Komposition der Woche : KW 48 : «Für Oswald Wiener»

Spektrogramm
Derived from samples of Oswald Wiener’s speech on May 9, 1998 in Berlin introducing his book „Eine elementare Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen“ using SPEAR, GranuLab and Audacity with plugins. Composed in 2009. / Elektroakustische Musik

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Komposition der Woche : KW 48 : «Für Oswald Wiener»

Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

Thomas Raab (*1968)
Dies ist der österreichische Schriftsteller Thomas Raab (*1968), der keinesfalls mit einem anderen österreichischen Schriftsteller selben Namens (*1970) verwechselt werden sollte und mit der deutschen Medienpersona Stefan Raab (*1966) sowieso nicht.

Auf dem hauseigenen Spielplatz tummelten sich 1,1 Kinder pro Frau in gebärfähigem Alter. [S. 173]

„Die Netzwerk-Orange“ ist der meiner Kenntnis nach erst zweite Roman des nun auch schon 47-jährigen österreichischen Autors Thomas Raab, dessen Schaffen ich seit geraumer Zeit mit großem Vergnügen verfolge, denn Raab ist kein normaler Schriftsteller.

Eher betreibt er Literatur als Spielart zeitgenössischer Kunst, allerdings nicht im Sinn des 20. oder gar 19. Jahrhunderts. „Die Netzwerk-Orange“ ist also weder post-, noch retro-modern, weder avantgardistisch oder experimentell noch konservativ oder gar reaktionär (Gruß an Daniel Kehlmann an dieser Stelle). Es handelt sich auch nicht um ins Großartig-Literarische aufgeschäumte autofiction. – Aber was zum Teufel ist es dann? Das Problem ist, dass ich sehr wohl zu wissen glaube, was es ist, aber wie erkläre ich es der Leserin dieser Rezension, der ja evtl. tatsächlich weisgemacht wurde – und ich hoffe inständig, dass dem nicht so ist! – , D. Kehlmann repräsentiere den „Stand der Dinge“ in der zeitgenössischen deutschsprachigen Belletristik?

[Es folgt ein längerer Einschub über Raabs Inspirator Oswald Wiener, der nichts direkt mit der Buchrezension, die nach dem zweiten Sternchen ihre Fortsetzung findet, zu tun hat.]

*

Der Name Oswald Wieners, mit dem Raab eine Zeitlang eng zusammenarbeitete und dessen Einfluss für mich auf jeder Seite dieses unterhaltsamen, gescheiten und fast ganz unzynischen Buchs spürbar ist, wird dieser beflissenen, aber evtl. rein feuilletonistisch geprägten Leserin auch nicht weiterhelfen, die Tatsache, dass Wiener der leibliche Vater der Medienpersona Sarah Wiener ist, noch viel weniger.

Ich versuch’s trotzdem mal: Mitte des vergangenen Jahrhunderts schwappte die allgemeine intellektuelle und ästhetische Aufbruchstimmung in den Künsten auch ins provinzielle Wien, es entstand eine klassische Avantgarde-Formation namens „Wiener Gruppe„, deren Mitglied (neben dem teilweise damals schon konzeptuell arbeitenden Komponisten Gerhard Rühm; Ernst Jandl und Friederike Mayröcker standen der Gruppe nahe) ein gewisser Oswald Wiener war, von dem bis dahin noch niemand je etwas gehört hatte – und der nach kurzer, skandalreicher Zeit auch gleich wieder verschwand: erst nach Berlin, dann nach Kanada. Analog zu einem seiner damaligen Vorbilder Ludwig Wittgenstein hatte Wiener bis dahin exakt 1 Buch publiziert, welches er „die verbesserung von mitteleuropa, roman“ nannte und das, in diesem Anspruch Wieners Künstlerfreund Dieter Roth nicht ganz unverwandt, Höhepunkt, Abschluss und Überwindung des Avantgardismus an sich darstellen sollte.

Gegen Ende des oft kryptischen, aber streckenweise hochgradig geistvollen Textkonvoluts (es ist kein Roman, sondern eine Sammlung literarischer Perfomances und Studien Wieners aus den 1960er Jahren) ändert der Autor plötzlich das Genre von Belletristik zu Wissenschaft. Stocknüchtern und ohne jede artistische Ironie werden dem Leser nun „notizen zum konzept des bio-adapters, essay“  vor den Latz geknallt und dieser damit, wie sich leider herausstellen sollte, endgültig intellektuell überfordert. Denn konnte man die „verbesserung“ mit ein wenig Mühe noch als radikalisierte Fortsetzung der Arbeiten von Richard Huelsenbeck bzw. des literarischen Dadaismus dekodieren, ging es beim „bio-adapter“ vermeintlich gar nicht mehr um Literatur, ja, nicht einmal mehr um Kunst und – o Graus! – scheinbar überhaupt nicht einmal um Ästhetik, sondern um: – Automatentheorie – die 1969 nicht wirklich im Zentrum allgemeinen intellektuellen Interesses stand

Wiener wurde in der Folge vom Mainstream-Feuilleton, wo er bis dahin, hätte es ihn denn interessiert, als eine Art Proto-Schlingensief sein Auskommen hätte haben können, umgehend exkommuniziert, verzeiht dieses doch der Belletristin zwar selbst die mieseste Kolportage, nicht aber den Gedanken, literarische Texte ließen sich „fabrizieren“ bzw. wären lediglich Produkt durchaus erschöpflich vieler kognitiver Prozesse. Die Informatik hat ihn aber – nach meinem Kenntnisstand – bisher auch nicht wirklich haben wollen, galt doch die (systematische und formalisierte) Selbstbeobachtung, der sich Wiener seit diesem Zeitpunkt gänzlich verschrieben hatte, diesem Fach bis vor Kurzem noch als wissenschaftlich gänzlich irrelevant. (Mein Kommentar zu einigen Sätzen des Wiener-Texts „Wozu überhaupt Kunst?“ aus dem Jahr 1980 findet sich hier.)

Oswald Wiener war also bei seinem Versuch einer naturwissenschaftlichen Erforschung ästhetischer Prozesse und Erfahrungen zunächst für 2, 3 Jahrzehnte in eine Art Niemandsland geraten. Erst seitdem die Automatentheorie „Künstliche Intelligenz“ heißt und vor einigen Jahren einsehen musste, dass Algorithmen Biomasse brauchen, um Mitteleuropa oder auch andere Weltregionen wirklich „verbessern“ zu können (fachlich Interessierte finden bsp.weise im Blog „Theory of Embodied Cognition“ von Wilson & Golonka reichlich Informationen zu diesem Themenkomplex), findet Wieners einsam-heroisches Schaffen wieder ein wenig mehr Beachtung (vor zwei Jahren wurde er gar von Denis Scheck interviewt, der sich u. a. über Wieners Meinung zu Senta Berger amüsierte – nun ja.)

Thomas Raab könnte – vom Geburtsjahr her – Wieners Sohn sein und auf seine ganz eigene, ebenso leichtfüßige wie hintersinnige Weise führt er auch wirklich die Gedanken seines in der Öffentlichkeit meist eher gereizt bis grantig rüberkommenden Vorbilds (siehe das Scheck-Interview) weiter.

*

Formal kommt „Die Netzwerk-Orange“ (Anthony Burgess‘ „Die Uhrwerk-Orange“ von 1962 lässt grüßen) als Science Fiction-Roman daher, leicht wohlstandsverwahrloste SprößlingInnen saturierter „Unions-„(sprich: EU-)BeamtInnen bzw. UnternehmensberaterInnen in einer „lokalen Hauptstadt“ (=Wien) rebellieren ein wenig gegen die vorformatiert und inauthentisch erscheinende Welt ihrer Eltern (wobei die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer/Adorno als Empörungsfolklore eine gewisse Rolle spielt), ein Lehrbeauftragter für creative writing hat eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, es kommt zum „Kommenden Aufstand„, aber am Schluss geht alles weiter wie bisher etc. – kann bzw. muss man aber alles selber lesen und zuviel spoilern will ich ja auch nicht 🙂

Das eigentlich Faszinierende an dem Roman ist, wie es Raab schafft, sein elaboriertes soziokybernetisches Wissen (vgl. auch seine empfehlenswerten Sachbücher „Nachbrenner“,  Suhrkamp 2005, und „Avantgarde-Routine“, Parodos 2008) immer wieder mal nonchalant in die Handlung einzubauen und gleichzeitig – rückkoppelnd sozusagen – den Plot als Illustration ebenjenes Wissens erscheinen zu lassen, ohne aus seinen ProtagonistInnen bloße PappkameradInnen zu machen (auf meine Weise habe ich vor einigen Jahren hier mal Ähnliches probiert, allerdings weit weniger kunstvoll 😦 ). „Soziokybernetik“ meint hier die Fähigkeit von staatlichen, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Institutionen, gesellschaftliche Entwicklungen mit Hilfe von Big Data und potenter Algorithmen in erstaunlich präziser Weise zu antizipieren, ohne sie im herkömmlichen, philosophisch-hermeneutischen Sinn, zu verstehen bzw. verstehen zu wollen.

Exakt hier sind Raabs Gedanken anschlussfähig an Michael Seemanns Sachbuch „Das Neue Spiel“ aus dem Jahr 2014 sowie einige Gedanken von Jaron Lanier, er hat aber weder, wie Seemann, die Brille des Kulturwissenschaftlers, noch, wie Lanier, die des Ingenieurs bzw. Nerds auf. Stattdessen findet er eine Reihe effektiver literarischer Mittel (wörtliche Wiederholungen spielen eine Rolle, Meta-Ironie auch, sowie der Einbau nur leicht angepasster diverser „unliterarischer“ Textsorten wie technischer Protokolle, Marketing-Analysen etc.), um eine post-orwellianische, post-totalitäre, aber verblüffenderweise fast komplett gewaltfreie (ein großer Unterschied zu Burgess) Zivilisation zu skizzieren, die dem Individuum scheinbar alle Wahlfreiheiten lässt – und es gerade dadurch effizienter kontrolliert als jede stalinistische Erbmonarchie nordkoreanischer Provenienz. Diese sozial aufs äußerste segmentierte, aber eben gerade nicht individualdemokratische Massengesellschaft ist vom Autor der unsrigen so ähnlich nachgebildet, dass man beim Lesen ständig zurückprallt und zum Abgleich mit den eigenen Verhältnissen gezwungen wird, ohne jedoch den Eindruck zu haben, Raab wolle einen lediglich belehren.

Das Alleinstellungsmerkmal des BMW-Hyundai Turborange ist der Hass, den er in der Neuesten Linken zu entfachen imstande ist. [S. 120]

„Die Netzwerk-Orange“ schildert eine post-neoliberale („post-neoliberal“ soll hier eine Gesellschaft bezeichnen, die die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, besonders aber von Bildung und Erziehung, bereits hinter sich und nun mit den teilweise unerwarteten Konsequenzen dieses Umbaus zu kämpfen hat), im Grunde grauenhaft langweilige, weil (scheinbar) vollkommen transparente und somit ultrastabile Gesellschaft, die ebenso leidenschaftslos wie subtil von einem Rhizom aus staatlichen und/oder privatwirtschaflichen behavioral economists analysiert und somit letztlich eigentlich auch geführt wird:

Das Ministerium lieferte die Daten, der Markt regelte das Angebot, die Nachfrage zog nach. [S. 22]

Raabs Roman interessiert sich konsequenterweise nicht besonders für die im herkömmlichen Sinn „psychologisch überzeugende“ Schilderung von individuellem Erleben als vermeintlicher conditio sine qua non „belletristischer“ Literatur – was ihm das Feuilleton vermutlich nicht verzeihen wird, es wird dem Buch „Abstraktheit“ und „Kälte“ vorwerfen – , sondern eher für die soziopsychologischen Alleinstellungsmerkmale seiner ProtagonistInnen. Letztere erscheinen dabei – ganz wie im richtigen Leben – durchaus in keinster Weise als fremdgesteuerte Automaten, sind aber dennoch in nahezu jedem Detail ihres konkreten Verhaltens für die erwähnten staatlich-wissenschaftlich-ökonomischen Institutionen berechenbar geworden. Bei Raab umfasst dieses komplett überraschungsfreie Individualverhalten nicht nur den Konsum von Waren, sondern ebenso den gesamten Karriereweg, private Liebesverhältnisse sowie sämtliche soziokulturellen Ansichten und Gedanken der jeweiligen Person, Weltanschauliches und Ästhetisches mit eingeschlossen. (Eine Analyse der zeitgenössischen bildenden Kunst unter diesem Aspekt findet sich in Raabs Sachbuch „Avantgarde-Routine“.)

Das Gemeine an dieser literarischen Konstruktion, für die die Bezeichnung „Satire“ nicht wirklich passt, ist, dass man ihre Pointen immer nur so lange genießt, bis man sich in ihnen wiedererkannt hat:

Der Höhepunkt des ästhetischen Genusses in der moralisch gebildeten Elite war seit Jahrzehnten das Vermeiden jedes Höhepunktes. Konnte dies das jeweilige … Kunstwerk nicht selbst bewerkstelligen, … musste der avancierte Genießer eben … seinen … Schreck … in eine locker-humorvolle Stimmung umdeuten. [S. 67]

Das abendländische Individuum – so meine Interpretation von Raabs Dystopie – wurde also weder vom real existierenden Sozialismus, noch von der Dekonstruktion, sondern vom naturwissenschaftlich unterfütterten Marketing endgültig und nachhaltig seiner ein paar Jahrhunderte anhaltenden Vorrangstellung beraubt, indem es ihm ganz einfach erfolgreich weismachen konnte, Individualität lasse sich durch den Verbrauch käuflicher Güter erzeugen, bewahren, verteidigen und stärken.

Und selbst der standhafteste Konsumverweigerer entkommt dieser angeblich „ideologiefreien“ Meta-Erzählung nicht, solange er sich ausschließlich über die Konsumverweigerung definiert. Die „Abschaffung des Außen“ ist somit erreicht, jede denkbare Revolte wird früher oder später über soziokybernetische Feedback-Prozesse entschärft und die Welt stellt sich den gebildeten Ständen mehr und mehr als tatsächlich „alternativlos“ (A. Merkel) dar.

Das Individuum ist zwar frei wie nie, aber politisch komplett bedeutungslos geworden, weil die Erzeugung seines wie auch immer gearteten Freiheitsgefühls (vom Straßenkampf über alternative soziokulturelle Zentren bis zum obsessiven Fahrradfahren ist hier alles denkbar) mittlerweile mit verhaltensökonomischer Expertise je nach Bedarf simuliert und dadurch gefahrlos „abgefackelt“ werden kann. Dies entparadoxiert ganz gut eine der (für mich) irritierendsten Beobachtungen unserer Gegenwart: die Gleichzeitigkeit von zunehmender Individualisierung und zunehmender Homogenisierung der Gesellschaft. (Ausführliches zu diesem Thema inkl. jeder Menge kognitionswissenschaftlicher Expertise liefert Raabs Sachbuch „Nachbrenner“):

Je genauer die Welt berechnet werden kann, je weiter also das objektive Verständnis des Unterbaus voranschreitet, desto wirklichkeitsferner werden die Vorstellungen im Überbau. [S. 45]

Am Wichtigsten erscheint mir jedoch – und hier ist Raab seinem oft hermetischen, stets ein writers‘ writer gebliebenem Inspirator Wiener weit voraus – dass man diesen Roman auch ohne die von mir hier einigermaßen mühsam und einigermaßen erratisch geschilderten zivilisationsphilosophischen Hintergrundideen gut lesen kann, denn er ist ausgesprochen flott erzählt, reich an Pointen und zudem sprachlich sauber gearbeitet. Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit werden einem trotzdem über den Rücken laufen.

Postskriptum 2015-08-03: Wer sich unter behavioral economics nichts vorstellen kann, dem sei John McMahons Rezension von Richard Thalers „Misbehaving: The Making of Behavioral Economics“ vom 15. Juli diesen Jahres empfohlen. Dort heißt es unter anderem:

Behavioral economics, when translated into government, public policy, and business, is best described as “choice architecture,” writes Thaler near the end of the book. The term speaks to the belief of Thaler—and, ultimately, of the field more broadly—that through the study of how people systematically act in ways inconsistent with economic rationales, behavioral economics can alter the environment of individual’s decision-making, enabling them to make ‘better’ choices without stronger, more obvious forms of coercion.

Eine um den Oswald-Wiener-Einschub gekürzte Fassung dieses Artikel habe ich am 11. August in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässt sich hier verfolgen.

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Die kalten Schauer der Alternativlosigkeit

Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ II)

Oswald Wiener (*1935)
Oswald Wiener (*1935)

[Fortsetzung der Lektüre des Traktats „Wozu überhaupt Kunst?“ von Oswald Wiener. Teil I befindet sich hier.]

Mir scheint es, daß ich am stärksten ergriffen bin, wenn in einem mir vertrauten Schema ein ungewohntes Element auftritt, das ich diesem Schema aber noch subsumieren kann. Die Spannung und die Ergriffenheit scheinen dort besonders groß, wo ich das Gefühl habe, der von mir empfundene Zusammenhang sei in Gefahr abzureißen. Sozusagen versucht das Schema, dieses Element zu interpretieren, ein Kampf findet statt zwischen den alten Tendenzen und dem sperrigen Element, welch letzteres eben zugleich die Erwartung verzerrt, wenn der Beobachter dies zuläßt.

(O. Wiener, a. a. O., S. 25)

Das Artefakt „generiert“ demzufolge mehr oder minder zwangsläufig, mehr oder minder (un)bewusst, ein Pattern des Verstehens in meinem Bewusstsein: ich glaube zu wissen, worauf das aktuelle Geschehen – im Falle von Musik: das aktuelle Klanggeschehen – „hinausläuft“. Ich schreibe mir damit optimistischerweise eine gewisse Prognosemächtigkeit zu, d. h. ich glaube ungefähr oder sogar ziemlich genau zu „wissen, wie es weitergeht“. In einem klassischen Musikstück erkenne ich beispielsweise eine Sequenz oder eine Sonatensatzform. In einer Komposition der „Neuen Musik“ herkömmlichen Designs stelle ich die Abwesenheit von Sequentialität und Tonart-Gebundenheit fest und gehe dann wie selbstverständlich davon aus, dass das kommende musikalische Geschehen auch weiterhin frei von Wiederholungen und beispielsweise C-Dur-Melodien bleiben wird. Das geschieht natürlich in vollständiger Abhängigkeit von meinem kulturellen Vorwissen: ich kann trivialerweise Abweichungen von einem Schema erst dann wahrnehmen, wenn ich das Schema erkannt habe. „Schema“ meint hier eher so etwas wie Lebensform bei Ludwig Wittgenstein, keinesfalls jedoch „Formel“, „Algorithmus“, „Rezept“, „Vorschrift“ oder Ähnliches. So ist natürlich auch die Abwesenheit von Sequentialität und die „Atonalität“ in der herkömmlichen „Neuen Musik“ ein „Schema“ im vorgenannten Sinn.

Angenommen, mir begegnet nun eine Komposition, die als „Neue Musik“ beginnt und allmählich in, sagen wir, Minimal Music repetitiver Art übergeht. Das „sperrige Element“ im Sinne des obigen Zitats wäre dann etwa die exakte Wiederholung einer musikalischen Phrase, die aber in sich weiterhin der Grammatik (im Sinne Wittgensteins) der herkömmlichen „Neuen Musik“ gehorchte. Meine eben noch stolze Prognosemächtigkeit als Beobachter schwindet nun rapide, ich weiß nun eben nicht mehr, wie „es weitergeht“, bin verunsichert, desorientiert, erleide einen mehr oder weniger großen Orientierungsverlust. So gleite ich denn allmählich (oder mitunter auch abrupt) unter Begleitung mehr oder minder widersprüchlicher Gefühle von Schema A nach Schema B.

Das Resultat ist normalerweise ein Verallgemeinerung – die Überraschung fällt allmählich ab, nicht weil man sich daran gewöhnt hat, das Inkommensurable punktuell, als Ausnahme, zu erwarten, sondern weil von ihm aus eine Uminterpretation des Gewohnten in Gang gekommen ist.

(O. Wiener, a. a. O., S. 25)

Ich habe lange darüber nachgegrübelt, was das Wort „Verallgemeinerung“ in diesem Zusammenhang bedeuten soll. Verständlich wird es mir, wenn ich es als „Erweiterung“ interpretiere.

Der allmähliche Übergang von Schema A nach Schema B in der sich meinen Ohren darbietenden Musik bewirkt sozusagen einen kategorialen Sprung in meiner Wahrnehmung: Ich verlagere meine Wahrnehmung von, um mit Luhmann zu sprechen, Wie? auf Was?-Fragen. Die Wahrnehmung der Binnenstrukturen von Schema A tritt in den Hintergrund zugunsten einer Wahrnehmung der Übergänge von Schema A nach Schema B. Dies ist natürlich erst möglich, nachdem ich begonnen habe, das eben noch Inkommensurable überhaupt als neues Schema zu identifizieren.

In diesem Stadium können die noch nicht verstandenen Wendungen intensiv lustvoll werden, weil sie das Versprechen einer ganz fremden Stimmigkeit in sich tragen; […]

(O. Wiener, a. a. O, S. 26)

Artefakte, die diese paradoxale Gefühl „ganz fremder Stimmigkeit“ in mir auslösen können, haben dann wohl tatsächlich die eingangs gesuchte heuristische Qualität.

Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ II)

Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ I)

Oswald Wiener (*1935)
Oswald Wiener (*1935)

[Dieser Text hangelt sich an der Lektüre des Traktats „Wozu überhaupt Kunst?“ entlang, das von Oswald Wiener erstmals 1980 publiziert wurde. Die Seitenangaben folgen der Ausgabe, die 1998 im Löcker-Verlag, Wien, in dem Band „Literarische Aufsätze“ erschien. Leider ist Wieners Text nach meinem Kenntnisstand derzeit nicht online verfügbar.]

Schon ewig quält mich die Frage, wie denn nun eigentlich „gute“ von „schlechter“ Kunst aufgrund nachvollziehbarer Kriterien zu unterscheiden sei. Ob diese Frage von allgemeiner Wichtigkeit ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist Sie für mich wichtig. Und ich kenne mindestens 2 – 3 Personen, von denen ich weiß, dass es sich bei ihnen ebenso verhält. Dies mag als Legitimation für diesen Artikel erst einmal genügen.

Um gleich einmal mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich denke, die Qualität von Kunst lässt sich im Wesentlichen an ihren heuristischen Eigenschaften ablesen. Ein Kunstwerk hat genau dann heuristische Qualitäten, wenn ich durch seine Rezeption zu einer Einsicht gelange, die ich vorher noch nicht hatte. Mit „Einsicht“ meine ich nicht „Einfall“, denn der kann mir auch bei der Betrachtung einer Staubfluse kommen, nein, die Einsicht muss schon direkt aus den Strukturen ableitbar sein, die mir das Kunstwerk selbst bietet. Sie muss sozusagen im Kunstwerk wohnen, muss, im weitesten Sinne, vom Künstler „gemeint“ sein (Hiermit möchte ich Tendenzen der postmodernen Kunstinterpretation ausschließen, für die das Kunstwerk nur ein Bündel von „Material“ ist, das der Verstehenswut des Interpreten willfährig ausgeliefert zu sein hat.).

„Heuristik“, sagt die Wikipedia, „bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen über ein System mit Mutmaßungen Aussagen über das System getroffen werden, die dann mit Hilfe empirischer Methoden verifiziert werden, um die Korrektheit der Vorstellung über das System (Systemmodell), auf Grund dessen diese Aussagen entwickelt wurden, zu schärfen.“

Wichtig erscheinen mir hier vor allem die Begriffe „begrenztes Wissen“ und „Mutmaßung“ (allerdings nur in Verbindung mit „analytischem Vorgehen“). Warum? – Nun, „begrenztes Wissen“ ist unser aller Grundsituation (das war zwar nie anders, aber selten so schmerzhaft bewusst wie im heutigen „Informationszeitalter“); an der „Mutmaßung“, d. h. dem Formulieren einer Wertung ohne ausreichende faktische Grundlage, geht also wohl kein Weg vorbei. Wer nicht dieser Meinung ist, hängt höchstwahrscheinlich einer Verschwörungstheorie an oder ist schlicht: – religiös (Somit muss ich einen Großteil der Menschheit als Kandidaten für heuristisches Denken schon mal ausschließen, denn dieser ist entweder religiös, oder er glaubt an Verschwörungstheorien. So meine Mutmaßung.).

„Aber ist Kunstgenuss nicht vor allem Gefühl?“ höre ich da den ewigen Wagnerianer klagend ausrufen, „ist Kunst nicht selbst nur reines Gefühl, ist sie nicht in schöne Form gegossene Liebe, Feuer, Leidenschaft, die uns vom grauen Schleier des Alltags erlösen und uns in Sphären ekstatischer Entäußerung…“ – „Is ja gut“, unterbreche ich ihn, „Sie werden lachen: Ich gebe Ihnen vollkommen recht, in jedem Punkt! – Nur würde ich es anders ausdrücken, wenn Sie erlauben. Setzen Sie bitte für ‚Gefühl‘ ‚Ergriffenheit‘ und für ‚Erlösung vom Alltag‘ setzen Sie bitte ‚Abstandslosigkeit zum eigenen Empfinden‘, dann kommen wir der Sache schon näher.“

Ergriffenheit ist (mir) nämlich alles andere als „peinlich“ – im Gegenteil. Denn neben einer bereits halbwegs bekannten Biologie hat Ergriffenheit wohl auch eine (noch weitgehend unbekannte) Psychologie und, jetzt wird’s allerdings spekulativ: eine Logik (Diese zu erforschen ist allerdings nicht Aufgabe des Künstlers, sondern der Naturwissenschaft).

Doch in den Köpfen vieler, vor allem „konservativer“ Menschen scheint immer noch ein „Unbewusst – höchste Lust!“-Denken vorzuherrschen. Der klassische „Linke“ dagegen will sich am liebsten nur und ausschließlich mit seinem „bewussten“ Denken identifizieren und lehnt Ergriffenheit generell als „reaktionär“ ab (vgl. Brechts Idee des „Verfremdungseffekts“). Beide Fraktionen hängen („bewusst“ oder nicht) der Meinung an, Ergriffenheit sei keine „konstruktive Eigenheit unseres verstehenden Apparats“ (O. Wiener, a. a. O, S. 22).

Fortsetzung

Kunst und Heuristik („Wozu überhaupt Kunst?“ I)