Gedanken zu Drum and Bass 4 von 5: Was zu hören ist

Ich glaube, festgestellt zu haben, dass sich die allermeisten Drum and Bass-Tracks in nur 5 aurale Komponenten zerlegen lassen, denen jeweils spezifische Aufgaben zukommen:

  1. einen Drumloop inkl. mehr oder minder virtuous und vielgestaltig variierender Breaks, der das Gesicht bzw. die Vorderseite des Tracks darstellt
  2. einen in-, bzw. dekrementellen (Sub)Bassloop, der klanglich entweder mehr oder weniger stark an einen monophonen Analog-Synthesizer angelehnt ist oder aber nebengeräuschreiche Kontrabass-Samples antriggert. Wie sich dieser Rückgrat- bzw. Rückseiten-Bass ryhthmisch zum Drumloop verhält, gehört für mich zum faszinierendsten des gesamten Genres. Hier ist das Genre materialästhetisch am weitesten entwickelt.
  3. einen nur mäßig changierenden Halteklang (drone), der nach Synthesizer bzw. gestretchtem Sample klingt. Nicht selten ist dieser Drone den ganzen Track über mehr oder minder präsent, aber auch dramaturgisch motivierte Ein- und Ausblendungen bzw. Ausstanzungen (=abrupte Pausen) sind möglich
  4. ein harmonische Progressionen lieferndes E-Piano bzw. ein E-Piano-ähnlicher akkordischer Klang. Viele Tracks beschränken sich auf 2 meist drei- (Dreiklänge) bis vierstimmige (Sept-Akkorde) Harmonien, an eine harmonische Progression über mehr als 4 Stationen kann ich mich nicht erinnern.
  5. eine überschaubare Anzahl sehr vielgestaltiger und oft verblüffend exzentrischer Mikro-Samples von max. ca. 3″ Dauer, die dazu dienen, den Groove zu akzentuieren bzw., mit Verlaub, eine gewisse Ödnis zu vermeiden helfen, die angesichts der Statik der Gesamtkonstruktion (zumindest in meinen Ohren) sehr leicht auftreten mag.

Dazu kommen zwei optionale Komponenten:

  1. ein meist kohlenstoffweltliches Instrument, das meistens nur ein Lick spielt, gelegentlich aber auch ein klassisches Solo im Sinne des Jazz. Beliebt sind Sopransaxophon und Querflöte.
  2. eine in der Tradition des R&B singende Vokalistin oder aber ein rappender MC (microphone commander). Obwohl bsp.weise „Inner City Life“ mit der wunderbaren Diane Charlemagne zu den bekanntesten Tracks des Genres überhaupt gehört, behandle ich die Variante „Drum and Bass mit Vocals“ in diesem Essay eher stiefmütterlich, denn die ganze Chose verliert dadurch ein gutes Stück ihrer Spezifität und wird allzu leicht als eben R&B oder HipHop wahrgenommen.

Gedanken zu Drum and Bass 3 von 5: Ikonographie

Die Janusköpfigkeit bzw. Spektralität des Genres spiegelt sich in seiner Ikonographie wieder. Ziemlich genau die Hälfte der einschlägigen Drum and Bass-Labels gibt (bzw. gab) sich ein eher freundliches, liberales, weltoffenes und letztlich hedonistisches Image (Label-Logos 2 und 4 oben), welches anschlussfähig zu oder zumindest kompatibel mit von Haus aus homophilen Nachbar-Genres wie etwa Techno oder House zu sein scheint.

Die andere Hälfte hingegen, also die Logos 1 und 3, kommt eher muckibudenhaft und entschossen düster, jedenfalls aber viril daher und schätzt daher vermutlich den in pausenloser Selbst-Optimierung selbst zugefügten Schmerz höher als das laue Vergnügen. Von Homophilie kann hier keine Rede sein. Dass es in der Drum und Bass-Szene allerdings offene Homophobie gibt, ist mir nicht bekannt.

Dieser Track ist definitiv auf der düster-entschlossen-virilen Seite des Drum and Bass-Spektrums einzuordnen.

Das Schillernde der Drum and Bass-Ikonographie scheint mir kein Zufall zu sein und auch kein Indiz von mangelndem Gestaltungswillen. Vielmehr drückt sich hier auch im Visuellen die innere Widersprüchlichkeit der Szene und ihrer AkteurInnen aus: Einerseits will man ernst, fokussiert, wehrhaft und „jenseitig“ erscheinen wie die Angehörigen der Nachbartribes Gothic oder Metal, andererseits aber gleichzeitig heiter, verspielt, offen und „diesseitig“ wie die Anhänger von House und Techno.