SS:TF10Y | Inside the Bumblebeehive (Soundscape 5), 2005

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Sozusagen die Fortsetzung zur Soundscape 1 Bombus Variations. Sogar für meine Verhältnisse ist diese Komposition noisy, aber ich mag das Stück immer noch. Und das Spektrogramm ist (wieder einmal) von besonderem ästhetischem Reiz.

Mehr zu dieser Komposition.

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SS:TF10Y | Inside the Bumblebeehive (Soundscape 5), 2005

Erlebnisse einer Flussmündung

Marschland bei Manhattan (Quelle: http://www.gothamgazette.com)

Der große KS Robinson hat einen Klimaroman geschrieben, den ich mir als Sommerlektüre ausgesucht hatte. Aber wir haben erst den 4. August und schon habe ich „New York 2140“ ausgelesen – allerdings weniger, weil mich das Buch so fürchterlich gepackt hätte (obwohl es, zugegeben, nicht schlecht ist, siehe unten), sondern weil ich wegen der gegenwärtigen Hitzewelle zu geistig wirklich herausfordernden Tätigkeiten wie Komponieren einfach nicht in der Lage bin. Lesen geht aber, auch Bücher in englischer Sprache.* Also hatten die aktuellen Auswirkungen des Klimawandels meine beschleunigte Lektüre eines Romans über die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels zur Folge, was nicht einer gewissen Folgerichtigkeit entbehrt.

*

In gewohnter, aber nicht unmotiviert wirkender panoramischer Breite faltet Robinson eine fiktive, aber mögliche Welt vor uns aus: Das New York des Jahres 2140 ist wg. Klimawandel ziemlich genau zur Hälfte abgesoffen, wird aber weiter zäh bewohnt und halb reißerisch halb zärtlich Super Venice genannt. Dank neuer Werkstoffe können nun unterhalb des Meeresspiegels liegende Downtown-Immobilien recht kostengünstig wasserdicht gemacht werden, während graphen-gestützter Hochbau Uptown-Wolkenkratzer heute unbekannter Höhe nahezu spielend ermöglicht.

Robinsons Szenario ist also sowohl eines des buchstäblichen Untergangs als auch eines des erfolgreichen Krisenmanagements. Und er schafft es das ganze Buch über, diese Ambivalenz aufrechtzuerhalten. „New York 2140“ ist also weder apokalyptisch wie ein Roland Emmerich-Film noch technokratisch-optimistisch wie ein Sachbuch von Marvin Minsky. Der Roman handelt davon, wie die Menschheit angesichts einer selbstgemachten Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß trotz enormer Verluste, Probleme und Folgeschäden halbwegs davonkommt. Und genau deshalb halte ich es für ein realistisches Buch zum Thema Klimawandel. Derartige Bücher gibt es leider derzeit zuwenig, es dominieren die Apokalyptiker und die Klimaleugner. Logisch: Tendenziöser Bullshit verkauft sich besser als mühsam austarierte Ideen und Gedanken.

Psychologisch glaubwürdige und gelegentlich unterhaltsame Charaktere (der jugendlich-ungestüme Hedgefonds-Manager, die abgeklärte afroamerikanische Polizeikommissarin mittleren Alters, der knorrige Hausmeister mit traumatischer Berufstaucher-Vergangenheit und zwei draufgängerische Jungs in ihrem Schlauchboot, die an Tom Sawyer und Huckleberry Finn angelehnt sind) ringen um Einfluss, das Kapital schikaniert die kleinen Leute, idealistische quants (Programmierer) hacken gegen dark pools (Kapitalansammlungen unklarer Herkunft) an, superreiche Bewohner von  Graphen-Superscrapern versuchen, genossenschaftlich geführte Old School-Hochhäuser zu gentrifizieren etc. – das eigentlich Erstaunliche ist, dass mir diese tendenziell schwarzweiße Welt nicht bald auf den Keks ging. Vielleicht lag es daran, dass zumindest eine Zentralfigur im Verlauf des Geschehens etwas unerwartet, aber plausibel das Lager wechselt und damit eine wichtige Kettenreaktion auslöst.

Streckenweise wirkt „New York 2140“ wie eine Fiktionalisierung von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. Gegen Ende des Buches macht das eine Figur dann sogar ganz explizit:

Seemingly frozen moments are transient, they break up like the spring ice, and then change occurs. So individuals, groups, civilization, and the planet itself all did these things, in actor networks of all kinds. Remember not to forget … the nonhuman actors in these actor networks. Possibly the New York estuary [Flussmündung, S.H.] was the prime actor in all that has been told here, or maybe it was bacterial communities, expressing themselves through their own civilizations, what we might call bodies.

Diese Sichtweise – eine Flussmündung als Hauptfigur eines Romans – macht „New York 2140“ auf subtile Weise zu einem „ökologischen Roman“ ganz ohne Öko-Klischees und hebt das Buch dann doch aus der Masse aktueller Klimaromane deutlich heraus. Es gelingt Robinson einmal mehr, gesellschaftliche Makro-Entwicklungen mit genuin literarischen Mitteln systemisch darzustellen, ohne dass die Leserin das Gefühl bekäme, einem Ameisenhaufen beim Wuseln zuzusehen. Dafür sind seine Figuren einfach zu lebendig.

LeserInnen mit einem Faible für Technologie und Naturwissenschaft sind dennoch klar im Vorteil, denn ganz am Ende handelt es hier halt doch „nur“ um Science Fiction-Literatur klassischen Zuschnitts (also ohne Elfen), allerdings auf deutlich gehobenem Niveau.


* „New York 2140“ gibt es mittlerweile aber auch auf Deutsch.
Erlebnisse einer Flussmündung

Drei YouTube-Juwelen

Frei übersetzt heißt „YouTube“ ja „Sende dich selbst!“ und kann damit als einer der erfolgreichsten Versuche angesehen werden, Kants Kategorischen Imperativ aus dem 18. ins 21. Jahrhundert zu übertragen – wenn auch vermutlich nicht wirklich im Sinne des Erfinders.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Das einst ekstatisch bejubelte und mittlerweile allseits geschmähte YouTube hat meiner Meinung nach auch weiterhin seine brillanten, aufklärerischen und dabei höchst unterhaltsamen Känale. Drei davon möchte ich vorstellen, zwei davon ganz kurz und einen ausführlich:

Ich muss zugeben, auch mich hat YouTube in den letzten Jahren politisiert (nicht nur YouTube, aber schon auch). Wie offenbar sehr viele Menschen war ich verblüfft über die zunehmende Dominanz weltanschaulich ausgerichteter Videos auf dieser Plattform.

Eigentlich sollte YouTube ja mal ein cooles Selbstdarstellungsportal für junge und damit angeblich besonders konsumfreudige MenschInnen sein, die sich gegenseitig Shopping-Tipps geben oder einfach mal erzählen, wie’s ihnen grade so geht und wie sie die Dinge so sehen. Stattdessen wurde es immer mehr zum heißen Schlachtfeld vorwiegend komplett inkonsistenter Verschwörungstheorien.

Dass ausgerechnet eine im libertären, also nach eigenem Verständnis „ideologiefreien“ Silicon Valley für Zwecke viralen Marketings konzipierte Spaß-Plattform zum Vehikel einer globalen Renaissance der (pseudo-)philosophischen Ideenlehren, politischen Weltanschauungen und (para-)religiösen Bekenntnisse wurde, kann man ruhig Ironie der Geschichte nennen. Aber YouTube an sich, darauf bestehe ich, ist und bleibt wie Beton: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Köpft nicht den Boten, wenn euch seine Nachricht nicht gefällt!

Zu meinen Juwelen: Noah und Colbert gehören zu den populärsten liberalen Late Night-Talkern in den USA, ihre Shows werden von großen Sendern aufwändig produziert. Zugleich sind beide aber auch ganz hervorragende comedians, deren Kommentare zum politischen Tagesgeschehen an Boshaftigkeit und Spitzzüngigkeit kaum Wünsche offenlassen. Allein dieser Aspekt an diesen Shows interessiert mich.

(Spezielle Clips dieser Shows verlinke ich hier jetzt nicht, da sie extrem an der tagesaktuellen Nachrichtenlage ausgerichtet sind. Klickt auf die Kanal-Links oben, und ihr werdet mehr als fündig.)

Sam Seder dagegen ist ein ehemaliger comedian, der sich aus dem Nichts heraus einen dezidiert linken, also nicht wirklich liberalen, wochentäglichen Podcast aufgebaut hat. Dieser finanziert sich nach eigenen Angaben fast ausschließlich durch Zuwendungen seiner HörerInnen bzw. ZuschauerInnen – was ich für äußerst bemerkenswert halte. Seder beweist darüber hinaus absolut außergewöhnliches Stehvermögen, denn „The Majority Report“ sendet das gesamte Jahr über wochentäglich zweieinhalb Stunden Programm, das zu ca. 70% aus gut vorbereiteten Interviews, polemischen Statements, politischen Analysen und zeitkritischen Kommentaren von und mit Sam Seder selbst besteht, der als alleinerziehender Vater zweier Kleinkinder in Brooklyn, N. Y. lebt. Wie er dieses gigantische Pensum bewältigt, und zwar mittlerweile über viele Jahre, bleibt eines der großen Geheimnisse unserer Zeit.

„The Majority Report“ kann auch weiterhin als Podcast angehört werden, wird aber seit Jahren komplett abgefilmt, also lässt sich mit Fug und Recht von einem genuinen politischen YouTube-Magazin sprechen. Denn nach meinem Kenntnisstand wird „The Majority Report“ von keinem Fernsehsender der Welt übertragen.

Mit den hierzulande gewohnten „Polit-Magazinen“, mit denen ich aufwuchs, also etwa „Monitor“ oder „Panorama“, hat „The Majority Report“ allerdings – vor allem stilistisch, inhaltlich nehmen sie sich nicht soviel – kaum etwas gemein.

Erstens einmal spricht Seder ganz direkt als an Ashkenazi Jew from Brooklyn, New York zu den Leuten, nicht als pseudo-objektiver, über den Dingen stehender und damit irgendwie unangreifbarer öffentlich-rechtlicher Journalist. Er ist ein angreifbarer politischer Aktivist und genau dadurch souverän. Und Seder hat eine Meinung zu den Dingen, die tatsächlich nur die seine ist. Er setzt sich zwar durchaus vehement für seiner Meinung nach ungerecht behandelte andere Menschen und Menschengruppen an, maßt sich damit aber nicht an, in ihrem Namen zu sprechen. Er geißelt die Auswüchse des Kapitalismus, führt „The Majority Report“ aber als kapitalistisches Kleinunternehmen. Er versteht sich als Angehöriger der US-amerikanischen Linken, empfiehlt aber dennoch, grundsätzlich die KandidatInnen der Demokratischen Partei zu wählen, da linke Splitterparteien im dortigen Parteiensystem nun mal keine Chance hätten. Mit einem Satz: Seder ist independent – engagiert, aber nicht verbissen, links, aber nicht sektiererisch, heimatverbunden und bodenständig, aber nicht engstirnig.

Zweitens hat sich in „The Majority Report“ eine eigenwillige Dialog-, bzw. Gruppendiskussionspraxis entwickelt, die der Sendung eine enorme Lebendigkeit gibt: Im Prinzip ist alles auf Seder fokussiert, er führt durch die Sendung, gestaltet die Interviews, kommentiert Audio- und Videobeiträge etc. Sein sidekick Michael Brooks, ein rothaariger linksradikaler Springteufel mit Tendenz zu hysterischen Lachanfällen, die nicht aufhören, nicht aufzuhören, unterbricht ihn jedoch ständig aus dem Off. Erst wenn Brooks zu längeren Tiraden ausholt, schaltet die Studiokamera auf ihn um, selten sieht man auch beide Akteure im split screen. Doch damit nicht genug der Irritation: Auch der aktuelle Sendungstechniker und die aktuelle Praktikantin haben uneingeschränktes Rederecht, wovon sie auch reichen Gebrauch machen. Man hört sie jedoch fast immer nur als Geisterstimmen aus dem Off.

Ich gebe zu, dieses leicht anarchische Arrangement hat mich anfangs nicht wenig irritiert – mittlerweile aber liebe ich es, zeigt es doch am praktischen Beispiel, wie man mit Redefreiheit konstruktiv umgehen kann. Denn alle Beteiligten halten bei aller Leidenschaftlichkeit stets gewisse Höflichkeitsregeln ein, es ist undenkbar, dass man einfach stalinistisch übereinander herquatscht wie in deutschen Polit-Talkshows. Dies mag dadurch begünstigt werden, dass man sich untereinander gut kennt und täglichen Umgang miteinander hat – aber ist es oft nicht gerade das, was die Aufrechterhaltung von Gesprächskultur längerfristig erschwert?

Drittens nimmt Seder im zweiten Teil der Sendung, also nach dem täglichen Interview, Telefonanrufe von HörerInnen live im Studio entgegen. Wie zu erwarten, rufen meistens Fans und Supporter an, aber bemerkenswerterweise gelegentlich auch Menschen, die auf der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums stehen und Seder bsp.weise davon überzeugen wollen, dass es nun einmal wissenschaftlich bewiesen sei, dass Afroamerikaner einen niedrigeren IQ hätten als Kaukasier oder dass, wie im folgenden Clip aus dem Jahr 2016, das Gewaltmonopol des Staates und die Tatsache, dass er Steuern erheben dürfe, die Wurzel allen Übels sei.

Und hier blüht Seder so richtig auf (der Clip erfordert recht fortgeschrittene Kenntnisse des US-amerikanischen Englisch):

Seder ist hier ständig hin- und hergerissen, seine Mimik spricht Bände: Soll er den Anrufer argumentativ ernstnehmen, wie es ein seriöser politischer Aktivist tun würde, oder soll er ihn vorführen wie ein comedian? Hat er es überhaupt verdient, ernstgenommen zu werden? Sei dem wie dem sei, das Erstaunen darüber, dass Perry schließlich durchdreht und die Kommunikation entnervt abbricht, nehme ich Seder nun wirklich nicht ab.

Ausgesprochen aufschlussreich, das Ganze, vor allem, wenn man den divergenten soziokulturellen Hintergrund der Beteiligten mitbedenkt. Denn die intellektuelle, weltanschauliche und kulturelle Kluft zwischen Seder und Perry ist mindestens so tief wie die zwischen den Unterstützern von Bernie Sanders und den Anhängern des Trump-Kults. Man fragt sich schon, wie ein Land mit derartig heterogener Bevölkerung so lange ohne Bürgerkrieg existieren konnte.

Natürlich fühle ich mich Seder ungleich näher als Perry, aber darum geht es hier nicht. Der Clip zeigt sehr anschaulich, auf wie komplizierte Art und Weise man Kommunikation verweigern kann. Und damit meine ich vor allem Seder.

Andererseits …

Andererseits würde ich mit einem Reichsbürger vermutlich ähnlich diskutieren. Denn was wäre die Alternative? Dessen Argumentation ernst nehmen?

Drei YouTube-Juwelen