„Dachau/Baracken“ (Fotoarbeit von Sandra Buchner)

Schönes Beispiel dafür, wie eine künstlerische Arbeit erst durch ihre Betitelung ästhetischen Gehalt bekommt:

Zu Sandras Blog Stationen

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„Dachau/Baracken“ (Fotoarbeit von Sandra Buchner)

SS:TF10Y | Bombus Variations (Soundscape #1)

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Klangquelle Field Recording von Christian Walter
Software GranuLab, Audacity

Kompositionsnotiz

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SS:TF10Y | Bombus Variations (Soundscape #1)

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Wolfgang Ullrich (*1967)

Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich ist genervt. In seiner Streitschrift „Wahre Meisterwerte“*  aus dem Jahr 2017 konstatiert er einen hierzulande in den letzten Jahren vor allem bei sich linksliberal verstehenden Besserverdienenden grassierenden Trend zu einer Haltung, die er treffend als „Gewissenshedonismus“ bezeichnet. Statt mit materiellem protze man nun mit immateriellem Reichtum, will sagen, einem ausnehmend guten Gewissen der Welt und auch sonst allem Möglichen gegenüber. Dieser bei Altgrünen noch durch Konsumverzicht (Askese) erreichbare Heilszustand sei mittlerweile, so die GewissenshedonistInnen, stattdessen durch „besseren“ / „nachhaltigeren“ / „intelligenteren“ etc. Konsum erreichbar. Dass derartige Konsumgüter grundsätzlich teurer als Allerweltswaren seien, trage zu einer neuen Art gesellschaftlicher Segregation bei: Nur Besserverdienende können sich so ein umweltschonendes Leben leisten und damit dem Planeten dienen, der Pöbel dagegen ist nicht nur arm, sondern auch durch „falschen“ Konsum schuldig geworden. Dem materiellen geselle sich so ein „immaterielles Wohlstandsgefälle“ (S. 55) bei.

Ullrich ordnet dieses Phänomen bewusstseinshistorisch dem Wandel von einer tugendethischen zu einer wertethischen Gesellschaft zu, der schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in vollem Gang gewesen sei. Was zunächst nach einer abstrakten und weit hergeholten Erklärung klingt, leuchtete mir bald ein.

Die altehrwürdige Tugendethik geht bis auf Aristoteles zurück und umfasst eher sozial ausgerichtete Haltungen wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Christen fügten dem noch Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Die Wertethik hingegen entstand erst im 19. Jahrhundert und ist ganz auf die Vorlieben und Abneigungen des modernen Subjekts ausgerichtet, welches sich die Welt macht, wie es ihm gefällt. So ist bsp.weise „Selbstachtung“ ein Wert, aber keine Tugend. Auch „Schönheit“, „Reinheit“ oder „Naturverbundenheit“ sind wertethisch operationalisierbar, sagen aber über die Tugendhaftigkeit des entsprechenden Subjekts nichts aus etc.

Man sieht das Problem: der klassischen Tugenden sind nur wenige, zudem sind sind sie überzeitlich gültig und unveränderlich, moderne Werte hingegen fügen sich geschmeidig endloser Proliferation und sind dabei dem jeweiligen Stand der Dinge stets anpassbar. Dabei bedürfen sie jedoch wegen ihrer relativen Abstraktheit stets einer kreativen Bebilderung – und schon sind wir mitten drin im gewissenshedonistischen Selbstdarstellungsparcours von heute. Ullrich illustriert diesen durch eine illustre Reihe von Instagram-Screenshots, die eigentlich immer dasselbe zeigen: das „nachhaltig“ bzw. „ökologisch korrekt“ konsumierende, ausgesprochen gesunde, rundum glückliche sowie mit sich und der Welt sich vollkommen im Reinen befindliche Individuum.

Sonst eher von zurückhaltendem Temperament, wird Ullrich hier doch ziemlich bissig:

… seit man ethische Fragen in Wertefragen übersetzt, werden bei moralisch ambitioniertem Handeln zugleich in großem Umfang kreative Energien freigesetzt. Da das jedoch auch bedeutet, dass es noch nie … zu so viel Individualität und Selbstbewusstsein verhalf, moralisch sein zu wollen, ist zugleich ein Wertekult entstanden. Jeder will sich wieder und wieder bekennen, … den materiellen Wohlstand umwandeln und endlos viel gutes Gewissen genießen. (S. 159)

Selbstverständlich wird dieser Wertekult längst bewusstseinsindustriell optimal ausgeschlachtet:

Die Konsumkultur ist so weit entfaltet, dass es kaum ein Bekenntnisinteresse geben dürfte, zu dessen Umsetzung keine unterstützenden Produkte erhältlich sind, die nicht auch bereits fester Bestandteil von Ikonographien sind. (S. 108)

Ullrich identifiziert zwei gesellschaftliche Gruppen, die sich dem Wertekult widersetzen: die Rechtsintellektuellen und – etwas verblüffend – die Hip-Hop-Szene. Beide sind aber leider noch unsympathischer bzw. gesellschaftlich destruktiver als die GewissenshedonistInnen. Die reaktionäre Weltsicht der Akteure von Henryk M. Broders Blog „Achse des Guten“ kommentiert er so:

… viele derer, die sich daran ergötzen, andere als >Gutmenschen< abzutun, … verkörpern [ihrerseits] … eine Werteseligkeit, die in Exzessen von Selbstgerechtigkeit mündet. (S. 57)

Für die sich bewusst asozial gerierenden Hip-Hopper hat er schon mehr übrig …

Sie helfen vielen Menschen sowohl dabei, mit ihrer unterpriviligierten Rolle fertigzuwerden und ein eigenes Klassenbewusstsein auszuprägen … (S. 69)

… aber – leider – laufe in dieser Szene dann letztlich doch alles darauf hinaus, „Minderwertigkeitsgefühle in Überlegenheits-, gar in Allmachtsphantasien zu wenden“ (ebda.).

Ullrichs Text bietet keine Lösung für die Konflikte unserer „wertstolzen“ bzw. wertstrotzenden Gesellschaft an, was ich aber auch nicht für seine Aufgabe halte. Das Verdienst seines Buches ist es vielmehr, das Problematische wertorientierter Weltsichten überhaupt erst einmal entdeckt zu haben.

Auch für mich waren „Werte“ bisher durchgängig positiv besetzt. Wer kann schon was gegen „Werte“ haben, oder? Mir war nicht klar, dass „Werte“ vollkommen frei definiert werden können – auch „Rassereinheit“ ist ein möglicher Wert, „Vaterlandsliebe“ sowieso etc. Wer also sagt, er bekenne sich ausdrücklich zu „Werten“, sagt eigentlich: – nichts.

Tugenden sind, siehe oben, etwas ganz anderes. Aber wer hat im 21. Jahrhundert schon den Mut – oder soll man sogar sagen: die Chuzpe? – Tugendhaftigkeit auch nur anzustreben? Würde, wer es wagte, zu behaupten, ja, ich möchte klug, gerecht, tapfer und gemäßigt sein, nicht augenblicklich der Hybris angeklagt bzw. verlacht? Und warum muss das eigentlich so sein?

Wolfgang Ullrichs Blog trägt den schönen Titel „Ideenfreiheit“ und findet sich hier.


* Ja, richtig gelesen: Meisterwerte, nicht Meisterwerke. Erklärt sich gleich. Der durchaus lasche Untertitel des Buches lautet „Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ und hat mich verärgert. „Wahre Meisterwerte“ ist weitaus mehr als bloße Stilkritik, es geht schon um’s Ganze.

Vom Wertekult der GewissenshedonistInnen

Erwin (1993)

Eine unerhörte Begebenheit

Erwin schlug sich heute um vier Uhr morgens die Nase blutig.

Dies geschah in, für Erwin und, später, seinen herzallerliebsten Vater Erwin senior, unerklärlicher, Erwin sagte, „mysteriöser“, gar „mystischer“, Art und Weise. Er, Erwin, sei gerade so richtig eingeschlafen gewesen, als ihn irgendetwas veranlasste, sich abrupt auf die linke Seite des französischen Bettes zu werfen, wobei dann sein Kopf, von der heftigen Bewegung erfasst, mit aller Wucht gegen den unweit des Bettes stehenden Kleiderschrank geschleudert worden sei.

Er berichtete seinem Vater weiter, er habe zunächst geglaubt, von einem Einbrecher ins Gesicht geschlagen worden zu sein, derart, dass sofort „ein Sturzbach von Blut“ aus seinen Nasenlöchern geschossen sei, den ultramarinblauen Teppich verunreinigend.

Verwirrt habe sich Erwin vom Bett erhoben, das Blut sei ihm wirklich aus der Nase auf die Füße getropft. Mit dem Handrücken habe er den „Sturzbach“, wie er es nannte, aufhalten wollen, aber es sei vergeblich gewesen. Plötzlich sei er sich wie ein Stigmatisierter vorgekommen, erzählte Erwin zur Bestürzung seines Vaters, der ihm geduldig zuhörte. Er sei aufgestanden, vor den Flurspiegel gelaufen und habe sich dort als Gekreuzigter, aus Händen und Füßen blutender Christus wiedererkannt. Selbstverständlich sei ihm sofort die metaphysische Blödsinnigkeit, ja Verstiegenheit dieses Vergleichs aufgefallen.

Er habe schließlich zu grinsen begonnen, lachte dann kurz auf, um schließlich, gegen fünf Minuten nach vier, in ein circa zehnsekündiges lautes Gelächter auszubrechen, in Gedanken das alte Kirchenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ memorierend.

Erwin (1993)

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Dieser Ausschnitt des Kupferstichs „Wallfahrt nach Meulebeeck“ von Henrik Hondius aus dem Jahr 1564 zeigt zwei „unfreiwillig tanzende“ Frauen, zu deren Bändigung je zwei Männer kaum auszureichen scheinen. Ob es sich hier wirklich um die Darstellung eines Veitstanzes handelt, ist allerdings unklar.

Schöner Artikel von John Waller im Guardian über einen rave im Straßburg des frühen 16. Jahrhunderts:

… a lone woman stepped outside her house and jigged for several days on end. Within a week, dozens more had been seized by the same irresistible urge. […] By the time the authorities intervened, hundreds more were dancing in the same frenetic fashion. […] The dancing went on and on until … some of them collapsed and perished on the spot.

Als Ursache dieses traditionell als Veitstanz bekannten Phänomens vermutet Waller weder eine Vergiftung noch eine körperliche Erkrankung, sondern fehlgeleitete Religiosität:

One particular idea appears to have lodged in the cultural consciousness of the region: that St Vitus could punish sinners by making them dance.

Der rätselhafte Straßburger rave habe seine Ursache also in einer Art Selbstbestrafung für begangene Sünden: Der Sündige tanzt sich die Schuld, die er sich aufgeladen hat, buchstäblich vom Leib und unterwirft sich darin der Macht des hierfür „zuständigen“ Heiligen, in diesem Fall dem heiligen Veit. Das klingt schon weniger obskur, wenn man sich Bilder aus Versammlungen religiös verzückter evangelikaler ChristInnen etwa aus den U.S.A ins Gedächtnis ruft.

Und natürlich ist die rave-Bewegung der 1990er-Jahre nichts anderes als eine säkularisierte Renaissance des Veitstanzes. Nur dass der raver nicht mehr tanzt, um seine Bußfertigkeit unter Beweis zu stellen, auf dass er nach dem Tod nicht ewig in der Hölle brate, sondern um im Hier und Jetzt „Spaß zu haben“. Der rave kennt kein Jenseits, klar. Sein commander ist auch nicht mehr der heilige Veit, sondern bsp.weise DJ Marusha:

BefehlshaberInnen des verzückten Massentanzes einst und jetzt. Links: Veit, rechts: Marusha.

Ein weiterer Beleg für die ekklesiogene Natur der historischen Veitstänze ist die Tatsache, dass sie sich nur so lange ereigneten, wie sich der entsprechende Volksglaube hielt. Ab ca. Mitte des 16. Jahrhunderts verschwinden sie einfach auf Nimmerwiedersehen. Waller kommt zu folgender, weitreichender Schlussfolgerung:

In this way, the dancing mania underscores the power of cultural context to shape the way in which psychological suffering is expressed.

Allgemeiner formuliert hieße das: deine Weltsicht (im Sinne von belief system) determiniert die Form deines psychischen Elends. Würde schon mal erklären, warum „Naturvölker“ keine „Zivilisationskrankheiten“ haben. Oder warum die Formen „weiblicher Hysterie“, die Freud zu behandeln hatte, heute (nach meinem Kenntnisstand) nahezu unbekannt sind. Der Begriff „Hysterie“ ist aus der amtlichen Psychiatrie sogar mittlerweile komplett verbannt und wurde durch „Histrionische Persönlichkeitsstörung“ ersetzt.

Dass unsere Weltsicht unsere psychosomatische Befindlichkeit beeinflusst, ist an sich ja eine rechte banale Erkenntnis, auf der heutzutage ganze Industriezweige (Stichwort wellness) aufbauen. Aber interessant wäre es doch, zu wissen, wie genau die Korrelation zwischen belief system und Psychopathologie funktioniert.

Da muss ich jetzt erst mal eine ganze Weile drüber nachdenken. Und die/der geneigte Weltsicht-LeserIn ist herzlich willkommen, das auch zu tun, z. B. in einem Kommentar zu diesem Artikel.

Der Veitstanz als ekklesiogene Massenhysterie

Ellison on the relationship between Traditional and Modern Jazz (Bebop)

Thelonious Monk @ Minton’s Playhouse, ca. 1947

Usually music gives resonance to memory (and Minton’s was a hotbed of [traditional, S.H.] jazz), but not the music then in the making here. It was itself a texture of fragments, repetitive, nervous, not fully formed; its melodic lines underground, secret and taunting; its riffs jeering [,] … its timbres flat or shrill, with a minimum of thrilling vibrato. Its rhythms were out of stride and seemingly arbitrary … . And in it the steady flow of memory … summed up by the traditional jazz beat and blues mood seemed swept like a great river from its old, deep bed.

Ralph Ellison: „The Golden Age, Time Past“, 1959*


* In: Callahan, John F. (Hg.): The Collected Essays of Ralph Ellison, New York 1995, S. 240
Ellison on the relationship between Traditional and Modern Jazz (Bebop)