«Ein Tag (2004)» für Melodieinstrumente, 2005 rev. 2020 (ePlayer-Realisierung)

00:00 „Morgen (erst mühsam, dann forciert)“ – 05:12 „Vormittag (zerstreut)“ – 09:20 „Mittagspause (Idyll)“ – 13:16 „Nachmittag (produktiv)“ – 17:14 „Feierabend und beginnende Nacht“

Sample-Bibliotheken Vienna Symphonic Library Special Edition, Smolken’s Double Bass
MIDI-Editoren MidiEditor (M. Schwenk), MIDIPLEX (Stas’M), Sekaiju (kuzu), Cubase
Faltungshall Large Stanford Stairwell

So eine häusliche Quarantäne hat ja auch ihre Vorteile. Ich war zwar sowieso dabei, mein Hauptwerk und magnum opus «Jahreszahlen» zu, hm, revidieren, bzw., besser, einer Revision zu unterziehen, denn im umgangssprachlichen Sinn zu revidieren, also zurückzuziehen, gibt es da nichts, hatte und habe aber nun für diese höchste Konzentration erfordernde Aufgabe mehr Zeit und Ruhe. Heute präsentiere ich voller Stolz das erste Ergebnis dieser viele viele Stunden in Anspruch nehmenden und stets auf mitunter abrupte Weise zwischen Freude & Fron oszillierenden Anstrengung: die revidierte Fassung der ältesten Komposition der Reihe aus dem Jahr 2005, bisher bekannt als «2004», nun wiedergeboren als «Ein Tag (2004)».

Womit ich auch schon bei der gravierendsten außermusikalischen Revision wäre: der Neubetitelung. In den Nullerjahren war ich ganz erfüllt und überzeugt von der Idee einer Absoluten Musik, freilich, ohne mir dessen so richtig bewusst zu sein. Nicht zuletzt die Mitarbeit an Harry Lehmanns Buch „Gehaltsästhetik“ hat mich in der Zwischenzeit davon überzeugt, dass ein Musikstück keinen Schaden nimmt, wenn man ihm einen semantisch gewichtigen und nicht mehr oder minder sachlichen, Titel gibt. Es wird dadurch freilich auch nicht besser.

Ich hatte meine Instrumentalmusik deswegen einst recht lapidar mehr oder minder nach der Jahreszahl ihrer Entstehung benannt, weil ich damals der geneigten Hörerin nicht allzu viele Vorschriften machen wollte, wie die Musik denn nun eigentlich zu „verstehen“ sei. Die Erfahrung zeigte aber, dass einigen durchaus geneigten Hörern der Zugang dadurch unnötig erschwert wurde. Dieser Typ Hörerin inspiriert sich gerne an den „sprechenden“ Titeln von Instrumentalmusik, dadurch werden mitunter kognitive Wege gebahnt, die ansonsten kaum beschritten würden – eingeschlossen der von mir wie kaum etwas Anderes gefürchteten Feststellung „Also was du da angeblich ausdrücken wolltest, mein Bester, davon höre ich aber rein gar nichts!“, aber das Problem hat jeder Künstler.

Also tief eingetaucht in meine hochpersönlichen, intimen und gelegentlich gar idionsynkratischen Motivationen, Instrumentalmusik zu komponieren:

Im Zentrum steht meine Idee einer „psychoplastischen Kunst“. Diese Wortschöpfung geht auf irgendeine germanistische Seminararbeit zurück, die ich Ende der 1980er-Jahre schrieb. Ich kann mich ums Verrecken nicht erinnern, was das Thema war, weiß aber noch, dass „psycho-plastisch“ ein Gegenbegriff zu „psycho-logisch“ sein sollte.

Die psychologische Künstlerin demonstriert sinnlich vermittelte Erkenntnis. Psychologische Kunst in diesem Sinne wäre so etwas wie Henry James oder Arthur Schnitzler. Ob dies für die Texte James‘ bzw. Schnitzlers wirklich zutrifft, tut hier nichts zur Sache, es sind jedenfalls immer die ersten, die mir einfallen. Hier ist die Schöpferin tendenziell gottgleich, sie steht kühl analysierend über ihrer Schöpfung, lässt die Puppen tanzen, hat Freude an der distanzierten Inszenierung ihrer analytisch vollständig durchdrungenen Eigenkonstruktionen.

Der psychoplastische Künstler dagegen „zeigt“ im Sinne Wittgensteins auf Dinge, die nicht gesagt werden können. Das gilt auch für psychoplastische Literatur wie etwa die von Edgar Allen Poe oder Philip K. Dick. Der Psychoplast ist zur Kühle nicht fähig, ist ein heißer, d. h. zur Distanzlosigkeit gegenüber dem eigenen Tun neigender Schöpfer. Er steht dem eigenen Output stets ein wenig verwundert gegenüber, überrascht sich permanent selbst und oft unangenehm, er steht so gar nicht über den Dingen. Auch ist er – zumindest der Tendenz nach – ein ewiger Dilettant, was ihn jedoch in keinster Weise vom Streben nach Professionalität entpflichtet. Zentrale Motivation seiner Aktivität ist dabei, und hiermit sei es peinlicherweise, weil so gar nicht postmodern, ausgesprochen, eine Verbesserung seines Selbst durch Verbesserung seiner künstlerischen Arbeiten, wie es wiederum Wittgenstein bereits 1918 im Satz 6.421 seiner „Logisch-Philosophischen Abhandlung“ ausdrückte: „(Ethik und Aesthetik sind Eins.)“ (Einklammerung im Original).

Natürlich ist das eine in sich widersprüchliche Angelegenheit, denn das Performen von Distanzlosigkeit setzt ja Distanz voraus. Sei’s drum, ich kann’s derzeit nicht besser sagen. So please listen, thank you!

Kompositionsnotiz

2005

«2004» is a chamber music composition for 2 Violins, Viola, Cello, Contrabass, Trumpet, Trombone, Tuba, Flute, Oboe, Englishhorn, Bassoon, Clarinet, and Percussion written in 2005. The music was desktop-composed with a MIDI Keyboard and a sequencer.

2020

(SH) Nachkriegsbalkone (Würzburg), 2005

«Ein Tag (2004)» für Melodieinstrumente in der Besetzung Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, Piccolotrompete, Posaune, Kontrabasstuba, Querflöte, Oboe, Englischhorn, Fagott, Kontrafagott, Klarinette und Bassklarinette

1 „Morgen (erst mühsam, dann forciert)“
2 „Vormittag (zerstreut)“
3 „Mittagspause (Idyll)“
4 „Nachmittag (produktiv)“
5 „Feierabend und beginnende Nacht“

Überarbeitungen

  1. Satz: harmonische Augmentierungen im Streichersatz zu Anfang und zu Ende
  2. Satz: Streicher-Loop komplett überarbeitet, spiegelnden Blechbläser-Loop eingefügt
  3. Satz: 2. Hälfte motivisch ausgefaltet und ergänzt
  4. Satz: Rekomposition, harmonische Augmentierungen (analog denen im 2. Satz) vor allem im Schlussabschnitt
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