Ein paar Gedanken zu Richard Linklaters „Before“-Trilogie

richardlinklater
Über Film schreibe ich in der Weltsicht ja selten, was allerdings nicht heißt, dass mich Film nicht interessiert. Das Gegenteil ist der Fall. Nur wird das zeitgenössische Kino halt eh schon in einer breiten Öffentlichkeit noch breiter diskutiert, analysiert, dekonstruiert und rekonstruiert, und zwar auf sehr ordentlichem Niveau. Was braucht’s da noch einen zusätzlichen Senf von mir?

Nun, im Fall von Richard Linklaters „Before“-Trilogie (1995 – 2013), die ich mir erst vor Kurzem auf Empfehlung eines Freundes in einem Rutsch angesehen habe (ich hatte um diese Filme immer einen Bogen gemacht, aus mir unklaren Gründen) drängt es mich nun aber doch, ein paar Worte zu verlieren:

kimkrizanGut finde ich, dass alle drei Filme Einiges offenlassen, ohne dass das als Unfähigkeit der Drehbuchautoren (Linklater, Kim Krizan, Ethan Hawke, Julie Delpy) rüberkommt, Probleme zuende denken zu können. Es ist klar, dass damit auf die generelle Prozessualität „des Lebens“ und allem, was damit zusammenhängt, hingewiesen werden soll. Und dieser Kunstgriff wirkt nicht aufgesetzt, sondern notwendig.

Die etwas überraschend auftretende Beziehungskrise zwischen „Jesse“ (Hawke) und „Céline“ (Delpy), die den dritten Teil prägt, erkläre ich mir mittlerweile so: Céline ist Opfer ihres eigenen Ehrgeizes geworden. Sie hat sich systematisch überfordert, indem sie folgendem populärfeministischen (vulgärfeministischen?) Imperativ gefolgt ist: „Eine Frau hat es erst dann geschafft, wenn sie beruflich erfolgreich, eine glückliche Mutter, sexuell erfüllt und bis zum Ende ihres Lebens attraktiv ist. Wenn auch nur einer dieser Punkte nicht zutrifft, ist sie nicht wirklich emanzipiert, hat versagt und muss ihr Leben ändern.“ Im Teil 1 raunt Céline ja noch wissend von der Manipulationsmacht „der Medien“, die uns Lebensentwürfe aufzwängen, die nicht die unseren seien. Nun, der obenstehende Imperativ ist ganz sicher auch ein solcher Lebensentwurf, man schlage nur die „Cosmopolitan“ etc. auf.

ethanhawkeJesse wirkt als Ganzes entspannter, wenn auch deutlich narzisstischer, denn sein angeblich so „romantisches“ Erleben seiner Beziehung mit Céline verwendet er ohne jeden Skrupel als „Startkapital“ seiner beruflichen Karriere als Schriftsteller. Das kann man durchaus als ausbeuterisches Verhalten beschreiben, denn chronisch Selbstverliebte benutzen ihre nächste Umgebung nun mal gerne als narcissistic supply für ihren unersättlichen Geltungsdrang.

An der Stelle im dritten Teil, wo sie Jesse verbietet, jemals wieder etwas über sie oder gar ihre Kinder zu schreiben, hat Céline diese Sache klar erkannt. Vorher hatten gleich mehre Nebenfiguren die ausgiebigen Sex-Szenen in Jesses zweiten Roman gerühmt, durchaus nicht ohne Schlüpfrigkeit. Wenn ich mich mal in Céline hineinversetze: Ich laufe über die Straße und jeder, der es wissen will, kann nachlesen, auf welche Weise ich meinen aktuellen Partner sexuell befriedige, wie groß mein sexueller Appetit ist, was mein Partner mit mir ihm Bett macht etc. Man muss schon ziemlich souverän sein, um so etwas den Rest des Lebens aushalten zu können.

Exakt wegen einer solchen Geschichte ist ja vor 14 Jahren Maxim Billers Erzählung „Esra“ höchstrichterlich verboten worden. Ich sage natürlich nicht, dass SchriftstellerInnen generell nicht über die vaginalen, analen oder penilen Eigenarten ihrer jeweilige PartnerInnen schreiben dürfen, aber die – komplett unliterarischen! – Konsequenzen sollten sie dabei dann vielleicht besser schon im Blick haben.*

juliedelpyUnd ein letzter Punkt: Ich habe manchmal ein Problem mit Linklaters Bemühen, alles in diesen Filmen möglichst lässig, beiläufig, cool und fast zufällig wirken zu lassen, denn genau das wirkt gelegenlich angestrengt. Oder ist die „bemühte Lässigkeit“ seiner Hauptfiguren gerade das Zeitphänomen, auf das er hinweisen will? Sei’s drum, die beiden herausragenden (und absolut gleichwertig agierenden) HauptdarstellerInnen reißen sowieso alles raus. Besonders außergewöhnlich natürlich, die körperlichen Alterungsprozesse von Ethan Jesse Hawke und Julie Céline Delpy in Echtzeit miterleben zu können. Denn interessanterweise ist Hawke – ganz entgegen dem Klischee – m. E. schneller und stärker gealtert als Delpy.


* Allerdings führt „Before Midnight“ nicht aus, wie explizit Jesses Roman in dieser Hinsicht wirklich ist. Man kann es sich aber denken.
Ein paar Gedanken zu Richard Linklaters „Before“-Trilogie

Video der Woche : KW 03 : Kevin McGloughlin visualisiert Musik von Max Cooper (2016)

Die Musik als solche halte ich nicht für sonderlich bemerkenswert, wenn auch hübsch. Interessant ist die Einheit Bild/Ton.

Danke an Kopf und Gestalt, der mich auf Cooper aufmerksam machte.

Vor 13 Jahren hat Ralf Schuster für meinen Track „at the lighthouse“ aus dem Jahr 2001 Ähnliches geleistet:

Video der Woche : KW 03 : Kevin McGloughlin visualisiert Musik von Max Cooper (2016)

Video der Woche : KW 02 : Steve Reich: „Music for Mallet Instruments, Voices and Organ“, 1973

Ich bewundere hier vor allem die Leistung der doch recht sauber intonierenden Sängerinnen. Auch die Tontechniker haben hervorragende Arbeit geleistet.

Der Kontrast zwischen Reichs mitunter spröder Musik und den exzessiv eingesetzten und komplett zeittypischen Weichzeichnereffekten (remember David Hamiltons „Zärtliche Cousinen“?) des holländischen Fernsehens hat einen nahezu bizarren Reiz:

Filmplakat zu Hamiltons "Zärtliche Cousinen" aus dem Jahr 1980. Man nannte sowas damals "Erotikfilm." Hauptdarstellerin war die damals definitiv minderjährige Anja Schüte (*1964). Interessant, wie sich die Zeiten ändern: Würde ein derartiger Film heute noch "gehen"?
Filmplakat zu Hamiltons „Zärtliche Cousinen“ aus dem Jahr 1980. Man nannte sowas damals „Erotikfilm.“ Hauptdarstellerin war die damals definitiv minderjährige Anja Schüte (*1964). Interessant, wie sich die Zeiten ändern: Würde ein derartiger Film heute noch „gehen“?

Video der Woche : KW 02 : Steve Reich: „Music for Mallet Instruments, Voices and Organ“, 1973

Video der Woche : KW 01 : Steve Reich: „Six Pianos“, 1973

Interessante, durchaus „siebzigerjahremäßige“ Visualisierung des niederländischen Fernsehens. Besonders prägnant bei dieser Komposition natürlich die axialsymmetrische Positionierung der Flügel auf der Bühne, die für sich allein schon an eine Arbeit von Donald Judd erinnert, z. B. diese hier:

Donald Judd: Untitled, 1980
Donald Judd: Untitled, 1980
Video der Woche : KW 01 : Steve Reich: „Six Pianos“, 1973

«3 abstract compositions» for Organ (2017)

Kompositionssoftware / Composition software Music Mirror, Audacity
Soundfont Orgue de salon
Sample Player sforzando
Faltungshall / Convolution reverb York Minster

Kompositionsnotiz

Cy Twombly: Nini’s Painting, 1971
Cy Twombly: Nini’s Painting, 1971

Ich mag zwar den Klang einer Kirchenorgel, nicht aber den oft endlos langen Nachhall in vielen Kirchen, der die Details einer Komposition oft bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Umso glücklicher war ich, den Soundfont einer Hausorgel im Netz gefunden zu haben, die komplett „trocken“, d. h. ohne Hall, gesamplet worden war. Diese virtuelle „Orgue de salon“ hat 5 verschiedene Klangfarben (Register), die sich – wie bei Kohlenstoffweltorgeln auch – nahezu beliebig kombinieren lassen, was der Organist Mixtur zu nennen pflegt. Mich interessierten aber nur die Basisregister, da Mixturen dazu neigen, klangliche Kontraste einzuebnen.

Da ich schon lange mal mit dieser historischen Stimmung arbeiten wollte, habe ich den Orgel-Soundfont mitteltönig (Nerd-Info: 1/4-comma meantone) temperiert .

Ich plante 2 kurze Improvisationen auf einem Desktop-MIDI-Keyboard, die von der Arbeit zweier verehrter US-amerikanischer Nachkriegsmaler inspiriert sein sollten: Barnett Newman und Cy Twombly. Ein drittes Stück sollte eine „aurale Fusion“ beider doch recht unterschiedlicher Ästhetiken versuchen. Und so geschah es:

Die beiden Basis-Improvs „Barnett Newman“ und „Cy Twombly“ gelangen recht flüssig.

Barnett Newman: Vir Heroicus Sublimis, 1951 [Originalmaße 242 x 514 cm]
Barnett Newman: Vir Heroicus Sublimis, 1951 [Originalmaße 242 x 514 cm]
Zur Komposition von „Cy Twombly“ verwendete ich die Software Music Mirror, die die Notenwerte eines Standard MIDI Files horizontal und/oder vertikal spiegeln kann. Bei der horizontalen Spiegelung entsteht ein „Krebs“ des gesamten Stücks, bei der vertikalen werden die Tonhöhen axial gespiegelt. Aus den so generierten Derivaten der Basis-Improv habe ich anschließend alle Haltetöne gelöscht, um dem „Kritzelcharakter“ von Twomblys Malerei akustisch näherzukommen. Schließlich überlagerte ich die Audioversionen beider Varianten in Audacity, indem ich die Clips axialsymmetrisch in der Timeline anordnete (2x Register Flute 4′).

Die Basis-Improv „Barnett Newman“ habe 1:1 als Komposition „Barnett Newman“ übernommen (Register: Bourdon 8′).

Der dritte Satz heißt „Newman and Twombly in conversation“ und besteht aus einer Überlagerung der Basis-Improv „Cy Twombly“ (Register: Flute 4′) mit der vertikal gespiegelten Variante von „Barnett Newman“ (Register: Bourdon 8′). Auch hier entstand die Überlagerung durch axialsymmetrische Anordnung der Audioclips in Audacity.

Die Komposition entstand in der Woche vor Weihnachten 2016.

«3 abstract compositions» for Organ (2017)

Video der Woche : KW 52 : zig gron visualisiert Musik von Steve Horowitz (2016)

Obwohl das Video komplett ungegenständlich ist, wirkt es komischerweise nicht abstrakt. Aber warum? Jedenfalls kurzweilig anzusehen.

Ralf Schuster befleißigte sich auf untenstehendem Video einer ähnlich ungegenständlichen Bildsprache – und ich habe die Musik draufkomponiert. 10 Jahre ist das jetzt schon her. Leider hinkt die Tonspur etwas hinterher. In der Version, die ich auf meiner Festplatte habe, sind Bild- und Tonereignisse deutlich synchroner. Nicht, dass das bei Vimeo, YouTube & Co. was Außergewöhnliches wäre, nur fällt’s hier eben besonders auf 😦

Video der Woche : KW 52 : zig gron visualisiert Musik von Steve Horowitz (2016)