My re:publica 2017 1 von 3: Christoph Kappes „Diskutieren lernen“

Ein Intellektueller mittleren Alters möchte etwas „gegen rechts“ unternehmen und ruft angesichts der Ankündigung von Steve Bannons faschistoidem US-amerikanischem Internetportal Breitbart, sich fürderhin auch in deutsch ausbreiten zu wollen, eine Graswurzel-Initiative namens Schmalbart ins Leben, die letztlich das leisten soll, was das BILDblog seit Jahr und Tag angesichts der Bildzeitung leistet: Faktencheck, Gegenöffentlichkeit, Aufklärung.

Nun gibt es Breitbart allerdings bis heute nicht auf deutsch und Steve Bannon gehört auch nicht mehr zum engsten Beraterkreis des aktuellen US-Präsidenten – was Kappes aber nicht anfocht. Er sammelte weiter „junge Menschen“ um sich und protokolliert hier ebenso nüchtern wie systemtheoretisch gewappnet seine Erfahrungen, dabei weder sich noch die jungen Menschen schonend:

Kappes‘ Vortrag kann meiner Meinung nach auch als unterkühlte Kritik an der Snowflake-Haftigkeit von Teilen der Generation Y verstanden werden.

My re:publica 2017 1 von 3: Christoph Kappes „Diskutieren lernen“

Die Filterblase als Ursprung und Grenze der Welt(sicht)

Der von der Weltsicht seit Jahr & Tag geschätzte soziologisch informierte (Luhmann-Schule) Web-Entrepreneur Christoph Kappes wartet in diesem Text mit einer überraschenden Beobachtung auf, die ich von meinem alltäglichen Internet-Nutzungsverhalten her nur bestätigen kann:

Stabiler und instruktiver Inhalt findet sich häufig in der Wikipedia, die in den ersten Tagen eines Ereignisses halbwegs neutral und gesichert guten Überblick bietet. Ich jedenfalls beobachte bei mir, dass ich ein aktuelles Thema bei Wikipedia nachlese […].

Gut, ich recherchiere zwar meist eher zu nicht tagesaktuellen Themen aus Philosophie, Musik und Naturwissenschaft, aber dennoch erscheint mir das Informationsangebot der bekanntermaßen durch vielerlei Checks and Balances regulierten Online-Enzyklopädie oft alternativlos.

Damit hätte sich das, was wir Journalismus zu nennen gewohnt waren, erübrigt, obwohl es, so Kappes, „keinen Anhaltspunkt“ gibt, „dass Journalisten dümmer oder schlechter geworden wären.“ Faszinierend.

Ich spreche hier in erster Linie von der sich selbst gerne als „Qualitätsjournalismus“ bezeichnenden Arbeit der Print-Journalisten von ZEIT, WELT, SÜDDEUTSCHER und FAZ, in der es nicht um Tagesaktualität und Schnelligkeit geht, sondern um die Analyse von Kontextualitäten (früher auch „Aufdecken von Hintergründen“ genannt). Seit vielen Jahren lese ich keines der oben genannten vier führenden deutschen „Intelligenzblätter“ mehr (die WELT habe ich allerdings nie regelmäßig gelesen) und deren Online-Angebot nutze ich auch nicht. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, seitdem „schlechter informiert“ zu sein über die Dinge, die mich wirklich interessieren. In die Bresche gesprungen sind Facebook (bzw. meine hochgradig personalisierte Variante davon), meine ebenso hochgradig personalisierte Variante der Blogosphäre und einige wenige, handverlesene Podcasts – ja, und eben die Wikipedia. [Ergänzung 2016-07-11: „sowie YouTube und Vimeo“]

Die „Tagesschau“ sah und sehe ich täglich, benutze sie aber als reinen Newsfeed, d. h. sobald kommentiert wird, drehe ich den Ton ab (kein Scherz). Der Neutralität bzw. Objektivität dieses Feeds bringe ich weiterhin Vertrauen entgegen. Nicht nur, weil ich an das Prinzip „öffentlich-rechtlich“ glaube, sondern weil ich feststelle, dass sich all meine Meinungsfeeds stets weiter auf diesen Primärfeed beziehen. Taucht in meinen Meinungsfeeds einmal ein Thema auf, dass die Tagesschau nicht kennt, werde ich sofort misstrauisch. Es gilt aber auch das Umgekehrte.

So versuche ich – auf evtl. etwas unterkomplexe, dafür aber praktikable (d. h. zeitlich nicht allzu übergriffige) Art – ein eigenes kleines System von Checks and Balances in meine tägliche Informationsdiät einzubauen und am Laufen zu halten.

„Siehst du, auch du lebst nur in einer Filterblase!“, höre ich populistische Ignoranten und Provinzialisten jetzt triumphieren – aber DAS IST NICHT DER PUNKT. Zu keiner Zeit hat irgendein Mensch jemals komplett außerhalb irgendwelcher Filterblasen gelebt. Dieses Feeling bleibt Gott* vorbehalten – falls es ihn gibt**

Um so wichtiger, sich über Entwurf, Konstruktion und Instandhaltung dieser Blase gehörig den Kopf zu zerbrechen (evtl. ist das sogar wichtiger als das Kopfzerbrechen über den Content, also die Probleme selbst).

Auch das Projekt Wikipedia hat evtl. seine besten Tage schon hinter sich, wird aber – da bin ich optimistisch – rechtzeitig durch etwas anderes (das wir uns heute technisch noch gar nicht vorstellen können) abgelöst werden.

Kurz gesagt: Ohne Filterblase keine „Welt“, sie ist sowohl ihr Ursprung als auch ihre Grenze***.


* Gottesdefinition für das 21. Jahrhundert: Als Gott bezeichnen wir eine Entität, die zur Gewinnnung von Information nicht auf die Konstruktion von Filterblasen angewiesen ist.
**  Als glücklicher Agnostiker verfüge ich bekanntermaßen (?) über das sichere Wissen, die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen zu können.
*** „Grenze“ steht hier für die naturgemäß endlichen kognitiven Kapazitäten des Einzelnen, nicht für „Beschränktheit“. Ich plädiere hier nicht für diese neumodische Art von „Ignoranz mit gutem Gewissen, weil ja sowieso alles viel zu komplex ist“, ganz im Gegenteil.

 

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Die Filterblase als Ursprung und Grenze der Welt(sicht)

Kappes über Kritik im Internet

Die geistesgeschichtliche Bedeutung von Kritik als einem Motor der Zivilisation … ist … ein Gemeinplatz. Heute allerdings hat sich Kritik ins Publikum verlegt und müht sich mehr an kleineren Fragen ab. Wer sich daran stört, sollte sich die … Frage stellen, wie eigentlich Menschen sonst zu Konsens bei Fragen aus Politik, Moral und des guten Geschmacks kommen sollen, wenn niemand mehr Letztbegründungen akzeptiert.

Christoph Kappes: Das Internet als Kritikmaschine, merton-magazin.de vom 26.04.2016

Kappes über Kritik im Internet

Kappes über Informationsverarbeitung

Wir haben „Nachrichten-Gier“, … wir können nicht anders als klicken. Weil es für uns als Publikum gar nicht darum geht, wie ein Unglück … passieren konnte, sondern nur … , ex post … eine sinnhafte Geschichte zu erzeugen, die verarbeitet werden kann.

Christoph Kappes: „4U9525 und Medien – Ein Einwurf aus dem Internet„, Blog-Artikel vom 31. März 2015

Kappes über Informationsverarbeitung

Kappes über Digitalisierung

Der Begriff wird immer unklarer, je mehr Menschen ihn benutzen, also schärfen wir ihn dort ein bisschen nach. Wahrscheinlich werde ich wieder von entgrenzten Organisationen, Senkung von Transaktionskosten, Netzwerkeffekten und ähnlichem sprechen. Schade, dass Kreative das so selten hören wollen, als wäre es von einem MBA-Stern. Also werden wir die Diskussion wahrscheinlich wieder aufhängen an der Frage: Welche Chancen bietet das für Kreative? Und dann wird es wieder um die Vermeidung des Prekariates gehen und ich werde wieder erzählen, dass am Ende die Kreativen verdienen, sofern ihre Leistung kreativ ist und globalem Wettbewerb standhält. Es sind die alten Intermediäre [Vermittler, S.H.], die durch neuere, schlankere und effizientere ersetzt werden, nicht die Kreativen. […] Etsy ist … ein schönes Beispiel.

Christoph Kappes: „Konferenz ‚Work in Progress‘, Digitaler Wandel„, Blogartikel vom 24.02.2015

Kappes über Digitalisierung

„Über welchen Begriff von Öffentlichkeit reden wir hier eigentlich?“

Christoph Kappes (Unternehmer, Jurist, Publizist) beweist einmal mehr, wie man in heißen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren kann, ohne zynisch zu wirken. Er lässt sich von Interviewer Philip Banse an keiner Stelle zu „meinungsstarken“ Eindeutigkeiten verleiten, ohne sich jedoch in Indifferenz zu verlieren. Vielmehr gibt er gut verständliche Einblicke in seine permanenten inneren Abwägungsprozesse. Eine vorbildliche kommunikative Strategie! Gerade wenn es um das „Neuland“ (A. Merkel) Internet geht, wahrscheinlich sogar die einzig konstruktive. Das knapp halbstündige Video wurde Anfang diesen Jahres in Berlin aufgezeichnet.

„Über welchen Begriff von Öffentlichkeit reden wir hier eigentlich?“

Soziale Medien sind Humanmedien

zuckerbergDas Weblog ist kein Massenmedium, sagt, sinngemäß, der Unternehmer und Web-Philosoph Christoph Kappes in diesem lesenswerten Blog-Artikel aus dem Januar des vergangenen Jahres. Weblogs bzw. Soziale Medien dienten vielmehr „dem Austausch sozialer Normen im Publikum.“

Nun, prägnanter kann man es kaum auf den Punkt bringen, Herr Kappes – Gratulation! Vor allem die Formulierung „im Publikum“ begeistert mich, impliziert sie doch, dass die Blogosphäre (inkl. Facebook, Google+ etc.) eine Gemeinschaft von Beobachtern darstellt. Die was genau jetzt beobachtet? Nun, einerseits das Weltgeschehen da draußen, aber, und das ist das Neue, mindestens ebenso intensiv sich selbst. Ersteres machten die Menschen ja schon immer, in privaten Gesprächen, an Stammtischen, in Partei- oder Vereinsversammlungen etc. Nur hatten diese (mehr oder minder formellen) Institutionen eines nicht: „die Möglichkeit, … asynchron mit Abwesenden zu kommunizieren“.

Wieso, wird der eine oder andere einwenden, Briefeschreiben war doch auch asynchrone Kommunikation mit einem/r Abwesenden, oder? – Richtig, aber Kappes spricht von „Abwesenden“ im Plural. Jeder etwas umfangreichere Facebook- bzw. Blog-Kommentarthread führt plastisch vor Augen, was weder der Austausch von Briefen noch Telefonate oder SMS leisten können: Die Anzahl der DiskussionsteilnehmerInnen ist tatsächlich „flüssig“, sie schwillt abrupt an bzw. ab, ebenso das inhaltliche und sprachliche Niveau der Beiträge. Es besteht stets die Gefahr, dass „man“ sich verliert oder auch festfährt, dass der Faden buchstäblich verlorengeht, man komplett das Thema aus den Augen verliert etc. Dabei ist niemand, wie beim Telefonat, gezwungen, sofort (und evtl. unüberlegt) zu antworten, mitunter vergehen Stunden, bis sich ein Thread weiterspinnt. Möchte man die genuine Form Sozialer Medien in traditionellen Termini beschreiben, so wäre sie ein Hybrid aus Brief (Asynchronizität, Schriftlichkeit), Telefonat (Dialogform) und einer Straßendiskussion in Speakers‘-Corner-Manier (fließendes Publikum, fließende Anzahl von Diskussionsteilnehmern).

Demzufolge wären die Sozialen Medien gar kein Kommunikations-, sondern ein Humanmedium im Sinne Harry Lehmanns, also eher Kunst, Liebe, Religion und Philosophie zuzuordnen als den klassischen Kommunikationsmedien Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Politik. In diesem Sinn wohnen wir als Beobachter/Akteure Sozialer Medien tatsächlich permanent der (ich möchte hinzufügen: sehr) „geräuschvollen Koppelung von Bewusstsein und Kommunikation“ (Lehmann) bei, bei der die Beteiligten „ihre Gefühle, ihre Vorlieben, ihre Lebenserfahrungen, Traumata und Überzeugungen“ (Lehmann) stets mitkommunizieren.

Tja, und das macht dann die ganze Sache so anstrengend und, mitunter, überkomplex bis zur Paralyse (zumindest bei mir). Schreibe ich einen Wissenschaftstext, muss ich meine Gefühle, Vorlieben und Traumata idealerweise so weit wie möglich ausblenden. Schreibe ich einen Brief oder telefoniere ich, hat es wenig Sinn, mich auf die Aufzählung von Fakten zu beschränken – es geht hier, wieder idealerweise, ausschließlich um die Mitteilung von Lebenserfahrungen und Überzeugungen. Blogge ich aber oder möchte ich einen Facebook-Kommentar schreiben, der über „like“ hinausgeht, befinde ich mich in der oben skizzierten Zwischenlage: Ich kann weder „ganz offen“ sein wie im vertraulichen 4-Augen-Gespräch, noch „offiziös“ wie im Sachtext. Soziale Medien verlangen „Subjektivität“ von mir – dafür wurden sie gemacht. Andererseits sind sie „öffentlich“ (wenn auch nicht in Form eines Massenmediums wie etwa dem Fernsehen, das keinen gleichwertigen Rückkanal besitzt) – ich muss also „meine Zunge hüten“, wenn ich sie mir nicht verbrennen will.

Allein die Existenz Sozialer Medien, so Kappes etwas verblüffend, belegt, dass sie auch eine Funktion haben – und zwar unabhängig davon, ob deren Akteure bullshit fabrizieren oder nicht. Denn außer antisemitischen Verschwörungstheoretikern glaubt hoffentlich niemand, dass uns Herr Zuckerberg (bzw. die Weisen von Zion) Facebook „aufgezwungen“ hat (wer’s doch glaubt, bitte melden oder in Zukunft nur noch Süddeutsche lesen). Soziale Medien stellen also das erste Humanmedium dar, das zumindest die technologische Grundlage dafür bietet, sich permanent selbst reflektieren zu können (weil es, so Kappes, auf „soziotechnischen Einheiten“ basiert statt auf herkömmlicher massenmedialer bzw. individueller Kommunikation). Das macht es sämtlichen klassischen Humanmendien – also Kunst, Liebe, Religion und Philosophie – nicht nur überlegen, sondern wird diese zweifellos gravierend und irreversibel transformieren.

Natürlich werden Kunst, Liebe, Religion und Philosophie nicht einfach „algorithmisiert“, wie das publizistische Krisengewinnler wie Frank Schirrmacher oder Manfred Spitzer vielleicht ausdrücken würden, aber sie gehen doch komplett ihrer bisherigen Selbstverständlichkeiten verlustig: Dadurch, dass plötzlich (potentiell) jeder mit jedem nahezu aufwands- und kostenlos permanent asynchron in Abwesenheit kommunizieren kann, entsteht – ganz allmählich, aber zwangsläufig – ein neues individuelles wie kollektives Selbstbild der Akteure. In diesem Sinn stellen die Sozialen Medien tatsächlich eine mögliche Antwort auf die gestiegene „Komplexität der Gesellschaft und die Krise ihrer Institutionen“ dar, wie das Kappes ausdrückt.

Aber da macht natürlich nicht jeder mit. Eine soziale Spaltung in „Elois“ und „Morlocks“ fand bereits statt und vertieft sich täglich, was ich mal post-digitale Apartheid genannt habe. Besonders tragisch nehme ich das allerdings nicht, schließlich leben Elois sehr komfortabel, glücklich und, vor allem, gesund.

Bis die Morlocks mal wieder Hunger haben.

Ich habe diesen Artikel zeitgleich in meinem Community-Blog beim Freitag veröffentlicht. Die Debatte dazu lässst sich hier verfolgen.

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