Weltsicht aus der Nische

Bürger, Musiker, Komponist (autonom, aber vernetzt)

Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

by Stefan Hetzel

Thomas Raab (*1968)

Dies ist der österreichische Schriftsteller Thomas Raab (*1968), der keinesfalls mit einem anderen österreichischen Schriftsteller selben Namens (*1970) verwechselt werden sollte und mit der deutschen Medienpersona Stefan Raab (*1966) sowieso nicht.

Auf dem hauseigenen Spielplatz tummelten sich 1,1 Kinder pro Frau in gebärfähigem Alter. [S. 173]

“Die Netzwerk-Orange” ist der meiner Kenntnis nach erst zweite Roman des nun auch schon 47-jährigen österreichischen Autors Thomas Raab, dessen Schaffen ich seit geraumer Zeit mit großem Vergnügen verfolge, denn Raab ist kein normaler Schriftsteller.

Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts. “Die Netzwerk-Orange” ist also weder post-, noch retro-modern, weder avantgardistisch oder experimentell noch konservativ oder gar reaktionär (Gruß an Daniel Kehlmann an dieser Stelle). Es handelt sich auch nicht um ins Großartig-Literarische aufgeschäumte autofiction. – Aber was zum Teufel ist es dann? Das Problem ist, dass ich sehr wohl zu wissen glaube, was es ist, aber wie erkläre ich es der Leserin dieser Rezension, der ja evtl. tatsächlich weisgemacht wurde – und ich hoffe inständig, dass dem nicht so ist! – , D. Kehlmann repräsentiere den “Stand der Dinge” in der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik?

[Es folgt ein längerer Einschub über Raabs Inspirator Oswald Wiener, der nichts direkt mit der Buchrezension, die nach dem zweiten Sternchen ihre Fortsetzung findet, zu tun hat.]

*

Der Name Oswald Wieners, mit dem Raab eine Zeitlang eng zusammenarbeitete und dessen Einfluss für mich auf jeder Seite dieses unterhaltsamen, gescheiten und fast ganz unzynischen Buchs spürbar ist, wird dieser beflissenen, aber evtl. rein feuilletonistisch geprägten Leserin auch nicht weiterhelfen, die Tatsache, dass Wiener der leibliche Vater der Medienpersona Sarah Wiener ist, noch viel weniger.

Ich versuch’s trotzdem mal: Mitte des vergangenen Jahrhunderts schwappte die allgemeine intellektuelle und ästhetische Aufbruchstimmung in den Künsten auch ins provinzielle Wien, es entstand eine klassische Avantgarde-Formation namens “Wiener Gruppe“, deren Mitglied (neben dem teilweise damals schon konzeptuell arbeitenden Komponisten Gerhard Rühm; Ernst Jandl und Friederike Mayröcker standen der Gruppe nahe) ein gewisser Oswald Wiener war, von dem bis dahin noch niemand je etwas gehört hatte – und der nach kurzer, skandalreicher Zeit auch gleich wieder verschwand: erst nach Berlin, dann nach Kanada. Analog zu einem seiner damaligen Vorbilder Ludwig Wittgenstein hatte Wiener bis dahin exakt 1 Buch publiziert, welches er “die verbesserung von mitteleuropa, roman” nannte und das, in diesem Anspruch Wieners Künstlerfreund Dieter Roth nicht ganz unverwandt, Höhepunkt, Abschluss und Überwindung des Avantgardismus an sich darstellen sollte.

Gegen Ende des oft kryptischen, aber streckenweise hochgradig geistvollen Textkonvoluts (es ist kein Roman, sondern eine Sammlung literarischer Perfomances und Studien Wieners aus den 1960er Jahren) ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft. Stocknüchtern und ohne jede artistische Ironie werden dem Leser nun “notizen zum konzept des bio-adapters, essay”  vor den Latz geknallt und dieser damit, wie sich leider herausstellen sollte, endgültig intellektuell überfordert. Denn konnte man die “verbesserung” mit ein wenig Mühe noch als radikalisierte Fortsetzung der Arbeiten von Richard Huelsenbeck bzw. des literarischen Dadaismus dekodieren, ging es beim “bio-adapter” vermeintlich gar nicht mehr um Literatur, ja, nicht einmal mehr um Kunst und – o Graus! – scheinbar überhaupt nicht einmal um Ästhetik, sondern um: – Automatentheorie – die 1969 nicht wirklich im Zentrum allgemeinen intellektuellen Interesses stand

Wiener wurde in der Folge vom Mainstream-Feuilleton, wo er bis dahin, hätte es ihn denn interessiert, als eine Art Proto-Schlingensief sein Auskommen hätte haben können, umgehend exkommuniziert, verzeiht dieses doch der Belletristin zwar selbst die mieseste Kolportage, nicht aber den Gedanken, literarische Texte ließen sich “fabrizieren” bzw. wären lediglich Produkt durchaus erschöpflich vieler kognitiver Prozesse. Die Informatik hat ihn aber – nach meinem Kenntnisstand – bisher auch nicht wirklich haben wollen, galt doch die (systematische und formalisierte) Selbstbeobachtung, der sich Wiener seit diesem Zeitpunkt gänzlich verschrieben hatte, diesem Fach bis vor Kurzem noch als wissenschaftlich gänzlich irrelevant. (Mein Kommentar zu einigen Sätzen des Wiener-Texts “Wozu überhaupt Kunst?” aus dem Jahr 1980 findet sich hier.)

Oswald Wiener war also bei seinem Versuch einer naturwissenschaftlichen Erforschung ästhetischer Prozesse und Erfahrungen zunächst für 2, 3 Jahrzehnte in eine Art Niemandsland geraten. Erst seitdem die Automatentheorie “Künstliche Intelligenz” heißt und vor einigen Jahren einsehen musste, dass Algorithmen Biomasse brauchen, um Mitteleuropa oder auch andere Weltregionen wirklich “verbessern” zu können (fachlich Interessierte finden bsp.weise im Blog “Theory of Embodied Cognition” von Wilson & Golonka reichlich Informationen zu diesem Themenkomplex), findet Wieners einsam-heroisches Schaffen wieder ein wenig mehr Beachtung (vor zwei Jahren wurde er gar von Denis Scheck interviewt, der sich u. a. über Wieners Meinung zu Senta Berger amüsierte – nun ja.)

Thomas Raab könnte – vom Geburtsjahr her – Wieners Sohn sein und auf seine ganz eigene, ebenso leichtfüßige wie hintersinnige Weise führt er auch wirklich die Gedanken seines in der Öffentlichkeit meist eher gereizt bis grantig rüberkommenden Vorbilds (siehe das Scheck-Interview) weiter.

*

Formal kommt “Die Netzwerk-Orange” (Anthony Burgess’ “Die Uhrwerk-Orange” von 1962 lässt grüßen) als Science Fiction-Roman daher, leicht wohlstandsverwahrloste SprößlingInnen saturierter “Unions-“(sprich: EU-)BeamtInnen bzw. UnternehmensberaterInnen in einer “lokalen Hauptstadt” (=Wien) rebellieren ein wenig gegen die vorformatiert und inauthentisch erscheinende Welt ihrer Eltern (wobei die “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer/Adorno als Empörungsfolklore eine gewisse Rolle spielt), ein Lehrbeauftragter für creative writing hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, es kommt zum “Kommenden Aufstand“, aber am Schluss geht alles weiter wie bisher etc. – kann bzw. muss man aber alles selber lesen und zuviel spoilern will ich ja auch nicht :-)

Das eigentlich Faszinierende an dem Roman ist, wie es Raab schafft, sein elaboriertes soziokybernetisches Wissen (vgl. auch seine empfehlenswerten Sachbücher “Nachbrenner”,  Suhrkamp 2005, und “Avantgarde-Routine”, Parodos 2008) immer wieder mal nonchalant in die Handlung einzubauen und gleichzeitig – rückkoppelnd sozusagen – den Plot als Illustration ebenjenes Wissens erscheinen zu lassen, ohne aus seinen ProtagonistInnen bloße PappkameradInnen zu machen (auf meine Weise habe ich vor einigen Jahren hier mal Ähnliches probiert, allerdings weit weniger kunstvoll :-( ). “Soziokybernetik” meint hier die Fähigkeit von staatlichen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Institutionen, gesellschaftliche Entwicklungen mit Hilfe von Big Data und potenter Algorithmen in erstaunlich präziser Weise zu antizipieren, ohne sie im herkömmlichen, philosophisch-hermeneutischen Sinn, zu verstehen bzw. verstehen zu wollen.

Exakt hier sind Raabs Gedanken anschlussfähig an Michael Seemanns Sachbuch “Das Neue Spiel” aus dem Jahr 2014 sowie einige Gedanken von Jaron Lanier, er hat aber weder, wie Seemann, die Brille des Kulturwissenschaftlers, noch, wie Lanier, die des Ingenieurs bzw. Nerds auf. Stattdessen findet er eine Reihe effektiver literarischer Mittel (wörtliche Wiederholungen spielen eine Rolle, Meta-Ironie auch, sowie der Einbau nur leicht angepasster diverser “unliterarischer” Textsorten wie technischer Protokolle, Marketing-Analysen etc.), um eine post-orwellianische, post-totalitäre, aber verblüffenderweise fast komplett gewaltfreie Zivilisation zu skizzieren, die dem Individuum scheinbar alle Wahlfreiheiten lässt – und es gerade dadurch effizienter kontrolliert als jede stalinistische Erbmonarchie nordkoreanischer Provenzienz. Diese sozial aufs äußerste segmentierte, aber eben gerade nicht individualdemokratische Massengesellschaft ist vom Autor der unsrigen so ähnlich nachgebildet, dass man beim Lesen ständig zurückprallt und zum Abgleich mit den eigenen Verhältnissen gezwungen wird, ohne jedoch den Eindruck zu haben, Raab wolle einen lediglich belehren.

Das Alleinstellungsmerkmal des BMW-Hyundai Turborange ist der Hass, den er in der Neuesten Linken zu entfachen imstande ist. [S. 120]

“Die Netzwerk-Orange” schildert eine post-neoliberale (“post-neoliberal” soll hier eine Gesellschaft bezeichnen, die die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, besonders aber von Bildung und Erziehung, bereits hinter sich und nun mit den teilweise unerwarteten Konsequenzen dieses Umbaus zu kämpfen hat), im Grunde grauenhaft langweilige, weil (scheinbar) vollkommen transparente und somit ultrastabile Gesellschaft, die ebenso leidenschaftslos wie subtil von einem Rhizom aus staatlichen und/oder privatwirtschaflichen behavioral economists analysiert und somit letztlich eigentlich auch geführt wird:

Das Ministerium lieferte die Daten, der Markt regelte das Angebot, die Nachfrage zog nach. [S. 22]

Raabs Roman interessiert sich konsequenterweise nicht besonders für die im herkömmlichen Sinn “psychologisch überzeugende” Schilderung von individuellem Erleben als vermeintlicher conditio sine qua non “belletristischer” Literatur – was ihm das Feuilleton vermutlich nicht verzeihen wird, es wird dem Buch “Abstraktheit” und “Kälte” vorwerfen – , sondern eher für die soziopsychologischen Alleinstellungsmerkmale seiner ProtagonistInnen. Letztere erscheinen dabei – ganz wie im richtigen Leben – durchaus in keinster Weise als fremdgesteuerte Automaten, sind aber dennoch in nahezu jedem Detail ihres konkreten Verhaltens für die erwähnten staatlich-wissenschaftlich-ökonomischen Institutionen berechenbar geworden. Bei Raab umfasst dieses komplett überraschungsfreie Individualverhalten nicht nur den Konsum von Waren, sondern ebenso den gesamten Karriereweg, private Liebesverhältnisse sowie sämtliche soziokulturellen Ansichten und Gedanken der jeweiligen Person, Weltanschauliches und Ästhetisches mit eingeschlossen. (Eine Analyse der zeitgenössischen bildenden Kunst unter diesem Aspekt findet sich in Raabs Sachbuch “Avantgarde-Routine”.)

Das Gemeine an dieser literarischen Konstruktion, für die die Bezeichnung “Satire” nicht wirklich passt, ist, dass man ihre Pointen immer nur so lange genießt, bis man sich in ihnen wiedererkannt hat:

Der Höhepunkt des ästhetischen Genusses in der moralisch gebildeten Elite war seit Jahrzehnten das Vermeiden jedes Höhepunktes. Konnte dies das jeweilige … Kunstwerk nicht selbst bewerkstelligen, … musste der avancierte Genießer eben … seinen … Schreck … in eine locker-humorvolle Stimmung umdeuten. [S. 67]

Das abendländische Individuum – so meine Interpretation von Raabs Dystopie – wurde also weder vom real existierenden Sozialismus, noch von der Dekonstruktion, sondern vom naturwissenschaftlich unterfütterten Marketing endgültig und nachhaltig seiner ein paar Jahrhunderte anhaltenden Vorrangstellung beraubt, indem es ihm ganz einfach erfolgreich weismachen konnte, Individualität lasse sich durch den Verbrauch käuflicher Güter erzeugen, bewahren, verteidigen und stärken.

Und selbst der standhafteste Konsumverweigerer entkommt dieser angeblich “ideologiefreien” Meta-Erzählung nicht, solange er sich ausschließlich über die Konsumverweigerung definiert. Die “Abschaffung des Außen” ist somit erreicht, jede denkbare Revolte wird früher oder später über soziokybernetische Feedback-Prozesse entschärft und die Welt stellt sich den gebildeten Ständen mehr und mehr als tatsächlich “alternativlos” (A. Merkel) dar.

Das Individuum ist zwar frei wie nie, aber politisch komplett bedeutungslos geworden, weil die Erzeugung seines wie auch immer gearteten Freiheitsgefühls (vom Straßenkampf über alternative soziokulturelle Zentren bis zum obsessiven Fahrradfahren ist hier alles denkbar) mittlerweile mit verhaltensökonomischer Expertise je nach Bedarf simuliert und dadurch gefahrlos “abgefackelt” werden kann. Dies entparadoxiert ganz gut eine der (für mich) irritierendsten Beobachtungen unserer Gegenwart: die Gleichzeitigkeit von zunehmender Individualisierung und zunehmender Homogenisierung der Gesellschaft. (Ausführliches zu diesem Thema inkl. jeder Menge kognitionswissenschaftlicher Expertise liefert Raabs Sachbuch “Nachbrenner”):

Je genauer die Welt berechnet werden kann, je weiter also das objektive Verständnis des Unterbaus voranschreitet, desto wirklichkeitsferner werden die Vorstellungen im Überbau. [S. 45]

Am Wichtigsten erscheint mir jedoch – und hier ist Raab seinem oft hermetischen, stets ein writers’ writer gebliebenem Inspirator Wiener weit voraus – dass man diesen Roman auch ohne die von mir hier einigermaßen mühsam und einigermaßen erratisch geschilderten zivilisationsphilosophischen Hintergrundideen gut lesen kann, denn er ist ausgesprochen flott erzählt, reich an Pointen und zudem sprachlich sauber gearbeitet. Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit werden einem trotzdem über den Rücken laufen.

Ralf Schuster war ohne mich in Norwegen…

by Stefan Hetzel

…und hat einen seiner platz- und zeitsparenden post-experimentellen Urlaubsfilme in der ihm ureigenen, mittlerweile pseudo-analogen Zeitraffereinzelbildaufnahmetechnik gedreht.

Da ich – wie gesagt – diesmal nicht dabei sein konnte, hatte ich auch keinen Einfluss auf dem Musikauswahl, deshalb gibt’s hier schmissigen Indie-Pop mit lasziver Frauenstimme, was ja auch mal ganz schön ist ;-)

Fotoarbeit der Woche : KW 31 : Shadow, 2015

by Stefan Hetzel

Shadow, 2015

Pigliucci’s Corner (14 of 15): Hard problem of consciousness (2013)

by Stefan Hetzel

«Miniatur» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

by Stefan Hetzel

 

Selbstbeobachtung, zehn Jahre später
Der Pianist (SB), 2015Glasklare, hörbare Struktur, “Thema und Variation”, “ABA-Form mit Interludium” etc. Besonders gut gefällt mir, dass sich die “innere Unruhe” der Hauptphrase (für mich) wirklich erst mit dem letzten Basston legt, das verleiht der Gesamtform eine gewisse (pseudo-)semantische Notwendigkeit und “Geschlossenheit”. Ich erinnere mich jedoch genau, dieses Stück damals im Copy & Paste-Verfahren aus diversen, in Echtzeit improvisierten Teilstücken zusammengesetzt (konfiguriert?) zu haben, die “Notwendigkeit” ist also hier keine er-improvisierte, sondern eine, hm, in der Echtzeitfassung latent (?) verborgene, die ich – im (geringen) zeitlichen Abstand zum Akt des Improvisierens – in das Material “hineingehört” habe. Dieses “Hineinhören” folgt einem ziemlich genau zu beschreibenden, aber vermutlich trivialen kognitiven Mechanismus: gewisse, dem improvisierten Rohmaterial inhärente, aber nicht realisierte Abzweigmöglichkeiten werden beim ruhigen, evtl. wiederholten Anhören erkannt und tentativ realisiert, bis sich die “beste” (angenehmste / anregendste) Variante gefunden ist. Diese wird dann  qua Sequencer festgeschrieben, alle anderen, ebenfalls möglichen, aber nicht so überzeugenden Varianten dagegen eliminiert bzw. in eine Art “Reservespeicher” oder Phrasenreservoir verschoben.

Das Stück basiert auf dem PianoLog 2005-07-24. Realisiert mit einem Bösendorfer Imperial-VSTi und Faltungshall.

“Medialismus”, Roman: 14. Kapitel

by ralf schuster

ralfcschusterDer weitere Abend verlief friedlich und produktiv. In den Hinterlassenschaften des Großvaters fanden wir nicht nur eine hübsche Luftpumpe, sondern auch einen 16-mm-Filmprojektor, der noch zu funktionieren schien. Zumindest drehte sich die leere Auffangspule und warf einen hübschen Schatten an die Wand. Das brachte mich auf die Idee, das Schattenspiel der vergessenen Dinge in meinen Film zu integrieren. Dazu brauchte ich Platz und deshalb schleppte ich endlich eine nennenswerte Menge Gerümpel in den Hof, so dass Tina Hoffnung schöpfte, die Umgestaltung der Scheune könne nun in die Gänge kommen.

In der Tat schaffte ich es, an dem Wochenende die Scheune fast leer zu bekommen und während der Arbeitswoche durfte ich an zwei Abenden mit dem klapprigen Kleinbus nach Hause fahren und konnte jeweils am nächsten Morgen eine Wagenladung mit sperrigen Altlasten zur Müllabgabestelle bringen. Im Videostudio des Jugendzentrums fand ich ein paar Rollen 16-mm-Film, bestimmt etwas pädagogisch Wertvolles. Die nahm ich mit, um den Projektor zu testen.

Am Freitagnachmittag ergab es sich, dass ich mal wieder mit Maria unterwegs war, die mich mit der Neuigkeit überraschte, der coole Kameramann würde aufhören, bei uns zu arbeiten. Obwohl es mich wunderte, von ihr davon zu erfahren, überwog die Freude. Wenn er ginge, wäre meine Position gesichert, dann wäre ich nicht mehr nur der Ersatzmann, sondern kontinuierlich an der Kamera im Einsatz. Maria erklärte auch noch, dass ich ihr Lieblingskameramann sei. Das war natürlich eine Schmeichelei, die vielleicht den Zweck verfolgte, dass ich mit ihr am Wochenende das Reitturnier filmen sollte, oder gar, was sich dann im Laufe des Gesprächs herauskristallisierte, dass ich das Reitturnier FÜR sie filmen müsste, da sie selbst am Wettbewerb teilnehmen würde. Allerdings, so meinte sie, könne sie mich danach mitnehmen, zum Grillen bei ihr im Reitverein, wo es eine Menge gutaussehender junger Mädchen gäbe. Und deren Freunde, entgegnete ich. Nein, noch schlimmer: ihre Pferde. Auf dem Grill? Ich erlaubte mir schlechte Witze und machte mich über Pferde und Pferdemädchen lustig, denn ich wollte sowieso nicht auf die Pferdemädchenreitturniergrillparty, Martin würde zu Besuch kommen. Je mehr ich über Pferde schimpfte, desto mehr lachte Maria, sie war überhaupt nicht eingeschnappt, schließlich gab sie zu, dass das Pferdetheater, das man von vielen jungen Frauen gewohnt sei, ihr auch gehörig auf die Nerven ginge, aber als Sportart gefalle ihr das Reiten.

Trotzdem lehnte ich dankend ab, was aber nichts nutzte, denn es stellte sich heraus, dass der coole Kameramann schon beim Umziehen war, der uncoole erst recht nicht wollte und der Chef meinte, ich solle dankbar sein, wie schnell ich in die wichtige Funktion des Kameramanns hineinwachsen würde. Ich könne stolz sein, dass ich das Reitturnier aufnehmen dürfe. Dann klopfte er mir auf die Schulter und meinte, da gäbe es viele hübsche Frauen. Damit hatte er Recht, wie sich später herausstellte, aber es ärgerte mich die Bestimmtheit, mit der ich dazu abkommandiert wurde, mir den Samstag verderben zu lassen. Tina hätte mich trösten können. Das tat sie aber nicht, sie machte mir stattdessen Vorwürfe, dass sie sich dann um die Gäste kümmern müsse. Vermutlich empfand sie Genugtuung, dass mir mein Fernsehjob endlich mal zu viel wurde und ich ärgerte mich über ihre stille Schadenfreude.

Was aber letztendlich alles nur Verschwendung von Emotionen war, denn am Freitag rief Martin bei Tina an und ließ ausrichten, sie kämen erst Samstagabend. Tina hatte wieder nicht nachgefragt, wer „wir“ sein würde. Ich meckerte Sie an, dass es von Wichtigkeit sei, wie viele Menschen bei uns übernachten wollten. Wieso, wir haben doch genug Platz, antwortete sie. Für mich ging es nur um die Frage, ob mit Sabine zu rechnen sei, was ich aber Tina nicht verriet.

Daran musste ich denken, als ich die Pferde filmte. So ein Turnier kann ganz schön lange dauern, vor allem wenn man sich nicht die Bohne für Pferde und ihr Gehopse über die Hindernisse interessiert. Am Anfang war es anspruchsvoll, die besten Positionen für die Kamera zu finden. Weil ich genügend Zeit hatte, übte ich bei einigen Durchläufen, ohne die Aufnahme zu starten. Ich wollte möglichst wenig Material aufnehmen, aber trotzdem das richtige, um mich bei den Cuttern beliebt zu machen, speziell bei Ulrich, der immer wieder mal sagte, zehn Minuten seien genug, wenn sie gut sind. Für alles, was über eine halbe Stunde hinausginge, hätte er gar keine Zeit, würde er sich gar nicht ansehen. Nachdem schließlich Maria vorbeigeritten war, die ich in voller Länge aufnahm, weil ich mich auch bei ihr beliebt machen wollte, langweilte ich mich bis zur Preisverleihung und erinnerte mich daran, wie Sabine damals gefragt hatte, was denn später aus uns und unseren Ambitionen werden würde. Dass ich Samstag am Reitplatz stehe und Pferde filme, wäre mir damals nicht als Antwort eingefallen. Aber abgesehen von meiner Ungeduld, die an Martins nahender Ankunft lag, war es eine angenehme Aufgabe, die mir sogar noch ein paar Grillwürste hätte einbringen können, auf die ich jedoch verzichtete. Maria tat etwas enttäuscht, weil ich gleich fahren wollte, aber da kam auch schon ihr Freund anspaziert und küsste sie. Ich hingegen packte meinen Kram, die Kamera und das Stativ und räumte es ins Auto, wo schon einige Bierkisten standen, die ich am Vormittag für die Filmvorführung am Abend eingekauft hatte. Als Entschädigung für die Samstagsarbeit hatte mir der Chef den klapprigen Kleinbus fürs ganze Wochenende überlassen und den Camcorder nahm ich auch mit nach Hause, um mir den Umweg ins Studio zu sparen.

Gutgelaunt fuhr ich die kurvigen Landstraßen zwischen den hügeligen Äckern entlang. Ein einsamer Fahrradfahrer quälte sich die langgezogene Steigung hinauf, die zu unserem Dorf führte. Beim Überholen sah ich, dass es Gitarren-Hans war und bremste so kräftig, dass der Pseudo-Sportwagen hinter mir, dessen Fahrer schon die ganze Zeit vergeblich versucht hatte, mich zu überholen, ebenfalls quietschend bremsen musste. Dann, als der Gegenverkehr vorbeigezischt war, preschte er hysterisch hupend und die Arme wedelnd mit einem Affenzahn davon. Hans war verwirrt von dem plötzlichen Autotrubel um sich herum, aber als ich ausstieg, erkannte er mich. Das seien völlig unzurechnungsfähige Menschen, emotional getunt wie ihre übermotorisierten Karren, mit denen sie über die kleinen Straßen rasen, sagte er schnaufend, während wir sein Fahrrad auf die Bierkisten luden. Er war auf dem Weg zu Tina, oder vielmehr zu uns. Die beiden wollten noch einen Drogenkuchen backen, für den Filmabend. Offensichtlich hatten sie ihre Zwistigkeiten wegen der Lieblingsschallplatte inzwischen vergessen oder geklärt.

Tina empfing ihn mit einer Umarmung und mich mit der Nachricht, dass wiederum Martin vor Kurzem angerufen hätte. Er, beziehungsweise sie, drei Männer, seien jetzt schon in Deutschland an der Grenze und die drei Männer fragten an, ob auch ein paar Frauen zum Filmabend eingeladen sein? Also keine Sabine! Und keine Grillpferdemädchen. Aber Tina hatte schon den Teig angerührt und Gitarren-Hans eine weitere wichtige Zutat dabei. Der Kuchen, der daraus entstehen sollte, war nicht nur für Martin und seine Kumpels, sondern auch für ein paar von Tinas Bardamenkollektiv, wie sie es selbst bezeichnete. Die anderen Bedienungen und einige der Stammgäste wollten endlich mal sehen, wo wir uns auf dem Dorf versteckt hielten und hatten versprochen, auf jeden Fall zu kommen. Also war alles bestens, Martin würde noch einige Stunden auf der Autobahn verbringen, Hans und Tina waren in der Küche zugange und ich konnte in aller Ruhe die Projektoren aufbauen, einen Super-8-Projektor in die Scheune, den anderen in den Hof.

Dann kümmerte ich mich um den 16-mm-Projektor, für den ich im Jugendzentrum eine Filmrolle mitgenommen hatte. Ich putzte ihn ordentlich aus und als ich den Film einlegte, stellte sich heraus, dass der Projektor einwandfrei funktionierte. Also konnte ich eine Endlosschleife herstellen. Ich musste nur eine geeignete Passage in dem Film finden. Der Film aus dem Jugendzentrum schien zunächst ziemlich öde, es ging um die Probleme von Jugendlichen, was sonst, und er zeigte, wie diese Probleme durch die Besinnung auf den christlichen Glauben gelöst werden. Die meiste Zeit waren Interviews und langweilige Diskussionsrunden zu sehen. Erst am Ende des Filmes gab es einige gelungene Aufnahmen der Probleme, da führte eine Kamerafahrt durch unglaublich viele leere Bier- und Weinflaschen und dann war da auch noch ein kotzendes magersüchtiges Mädchen, dessen Gekotze man nicht richtig sehen konnte, aber die Körperhaltung und Bewegung waren eindeutig.

Da hatte ich also ein schönes Stückchen Film, das ich in den Projektor einfädelte und dann den Anfang an das Ende klebte. Zwar fehlte mir eine entsprechende Klebelade, aber die war nicht unbedingt nötig. Bei 16-mm-Film konnte man jedes einzelne Bild gut mit bloßem Auge erkennen. Einfach die Perforation übereinanderlegen, zur Deckung bringen, dann ein schneller Schnitt mit der Haushaltsschere, die Enden stumpf aneinandergefügt und mit Tesa zusammengeklebt, schon fertig. Außerdem hatte ich inzwischen die erste Rolle Schwarzweiß-Film entwickeln lassen und es gab ein paar Sekunden, die die drehende Spule des Projektors und ihren riesigen Schattenwurf an der Scheunenwand zeigten. Diese Aufnahme, etwa 50 cm, kam als Endlosschleife in den alten Super-8-Projektor und gleichzeitig wurde der laufende 16-mm-Projektor mit einer Lampe angeleuchtet, so dass dessen Spule, die bei einer Endlosschleife eigentlich gar nicht nötig war, wiederum einen bewegten Schatten warf, der sich mit der Projektion überlagern würde.

Tina und Gitarren-Hans kamen in den Hof, eine Weinflasche und Gläser in den Händen. Während des Einschenkens startete ich die beiden Schleifen zum ersten Mal gleichzeitig. Es war noch etwas zu hell, aber vage zeichnete sich das Bild an den Wänden ab. Ich hatte einiges ausprobiert. Inzwischen kotzte das Mädchen rückwärts und das Bild stand auf dem Kopf, da konnte man durchaus auf die Idee kommen, es sei ein Ausschnitt aus einem Pornofilm. Auf der anderen Mauer überlagerten sich die echten und gefilmten Schatten der Projektorspule, das gefiel mir sehr gut. Es fehlte nur noch ein Soundtrack. Ich schlug vor, dass Tina ihren monophonen Synthie holen könnte, was ihr nicht in den Kram passte, aber auch Gitarren-Hans versuchte, sie zu überzeugen. Schließlich erlaubte sie ihm, den Synthie zu holen, wenn er sich selbst darum kümmerte, einen Sound einzustellen. Hans kannte sich überraschend gut mit dem Gerät aus, oder verstand es intuitiv. Während er die ersten zaghaften Töne erzeugte, rückte ich nochmals meine Projektoren herum, suchte die jeweils optimale Position und da es inzwischen dunkel geworden war, sah es sehr beeindruckend aus. Gitarren-Hans drehte an Tinas altem Gitarrenverstärker die Höhen raus, die Bässe rein und holte knatternde, tiefe Töne aus dem Synthie, die er durch das Drehen an den Filtern ganz langsam veränderte. Wieder traf er bei mir eine Resonanz, die mich mitnahm, mich durchdrang, dieser spröde technische Ton, der kein Ende zu haben schien, sondern nur einen Puls, während die Schatten rotierten und das auf dem Kopf stehende Mädchen aussah, als kotze und vögle sie gleichzeitig.

Der erste Schluck Rotwein dieses Abends, ein dazu gereichter Joint, ich spürte es in der Kehle, in der Lunge und schon kurz darauf im Kopf, wie es brummte, Gitarren-Hans drückte auf die Tastatur, es ging einen Halbton runter, noch tiefer, dazu ein Blubbern und Knarzen, das ich so empfand, als würde uns dieser Klang einschließen, einhüllen, beschützen, als sei der Klang unsere Welt, hier sind wir sicher und unter uns, keine Ikonen oder Turniere, keine fragwürdigen Gedanken, was wir tun und lassen mussten, um an Geld zu kommen, sondern einfach SEIN und machen, was ICH will, wir machen das einfach, erzeugen mentale Energie auf unserem eigenen Planeten, und da kam das erste Auto mit Gästen, die Autoscheinwerfer überstrahlten für einen Moment gleißend die Projektion und erloschen schnell wieder, aber es war nicht Martin, sondern zwei von den Bedienungen aus der Szenekneipe, Tinas Bardamenkollektiv, die Blonde und die Rothaarige, und die Blonde schien mich zu mögen, küsste mich zur Begrüßung, fragte irgendetwas, was ich nicht verstand und ich war so verwirrt, dass ich sie einfach noch mal umarmte. Ich fand es toll, dass sie gekommen war, sagte es ihr und meinte, sie solle es sich gemütlich machen, auf unserem Planeten.


Inhaltsverzeichnis

«walking, stuttering» für Klavier (ePlayer-Realisierung)

by Stefan Hetzel

 

Kompositionsnotiz (Selbstbeobachtung 8 Jahre später):
Der Pianist (SB), 2015Alles sehr wüst, sehr wütend (aggressiv), verstimmt, beleidigt, maßlos, impulsiv und ungerecht hingerotzt. In Worten wäre diese Musik größtenteils An/Klage – über was bzw. gegen wen auch immer ;-) . Umso notwendiger dann das abrupte Innehalten bei 04:08. Danach geht’s aber nicht minder bitter weiter. Die wörtliche Wiederholung der Eingangsphrase am Schluss wirkt wie eine sarkastische Parodie auf so etwas wie “Formwillen”.

Weiterführender Gedanke
Gerade lese ich einen Artikel über “Handschrift im digitalen Zeitalter” – und schlagartig wird mir klar, warum die Improvisation von so zentraler Bedeutung für meine Arbeit als Komponist ist, ist sie doch nichts anderes als “mit der Hand schreiben” – ein Prozess, der Körper und Geist derart integriert in Anspruch nimmt, dass immer etwas “Persönliches”, d. h. von Maschinen so nicht Simulierbares herauskommt (Das “Das-interessiert-keine-Sau”-Problem wird dadurch freilich nicht einmal berührt.).

Das Stück basiert auf dem PianoLog 2007-01-25.

Realisiert 2015-07-18 mit einem virtuellen Bösendorfer Imperial (VSL) inkl. Faltungshall (SIR).

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