Saitenresonanzflügel mit Feedback

Gökhan Deneç hat da was gebaut, dessen technische Seite ich nicht ganz verstehe, aber klanglich überzeugt das Arrangement schon mal, zumindest im Dreiminutendemo:

Auf ihrem empfehlenswerten Blog microphonesandloudspeakers.com macht uns Cathy van Eyck noch etwas schlauer darüber, wie das Ganze funktioniert:

The piano strings are attracted and repelled by the magnetic fields caused by … electromagnets. […] A contact microphone … is attached to the soundboard of the piano. In between this microphone and array of electromagnets a Pure Data patch is controlling and shaping the signal to the electromagnets.

So richtig kontrollierbar ist dieser hybride Klanggenerator, den Deneç „Sympathetic Piano“ nennt, allerdings nicht. Freimütig gesteht er ein:

I can not repeat the same sounds, there are tons of randomization going on to construct this generativeness.

Ob das ein Vor- oder Nachteil ist, hängt dann natürlich von der ästhetischen Position der Hörerin ab. Der Komponist wird’s wohl mögen wollen, sonst hätte er seine Apparatur anders konzipiert.

Saitenresonanzflügel mit Feedback

«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano (2017)

Basiskomposition Giesing Township (Karl F. Gerber)
Kompositionssoftware Microsoft Excel (unter Verwendung von Daten der Website 360.here.com)
Soundfont Bösendorfer Imperial (VSL)
Sample Player Vienna Instruments (VSL)
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

Karls algorithmische Komposition „Giesing Township“ hat mich nicht losgelassen und ich fragte mich, wie ich diesem Stück gehaltsästhetische Bedeutung einhauchen könnte.

Nach dem üblichen quälenden Hin & Her hatte ich schließlich ein brauchbares Konzept gefunden. Warum nicht das Stück, wie es ist, mit permanent schwankender Geschwindigkeit abspielen? Und zwar nach dieser Struktur:

24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)
24-Stunden-Verlauf der maximal möglichen Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Straßen Münchens (Quelle)

Im Sequenzer übertrug ich die km/h-Werte aus diesem Diagramm so genau wie möglich auf die Tempospur des Standard MIDI Files von Karl Komposition:

oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempokurve
Oben: Verkehrsdiagramm, unten: Tempospur

Damit war die gehaltsästhetische Wende vollzogen 😉 Witzigerweise ließen sich die Werte hier sogar 1:1 übertragen, d. h. aus 90 km/h wurden 90 bpm, aus 120 km/h 120 bpm etc.

Bei der Prüfung des musikalischen Ergebnisses stellte sich jedoch heraus, dass die Temposchwankungen – sie bewegten sich, wie an der Grafik abzulesen ist, zwischen 84 und 102 bpm – keine sonderliche Prägnanz hatten. Sie waren zwar für das geübte Ohr gut wahrnehmbar, aber ich wollte ja gehaltsästhetisch sein, und das hieß in diesem Fall, auch für Nicht-SpezialistInnen klar erkennbare musikalische Signale zu senden.

Es ging also darum, die Schwankungsbreite deutlich zu erhöhen, ohne dabei allerdings die interne Kurvenstruktur (die ja den typischen Tagesverlauf abbildet) zu verändern. Ein befreundeter Jazzmusiker und Informatiker half mir bei der mathematischen Umsetzung dieser Idee. Schließlich landete ich bei Werten zwischen 20 – 150 bpm (Doppelklick auf eine Zelle in der Spalte „NewValues“ zeigt die verwendete Formel an):

 

Mithilfe dieser Formel lassen sich natürlich auch beliebige andere Verkehrsprofile verarbeiten, z. B. dieses von New York City:

nyc
In New York City kommt man offensichtlich deutlich langsamer voran als in München – und gegen halb sechs am Nachmittag eigentlich gar nicht mehr so richtig (Quelle wie oben).

Die Dramaturgie meiner Re-Komposition hatte sich nun deutlich verbessert, ohne dass der Groove-Charakter von Karls Original komplett auf der Strecke blieb.

Als Soundfont wählte ich die (nur kommerziell erhältlichen) Samples eines „Bösendorfer Imperial“ von VSL. Der Imperial klingt – wie alle(?) Bösendorfer-Flügel – auch bei mittelstarkem Tastenanschlag noch sehr hell und transparent, also „modern“  – und das schien mir hier die angemessene klangliche Umsetzung zu sein. Als winzige, aber prägnante Reverenz an den erweiterten Tastaturumfang dieses bemerkenswerten Instruments habe ich den letzten Ton der Basiskomposition nach unten oktavverdoppelt.

boesendorferimperial

Zu guter Letzt holte ich die Publikationserlaubnis von Karl ein (Danke!) und stelle den fertigen Remix hiermit ins Netz.

Das Projekt schreit natürlich nach einer Visualisierung, und auch darum habe ich mich bemüht, bin aber rasch an die Grenzen meines mathematischen Know-hows gestoßen. Hat jemand Lust, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen? Im Prinzip ginge es zunächst einmal „nur“ darum, das Verkehrsdiagramm parallel zur Musik abzutasten.

«Giesing Township Morph (Gerber)» for Player Piano (2017)

My ADHD

Das folgende „ADHD meme“ habe ich mal ein wenig personalisiert und fünf Items markiert, die mich besonders bedrücken:

  • Getting Started / „in die Pötte kommen“ – Das gilt besonders für das anlasslose früh Aufstehen. Mir ist es tatsächlich ein Rätsel, warum Menschen ohne besonderen Anlass früh aufstehen wollen.* Je länger ich früh liegenbleibe, desto schneller entwickelt sich daraus eine depressive Verstimmung.
  • Procrastination / „etwas bis zum St. Nimmerleinstag aufschieben“ – Hier sind vor allem jeglicher schriftliche Behördenverkehr (Steuererklärung!) und alle Formen von Hausarbeit einschlägig. Auch den mehr oder minder täglichen Gang in den Supermarkt schiebe ich oft bis knapp vor Ladenschluss (in diesem Fall 20 Uhr) auf.
  • Handwriting / „Sauklaue“- zusätzlich treten beim Schreiben rasch Schmerzen im Handgelenk auf, weiterhin ermüde ich unverhältnismäßig schnell
  • Shutting Down – Unfähigkeit, mit bestimmten Tätigkeiten aufzuhören. Ich verliere mich dann zwanghaft in die Details einer Sache oder wiederhole einzelne Unteraufgaben wörtlich, nur weil mir so vor dem „Schluss machen“ graut. Zeitfresser.
  • Issues in Math – Ich bin ein miserabler Kopfrechner an der Grenze zur Dyskalkulie. Eine sehr peinliche Angelegenheit. Sobald es um Zahlen geht, habe ich den IQ eines Vierjährigen. Das logische Denken ist hiervon allerdings nicht betroffen. Das führt zum dem Paradoxon, dass ich abstrakte Formen von Mathematik besser zu begreifen glaube als elementare.

Wer sich tiefergehend für eine Beschreibung meiner psychosozialen Eigenheiten interessiert, wir hier fündig.

ADHS?


* Das klingt unglaublich infantil und bescheuert, aber so ist es.
My ADHD

«Improvisation» für Blechbläser (ePlayer-Realisierung 2017)

Soundfonts Vienna Symphonic Library Brass Special* Edition
Sample Player Vienna Ensemble (VSL)
Faltungshall Schellingwoude Kerk Amsterdam (F. van Saane)

Kompositionsnotiz

„Improvisation“ deswegen, weil ich das Basismaterial auf einem Desktop-MIDI-Keyboard improvisiert habe und die Instrumentation erst später erfolgte.
Die Materialbehandlung ist neo-klassizistisch im Sinne von Strawinskys Pulcinella-Suite, enthält allerdings keine (bewussten) Zitate eines anderen Komponisten.
[geschrieben im März 2017]


* „Special“ bedeutet hier „Basisversion“
«Improvisation» für Blechbläser (ePlayer-Realisierung 2017)