Androzentrische Seelenpein

Houellebecq_einst_EDITEDWas mir an Michel Houellebecq, dessen Arbeit ich allerdings erst seit „Karte und Gebiet“ (2011) verfolge, besonders gefällt, ist, dass er eine gewisse Intelligenz seiner Leserin voraussetzt. Seine Bücher haben nichts Oberlehrerhaftes, sie sind in ganz andersartiger Weise „gesellschaftskritisch“ als, sagen wir mal, eine Suada von Botho Strauß (obwohl sich die Autoren weltanschaulich recht nahe stehen). Houellebecqs aktueller Roman „Unterwerfung“ fordert, wie auch schon „Karte und Gebiet“, wo es um die Aporien zeitgenössischer Kunst geht, ganz entschieden den erwachsenen, urteilsfähigen Leser, denn es ist ein Buch ohne explizite Botschaft.

Natürlich geht es nicht darum, ob der Autor „recht“ hat, wenn er den laschen Westeuropäern die (mehr oder minder) sanfte Islamisierung als gesellschaftliches Heilmittel anempfiehlt – aber ich vermute mal, ein Großteil der Debatte um „Unterwerfung“ wird sich genau um diese Frage drehen (Blaupause eines Beitrags von „links“: „Schon gehört, der Houellebecq macht jetzt einen auf Islam. Wie tief kann der eigentlich noch sinken?“; Blaupause eines Beitrag von „rechts“: „Endlich mal einer, der die Gefahren der schleichenden Islamisierung Westeuropas auf den Punkt bringt!“).

Dass das schon mal klar ist: Keine Feministin, die diese Bezeichnung verdient, wird „Unterwerfung“ lesen können, ohne das Äquivalent von Schaum vor dem Mund zu bekommen, womit der, nein, nicht nur boshafte, sondern tatsächlich reaktionäre Autor sein Ziel, oder zumindest eines davon – vorausgesetzt, die hier von mir herbeifantasierte „typische“ feministische Kritik wäre niveaulos genug – schon mal erreicht, nämlich alle Ausprägungen humanistischen Denkens, also neben dem Feminismus auch die Sozialdemokratie, den Linksliberalismus, den Kommunismus, den Protestantismus, den Existenzialismus sowie alle Formen von progressivem Katholizismus, solange am Nasenring durch die Arena zu führen, bis sie wimmernd in der Ecke liegen und um Gnade winseln.

Houellebecq, dessen Äußeres sich in den vergangenen 10 Jahren in einer Art und Weise zu seinem Nachteil verändert hat, die man nicht anders als erschreckend nennen kann, gesteht in diesem Interview freimütig, in Vorbereitung auf das Buch hätte ihn die Beschäftigung mit dem Islam vom indifferenten Atheisten zum reflektierten Agnostiker gemacht: ein sympathisches Bekenntnis, das man von westlichen Intellektuellen viel zu selten hört. Die meisten scheinen ja immer noch der Meinung zu sein, zu Religion müsse man sich gar nicht verhalten, das Thema sei schlicht irrelevant für einen gebildeten Menschen, fertig.  Exakt gegen diesen Mehltau weltanschaulicher Indifferenz richtet sich Houellebecqs Text. Und er hat reichlich Pfeile im Köcher.

Beispielsweise die Unerträglichkeit der Einsamkeit des „emanzipierten“ Individuums: Mit, nun ja, saftigem Zynismus wird diese nicht nur anhand der zwischenmenschlich deprimierenden Lebensumstände des Protagonisten illustriert, nein, die nicht-muslimische Bevölkerung Frankreichs als Ganzes scheint in „Unterwerfung“ einer dann irgendwie doch so nicht wirklich erwünschten und gewollten sozialen Vereinzelung anheimgefallen zu sein, deren Ursachen – und liegt Houellebecq hier wirklich so verkehrt? – ganz offenbar in der allgegenwärtigen Forderung nach „Selbstverwirklichung“ zu suchen sei. Wenn der Protagonist die Qualen seiner seelischen Isolation beschreibt, die sich natürlich auch durch gekauften Sex nicht wirklich beenden lassen, kommen einem fast die Tränen – es besteht für mich kein Zweifel, dass der Autor hier (scheinbar illusionslos und unsentimental, bei genauerem Hinsehen dann aber doch ein wenig weinerlich und selbstmitleidig) aus dem Nähkästchen plaudert.

Houellebecq_jetzt_EDITEDDoch Houellebecq geriert sich nicht nur als Bilderbuchreaktionär, er lässt auch seinen maskulistischen Träumereien freien Lauf: Warum soll denn eine Gesellschaftsordnung, die den allergrößten Teil der Menschheitsgeschichte dominierte, also das Patriarchat jetzt, nicht auch die sich irgendwie zu Tode ausdifferenziert habende „abendländische“ (Hallo PEgIdA!) Gesellschaft erneuern, also sozusagen „ent-laschen“ können? Die Frage ist eine wirklich unangenehme und ich möchte hiermit das Recht des Autors, sie zu stellen, bekräftigen, gerade weil ich sie so selber nicht ernsthaft stellen würde.

Leider aber – und jetzt komme ich endlich zum im engeren Sinn Literarischen – vermag Houellebecq all diese durchaus knalligen Provokationen nicht in eine packende Geschichte umzusetzen. Wo die neuen muslimischen Herrscher der Grande Nation dem Protagonisten nach erfolgter Konversion nun eine dieser nur mit Mühe volljährig zu nennenden grenzenlos unterwerfungsfreudigen islamischen Frauen zuführen müssten, auf dass diese ihn durch bedingungslose sexuelle Gefügigkeit, raffinierte Kochkünste und aufrichtige Herzenswärme von seinen männlichen Seelenqualen erlöse, bricht „Unterwerfung“ recht schnöde ab.

Hm.

Man darf rätseln, warum. Wäre dem anspruchsvollen Feingeist Houellebecq ein solches Ende zu schlicht gewesen? Befürchtete er, eine derartig androzentrische Klimax hätte ihn dem Vorwurf ausgesetzt, lediglich eine Variante von „Shades of Grey“ für die gebildeten Stände zustandegebracht zu haben? Oder hat „Unterwerfung“ doch ein paar schwerwiegende Konstruktionsfehler, die dem Autor freilich erst auffielen, als es schon zu spät war, das Ding noch mal ganz von vorne zu beginnen?

Ich sagte es eingangs bereits, das geradezu angenehm Verstörende an Houellebecqs écriture ist die sorgsame Aussparung irgendeiner Art von Message. Das macht ihn so provokant speziell für die konsensorientierte bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft, die auch das vereinte Deutschland in weiten Teilen weiterhin soziokulturell dominiert, aber – und hier sage ich aus vollem agnostischen Herzen „Gottseidank!“ – auch so unbrauchbar für aktuelle soziale Empörungsbewegungen, seien sie nun links- oder rechtspopulistisch (ein zweites und letztes Hallo an PEgIdA hier).

Am Besten ist Houellebecq – und hier trifft er sich durchaus mit dem von mir überaus geschätzten David Foster Wallace – wenn er uns ins Innere seiner wohlstandsverwahrlosten Protagonisten blicken lässt, deren von para-religiösen Phänomenen wie Substanzabhängigkeitswut, Arbeitswut, Shoppingwut, körperlicher Selbstoptimierungswut bzw. allem gleichzeitig übertünchte weltanschauliche Leere unerträglicher kaum sein könnte. Beim WASP Wallace führt dieses, äh, Lebensgefühl in der Regel in die irreversible nervliche Zerrüttung bzw. den Suizid, beim genussorientierteren Houellebecq dagegen (zumindest in diesem Roman) in einen äußerlich sanften, strukturell aber straff maskulistisch-patriarchalen europäischen Islam, der „die Dinge“ wieder richtig stellt, den Mann „Mann“ und die Frau „Frau“, den Herrscher herrscherlich und den Armen armselig, die Elite elitär und den Pöbel ungebildet sein lässt. Kurz gesagt, sämtliche zivilisatorischen (nicht aber technologischen!) Errungenschaften seit der Renaissance werden eben mal kurz & grantig vom Tisch gewischt.

Aber.

Aber vielleicht ist der stets mit boshafter Genugtuung beschriebene vorauseilende Gehorsam des akademischen Establishments von Paris gegenüber den neuen muslimischen (genauer: saudischen) Geldgebern dann doch ein wenig zu glatt geschildert, d. h. zu sehr den anti-liberalen Fantasien des Autors entsprungen, als dass er wirklich überzeugen könnte. Auch das flächendeckende, geradezu erleichterte Einknicken der Französinnen gegenüber der neuen Verschleierungspflicht scheint mir allzu krude imaginiert. Und dass sich schließlich die republikanische Linke in ihrer politischen Korrektheit so weit selbst lähmte, dass sie die „minoritären“, „unterdrückten“ Muslime so lange in Ruhe lässt, bis diese diese den Code civil durch die ‏شريعة ersetzen, erscheint mir ebenfalls reichlich überzogen.

All diese Einwände lassen sich selbstverständlich durch das Argument entkräften, bei „Unterwerfung“ handele es sich schließlich um eine Satire, die ja, wie Tucholsky sagte, „alles darf“, aber dafür ist das Buch doch in weiten Strecken zu realistisch angelegt (bsp.weise treten François Hollande und Marine Le Pen als sie selbst auf). Es bleibt der schale Eindruck, der Autor habe zwar ursprünglich ein möglichst wirklichkeitsnahes Szenario im Sinn gehabt, sich dann aber bei der Umsetzung der Details irgendwann verheddert und in seiner Not in den Trash-Modus umgeschaltet.

Houellebecq hat mit „Unterwerfung“ zwar die richtigen Fragen gestellt und das Juste Milieu auf korrekte Art und Weise provoziert – aber ein wirklich guter Roman ist ihm leider nicht gelungen. Dennoch ist „Unterwerfung“ sehr lesenswert, streckenweise – vor allem in der Wiedergabe geopolitischer Analysen – brillant, gnadenlos boshaft sowieso und zudem intellektuell sehr anregend. Vier von fünf Sternchen.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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Androzentrische Seelenpein

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