re:publica 2018: Die Nachtseite Sozialer Medien

Der Journalist Richard Gutjahr berichtet über seine traumatisierende Erfahrung mit einem Shitstorm antisemitischer Verschwörungstheoretiker, dem er und seine Familie ausgesetzt waren – und wie er sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen konnte:

Den von Gutjahr im Interview kurz erwähnten TED-Talk zum selben Thema hat er vergangenen Oktober in Marrakesch gehalten und hier ist er:

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re:publica 2018: Die Nachtseite Sozialer Medien

Werbeblocker für Browser: nächste Runde

Faz.net vom 19. April entnehme ich die freudige Kunde, dass der Bundesgerichtshof Werbeblocker als Browser-Add-On für zulässig erklärt hat. Der Springer-Konzern, der dagegen geklagt hatte, hat erst einmal verloren und will – surprise surprise – die Frage nun verfassungsrechtlich geklärt wissen. Also auf in die nächste, dann aber definitv letzte Runde*.

Bereits im Jahre des Herrn 2012 trieb mich dieses Thema zu einem ausführlichen Weltsicht-Artikel, der hier nachzulesen ist. Den damals in einer für mich ungewöhnlichen Breite referierten Argumenten und Gegenargumenten habe ich auch sechs Jahre später nichts hinzuzufügen.

Auch dieses Blog enthält gelegentlich Werbung, die mein Host Automattic schaltet, ohne dass ich darauf irgendwelchen Einfluss hätte. Dafür kostet mich das Hosting nichts. Das ist der Deal. Es wäre durchaus diskussionswürdig, ob ich diesen Deal hinterginge, wenn ich den NutzerInnen dieses Blogs die Verwendung eines Werbeblockers empfehlen würde.

Und genau deswegen mache ich es hier & jetzt auch nicht.


* Es ist immer wieder faszinierend, was das Bundesverfassungsgericht alles entscheiden muss bzw. wofür man alles bis zur höchsten juristischen Instanz gehen zu müssen glaubt. Ein Zeichen dafür, dass wir in unruhigen Zeiten leben (obwohl sich das im bundesdeutschen Alltag selten bemerkbar macht), in denen Menschen verstärkt danach streben, ihre Weltsicht „letztbegründet“ zu sehen.
Werbeblocker für Browser: nächste Runde

Mehr Lebensfreude durch digitale Bevormundung

Die Bevormundung durch anonyme digitale Mechanismen ist ein Quell ständiger Demütigung: So wurde vor einigen Tagen die DRM-Autorisierung meines eBook-Readers ohne Angabe von Gründen widerrufen, so dass ich meine bereits vor langer Zeit ordnungsgemäß bezahlten eBooks auf diesem plötzlich nicht mehr lesen konnte. Ich wurde aufgefordert, meine E-Mail-Adresse und ein ellenlanges kryptisches Passwort, welche ich auf einem anderen Gerät, das ich zufällig dabei hatte, gespeichert hatte, manuell einzugeben. Das nützte aber nichts, denn der eBook-Reader muss online sein, um die Autorisierung erneut durchführen zu können. Also ging ich online und musste den ganzen Sch… anschließend nochmals eingeben.

Es folgte eine gigantische Software-Aktualisierung, die ich mich – mittlerweile komplett genervt und eingeschüchtert – nicht mehr abzulehnen traute. Seitdem hängt sich das Gerät jedesmal auf, wenn man in den Ruhezustand schalten will…

Mehr Lebensfreude durch digitale Bevormundung

Gumbrecht zur Evolution ästhetischer Erfahrung

Solange die Verschaltung von Rationalität und historischem Weltbild … als Rahmen der westlichen Kulturen stabil blieb, war ästhetische Erfahrung eine marginale, aber konkrete Realität des Lebens, an der sich nicht rütteln ließ. Alle Versuche der Avantgarden im frühen zwanzigsten Jahrhundert, ihre Marginalität … aufzuheben, mussten daran … scheitern. Dass genau dies heute … in der Öffnung des Alltags ihr gegenüber so mühelos „gelingt“, … macht die Annahme wahrscheinlich, dass sich … das grundlegende menschliche Selbstbild und mithin sein Verhältnis zur Welt der Dinge verändert haben muss. Daneben gibt es auch vielfältige Gründe … für die These, dass wir heute … nicht mehr primär im Rahmen des „historischen Weltbilds“ denken und handeln. Vor allem aber ist unser traditionell bewusstseinsdominiertes Selbstbild durch zahlreiche Bewegungen des Wiedereinschlusses von Körper und Sinnlichkeit anders … geworden. Genau diese letzte Veränderung erklärt … , warum wir in sovielen – oft unerwarteten und anscheinend „neuen“ – Kontexten heute ästhetische Erfahrungen zu vollziehen glauben, … die nicht – wie Theatergebäude oder Museen – von der Prämisse der ästhetischen Autonomie geformt sind. […] Vielleicht erleben wir ja ein „Ende der Kunst“, das … durchaus verschieden ist von Hegels Prognose … unter diesem Begriff. Zugleich könnte unser „eigenes“ Ende der Kunst die Zeit des Übergangs hin zu einer Form des Alltagslebens sein, die wir uns noch kaum vorstellen können, weil in ihr eine neue Intensität der Sinne mit einer noch ungeahnten, technologisch ermöglichten Unabhängigkeit von den Körpern konvergieren wird.

Hans Ulrich Gumbrecht: Ästhetische Erfahrung heute: Allgegenwart und Ende? (faz.net 2017-08-12)

Das Problem an Gumbrechts stets mit gigantischer, um nicht zu sagen gigantomaner Eloquenz vorgetragenen Gedanken (hätte ich nicht so viele Auslassungen gesetzt, wäre das Zitat nahezu doppelt so lang, ohne dass wirklich ein substantiell andersartiger Gedanke hinzukäme) ist, dass man ihnen nur zustimmen kann. Eigentlich. Vor derartig stupender und profunder Gelehrtheit und Gelehrsamkeit kann man nur ehrfürchtig in die Knie gehen (also intellektuell jetzt). Aber sobald man den Kopf wieder heben und klar denken kann, fragt man sich doch, ob man das im Grunde nicht vielleicht doch schon irgendwie wusste, was hier so überaus hypotaktisch gedrechselt abgesondert wurde.

Dennoch finde derartige geisteswissenschaftliche Texte nicht wirklich überflüssig, aber vielleicht übergriffig in dem Sinn, dass sie einen wahren und wahrhaftigen Aussagenkern in derart prächtige Gewänder kleiden, dass man manchmal nicht mehr weiß, ob es nicht doch eher um die eitle Zurschaustellung rhetorischen Könnens geht als um Wissensvermittlung (gilt auch für Texte von Diedrich Diederichsen z. B.).

Gumbrecht zur Evolution ästhetischer Erfahrung