„Siebold-Funkie 2“ (Fotoarbeit von Gerhard Mehler)

Die Bezeichung Funkie, sprich Funki|e (wie Lilie), war mir bisher unbekannt, ein alternativer Name ist Herzblattlilie, wie die Wikipedia weiß.

Zum Blog von Gerhard aka Kopf und Gestalt geht’s hier.

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„Siebold-Funkie 2“ (Fotoarbeit von Gerhard Mehler)

Vier Browser-Erweiterungen, die wirklich was bringen

Moderne Webbrowser können alles. Wirklich? Nun, irgendwie doch nicht, warum wäre ansonsten allerorten soviel von Plug-ins für selbige die Rede, die deren Funktionalität entscheidend erweiterten? – Nun, es gibt tatsächlich genau vier Browser-Plug-Ins, die ich permanent nutze und die sich nachhaltig als substanzielle Bereicherung meiner Internetnutzerexistenz erwiesen haben.*

Von dem einen oder anderen dieser vier war hier in der Weltsicht mitunter schon mal die Rede, doch noch nie gab’s eine Zusammenschau. Aber jetzt. Here we go:

  1. Google Übersetzer (translate.google.com)
    Sagenhaft leistungsstark, v. a., wenn man längere Passagen zur Übersetzung eingibt.
  2. uBlock Origin (Raymond Hill)
    Der beste mir bekannte Werbeblocker, siehe auch diesen Weltsicht-Artikel, der die juristische Seite der Werbeblocker-Thematik beleuchtet.
  3. Slick RSS (Joshua Deltener)
    Ein Feedreader, siehe auch diesen Weltsicht-Artikel, der zwar einen anderen Feedreader abhandelt, aber Basiswissen zur RSS-Technologie liefert.
  4. Reader View (yokris.dev)
    Generiert ablenkungsarme Ansichten von Texten

Reader View habe ich erst vor Kurzem entdeckt. Ich lese gerne feuilletonistische oder populärwissenschaftliche Artikel im Netz, die auch mal länger sein können. UBlock Origin filtert aus diesen zwar schon mal nervige Werbeinserts heraus, aber auf Typo und Layout der Texte hatte ich bisher keinen Einfluss. Reader View ändert das. Ein kleines Vorher-nachher-Beispiel von literaturkritik.de:

Eine typische Rezension auf literaturkritik.de unter Google Chrome.
Dieselbe Seite nach Aktivierung der Chrome-Erweiterung „Reader View“. Auch schwerstbetroffene ADHS’ler finden hier ums Verrecken keine Ablenkung vom Haupttext mehr. Außer natürlich, man vertreibt sich die Zeit mit dem Bedienfeld links, mit dem sich Schriftart, Schriftgröße und Farbschema des zu Lesenden endlos variieren lassen. Ich spreche da aus Erfahrung.

Ein weiteres herausragendes Feature von Reader View ist die Möglichkeit, den Text in seiner lesefreundlichen Form als HTML-Datei lokal abzuspeichern. So ist er jederzeit zugänglich, auch wenn man gerade mal nicht online sein will. Oder man überspielt ihn gleich auf den eBook-Reader – wo lange Texte ja sowieso „eigentlich“ hingehören.

Alle vier Erweiterungen sind kostenlos im Chrome Web Store herunterzuladen.


* Getestet mit Chrome 67.0.3396.99 Official Build 32-bit unter Windows 8.1
Vier Browser-Erweiterungen, die wirklich was bringen

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Wolfgang Ullrich (*1967)

Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich ist genervt. In seiner Streitschrift „Wahre Meisterwerte“*  aus dem Jahr 2017 konstatiert er einen hierzulande in den letzten Jahren vor allem bei sich linksliberal verstehenden Besserverdienenden grassierenden Trend zu einer Haltung, die er treffend als „Gewissenshedonismus“ bezeichnet. Statt mit materiellem protze man nun mit immateriellem Reichtum, will sagen, einem ausnehmend guten Gewissen der Welt und auch sonst allem Möglichen gegenüber. Dieser bei Altgrünen noch durch Konsumverzicht (Askese) erreichbare Heilszustand sei mittlerweile, so die GewissenshedonistInnen, stattdessen durch „besseren“ / „nachhaltigeren“ / „intelligenteren“ etc. Konsum erreichbar. Dass derartige Konsumgüter grundsätzlich teurer als Allerweltswaren seien, trage zu einer neuen Art gesellschaftlicher Segregation bei: Nur Besserverdienende können sich so ein umweltschonendes Leben leisten und damit dem Planeten dienen, der Pöbel dagegen ist nicht nur arm, sondern auch durch „falschen“ Konsum schuldig geworden. Dem materiellen geselle sich so ein „immaterielles Wohlstandsgefälle“ (S. 55) bei.

Ullrich ordnet dieses Phänomen bewusstseinshistorisch dem Wandel von einer tugendethischen zu einer wertethischen Gesellschaft zu, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vollem Gang gewesen sei. Was zunächst nach einer abstrakten und weit hergeholten Erklärung klingt, leuchtete mir bald ein.

Die altehrwürdige Tugendethik geht bis auf Aristoteles zurück und umfasst eher sozial ausgerichtete Haltungen wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Christen fügten dem noch Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Die Wertethik hingegen entstand erst im 19. Jahrhundert und ist ganz auf die Vorlieben und Abneigungen des modernen Subjekts ausgerichtet, welches sich die Welt macht, wie es ihm gefällt. So ist bsp.weise „Selbstachtung“ ein Wert, aber keine Tugend. Auch „Schönheit“, „Reinheit“ oder „Naturverbundenheit“ sind wertethisch operationalisierbar, sagen aber über die Tugendhaftigkeit des entsprechenden Subjekts nichts aus etc.

Man sieht das Problem: der klassischen Tugenden sind nur wenige, zudem sind sind sie überzeitlich gültig und unveränderlich, moderne Werte hingegen fügen sich geschmeidig endloser Proliferation und sind dabei dem jeweiligen Stand der Dinge stets anpassbar. Dabei bedürfen sie jedoch wegen ihrer relativen Abstraktheit stets einer kreativen Bebilderung – und schon sind wir mitten drin im gewissenshedonistischen Selbstdarstellungsparcours von heute. Ullrich illustriert diesen durch eine illustre Reihe von Instagram-Screenshots, die eigentlich immer dasselbe zeigen: das „nachhaltig“ bzw. „ökologisch korrekt“ konsumierende, ausgesprochen gesunde, rundum glückliche sowie mit sich und der Welt sich vollkommen im Reinen befindliche Individuum.

Sonst eher von zurückhaltendem Temperament, wird Ullrich hier doch ziemlich bissig:

… seit man ethische Fragen in Wertefragen übersetzt, werden bei moralisch ambitioniertem Handeln zugleich in großem Umfang kreative Energien freigesetzt. Da das jedoch auch bedeutet, dass es noch nie … zu so viel Individualität und Selbstbewusstsein verhalf, moralisch sein zu wollen, ist zugleich ein Wertekult entstanden. Jeder will sich wieder und wieder bekennen, … den materiellen Wohlstand umwandeln und endlos viel gutes Gewissen genießen. (S. 159)

Selbstverständlich wird dieser Wertekult längst bewusstseinsindustriell optimal ausgeschlachtet:

Die Konsumkultur ist so weit entfaltet, dass es kaum ein Bekenntnisinteresse geben dürfte, zu dessen Umsetzung keine unterstützenden Produkte erhältlich sind, die nicht auch bereits fester Bestandteil von Ikonographien sind. (S. 108)

Ullrich identifiziert zwei gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Wertekult widersetzen: die Rechtsintellektuellen und – etwas verblüffend – die Hip-Hop-Szene. Beide sind aber leider noch unsympathischer bzw. gesellschaftlich destruktiver als die GewissenshedonistInnen. Die reaktionäre Weltsicht der Akteure von Henryk M. Broders Blog „Achse des Guten“ kommentiert er so:

… viele derer, die sich daran ergötzen, andere als >Gutmenschen< abzutun, … verkörpern [ihrerseits] … eine Werteseligkeit, die in Exzessen von Selbstgerechtigkeit mündet. (S. 57)

Für die sich bewusst asozial gerierenden Hip-Hopper hat er schon mehr übrig …

Sie helfen vielen Menschen sowohl dabei, mit ihrer unterpriviligierten Rolle fertigzuwerden und ein eigenes Klassenbewusstsein auszuprägen … (S. 69)

… aber – leider – laufe in dieser Szene dann letztlich doch alles darauf hinaus, „Minderwertigkeitsgefühle in Überlegenheits-, gar in Allmachtsphantasien zu wenden“ (ebda.).

Ullrichs Text bietet keine Lösung für die Konflikte unserer „wertstolzen“ bzw. wertstrotzenden Gesellschaft an, was ich aber auch nicht für seine Aufgabe halte. Das Verdienst seines Buches ist es vielmehr, das Problematische wertorientierter Weltsichten überhaupt erst einmal entdeckt zu haben.

Auch für mich waren „Werte“ bisher durchgängig positiv besetzt. Wer kann schon was gegen „Werte“ haben, oder? Mir war nicht klar, dass „Werte“ vollkommen frei definiert werden können – auch „Rassereinheit“ ist ein möglicher Wert, „Vaterlandsliebe“ sowieso etc. Wer also sagt, er bekenne sich ausdrücklich zu „Werten“, sagt eigentlich: – nichts.

Tugenden sind, siehe oben, etwas ganz anderes. Aber wer hat im 21. Jahrhundert schon den Mut – oder soll man sogar sagen: die Chuzpe? – Tugendhaftigkeit auch nur anzustreben? Würde, wer es wagte, zu behaupten, ja, ich möchte klug, gerecht, tapfer und gemäßigt sein, nicht augenblicklich der Hybris angeklagt bzw. verlacht? Und warum muss das eigentlich so sein?

Wolfgang Ullrichs Blog trägt den schönen Titel „Ideenfreiheit“ und findet sich hier.


* Ja, richtig gelesen: Meisterwerte, nicht Meisterwerke. Erklärt sich gleich. Der durchaus lasche Untertitel des Buches lautet „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ und hat mich verärgert. „Wahre Meisterwerte“ ist weitaus mehr als bloße Stilkritik, es geht schon um’s Ganze.

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Erwin (1993)

Eine unerhörte Begebenheit

Erwin schlug sich heute um vier Uhr morgens die Nase blutig.

Dies geschah in, für Erwin und, später, seinen herzallerliebsten Vater Erwin senior, unerklärlicher, Erwin sagte, „mysteriöser“, gar „mystischer“, Art und Weise. Er, Erwin, sei gerade so richtig eingeschlafen gewesen, als ihn irgendetwas veranlasste, sich abrupt auf die linke Seite des französischen Bettes zu werfen, wobei dann sein Kopf, von der heftigen Bewegung erfasst, mit aller Wucht gegen den unweit des Bettes stehenden Kleiderschrank geschleudert worden sei.

Er berichtete seinem Vater weiter, er habe zunächst geglaubt, von einem Einbrecher ins Gesicht geschlagen worden zu sein, derart, dass sofort „ein Sturzbach von Blut“ aus seinen Nasenlöchern geschossen sei, den ultramarinblauen Teppich verunreinigend.

Verwirrt habe sich Erwin vom Bett erhoben, das Blut sei ihm wirklich aus der Nase auf die Füße getropft. Mit dem Handrücken habe er den „Sturzbach“, wie er es nannte, aufhalten wollen, aber es sei vergeblich gewesen. Plötzlich sei er sich wie ein Stigmatisierter vorgekommen, erzählte Erwin zur Bestürzung seines Vaters, der ihm geduldig zuhörte. Er sei aufgestanden, vor den Flurspiegel gelaufen und habe sich dort als Gekreuzigter, aus Händen und Füßen blutender Christus wiedererkannt. Selbstverständlich sei ihm sofort die metaphysische Blödsinnigkeit, ja Verstiegenheit dieses Vergleichs aufgefallen.

Er habe schließlich zu grinsen begonnen, lachte dann kurz auf, um schließlich, gegen fünf Minuten nach vier, in ein circa zehnsekündiges lautes Gelächter auszubrechen, in Gedanken das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ memorierend.

Erwin (1993)