenmachen etc. Nur Komponieren geht (noch) nicht.

WWW

… nutze ich über den Chrome-Browser von Google, den ich – aus Sicherheitsgründen – immer auf dem neuesten Stand halte (derzeit läuft Version 56.0.2924.87). Den Lesezeichenmanager nutze ich intensiv:

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Teil-Ansicht meines Chrome-Lesezeichenmanagers. Für größere Ansicht bitte auf das Bild klicken.

Ich benutze folgende Chrome-Erweiterungen (nicht zu verwechseln mit Plug-Ins):

  • Google Übersetzer – dank Deep Learning-Technologie ein vollkommen fantastisches Tool, das vermutlich alle professionellen ÜbersetzerInnen dieser Welt abgrundtief hassen.
  • RSS-Abonnement verwende ich, um Feedlinks leichter aus Internetseiten extrahieren und nach RSSOwl exportieren zu können. Siehe auch „Feeds“.
  • den Ad-Blocker uBlock Origin (siehe auch „Sicherheit“), durch den das WWW für mich zu einer weitestgehend werbefreien Zone wird.
Mein Mediennutzungsverhalten

Die Neue Musik ist tot, es lebe die Kunstmusik (Art music)

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Ein bekanntes Werk der Appropriation Art aus dem Jahr 1989: „Untitled (cowboy)“ von Richard Prince

Ich finde es befremdlich, wie wenig sich Kunstmusik-KomponistInnen oft mit zeitgenössischer bildender Kunst beschäftigen oder gar auskennen, denn eigentlich sind doch Darmstadt und Donaueschingen ganz exakte Äquivalente etwa zur documenta oder zur Biennale in Venedig. Nur hat man bsp.weise in Darmstadt (wo ich letztes Jahr war) den Eindruck, hier wird als heißer Shit diskutiert, was an Kassel schon 1980 „durch“ war (Konzeptualismus, Postmoderne). Der Komponist Hannes Seidl sieht das durchaus, wenn er im kürzlich publizierten E-Mail-Wechsel mit Johannes Kreidler „‚Neue Musik‘ ist meistens etwas hinterher“ seufzt (MusikTexte 152).

So hat bsp.weise die Appropriation Art, eine durchaus einflussreiche Strömung in der Bildenden Kunst der letzten 30 Jahre, nach meinem Kenntnisstand bisher nur sehr wenige Kunstmusikkomponisten inspiriert, obwohl sich die Sampling-Technologie hier zur Umsetzung geradezu anbietet. Dasselbe gilt für Neo-Geo, aber auch für restaurative Tendenzen wie etwa die Neue Leipziger Schule (die man musikalisch mit neo-tonalen Ansätzen parallelisieren könnte): Wer macht sowas „als“ Musik? Ich denke, es wäre keine Schande für die Kunstmusik, sich hier umzusehen und einfach mal zu machen, auszuprobieren, zu experimentieren, um Anschluss zu finden.

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Neo-Geo: „Mondrian, Amsterdam 2016“ von Peter Schuyff

Immer wieder habe ich als externer Beobachter der „Neue Musik“-Szene den Eindruck, deren ProtagonistInnen haben es aufgrund der starken Institutionalisierung dieser Kunstgattung einfach nicht nötig, mal über den Tellerrand zu schauen und auf Trends im zeitgenössischen Kunstgeschehen zu achten, um im „Geschäft“ zu bleiben. Allein der Begriff „Trend“ dürfte vielen Neue-Musik-Menschen, denen ich begegnet bin, als Inbegriff des Oberflächlichen und deshalb Abzulehnenden erscheinen. Lieber strebt man nach „Überzeitlichkeit“ und vertont Paul Celan, Friedrich Hölderlin, Anne Sexton oder Sylvia Plath (wogegen ich nichts einzuwenden habe, aber die Vertonung hermetischer Lyrik sollte nicht als alternativlos gelten).

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Die Neue Leizpiger Schule mag ich zwar nicht, aber zeitgenössische Kunst ist sie zweifellos: Neo Rauchs „Ordnungshüter“ aus dem Jahr 2008

Die Welt der alten „Neuen Musik“ scheint mir in den letzten 25 Jahren mehr und mehr zu einem Sammelbecken von Reaktionären und Gegen-den-„Zeitgeist“-Schwimmern geworden zu sein, deren ästhetische Erziehung mit etwas abgeschlossen war, was man in der Bildenden Kunst Abstrakten Expressionismus nannte. Und der hatte bekanntlich in den 1950er-Jahren seine große Zeit.

Kein Wunder, dass nun viele Junge aus der eurozentrischen Neuen Musik „austreten“ wollen, wie der Musikpublizist Michael Rebhahn bereits 2012 richtig feststellte: gut so. Gleichzeitig bleibt ihnen aber nichts anderes übrig, als in die globale Kunstmusik / Art music „einzutreten“. Denn einen dritten Weg sehe ich nicht.

Die Neue Musik ist tot, es lebe die Kunstmusik (Art music)