Kontrafaktisches Delirium (Houellebecq für Arme)

Genau zu wissen, was die Ukraine braucht, und dann nur ein Zehntel davon zu liefern, ist ein Äquivalent von Sadismus. Später werden Scholz & Friends wahrheitsgetreu sagen: „Politisch war einfach nicht mehr durchzusetzen.“ Obwohl sie natürlich ebenso genau wissen, dass die logische Konsequenz aus diesem Verhalten der Überfall Chinas auf Taiwan sein wird. Und dann Russlands rasche Auslöschung Moldaus vom okkupierten ukrainischen Gebiet aus.

Spätestens jetzt wird sich der innenpolitische Wind in Deutschland komplett gedreht haben. Weidel wird Kanzlerin und schlägt Alice Schwarzer als Bundespräsidentin vor. Erich Vad ist Verteidigungsminister, Gerhard Schröder wird rehabilitiert. Weitere Kabinettsmitglieder: Harald Welzer (Wissenschaft), RD Precht (Bildung), Björn Höcke (Außen). Götz Kubitschek wird Leiter der Desiderius-Erasmus-Stiftung. Nordstream wird repariert, Windkraft demontiert. Luisa Neubauer kommt wg. „schwerer staatsgefährdender Gewalttaten“ in lebenslange Haft. Habeck emigriert verbittert nach Norwegen, Baerbock in die USA, wo sie bei den Vereinten Nationen Karriere macht.

Die deutsche Wirtschaft macht glänzende Geschäfte mit Russland und China, dem Land geht es hervorragend. Selbst eingefleischte Altgrüne kommen ins Grübeln, ob der Scheiß mit der Ukraine-Unterstützung richtig war. Einige wenige folgen Habeck und emigrieren. Die Masse arrangiert sich mit Höckes Vision einer Eurasischen Union mit Russland, der natürlich ein Verlassen der NATO vorausgehen muss. Dies fällt umso leichter, als US-Präsident de Santis deren Unterstützung mittlerweile auf Bruchteile des einstigen Budgets heruntergekürzt hat.

GEZ und öffentlich-rechtlicher Rundfunk werden abgeschafft und durch den Nationalen Streamingdienst Deutschland NSD ersetzt. Dieser wird direkt von der Bundesregierung finanziert. Als Intendant wird der Schweizer Roger Köppel ernannt, der sogleich verkündet, er freue sich, nun das erste wirklich objektiv berichtende Nachrichtenportal der Welt aufbauen zu können. RT Deutsch wird wieder zugelassen und als priviligierter Kooperationspartner des NSD in dessen Streamingportal integriert. Zahlreiche entlassene redaktionelle Mitarbeiter*innen des ÖRR kommen im benachbarten europäischen Ausland unter. Viele aus dem technischen Bereich werden vom NSD übernommen.

Die demografischen Probleme Deutschlands sind durch die Flucht von 10 Millionen Ukrainer*innen mit einem Schlag gelöst. Plötzlich gibt es genug Altenpflerger*innen und Krankenpfleger*innen, aber auch Ingenieur*innen und und Informatiker*innen. Die regierende AfD springt über ihren Schatten und macht den Geflüchteten aufgrund ihrer „abendländischen“ Identität keine großen Schwierigkeiten. Deutschen Muslim*innen allerdings wird nun immer deutlicher die Auswanderung in ihre „morgenländische“ kulturelle Heimat empfohlen. Dies sei keinesfalls Rassismus, sondern schlicht die praktische Folge „ethnopluralistischer Vernunft“, so Martin Sellner, Chef der Identitären Fraktion im Europäischen Parlament.

Die CDU/CSU als kleiner Koalitionspartner der AfD begrüßt die Rückführungsbestrebungen muslimischer Deutscher als „Ende der Pascha-Kultur in Deutschland“. Alice Schwarzer, mittlerweile gewählte Bundespräsidentin, betont, in Zukunft könnten sich Frauen auch am Silvesterabend endlich wieder frei in deutschen Innenstädten bewegen. Sie dankt ausdrücklich Ex-Kanzlerin Angela Merkel, die mit ihrer Sentenz „Multi-Kulti ist gescheitert!“ dieser begrüßenswerten Entwicklung einst den Weg gewiesen habe.

St. Petersburger Jugend

Bemerkenswert offene und bemerkenswert verklausulierte Statements von sehr jungen, sehr gut ausgebildeten Menschen im St. Petersburg von heute zum Thema Putin. Die Frauen haben mal wieder die dickeren Eier. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. – Na ja, wohl eher Letzteres:

State of the Art

Ullrich mal wieder ganz vorne dran mit seiner Globaldiagnose zum Zustand, Verlauf und Verfahren zeitgenössischer Highbrow-Kunst, die mittlerweile komplett verkrampft und vermurkst (meine Worte) danach sucht, jegliche Highbrow-Haftigkeit abzustreifen, ohne ökonomisch an Wert zu verlieren. So entstehen im Wortsinn merk-würdige Werke, die aber, so Ullrich, nur auf westlich sozialisierte Menschen so wirkten. Im ostasiatischen Raum sei cuteness generell positiv konnotiert – und genau dort gehen diese Werke denn auch weg wie geschnitten Brot.

Mit Subversion, Postmoderne und Ironie, so Ullrich trocken und illusionslos, habe das alles nicht mehr viel zu tun, es gehe vielmehr um die Anpassung künstlerischer Geschäftsmodelle an die durch soziale Medien (v. a. Instagram) geschaffene und determinierte neue (na ja, nicht mehr ganz so neue) Welt. Vortrag aus dem April des letzten Jahres.

Es kann noch 10 Jahre dauern

ÖRR-Journalist Demian von Osten (was für ein Name für einen Osteuropa-Journalisten) lebt seit 5 Jahren in Moskau und berichtet hier in ungekünstelter Sprache von seinen aktuellen Erfahrungen mit russischen Menschen (Sendung vom 7. Januar 2023). Seit der Mobilmachung, so von Osten, habe sich ein beträchtlicher Teil vor allem der Landbevölkerung patriotisch hinter Putin geschart und man sei sich einig, so lange zu kämpfen, bis Russland eben gewonnen habe. Dass das noch 10 Jahre dauern könne, so von Osten, sei für die Menschen in Ordnung. Man denke imperial und eine imperiale Macht habe sich eben im Krieg zu befinden. Es sei in diesem Teil der Bevölkerung Konsens, dass „die da oben“ alles richtig machten.

Von Sanktionen sei nichts zu spüren. Supermärkte, Kneipen, alles voll, alles normal. Im Gegenteil, es breite sich sogar eine gewisse Euphorie aus, jetzt wieder vieles selbst herstellen zu dürfen und sich nicht mehr mit lästiger westlicher Konkurrenz auseinandersetzen zu müssen. Lücken in der Kfz-Herstellung würden von China gefüllt. Moskau werde mehr und mehr von funkelnagelneuen chinesischen Pkws und Lastwagen dominiert. (Soviel zum hierzulande endlos wiederholten Narrativ, Russland sein „international vollkommen isoliert“.)

Es gebe zwar mittlerweile frische Soldatengräber in vielen Orten, aber bei einer Bevölkerung von 145 Millionen, so von Osten, falle das nicht sonderlich ins Gewicht. Außerdem, und das ist jetzt meine Vermutung, dürfte sich das Verhältnis zur Ukraine nicht zum Besseren wenden, wenn erst mal ein Familienmitglied „im Felde geblieben“ ist. So gesehen ist von einer Radikalisierung und Fanatisierung bzw. Verbitterung der Bevölkerung auszugehen, je länger der Krieg dauert.

Wer gegen den Krieg sei, so von Osten, sei entweder emigriert, verstummt oder tot. Es scheint sich also ganz ordentlich leben zu lassen in Russland derzeit, vorausgesetzt, man interessiert sich nicht für Politik und/oder ist kein Mann im wehrfähigen Alter.

Russland im Krieg – mitmachen oder schweigen? Weltspiegel Podcast

Kleine Erinnerung zum Jahresende

Wäre die internationale Politik Schwarzer, Precht und Welzer gefolgt, wäre Selenskyj jetzt tot, die Ukraine ein von gelegentlich aufblitzenden Partisanenkämpfen durchfurchtes Massengrab, Deutschland stünde wg. Millionen ukrainischer Flüchtlinge am Rand sozialer Unruhen und die AfD wäre bundesweit die zweitstärkste Partei. Aber wir hätten superbilliges russisches Gas!

Ralf Schuster: „Monolog eines Fahrradfahrers für Niemanden im Nirgendwo“ (2022)

Schuster zeigt sich erneut als Meister der kleinen Form und bringt in gut 5 Minuten jede Menge aktueller Probleme (Verkehrswende, Kontrollgesellschaft, existenzielle Einsamkeit) in einem gewohnt kafkaesken Setting auf den Punkt, ohne auch nur im Mindesten didaktisch zu werden. Als Musik hat er Ausschnitte aus meiner Komposition „Lieberose“ verwendet.

Subjekte vs. Bürger*innen

Der ganze Kanal ist übrigens großartig und eine sozusagen anthropologische Fundgrube. Ich weiß nicht, wie der Kanalbetreiber Daniil Orain das macht, ohne im Gefängnis zu landen, aber irgendwie schafft er es bisher.

Was für mich bei den Interviewten vor allem rüberkommt, ist eine komplette und tiefe Indifferenz gegenüber der Regierung und ein tiefsitzender Unwille, sich als Bürger*in eines Gemeinwesens zu betrachten. Man ist Untertan, Subjekt. Man überlebt oder eben nicht. Die Regierung verhält sich dem Überleben ihrer Subjekte gegenüber komplett indifferent. Sie ist nicht für das Gemeinwohl verantwortlich, ja wird damit nicht einmal in Verbindung gebracht. Sie ist das große Andere, das nach opaken Regeln funktioniert.

Das erklärt, warum viele Russ*innen im Ausland immer tief verwundert darüber sind, wenn sie auf die Taten ihrer Regierung angesprochen oder gar verantwortlich gemacht werden: Aber das hat doch nichts mit mir zu tun, das war doch die Regierung und auf die haben wir doch keinerlei Einfluss. Bei uns wird der Staat kritisiert, in Russland ist man entweder mit allem zufrieden und arrangiert sich oder man ist gegen alles bzw. will eigentlich sowieso demnächst auswandern.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land in Russland ist gigantisch, was die Lebensqualität betrifft. Ein besonders schauriges Beispiel hier:

Interessanterweise wirkt sich das aber nicht auf die Haltung gegenüber der Regierung aus, die Moskauer*innen sind lediglich auf kultiviertere Weise zynisch bzw. sie verlassen sich darauf, dass sie gute Beziehungen haben und es deshalb für sie schon nicht so schlimm kommen wird:

Der ganz große Unterschied zwischen West und Ost scheint zu sein, dass selbst die wüstesten Kritiker*innen hier oder in den USA oder in Frankreich ihre Kritik adressieren können. Der Staat ist für sie ein Gegenüber, das, so korrupt und dysfunktional es auch sein mag, weiterhin prinzipiell ansprechbar und damit veränderbar bleibt. In Russland existiert dieses Gegenüber nicht, Kritik findet keinen Adressaten, stattdessen starrt man auf die Mauern des Kreml.

Die gesamte Polemik der AfD zielt darauf ab, geneigten Teilen unserer Bevölkerung weiszumachen, sie seien Subjekte einer Regierung im oben definierten Sinn und nicht Bürger*innen eines (demokratischen) Staates. Wie präzise das an der Subjekt-Mentalität DDR-sozialisierter Menschen anzuknüpfen in der Lage ist, wurde mir nach dem Ansehen der „1420“-Videos von Orain klar.