«For Carillon» (ePlayer-Realisierung)

belfriedDiese Mini-Komposition ist buchstäblich ein „Abfallprodukt“ des kürzlich publizierten zweiten HarpsiLogs. Sie besteht aus einer Passage im Arpeggio-Stil, die mir an sich ganz gut gefiel, die ich aber nicht im eher ruhigen HarpsiLog 2 drinhaben wollte. Schließlich kam ich auf die Idee, sie für die fantastische Sample-Bibliothek des Glockenspiels im Belfried von Gent einzurichten und bei dieser Gelegenheit gleich mal eine (für mich) neue mikrotonale Skala auszuprobieren. Das Ergebnis gefiel mir ganz außerordentlich, also gibt es jetzt eine Komposition namens „For Carillon“ (= Für Glockenspiel) von mir. Für Nerds hier die Skalendaten:

NAME    Ben Johnston's combined otonal-utonal scale
DEGREES 12
PITCH   261.626
CENTRE  60
1 j135/128
2 j9/8
3 j135/112
4 j5/4
5 j11/8
6 j45/32
7 j3/2
8 j135/88
9 j27/16
10 j7/4
11 j15/8
12 j2/1
END

Hier ein kurzes Video von der wunderbaren „MIDI-Trommel“ des realen Genter Glockenspiels. Man sieht sehr schön, dass diese monströse Apparatur aus dem 17. Jahrhundert nicht viel anders funktioniert als die beliebten winzigen Spieluhren (engl. heißen die übrigens interessanterweise music box), die man gelegentlich auf Trödelmärkten oder in Souvenirläden günstig erstehen kann (und die fast immer „O du lieber Augustin“ dudeln). Jeder Stift in der Trommel entspricht einem „Note On“-Befehl, mit dem hier allerdings eine teilweise tonnenschwere Glocke angetriggert wird (Zoom ab ca. 0:40):

Dennoch ließe sich meine Komposition nicht ohne weiteres auf dem Genter Glockenspiel realisieren – es sei, denn man würde neue Glocken gießen und installieren lassen, die in Johnstons combined otonal-utonal scale gestimmt wurden.

Der Glockenklang verschleiert etwas, wie stark sich Johnston Temperierung von der herkömmlichen unterscheidet, deshalb habe ich hier mal „For Carillon“ für Klavier mit getretenem Haltepedal arrangiert. Zunächst ertönt das Stück in Johnstons Temperierung, dann in normaler Stimmung:

Der drastische klangliche Unterschied dürfte nun deutlich wahrnehmbar sein!

«For Carillon» (ePlayer-Realisierung)

(non-)MIDI Mists – Xenakis und der Transhumanismus

Musikarchitekt Iannis Xenakis versah sein Klavierstück „Mists“ aus dem Jahr 1981 absichtlich mit „unspielbaren“ Passagen. Fragt sich, wie er das gemeint hat. Nun, bisher begnügte man sich mit performativen Annäherungen an das „Unspielbare“, ganz wie der junge Pianist Hayk Melikyan es hier tut => non-MIDI Mists:

Es existiert auch eine hervorragende, vier (!) Minuten längere Interpretation des Pianisten Roger Woodward, dem Xenakis „Mists“ gewidmet hat. Vermutlich stammt sie aus der Entstehungszeit der Komposition, also den frühen 1980er Jahren. Ich konnte allerdings nur eine YouTube-Variante in miserabler Tonqualität entdecken😦. Wer sie dennoch hören möchte, hier ist der Link.

Man kann es allerdings auch machen wie YouTube-Nutzer „allarmunumralla“ und alle Noten einfach in einen MIDI-Sequenzer eingeben, der dann ein (hier virtuelles, im Prinzip könnte es aber auch ein elektromechanisches sein) Selbstspielklavier ansteuert => MIDI Mists:

Auch hiervon existiert eine weitere, auf CD erschienene bzw. als MP3-Download erhältliche Variante des deutschen Musikers Daniel Grossmann aus dem Jahr 2008. Ich ziehe allarmunumrallas mit etwas mehr Hall und etwas „humanerem“ Anschlag ausgestattete Realisierung allerdings vor. Grossmanns Variante mag „korrekter“ sein (?), allarmunumrallas ist aber definitv angenehmer zu hören.

Ein anonym bleiben wollender YouTube-Nutzer ist also in der Lage, eine zumindest gleichwertige Realisierung eines Klassikers der Neuen Musik „allein zuhause“ zu erstellen!* Ein weiteres schönes Beispiel für Harry Lehmanns These von der Demokratisierung und Ent-Institutionalisierung der Neuen Musik durch die Digitale Revolution aus dem Jahr 2012.**

Welche Versionen sind nun authentischer bzw. zeitgemäßer? Die non-MIDI Mists von Woodward und Melikyan oder die MIDI Mists von Grossmann und allarmunumralla? Und wie hängt die Beantwortung dieser Frage mit den philosophischen Problemlagen zusammen, die Transhumanismus und Künstliche Intelligenz aufwerfen?

Stoff für mindestens einen weiteren musikphilosophischen Aufsatz – von wem auch immer.


* Nerd-Info: Über die technische Seite der Realisierung sagt allarmunumralla „Created, edited and mastered (by myself) in Digital Performer 5.13 (MOTU) using Ivory 2.0 sound banks (Synthogy).“

** Vgl. auch meinen Essay „Von der Tomate zur Tütensuppe“ aus dem selben Jahr. Zum Thema KI und musikalische Komposition siehe mein Dramolett „Interaktivität 2.0„.

(non-)MIDI Mists – Xenakis und der Transhumanismus

Pianogramme

Unter dem Pseudonym Joey Cloud hat ein australischer Programmierer eine wunderbare Visualisierungsidee für Klaviermusik konzipiert und zur freien Anwendung ins Netz gestellt:

The visual … shows how often each key gets pressed relative to the rest for a given piano piece. It is a piano-looking histogram, so I named it a Pianogram!

Histogramme kannte ich vom Display meiner digitalen Kompaktkamera, wusste aber mit ihnen nichts anzufangen. Die Wikipedia erklärt hier recht akademisch: „Ein Histogramm ist eine graphische Darstellung der Häufigkeitsverteilung … skalierter Merkmale. […] Es werden direkt nebeneinanderliegende Rechtecke von der Breite der jeweiligen Klasse gezeichnet, deren Flächeninhalte die … Klassenhäufigkeiten darstellen. Die Höhe jedes Rechtecks stellt dann die … Häufigkeitsdichte dar.“ Alles klar? Nein? Ok, hier ein gutes Beispiel, ebenfalls aus der Wikipedia:

histogramm_tore

Jetzt klar? Ich denke schon: Das Diagramm zeigt recht anschaulich, dass die meisten Tore während der Fußball-Europameisterschaften 2004 und 2008 zwischen der 85. bis 90. Spielminute fielen, die wenigsten zwischen der 10. bis 15.

Nun war ich natürlich neugierig, wie die Pianogramme meiner eigenen Klaviermusik aussehen würden. Kein Problem: Man kann beliebige Standard MIDI Files auf Joeys Pianogram-Seite hochladen, wo sie in Sekundenschnelle visualisiert werden. Diese Visualisierung kann man anschließend als PNG-Datei herunterladen. Und so geschah es. Hier 4 prägnante Beispiele inkl. kurzer Kommentare:

Abyss [Audio-Link]
Pianogram_Abyss

In diesem Stück habe ich mich (bewusst) besonders „gehenlassen“, d. h. während der Improvisation innere Kontrollmechanismen zeitweise stark heruntergedimmt und den Dingen ihren Lauf gelassen. Interessanterweise nähert sich das Pianogramm dadurch (?) der Gauß’schen Glockenkurve („Normalverteilung„), allerdings mit deutlichem „Linksdrall“, was sich evtl. daraus erklärt, dass ich Linkshänder bin und das Stück gedanklich „dunkel“, d. h. „tief“ angelegt war. Die anomale Häufigkeit des obersten Tons ist dagegen leicht erklärbar: Eine mittellange Passage von „Abyss“ beinhaltet die permanente Repetition dieses Tons als zentrales Gestaltungselement.

Rätsel [Audio-Link]Pianogram_Raetsel

… und hier das krasse Gegenstück: Ca. die Hälfte aller Klaviertasten werden überhaupt nicht berührt, und von den wenigen verwendeten Tasten werden auch noch drei extrem bevorzugt. Warum es gerade diese sind, ist mir momentan nicht klar*, es muss aber natürlich mit dem musikalischen Material der Komposition zu tun haben. Dennoch war ich von der extremen Dominanz von nur 3 Tönen ziemlich überrascht, denn so eintönig dreitönig klingt „Rätsel“ in meinen Ohren nicht😉.

all mixed up [Audio-Link]Pianogram_allmixedup

Hier ist – mit etwas gutem Willen – eine nahezu mittige Glockenkurven-Struktur zu erkennen. Die beiden „Ausreißer“ oben (weiße Taste) und unten haben wiederum eine kompositorische Erklärung. In „all mixed up“ gibt es eine Passage, in der diese beiden Töne als „Rhythmusbox“ verwendet werden (einfach ins Audio reinhören, dann wird klar, was ich meine).

Miniatur [Audio-Link]Pianogram_Miniatur

Der Tastenverwendung ist hier nicht ganz so reduziert wie bei „Rätsel“, dafür bewege ich mich aber wirklich ausschließlich in der mittleren Lage, die unterste wie die obersten eineinhalb Oktaven werden komplett ignoriert. Innerhalb der mittleren Lage ist die Tonverwendung grob glockenkurvig, aber im Detail eher, äh, chaotisch.

Keine Ahnung, ob Clouds Pianogramme in dieser Form wirklich ein tiefgründiges musikologisches Analysetool darstellen, darauf kommt es mir in diesem Artikel aber auch gar nicht an. Es geht mir vielmehr – wie eigentlich immer auf der Weltsicht – um Belege für die These, dass die Digitalisierung einen immer noch nicht in aller Breite und Tiefe verstandenden soziokulturellen Wandel auslöst, wie wir die Welt – hier: Musik – sehen, den ich gerne „Soziodigitalisierung“ nenne.

„Joey Cloud“ ist alles andere als ein Kunstmusik-Experte, er beschreibt sich selbst so:

In my free time I enjoy watching movies, playing DotA, lurking on reddit, developing things for web, playing piano, and collecting/trading Pokemon cards.

Er ist also ein nahezu prototypischer Nerd und hat vermutlich keine akademische musikalische oder kulturwissenschaftliche Vorbildung. Nun, Nerds sind es gewohnt, Daten zu visualisieren, z. B. die aus ihren für mich weiterhin wenig inspirierenden Multiplayer-Ballerspielen, wie das von Cloud erwähnte DotA, oder auch Word of Warcraft, mit denen sie ihre Tage verbringen😉. Cloud hat seine so erworbene „Visualisierungskompetenz“ auf die 88 Tasten des guten alten Klaviers angewandt – mehr nicht. Das ist so simpel, dass man sich fragt: „Warum ist da nicht schon früher jemand drauf gekommen?“**

Das wiederum ist eine Frage, die man sich nur bei wirklich guten Ideen stellt, und zwar immer wieder.


* Ergänzung 2016-05-01: Mittlerweile hat sich das geklärt. Die drei Töne bilden einen linkerhand häufig, aber sehr leise repetierten Begleitakkord, der nicht unangenehm auffällt.

** Sollte jemand darüber etwas wissen, bitte melden, danke:-).

Pianogramme

„Die letzte Kolonne“, ein kleiner Frühlingsgruß aus Cottbus

Weltsicht Co-Blogger Ralf Schuster erholt sich derzeit vom anstrengenden Romanschreiben durch zwangloses, meist ein-, in jedem Fall aber freihändiges Musizieren im heimischen Garten, unterstützt von der charmanten Bruna …

… und wie fast immer habe ich einige Textpassagen akustisch nicht verstanden, doch Schuster war so freundlich, mir die offiziellen Lyrics mitzuteilen:

Die letzte Kolonne

1
Die letzte Kolonne
reitet auf der Tonne
und schießt mit Sauerkraut
da haben wir Angst
und sind verwirrt
ob da noch was geschieht
es tut sich nichts

2
Die erste Kolonne
sitzt lächelnd in der Sonne
getarnt in Maßanzügen
und begleitet von hübschen Frau'n
Adjutanten
Beamten mit Verwandten
ihnen geht's gut
wir zieh'n den Hut

3
Begeistert und begabt
hat Opa schon gesagt
wer was ist ist auch begehrt
braucht dich keiner ist's verkehrt
der Überfluss
nimmt uns den Wert
nimm dich nicht voll
sondern leer

4
Wenn einer fragt was soll ich tun
soll ich schuften oder ruh'n
das macht alles keinen Sinn
ich leg mich hin
wir bleiben tolerant
dafür lieb' ich dieses Land
doch dem faulen Strick
gönn' ich die Ruhe nicht

5
Wir teilen Arbeit, Zeit und Geld
damit sich niemand quält
doch schon Opa hat bestimmt
wer die fette Beute nimmt
dann ist das meiste weg
da kriegst du einen Schreck
denn der aufgeteilte Rest
langt für kein Freudenfest

[Refrain]
Alles weg
    oh Schreck
kein Rest
    so'n Dreck

Alles weg
    oh Schreck
kein Rest
    so'n Dreck
„Die letzte Kolonne“, ein kleiner Frühlingsgruß aus Cottbus

Von der Neurodiversität zur Neuroqueerness

Im Zusammenhang meiner Suche nach substanziellen Blogs zum Thema „ADHS bei Erwachsenen“ stieß ich vor einigen Monaten auf ein Exemplar mit dem schönen Titel neuroqueer. Es wird von zwei Frauen betrieben, die sich hinter den Pseudonymen lhabc und projectenigma verbergen. Lhabc schätze ich auf Mitte zwanzig, projectenigma ist nach eigener Aussage „in den Vierzigern“.

norman_batesBeide Bloggerinnen bezeichnen sich als „trans„, haben mit stark ausgeprägten neurologischen Besonderheiten zu tun (ADHS, Autismus, diverse Phobien, Ticks, Persönlichkeitsstörungen) und sind drittens überdurchschnittlich intelligent*. Den Begriff der „Neuroqueerness“ habe ich hier zum ersten Mal gelesen. Ich habe keine Ahnung, ob lhabc oder projectenigma ihn selber geprägt oder irgendwo aufgeschnappt haben – das spielt hier aber auch keine Rolle. Jedenfalls scheinen sie sich dafür einzusetzen, ihn zu etablieren, um damit eine sehr spezifische Gemengelage psychischer Eigenheiten in ein- und derselben Person zu bezeichnen, für das bisher nur psychiatrisches Fachchinesisch oder generische Schimpfworte („Spasti“, „ChaotIn“, „Looser“, „Irrer“, „Freak“, „Spinnerin“, „Psycho“) zur Verfügung stehen.

Es geht im Einzelnen um das gleichzeitige Vorhandensein von

  1. nicht heteronormativem sexuellem Verhalten (queerness),
  2. angeborenen psychischen Auffälligkeiten sowie
  3. überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten und/oder einer Hochsensibilität

in einer Person.

Punkt 1 umfasst dabei nicht nur die „klassischen“ Homosexualitäten, also das Lesbisch- bzw. Schwulsein, sondern bsp.weise auch eine konsequent asexuelle Lebensweise, heterosexuelle Polyamorie (was natürlich vom üblichen „Fremdgehen“ abzugrenzen ist), eine Vorliebe für BDSM und manches andere. Dabei genügt bereits das Vorhandensein einer dieser vielgestaltigen Verhaltensweisen, um sich als queer zu, äh, qualifizieren. Kurz gesagt, alles, was nicht heteronorm ist, ist queer.

Punkt 2 umfasst alle permanent vorhandenen, also nicht etwa durch Lebenskrisen ausgelösten und sich irgendwann „von selbst gebenden“ psychischen Auffälligkeiten**. Das kann ein ADH-Syndrom sein, aber auch eine Autismusspektrum-Störung, eine dauernde Überempfindlichkeit gegen bestimmte, an sich harmlose Reize sowie weitere, noch diffusere neurologische Symptome, die „für sich genommen“ zwar alle wenig belastend erscheinen mögen, durch ihr lebenslanges Vorhandensein bei den Betroffenen aber bsp.weise zu einem Chronischen Erschöpfungssyndrom führen können, was nicht selten eine vorzeitige Berentung zur Folge hat.

Bei Punkt 3 geht es weniger um einen monströs hohen IQ oder eine spezifische Hochbegabung, etwa für Schach, Mathe oder das Spielen eines Musikinstruments, als um die Fähigkeit zur systematischen und gründlichen Selbst- und Fremdbeobachtung bzw. -reflexion, die quälend zwanghafte Ausmaße annehmen kann. Intelligente Neuroqueere wissen meist schon in sehr jungen Jahren, was mit ihnen los ist, weil sie die Reaktionen der anderen auf ihr So-Sein messerscharf wahrnehmen und abspeichern. Die Allermeisten werden sich daraufhin den Rest ihres Lebens als defizitär erleben und typischerweise Schwierigkeiten haben, ein auch nur halbwegs stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Viele richten sich deshalb irgendwann in einem kaltem Selbsthass ein, der aber paradoxerweise immer mal wieder in Grandiosität umschlagen kann. Ein von Außenstehenden oft als „bizarr“ empfundenes Verhalten, welches nach meiner eigenen Erfahrung besonders effektiv zur nachhaltigen Entfremdung des Neuroqueeren von seinem sozialen Umfeld beizutragen vermag („Jetzt ist der Spast auch noch arrogant!“).

Dann beginnt in der Regel das große Versteckspiel, die endlose „Aufholjagd“, das vergebliche Anrennen gegen einen vermeintlichen „inneren Schweinehund“ bzw. – noch schlimmer – das unsägliche Elend des berühmten „Sich-Zusammenreißens“, denn eigentlich habe man es ja gar nicht soo schlimm getroffen: „Ich bin zwar oft zerstreut / unleidlich / verträumt / leicht aus dem Konzept zu bringen / grundlos deprimiert / ungepflegt / konfus / überempfindlich / panisch / zwanghaft vergrübelt / schlampig angezogen / übertrieben ängstlich /  vergesslich / […], aber mein Gott, das ist schließlich jeder mal, oder? Deswegen bin ich doch noch lange kein Irrer, oder? Oder doch? –  Nein, ich muss nur ein wenig mehr Selbstdisziplin üben, dann wird’s schon gehen. Schließlich bestätigen mir immer alle, wie schlau und begabt ich doch sei. Die anderen packen’s doch auch und die sind nicht so schlau wie ich. Pah, wär doch gelacht!“ usw. usf.

alienMan sieht schon, welch fataler und auf lange Sicht toxischer Psycho-Cocktail sich hier zusammenbraut – und dies, ganz ohne dass sich irgendjemand am Neuroqueeren schuldig gemacht hätte. Er hat weder irgendwelche Traumata, noch die berühmte schwere Kindheit oder gar emotionale bzw. sexuelle Missbrauchserfahrungen vorzuweisen. Die Neuroqueere bleibt mutterseelenallein, d.h. ohne sozial etabliertes Erklärungsmodell, mit ihrem Ich, ihrem So-Sein, zurück und neigt dazu, die Ursache all ihrer Probleme einem „Etwas“ in sich selbst zuzuschreiben. Es ist in ihr drin wie das Alien in Lt. Ripley, mit dem Unterschied, dass es sich weigert, jemals geboren zu werden*** und lieber gemütlich als Parasit im Wirt verharrt, solange dieser imstande ist, es ausreichend zu füttern. Dem Wirt bleibt nichts anderes übrig, als sein Alien durch allmähliche Amalgamierung in seiner Toxizität einzuhegen, so gut es eben geht.

Und so „lebt er dahin„.

P.S.: Lesetipp auf neuroqueer: lhabcs Artikel Ich entscheide mich dafür, behindert zu sein. vom 21. April. Bisschen zu pathetisch und selbst-viktimisierend für meinen Geschmack, dafür aber von durchschlagender Wirkung. Hat mich nämlich zu diesem Artikel angeregt.


* Punkt 3 bleibt auf neuroqueer eher implizit, aber allein die Tatsache, dass beide Blogbetreiberinnen hocheloquent und ausführlich über ihre komplexen persönlichen Symptomatiken zu berichten in der Lage sind, lässt ihn als unabdingbar erscheinen.

** Nicht dazu zählen also etwa eine Depression als Reaktion auf den unerwarteten Tod eines Lebenspartners oder eine Psychose mit Wahnvorstellungen, die durch besonders belastende Lebensumstände ausgelöst wird, aber einmalige Episode bleibt. Dabei ist zu beachten, dass derartige Erkrankungen in der Regel ungleich schwerer verlaufen als die hier angesprochene Neuroqueerness. Sie bedürfen sofortiger professioneller Behandlung, sind aber auch tatsächlich meist gut behandelbar. Aber sie „verlaufen“ eben – Neuroqueerness tut das nicht, sie ist einfach da: gestern, heute, morgen, immer.

*** Denn das Alien ist klug, vgl. auch Emile Ciorans „Vom Nachteil, geboren zu sein“.

Von der Neurodiversität zur Neuroqueerness