Eine Marienerscheinung in Zeiten des Klimawandels

 

(Quelle: FB-Newsfeed von Alexander Strauch, weitere Recherchen habe ich nicht angestellt.)

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Eine Marienerscheinung in Zeiten des Klimawandels

Bei der Arbeit…

…in Ausführung einer typischen Handbewegung während der Akademischen Feier an der Uni WÜ am 30. Juni 2018. Das Licht war schwach und die Fotografin hat ohne Blitz gearbeitet, deswegen das starke Pixelrauschen. – Nur mal so am Rande: „88“ steht hier nicht für „Heil Hitler“, sondern für „88 Tasten“ und „PK“ nicht für „Panzerknacker“, sondern für „Piano Keyboard“. Foto: Caroline Maas (danke!).
Bei der Arbeit…

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Wolfgang Ullrich (*1967)

Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich ist genervt. In seiner Streitschrift „Wahre Meisterwerte“*  aus dem Jahr 2017 konstatiert er einen hierzulande in den letzten Jahren vor allem bei sich linksliberal verstehenden Besserverdienenden grassierenden Trend zu einer Haltung, die er treffend als „Gewissenshedonismus“ bezeichnet. Statt mit materiellem protze man nun mit immateriellem Reichtum, will sagen, einem ausnehmend guten Gewissen der Welt und auch sonst allem Möglichen gegenüber. Dieser bei Altgrünen noch durch Konsumverzicht (Askese) erreichbare Heilszustand sei mittlerweile, so die GewissenshedonistInnen, stattdessen durch „besseren“ / „nachhaltigeren“ / „intelligenteren“ etc. Konsum erreichbar. Dass derartige Konsumgüter grundsätzlich teurer als Allerweltswaren seien, trage zu einer neuen Art gesellschaftlicher Segregation bei: Nur Besserverdienende können sich so ein umweltschonendes Leben leisten und damit dem Planeten dienen, der Pöbel dagegen ist nicht nur arm, sondern auch durch „falschen“ Konsum schuldig geworden. Dem materiellen geselle sich so ein „immaterielles Wohlstandsgefälle“ (S. 55) bei.

Ullrich ordnet dieses Phänomen bewusstseinshistorisch dem Wandel von einer tugendethischen zu einer wertethischen Gesellschaft zu, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vollem Gang gewesen sei. Was zunächst nach einer abstrakten und weit hergeholten Erklärung klingt, leuchtete mir bald ein.

Die altehrwürdige Tugendethik geht bis auf Aristoteles zurück und umfasst eher sozial ausgerichtete Haltungen wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Christen fügten dem noch Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Die Wertethik hingegen entstand erst im 19. Jahrhundert und ist ganz auf die Vorlieben und Abneigungen des modernen Subjekts ausgerichtet, welches sich die Welt macht, wie es ihm gefällt. So ist bsp.weise „Selbstachtung“ ein Wert, aber keine Tugend. Auch „Schönheit“, „Reinheit“ oder „Naturverbundenheit“ sind wertethisch operationalisierbar, sagen aber über die Tugendhaftigkeit des entsprechenden Subjekts nichts aus etc.

Man sieht das Problem: der klassischen Tugenden sind nur wenige, zudem sind sind sie überzeitlich gültig und unveränderlich, moderne Werte hingegen fügen sich geschmeidig endloser Proliferation und sind dabei dem jeweiligen Stand der Dinge stets anpassbar. Dabei bedürfen sie jedoch wegen ihrer relativen Abstraktheit stets einer kreativen Bebilderung – und schon sind wir mitten drin im gewissenshedonistischen Selbstdarstellungsparcours von heute. Ullrich illustriert diesen durch eine illustre Reihe von Instagram-Screenshots, die eigentlich immer dasselbe zeigen: das „nachhaltig“ bzw. „ökologisch korrekt“ konsumierende, ausgesprochen gesunde, rundum glückliche sowie mit sich und der Welt sich vollkommen im Reinen befindliche Individuum.

Sonst eher von zurückhaltendem Temperament, wird Ullrich hier doch ziemlich bissig:

… seit man ethische Fragen in Wertefragen übersetzt, werden bei moralisch ambitioniertem Handeln zugleich in großem Umfang kreative Energien freigesetzt. Da das jedoch auch bedeutet, dass es noch nie … zu so viel Individualität und Selbstbewusstsein verhalf, moralisch sein zu wollen, ist zugleich ein Wertekult entstanden. Jeder will sich wieder und wieder bekennen, … den materiellen Wohlstand umwandeln und endlos viel gutes Gewissen genießen. (S. 159)

Selbstverständlich wird dieser Wertekult längst bewusstseinsindustriell optimal ausgeschlachtet:

Die Konsumkultur ist so weit entfaltet, dass es kaum ein Bekenntnisinteresse geben dürfte, zu dessen Umsetzung keine unterstützenden Produkte erhältlich sind, die nicht auch bereits fester Bestandteil von Ikonographien sind. (S. 108)

Ullrich identifiziert zwei gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Wertekult widersetzen: die Rechtsintellektuellen und – etwas verblüffend – die Hip-Hop-Szene. Beide sind aber leider noch unsympathischer bzw. gesellschaftlich destruktiver als die GewissenshedonistInnen. Die reaktionäre Weltsicht der Akteure von Henryk M. Broders Blog „Achse des Guten“ kommentiert er so:

… viele derer, die sich daran ergötzen, andere als >Gutmenschen< abzutun, … verkörpern [ihrerseits] … eine Werteseligkeit, die in Exzessen von Selbstgerechtigkeit mündet. (S. 57)

Für die sich bewusst asozial gerierenden Hip-Hopper hat er schon mehr übrig …

Sie helfen vielen Menschen sowohl dabei, mit ihrer unterpriviligierten Rolle fertigzuwerden und ein eigenes Klassenbewusstsein auszuprägen … (S. 69)

… aber – leider – laufe in dieser Szene dann letztlich doch alles darauf hinaus, „Minderwertigkeitsgefühle in Überlegenheits-, gar in Allmachtsphantasien zu wenden“ (ebda.).

Ullrichs Text bietet keine Lösung für die Konflikte unserer „wertstolzen“ bzw. wertstrotzenden Gesellschaft an, was ich aber auch nicht für seine Aufgabe halte. Das Verdienst seines Buches ist es vielmehr, das Problematische wertorientierter Weltsichten überhaupt erst einmal entdeckt zu haben.

Auch für mich waren „Werte“ bisher durchgängig positiv besetzt. Wer kann schon was gegen „Werte“ haben, oder? Mir war nicht klar, dass „Werte“ vollkommen frei definiert werden können – auch „Rassereinheit“ ist ein möglicher Wert, „Vaterlandsliebe“ sowieso etc. Wer also sagt, er bekenne sich ausdrücklich zu „Werten“, sagt eigentlich: – nichts.

Tugenden sind, siehe oben, etwas ganz anderes. Aber wer hat im 21. Jahrhundert schon den Mut – oder soll man sogar sagen: die Chuzpe? – Tugendhaftigkeit auch nur anzustreben? Würde, wer es wagte, zu behaupten, ja, ich möchte klug, gerecht, tapfer und gemäßigt sein, nicht augenblicklich der Hybris angeklagt bzw. verlacht? Und warum muss das eigentlich so sein?

Wolfgang Ullrichs Blog trägt den schönen Titel „Ideenfreiheit“ und findet sich hier.


* Ja, richtig gelesen: Meisterwerte, nicht Meisterwerke. Erklärt sich gleich. Der durchaus lasche Untertitel des Buches lautet „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ und hat mich verärgert. „Wahre Meisterwerte“ ist weitaus mehr als bloße Stilkritik, es geht schon um’s Ganze.

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

re:publica 2018: Die Nachtseite Sozialer Medien

Der Journalist Richard Gutjahr berichtet über seine traumatisierende Erfahrung mit einem Shitstorm antisemitischer Verschwörungstheoretiker, dem er und seine Familie ausgesetzt waren – und wie er sich erfolgreich dagegen zur Wehr setzen konnte:

Den von Gutjahr im Interview kurz erwähnten TED-Talk zum selben Thema hat er vergangenen Oktober in Marrakesch gehalten und hier ist er:

re:publica 2018: Die Nachtseite Sozialer Medien

Werbeblocker für Browser: nächste Runde

Faz.net vom 19. April entnehme ich die freudige Kunde, dass der Bundesgerichtshof Werbeblocker als Browser-Add-On für zulässig erklärt hat. Der Springer-Konzern, der dagegen geklagt hatte, hat erst einmal verloren und will – surprise surprise – die Frage nun verfassungsrechtlich geklärt wissen. Also auf in die nächste, dann aber definitv letzte Runde*.

Bereits im Jahre des Herrn 2012 trieb mich dieses Thema zu einem ausführlichen Weltsicht-Artikel, der hier nachzulesen ist. Den damals in einer für mich ungewöhnlichen Breite referierten Argumenten und Gegenargumenten habe ich auch sechs Jahre später nichts hinzuzufügen.

Auch dieses Blog enthält gelegentlich Werbung, die mein Host Automattic schaltet, ohne dass ich darauf irgendwelchen Einfluss hätte. Dafür kostet mich das Hosting nichts. Das ist der Deal. Es wäre durchaus diskussionswürdig, ob ich diesen Deal hinterginge, wenn ich den NutzerInnen dieses Blogs die Verwendung eines Werbeblockers empfehlen würde.

Und genau deswegen mache ich es hier & jetzt auch nicht.


* Es ist immer wieder faszinierend, was das Bundesverfassungsgericht alles entscheiden muss bzw. wofür man alles bis zur höchsten juristischen Instanz gehen zu müssen glaubt. Ein Zeichen dafür, dass wir in unruhigen Zeiten leben (obwohl sich das im bundesdeutschen Alltag selten bemerkbar macht), in denen Menschen verstärkt danach streben, ihre Weltsicht „letztbegründet“ zu sehen.
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Mehr Lebensfreude durch digitale Bevormundung

Die Bevormundung durch anonyme digitale Mechanismen ist ein Quell ständiger Demütigung: So wurde vor einigen Tagen die DRM-Autorisierung meines eBook-Readers ohne Angabe von Gründen widerrufen, so dass ich meine bereits vor langer Zeit ordnungsgemäß bezahlten eBooks auf diesem plötzlich nicht mehr lesen konnte. Ich wurde aufgefordert, meine E-Mail-Adresse und ein ellenlanges kryptisches Passwort, welche ich auf einem anderen Gerät, das ich zufällig dabei hatte, gespeichert hatte, manuell einzugeben. Das nützte aber nichts, denn der eBook-Reader muss online sein, um die Autorisierung erneut durchführen zu können. Also ging ich online und musste den ganzen Sch… anschließend nochmals eingeben.

Es folgte eine gigantische Software-Aktualisierung, die ich mich – mittlerweile komplett genervt und eingeschüchtert – nicht mehr abzulehnen traute. Seitdem hängt sich das Gerät jedesmal auf, wenn man in den Ruhezustand schalten will…

Mehr Lebensfreude durch digitale Bevormundung