Wer war Vilém Flusser? (2 von 2)

Der Ton des folgenden Mitschnitts einer Vorlesung an der Uni Bochum im Jahr 1991 ist am Anfang katastrophal, bessert sich aber schon nach wenigen Sekunden ganz erheblich. Das Video habe ich so eingerichtet, dass es bei 0:24 beginnt, vorher kommt lediglich die Einleitung des Gastgebers.

Im Vortrag geht es nicht im engeren Sinn um Medienphilosophie, sondern um Geistesgeschichte 1 . Die Art und Weise, wie Flusser das platonische, das jüdisch-christliche, das kartesianische und schließlich das kybernetische (mein Begriff) Menschenbild in ca. 35 Minuten skizziert, muss jede/n begeistern, der intellektuelle Brillanz liebt. What a spirit!

Der auf mich hier zwar kauzig, aber vital und alert wirkende Philosoph war zum Zeitpunkt dieses Vortrags 71 Jahre alt. Noch im selben Jahr wurde er Opfer eines Verkehrsunfalls.


 

1 Dieser Begriff war Flusser allerdings zuwider, er sprach lieber von „Kommunikologie“. Aber das ist eben auch so ein Flusser-Begriff, der sich nicht durchgesetzt hat.

Wer war Vilém Flusser? (1 von 2)

Ein vollkommen zu Unrecht vergessener Medienphilosoph der 1980er-Jahre. Ich habe ihn damals vor allem als Mode-Intellektuellen um Umfeld von Baudrillard und Lyotard wahrgenommen, aber das war vermutlich falsch.

Im Zentrum von Flussers Denken steht das Phänomen des ganz allmählichen Verschwindens der linearen Schriftlichkeit und deren Ersetzung bzw. „Aufhebung“ (im Hegelschen Sinne, Lehmann würde von „Verschachtelung“ sprechen) im neuen Medium des Technobilds. „Technobild“ ist tatsächlich ein Terminus technicus bei Flusser, hat aber mit der gleichnamigen Musikströmung natürlich nichts zu tun. Vielleicht ein Grund, warum dieser m. E. sehr brauchbare Begriff sowie Flussers Denken als Ganzes sich nie durchsetzen konnte.

Nebenbemerkung Der Tscheche (genauer: Prager) Flusser spricht mit charmantem osteuropäischem Akzent und hat, ganz allgemein gesprochen, exakt jenen sehr spezifischen Habitus des ostjüdischen Intellektuellen, den viele mehr oder weniger gebildete Kreise im alten Westdeutschland so liebten (vgl. z. B. die Popularität Reich-Ranickis und Thomas Gottschalks Verhältnis zu ihm) und die für sie offenbar quasi automatisch mit dem Nimbus höchster intellektueller wie moralischer Autorität verbunden war. Warum das so war, lässt sich, wenn auch indirekt, in dem grässlichen Diktum zusammenfassen, das ich bei Maxim Biller gefunden habe und das da lautet: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen.“

Kommenden Sonntag gibt’s den zweiten Teil, vielen Dank für die Aufmerksamkeit.